BFG (9): Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel

Über 600 Millionen Exemplare ihrer Romane und Kurzgeschichten. So groß ist die Auflage der in 40 Sprachen übersetzten Werke von Enid Blyton. Und während meine Schwester mich mit der immer gleichen Hanni-und-Nanni-Cassette (Hanni und Nanni sind immer dagegen – ich weiß es noch bis heute…) im Nebenraum gequält hat, habe ich selbstverständlich die viel cooleren Fünf Freunde rauf und runter gehört. Weder habe ich aber vor diesem Artikel groß die Bücher gelesen, die Serie geschaut oder gar ein Computerspiel dazu gespielt. Das wird sich nun ändern.

Enid Blyton

Die Autorin wurde 1897 in East Dulwich bei London geboren. Schon früh schrieb sie Gedichte und kleinen Geschichten für ihre Schulzeitungen, bekam von offizielleren Stellen allerdings angeblich hunderte von Ablehnungsschreiben. Nach der Schule arbeitete sie als Lehrerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete.

Ihre Bücher spielen oft in einer heilen, abenteuerlichen Welt. Egal in welcher ihrer Buchreihen: Die Kinder sind selbstständig, clever und mutig – aber dennoch stets wohlerzogen. Blytons Stil ist unkompliziert, weshalb ihre Geschichten schnell in Kinderzimmern weltweit Einzug hielten. Andererseits sorgte dieser Stil auch immer wieder für Kritik. Die stereotypische britische Mittelschichts-Familie und klassische Mädchen-Jungen-Vorurteile kommen immer wieder vor, Gut und Böse sind immer sauber unterscheidbar. Allerdings dürfte diese Kritik auf praktisch jedes Kinderbuch dieser Zeit zutreffen.

Blyton war eine unglaubliche Vielschreiberin. Hier dürfte ihr zugute gekommen sein, dass viele ihrer Serien eine ähnliche Struktur hatten. Hanni und Nanni waren ebenso wie Dolly auf einem Internat. Die Fünf Freunde funktionieren ähnlich wie die Abenteuer-Reihe, die Schwarze Sieben, die Rätsel- und die Geheimnis-Bücher. Ach, und die Verwegenen Vier gab es natürlich auch noch. Doch trotz all dieser Ähnlichkeiten: Schreiben musste Blyton die Bücher ja trotzdem:

Blyton schrieb extrem schnell, mit wenigen oder gar keinen Notizen oder Vorarbeiten, und benutzte dafür eine tragbare Schreibmaschine, die sie auf dem Schoß balancierte. In ihrer produktivsten Schreibphase war sie in der Lage, 10.000 Wörter pro Tag zu produzieren – eine außergewöhnliche Schreibgeschwindigkeit.

Zitat aus „Seven Stories saves Enid Blyton archive at auction“ (17. September 2010)

Blyton starb 1968, doch ihre Figuren leben weiter und tauchen immer wieder in neuen Editionen, Übersetzungen und modernen Adaptionen auf. Schauen wir uns einen dieser Wiedergänger beispielhaft an.

Das Buch

Am 11. September 1942 erschien das hier behandelte Buch erstmals. Zwar hatte Blyton schon zuvor einige Reihen gestartet, doch die Fünf Freunde legten das Blyton-Muster als erste fest: Eine feste Anzahl Kinder, gerne komplettiert durch ein Tier, die in ländlicher Umgebung Abenteuer und gleichzeitig die Freuden der Natur erleben.

Wie schon gesagt: Dieses Buch startete die Reihe um die Fünf Freunde. Ursprünglich hatte Blyton geplant, eine gute Handvoll der Reihe zu schreiben und sich dann um andere Geschichten zu kümmern. Doch diese Kinder wurden so populär, dass es am Ende 21 Romane wurden, ergänzt um einen Schwung an Kurzgeschichten. Bis heute werden die Bücher immer wieder neu aufgelegt, allerdings unter geänderten Vorzeichen: Galten die nostalgischen Ferienabenteuer schon in ihrer Entstehungszeit als etwas rückständig, so passen sie aus Verlagssicht nicht mehr in die moderne Welt. Im nächsten Abschnitt werden wir uns mit der neuen, gekürzten deutschen Ausgabe beschäftigen, aber auch in Großbritannien wurden die Bücher an die neue Zeit angepasst.

