TR-49

Eine mysteriöse Maschine aus dem zweiten Weltkrieg, versteckt im Keller einer Kirche, wartet darauf, von euch entschlüsselt zu werden. Und es steht eine Menge auf dem Spiel!

Das britische Indie‑Studio inkle wird für die Sorcery!‑Reihe und 80 Days für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Doch die Veröffentlichung dieser Choose‑Your‑Own‑Adventure‑Spiele liegt inzwischen über zehn Jahre zurück, und seitdem habe ich die Truppe, die 2011 von Jon Ingold und Joseph Humfrey gegründet wurde, ein wenig aus den Augen verloren.

In ihren jüngsten Veröffentlichungen – etwa Overboard! oder Expelled! – scheinen zum narrativen Fokus zunehmend auch Rätsel‑Elemente hinzugekommen zu sein, was mich sofort aufhorchen ließ. Ehrensache also, dass ich mir das neueste Werk von inkle genauer ansehen musste. Kann TR‑49 das alte Feuer wieder entfachen?

Verbotenes Wissen

Einer der wichtigsten Aspekte von TR‑49 ist die persönliche Entdeckung der Geschichte, daher halte ich die inhaltliche Beschreibung so vage wie möglich. Ihr spielt eine Frau, die sich allein im Keller einer Kirche befindet. Vor ihr steht ein geheimnisvoller Apparat, dessen Geheimnisse ihr in den nächsten Spielstunden ergründen werdet.

Über Funk meldet sich eine unbekannte männliche Stimme und fordert euch auf, die Maschine zu starten. Der Mann erklärt, dass sie während des Zweiten Weltkriegs erfunden wurde und das Wissen aus Büchern enthält, die offiziell als verschollen gelten. Erbaut wurde sie von zwei Ingenieuren, die im „Bletchley Park“ tätig waren