Das bedeutet, dass (soweit mir bekannt ist) der originale Blyton-Text heutzutage selbst im Original nicht mehr aufgelegt wird. Auf der wunderbaren Seite WorldofBlyton.com gibt es eine detaillierte Auflistung der Änderungen in Treasure Island zwischen Blytons Original und einer modernisierten Fassung von 1997. Das geht von Änderungen der Kleidung (Jeans statt Shorts) über aktuelleren Schreibweisen bis hin zum Wörtchen „queer“, für das Blyton offensichtlich eine Vorliebe hatte. In der Neuauflage steht stattdessen gerne „funny“, „strange“ oder „odd“. Im Großen und Ganzen sind die Änderungen moderat, auch wenn aus Georges‘ Drohung an Timmy „If you go after the rabbits I’ll spank you!“ nun ein „… I’ll be furious!“ geworden ist.

2010 brachte das Verlagshaus Hachette dann ähnlich wie hier in Deutschland eine rundum überarbeitet Fassung auf den Markt. Leider war es mir nicht möglich, unter den 87 verschiedenen Auflagen, die ich mit Textausschnitten gefunden habe, auch nur eine einzige Version dieses neuen Textes zu finden. Das sagt schon einiges über die Akzeptanz der Überarbeitung in Großbritannien aus. Dabei ist Hachette direkt mit den ersten 10 Büchern gleichzeitig auf den Markt gegangen und schob kurz darauf die restlichen Romane nach. Und ganz wichtig: Die „alte“ – also von 1997 stammende Fassung blieb die ganze Zeit parallel lieferbar. Es ging also schlicht darum, eine neue Käuferschicht an die Fünf Freunde heranzuführen. Doch selbst das war für das britische Publikum zu viel: Nach sechs Jahre ruderte Hachette zurück und nahm die Neufassungen komplett vom Markt.

Die von mir gelesene deutsche Fassung druckt die Übersetzung von Dr. Werner Lincke ab und stammt aus dem Jahre 1953. Einige der Sätze lesen sich so lange angestaubt, bis man sich an die Zeit und die Gegend gewöhnt hat, in der die Fünf Freunde spielen.

Die Geschwister Julian, Richard (Dick) und Anne sollen ihre Sommerferien bei ihrem Onkel Quentin und dessen Frau Fanny verbringen. Das verspricht Spaß, den deren Haus liegt direkt am Meer. Außerdem haben sie eine Tochter im passenden Alter: Georgina, die aber nur George genannt werden will. Sie hasst es, ein Mädchen zu sein – was im Weltbild der 1940er Jahre Puppen und Kleider bedeutet.

Onkel und Tante leben im sogenannten Felsenhaus, das irgendwo an der Südküste Englands in eine Bucht gebaut ist. In der Nähe liegt Kirrin Island, die titelgebende Insel, die samt Burgruine im Familienbesitz ist.

George ist den anderen Kindern gegenüber zuerst verschlossen, doch als sich diese mit ihrem Hund Tim (Timmy wird er erst in späteren Büchern genannt) anfreunden, taut auch sie auf. Gemeinsam erkunden sie die Insel, als ein schweres Gewitter ein altes Wrack vom Meeresboden empor an die Küste wirft. Die Schätze, die es geladen hatte, sind zwar nicht mehr an Bord, doch die Kinder finden Hinweise, dass diese sich in der alten Burgruine befinden.

Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel bietet alle Zutaten eines Enid-Blyton-Kinderbuchs: Das Landleben und die einfachen Freuden wie ein Picknick im Freien oder ein Badetag am Strand werden gefeiert. Außerdem sind Kinder wohlerzogen, Tante Fanny verwöhnt als Hausfrau freudig alle Familienmitglieder und nur der arme Onkel Quentin muss immer arbeiten. Die Geschlechter-Rollen sind fest zementiert und dass George ganz bewusst versucht, dem Mädchen-Dasein zu entfliehen, unterstreicht das nur.

Die Geschichte ist sich lange Zeit selbst genug und braucht erst am Ende Bösewichter. Vorher genießt man als Leser, mit den Kindern gemeinsam die Insel zu erkunden, das Wrack zu untersuchen und schließlich auf der Suche nach dem Schatz Schwierigkeiten zu überwinden. Das hält eine erwachsene Leserschaft sicher nicht bei der Stange und heutige Kinder dürften mit der Sprache ihre Schwierigkeiten haben. Doch für diese Zielgruppe hatte der Verlag Penguin Random House schon eine Idee.

Die Neubearbeitung

Ähnlich wie in Großbritannien Hachette brachte auch Penguin Random House unter ihrem Verlagslaben cbj Neufassungen der Romane auf den Markt. Basierend auf der vorliegenden alten Übersetzung von Dr. Werner Lincke wurde der Text gestrafft und angepasst. Dass sich die dafür verantwortliche Kerstin Kipker damit keine Freunde machen würde, dürfte ihr bewusst gewesen sein. Auf der fuenffreundefanpage.at gibt es eine Seite, die sich mit den verschiedenen Übersetzungen befasst und dort ist man sich sicher: „Leider verliert der Text […] Authentizität und Atmosphäre.“

Auf der verlinkten Seite gibt es einen schönen Textvergleich zwischen dem britischen Original, der alten deutschen Übersetzung und der Neufassung. Nun sollte man bei Änderungen eines vorgegebenen Textes immer kritisch sein, doch im Ergebnis liest sich das Buch schlicht besser. Die alten Rollenbilder wurden nicht krampfhaft geändert, so dass George immer noch schimpfen darf: „Mädchen sind zickig und albern und müssen dauernd Sachen im Haushalt machen!“

Schade ist nur, dass zum Zeitpunkt dieses Artikels nur noch die Neufassung auf dem deutschen Markt erhältlich ist. Schöner wäre es, wenn die Leserschaft wir einige Jahre lang in Großbritannien die freie Wahl hätte. Schon allein, weil die alten Illustrationen von Eileen Alice Soper in den cbj-Ausgabe durch Zeichnungen von Gerda Raidt ersetzt wurden. Ich finde diese auch sehr gelungen und für heutige Kinderbücher sicher passender, doch aufgewachsen bin ich nun mal mit den anderen Bildern.

Fünf Freunde und Du

1982 veröffentlichten Steve Jackson und Ian Livingstone das Buch Der Hexenmeister vom Flammenden Berg und begründeten damit das Genre der Fighting Fantasy. In diesen Büchern ist der Text in viele kleine Abschnitte unterteilt, so dass Abzweigungen möglich werden. Am Ende eines solchen Abschnitts entscheidet sich der Leser für den nächsten Schritt: Gehe ich nach links oder nach rechts? Öffne ich die Truhe direkt oder suche ich nach versteckten Fallen? Küsse ich die Prinzessin oder doch lieber den Frosch?

Diese Bücher gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen, die von Science Fiction bis in Horror-Szenarien reichen. Der Erfolg von Jackson und Livingstone zog andere Hersteller an, so dass 1987 in Großbritannien auch eine Variante für junge Leser erschien: The Famous Five and You: Search for the Treasure. 1995 wurde der Titel unter dem Namen Fünf Freunde und Du erforschen die Schatzinsel veröffentlicht. Während der Hexenmeister und seine Nachfolger mit Würfeln simulierte Kämpfe und viele Sackgasse und Tode boten, sind die 14 erschienen Fünf-Freunde-Bücher kindgerechter gestaltet.

Sackgassen gibt es in diesen Büchern nicht. Die erste Entscheidung des ersten Bands zeigt das Procedere schon sehr gut: Julian, Dick und Anne dürfen – wie im originalen Buch – im Sommer zu Onkel Quentin, Tante Fanny und ihrer Cousine George fahren. Sie dürfen wählen: Wollen sie den Zug nehmen oder sollen ihre Eltern sie mit dem Auto hinbringen? Wer den umweltfreundlichen Zug wählt, steht kurz darauf auf dem Bahnsteig und stellt fest, dass heute gar kein Zug mehr in die gewünschte Richtung fährt. Also geht die Familie frustriert zurück nach Hause und steigt – eben wieder wie in der originalen Geschichte – ins Auto.

Negative Auswirkungen auf die Geschichte haben diese Extra-Schleifen nicht. Um dennoch ein wenig Spannung aufzubauen, wird der Leser mit „Pleitegeiern“ bestraft, die sich im Laufe der Handlung aufaddieren. Wer höchstens 25 der Vögel eingesammelt hat, ist ein den Freunden ebenbürtiger Abenteurer. Wer mehr hat, kann das Buch ja direkt noch einmal lesen und es besser machen. Die meisten der Entscheidungen sind dem Buch entnommen – wer das also gerade erst gelesen hat, ist im Vorteil. Andere Abzweigungen lassen sich nach dem Motto „Nur ein braves Kind ist ein gutes Kind“ lösen.

Die Geschichte ist nett geschrieben und bleibt sehr nahe am Original-Buch. Wer also seine Kinder in die Fighting Fantasy einführen möchte, ohne sie direkt zu frustrieren, macht mit Fünf Freunde und Du nichts falsch.

Die erste Fernsehverfilmung

1955 schrieb Enid Blyton das Skript für ein Theaterstück namens The Famous Five Adventure, das im gleichen Jahr und 1956 in London auf die Bühne kam – und danach in Vergessenheit geriet, bis es im Jahr 2000 wieder veröffentlicht wurde. Doch schon im Jahr 1957 kam eine achtteilige Reihe ins britische Fernsehen, die auf Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel basierte. Ursprünglich war wohl geplant, danach auch die anderen Bücher in Angriff zu nehmen, doch dazu kam es nie.

Acht Folgen klingt erst einmal nach sehr viel Zeit, doch die einzelnen Teile haben nur eine Laufzeit von jeweils einer Viertelstunde. Ab Folge 2 gibt es jeweils noch eine „Was bisher geschah“-Zusammenfassung aus Sicht der Fünf Freunde und aus der der Bösewichte. Die Laufzeit von ungefähr zwei Stunden gibt der Serie Zeit genug, um relativ viele Buch-Stationen einzubauen. Allerdings fehlt die komplette Kennenlern-Geschichte und für einen größeren Spannungsbogen baut die Serie einen neuen Bösewicht ein, der gleich zu Beginn der Geschichte Timmy aus seinem Antiquitäten-Laden prügeln möchte. Der arme Hund hatte sich vor einem Radfahrer erschreckt, ist in den Laden gerannt und dort für Wirbel gesorgt. Wobei der Besitzer selbst den größten Schaden anrichtet, während er den Hund jagt. George rettet Timmy und adoptiert das Tier vom Fleck weg. Hinter einem zerbrochenen Bilderrahmen entdeckt der Händler eine Nachricht, die ihn auf die Spur des Schatzes setzt.

Das schauspielerische Niveau ist in Ordnung. Allerdings wirkt der Antiquitätenhändler wie ein Relikt der Stummfilm-Zeit. Er arbeitet mit großen Gesten, steht gerne bedrohlich-breitbeinig herum und stemmt die Hände in die Hüften. Die Kinder-Darsteller passen sehr gut auf ihre Rollen. Sehr lustig, dass die George-Darstellerin so oft nur irgend möglich ihre Hände in die Hosentaschen steckt – ganz wie auf den Bildern der britischen Erstauflage.

Ton und Bild sind für heutige Ohren und Augen nicht die besten, doch da die komplette Serie im Internet Archive zu finden ist, sollten sich Fünf-Freunde-Fans mit einem Tässchen Tee eines schönen Sonntag-Nachmittags die zwei Stunden Zeit nehmen. 1964 wurde die Serie unter dem Titel Die Sache mit der Schatzinsel in der ARD gesendet. 2011 erschien diese Fassung auch auf DVD mit dem deutschen Mono-Ton.

Die zweite Serie und das Hörspiel (1978 / 1983)

1978 und 1979 erschienen in 26 Folgen die meisten Abenteuer der Fünf Freunde erstmals auf den deutschen Bildschirmen. Die Geschichten wurden in die 1970er Jahre verfrachtet, was sich hauptsächlich an der Kleidung bemerkbar macht und keine inhaltlichen Konsequenzen hat.

Drei der Bücher wurden aber nicht verfilmt: Die Children’s Film Foundation hielt damals die Verfilmungsrechte an Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel und an Fünf Freunde machen eine Entdeckung. Fünf Freunde jagen die Entführer wurde aus Produktionsgründen nicht verfilmt. Und obwohl die Serie erfolgreich war und die Macher gerne eine weitere Staffel produzieren wollten, durften sie keine neuen, eigenen Geschichten schreiben, so dass die Serie nach zwei Staffeln eingestellt wurde. Wie damals üblich wurden für die deutsche Ausstrahlung im ZDF bei einigen Folgen kleinere Kürzungen vorgenommen. Auf Schnittbericht.com sind die entsprechenden fünf Folgen zu finden, allerdings ist da nichts Wildes dabei. Am ehesten noch der Fund eines Skeletts, das deutschen Kindern wohl nicht zugemutet werden konnte. Aus den Audiospuren der Serie machte das Label Poly eine kurzlebige Hörspiel-Reihe mit insgesamt drei Cassetten, auf denen jeweils zwei Folgen veröffentlicht wurden.

Parallel machte sich Europa daran, mit den deutschen Synchronsprechern der Fernsehserie die Folgen neu einzusprechen. Im Gegensatz zur Polydor-Fassung gab – und gibt es bis heute – hier mit Lutz Mackenzy auch einen Erzähler, während die Poly-Version ohne Bild teilweise ein Ratespiel war. Diese Europa-Reihe setzte als Folge 20 auch Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel um, in der daher sämtliche Bezüge auf das Kennenlernen und Anfreunden der Kinder verschwunden sind. Diese Hörspiele werden zwar bis heute fortgesetzt, allerdings wurden die Haupt-Sprecher aus Altersgründen ab Folge 22 ersetzt. Konkrete Verkaufszahlen gibt es wie so oft nicht, aber Serien-Julian-Sprecher Oliver Rohrbeck geht davon aus, dass der Wechsel nicht überall gut aufgenommen wurde und er seinen Drei-Fragezeichen-Job als Justus Jonas dieser Lehre verdankt.

Zum alten Hörspiel wieder mal ein Fun Fact für die nächste WG-Party: Die ursprüngliche George-Stimme Maude Ackermann spricht seit Folge 101 (2003 erschienen) nun ihre Mutter Tante Fanny. In Folge 3 der satirisch-humorvollen Hörspielreihe Ferienbande spricht sie eine Figur namens Tante Pfanni.

Die erste deutsche Hörspiel-Umsetzung der Geschichte stammt bereits aus dem Jahr 1975. Teldec veröffentlichte die Produktion unter dem Label Tom & Della-Club, in dem Lucky Luke friedlich neben Serien wie Kung Fu, Richard Löwenherz und Asterix co-existierte. Konrad Halver, unter anderem die Stimme Winnetous in den Europa-Hörspielen, übernahm die Inszenierung und Hans Paetsch sprach den Erzähler dieser Geschichte. Wem der Name nichts sagen sollte: Praktisch jede Märchenplatte der 1970er Jahre wurde von seiner Stimme veredelt. Und wer solche Sachen nicht gehört hat, kann sicher „Manche Leute sagen, es gibt Gespenster. Manche sagen, es gibt keine Gespenster. Ich aber sage: …“ den Rest ergänzen, weil er Paetsch so oft zugehört hat.

Wie dem auch sei: Diese Tom & Della-Club-Reihe wurde nicht fortgesetzt und ist (soweit ich weiß) auch nicht mehr neu aufgelegt worden.

In der 1970er Fernsehserie gibt es die Folge also nicht. Hier gibt es nur eine Verfilmung von Fünf Freunde auf der Felseninsel, dem ursprünglich sechsten Buch, das wieder auf Kirrin Island spielt. Allerdings gibt es in der Folge keinerlei Hinweise auf die Geschehnisse „unserer“ Geschichte.

Das erste Computerspiel (1990/91)

„Es gibt Schlechteres“. Wenn ein Test der Amiga Joker mit diesen Worten endet und sich das Blatt gerade einmal 58 Prozentpunkte abringen kann, dann habe ich eine ungefähre Ahnung, was mich im ersten Computerspiel zu Blytons Buchreihe namens The Famous Five: Five on a Treasure Island erwarten wird. So viel vorweg genommen: Teilweise stimmte die Ahnung, teilweise trog sie mich. Aber der Reihe nach.

Entwickelt wurde das Spiel von der Firma Enigma Variations Ltd., die zwischen 1989 und 1994 einen großen Schwung an günstigen Spielen veröffentlicht hat. Darunter waren viele Lizenz-Titel wie Hong Kong Phooey: No.1 Super Guy, Count Duckula in No Sax Please – We’re Egyptian oder Sooty’s Fun with Numbers. Und mitten zwischen vielen Puzzle- und Action-Spielen findet sich im Portfolio ein einziges Adventure: The Famous Five: Five on a Treasure Island für Amstrad CPC, ZX Spectrum, C64, Amiga, Atari ST und SAM Coupé.

Das Spiel ist ein klassisches Textadventure. Im oberen Bereich des Bildschirms werden vereinzelt atmosphärische Grafiken eingeblendet, doch Informationen und Atmosphäre vermittelt der Text. Dieser fällt relativ üppig aus – gerade auf den 8-Bit-Computern war die Spielerschaft weit weniger Zeilen gewohnt. Natürlich kein Vergleich zu Infocom, doch der Entwickler Colin Jordan gab sich alle Mühe, den Tonfall von Enid Blyton ins Spiel zu retten.

Das Adventure erzählt die Handlung der Vorlage relativ werkgetreu nach. Dabei steuert der Spieler jeweils einen der Freunde, während ihm die anderen hinterherlaufen. Gehe ich als Julian also nach Süden, erscheint am neuen Ort die Meldung „Dick, Anne, George and Tim enter“. Es ist auch möglich, anderen Figuren Gegenstände zu geben oder ihnen Aufträge zu erteilen.

Ein Vorbild für dieses System war The Hobbit von Melbourne House, das 1982 erschienen war. Colin Jordan hatte seine eigenen Programmroutinen für sich selbstständig bewegende und agierende Charaktere bereits in seinen früheren Adventures um den Amateurdetektiv Flukeit getestet und optimiert. Dass bei Blytons Vorlage gleich fünf Hauptfiguren zur Verfügung standen, sorgte für weitere spannende Möglichkeiten:

Inspiriert durch die Möglichkeit, in dem Lord of the Rings-Textadventure die Charaktere zu wechseln, wurde mir klar, dass mein Spiel auch gut funktionieren würde, wenn der Spieler zwischen den menschlichen Charakteren wechseln könnte. So könnten sie sich zum Beispiel aufteilen. Auf diese Art könnte man Fünf Freunde auch als Mehrspieler-Spiel spielen, wobei jeder Spieler abwechselnd seinen eigenen Charakter für ein paar Züge steuert.

Colin Jordan im Interview mit classicadventurer.co.uk

Letzterer Gedanke ist ein wenig verwegen, aber der stete Wechsel zwischen den Charakteren ist nicht nur für viele Puzzle wichtig, sondern sorgt auch für Atmosphäre. Verbindet man das mit den eigenständigen NPCs (eine Technik, die Jordan „Worldscape“ getauft hatte, wird die Welt ziemlich lebendig und komplex. Wie es im Inlay des Spiels hieß:

Das Spiel wurde mit der „Worldscape“-Technik geschrieben. Worldscape ermöglicht die Existenz vieler Charaktere im Spiel, die völlig unabhängig und lebendig wirken. Die Flexibilität des Systems stellt sicher, dass jeder Charakter (sofern seine Persönlichkeit es zulässt) alles tun kann, was auch du tun könntest!

Der Parser versteht vergleichsweise viel und im Text des Spiels sind reichlich Hinweise eingebaut. Allerdings sorgt die recht umfangreiche Spielwelt dafür, dass man doch sehr lange an dem Spiel sitzt, bevor man es gelöst hat. Die Hin- und Herwechselei zwischen den Charakteren wird mir persönlich etwas zu weit getrieben, aber sie funktioniert spielmechanisch überraschend gut.

Unterm Strich bleibt ein Spiel, das zwischen liebevoller Vorlage und Sperrigkeit pendelt. Es ist sicherlich kein Totalausfall – aber eben auch kein verborgenes Adventure-Juwel. „Es gibt Schlechteres“ trifft es tatsächlich erstaunlich gut.

Colin Jordan war mit seinem Spiel sehr zufrieden, allerdings waren Anfang der 1990er die Zeiten für Textadventures fast vorbei. Die 1991 nachgereichten Fassungen für Amiga und Atari ST sahen zwar sehr gut aus, doch es war absehbar, dass zukünftige Spiele andere Schwerpunkte haben würden. Dass die ursprüngliche Spectrum-Fassung in Ausgabe 81 der britischen Zeitschrift Your Sinclair gerade mal ein Jahr nach Erscheinen auf dem Cover-Tape feilgeboten wurde, zog der eventuell angedachten Serie endgültig den Stecker. Wobei Jordan selbst sowieso keine diesbezüglichen Pläne hatte:

Enigma hatte die Rechte gekauft, entschied sich dann aber, sich von Computersoftware abzuwenden. Stattdessen begannen sie, an Game-Boy- und Konsolenspielen zu arbeiten. Ich habe Enigma nie vorgeschlagen, dass mein Spiel der erste Teil einer Serie sein sollte – und ehrlich gesagt hätte ich vermutlich Schwierigkeiten gehabt, aus dem nächsten Buch ein gutes Textadventure zu machen.

Colin Jordan im Interview mit classicadventurer.co.uk

Die zweite Fernsehverfilmung (1995)

Zwischen 1995 und 1997 verfilmte eine zweite britische Serie die 21 Blyton-Bücher komplett. In zwei Staffeln zu jeweils 13 Folgen waren die meisten Bücher auf 25 Minuten Lauflänge gekürzt, doch unter anderem Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel erschien als Doppelfolge. Dank dieser Lauflänge können sich die Kinder ganz wie im Buch erst einmal kennenlernen, bevor die Geschichte nach ungefähr 20 Minuten in Richtung Abenteuer schwenkt.

Die Ausstattung ist gelungen und die Drehorte wie Corfe Castle sehen genauso aus, wie ich mir die verfallene Burg im Buch vorgestellt hatte. Nicht ganz glücklich bin ich mit der Synchronisation, weil die Stimmen (sowohl die der Kinder als auch die Erwachsenen wie Onkel Quentin) sich zu sehr ausdrücken wollen, allerdings passt das auch zum leicht übertriebenen Spiel und soll daher vielleicht so sein.

Alles in allem ziehe ich diese Verfilmung der ersten Serie trotz deren Verknüpfung mit wohligen Kindheitserinnerungen vor. Hier ist jedes Buch an seinem Platz und in den Doppelfolgen sind die Bücher nahezu eins zu eins verfilmt worden.

Das zweite Computerspiel (1999)

Der Ravensburger Verlag hatte in Deutschland nie die Buchrechte an den Fünf Freunden. Was machte er also stattdessen? Er brachte mit seiner Firma Ravensburger Interactive Media GmbH zwischen 1999 und 2001 fünf Adventures rund um die Kinderbande auf den Markt. Keines der Spiele trägt einen der Romantitel, doch Fünf Freunde auf Schatzsuche erzählt im großen und ganzen „unsere“ Geschichte erneut – und neu. Denn anhand der Kleidung sieht man, dass die Geschichte einen Zeitsprung hinter sich hat und in der Realität der 1990er Jahre angesiedelt wurde. Nicht, dass dies große Auswirkungen gehabt hätte. Dass Onkel Quentins Schreibtisch nun von einem Röhrenmonitor dominiert wird, ist für die Story irrelevant. Gerudert und gepicknickt wird auch damals-heute noch.

Neben der modernisierten Kleidung hat das Spiel im Vergleich zu 1990 einen weiteren Sprung gemacht und bietet als Point-and-Click-Adventure Maussteuerung, Sprachausgabe und leider auch Musik. Die Grafiken setzen sich aus gerenderten Hintergründen und animierten Figuren zusammen, wobei zwei Animationsphasen mehr Ravensburger sicher nicht in die Pleite gestürzt hätten. Als Inventar dient ein Rucksack in grellem Rot und Blau, die Gespräche laufen als Multiple Choice ab.

Die Spiele sind für Kinder konzipiert und entsprechend leicht fallen die Rätsel aus. Einzig der schnell ziemlich volle Rucksack könnte für Verzögerungen sorgen, falls man doch mal mehrere Objekte ausprobieren möchte. Was erwachsene Spieler sicher nicht tun werden. Denn dafür bietet das Spiel schlicht zu wenig.

Fünf Freunde auf Schatzsuche scheint sich für Ravensburger allerdings gelohnt zu haben. Denn die vier Nachfolger – die sich technisch nahezu identisch präsentieren – kamen in schneller Folge auf den Markt. Keines der Spiele hatte noch eine originale Blyton-Geschichte zum Vorbild, wenn auch viele Elemente wie Höhlen oder Entführungen vorkamen. Das letzte Spiel, Geheime Mission M.A.C.-X, verabschiedet sich dann komplett von den Vorbildern.

Die seltsamen Bücher

Ja, dieser Artikel ist an und für sich bereits zu Ende. Doch was für ein Chronist wäre ich, wenn ich die 2016 erschienen Bücher nicht erwähnen würde? In diesen sind die Fünf Freunde erwachsen geworden und schlagen sich mit eher aktuellen Problemen herum.

Während die Cover und die restliche Buchausstattung an die alten Kinderbücher erinnert, ist der Inhalt auf eine erwachsene Zielgruppe abgestimmt. Gleichzeitig bemühen sich die Bücher, kleine Verweise auf Blytons Welt einzubauen. So heißt es in Fünf Freunde haben Spaß beim Teambuilding:

Diese Selbstgefälligkeit! Ich kann die Leute nicht ausstehen. Ich halte das nicht aus, ich auf einem Teambuilding-Tag, verkatert, und dann drehe ich mich um in diesem bescheuerten Hotel und die Schwarzen Sieben stehen da. Ich hasse die Schwarzen Sieben!

Sätze wie dieser sorgen in Fünf Freunde machen Schluss mit Alkohol dafür, dass speziell Julian seinen Alkoholkonsum überdenkt und die Freunde gemeinsam die Notbremse ziehen.

Bis auf die Protagonisten haben die Bücher letzten Endes natürlich nichts mit Blytons Fünf Freunden zu tun, aber allein die Cover von Fünf Freunde essen glutenfrei und dem Alkoholbuch sorgen für Schmunzler. Auf Deutsch gibt es allerdings nur vier der fünf Titel. Five on Brexit Island war dem Riva-Verlag wohl nicht europäisch genug.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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3 Comments on “BFG (9): Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel”

  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich liebe die Fünf Freunde. Fünf Freunde und die Schatzinsel war das erste „richtige“ Buch, das ich gelesen habe (ungefähr in der 1. Klasse), davor hatte ich schon kürzere Bücher/Geschichten wie Nick Nolte (?) gelesen. Als obendrein UK-Fan hat das Buch einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.

    Auf überarbeitete/modernisierte Versionen habe ich nie Bock. Für mich gehört die Entstehungszeit ganz eng zu einem Kunstwerk wie einem Buch, auch wenn es dann heute vielleicht anachronistisch wirkt. Das hat dann was von Geschichtsunterricht. Ich muss dringend mal die Bücher raussuchen, leider ging ein Teil wohl bei einem Wasserschaden im Keller mal zu Bruch und sollte mich dringend an die Ergänzung kümmern, bevor es unbezahlbar wird. Und die englischen Originale sollte ich auch mal beschaffen, habe ich leider nie gelesen. Die Spiele sagen mir gar nichts. Die Serie aus den 90gern fand ich ganz nett. Die Hörbücher habe ich rauf und runtergehört und habe sie auch noch.

    1. „Mein“ Hörspiel war „Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber“. Bis heute habe ich einzelne Sätze im Ohr und als ich es während dieses Artikels mal wieder gehört habe, funktionierte es für mich noch genauso gut wie früher.
      Danke Dir für Deinen Kommentar. Ich bin wegen der Neubearbeitungen zwiegespalten – aber wenn ich mir meine Kinder heute so anschaue, würden sie mit den alten Fünf Freunden sicher nichts mehr anfangen können. Wenn wie in England beide Varianten parallel zu bekommen sind, ist die Neubearbeitung gar keine schlechte Sache. Vor allem, weil sie im Vergleich zu dem TKKG-Buch gar nicht sooo auffällig war.

  2. Bei mir war es vermutlich vor allem die Folge mit der Schmugglerjagd. Hatte die echt auf und ab gespielt. Die alte Serie habe ich auch gerne geguckt, die neue Serie hatte ich als gut in Erinnerung – war da aber schon „zu alt“ für die Fünf Freunde. Die hatte ich hauptsächlich aus Nostalgie geguckt.
    Fand noch die Fünf Freunde Verfilmungen aus den 2010ern ganz gut gemacht – jedenfalls besser gelungen als zb die drei ???.

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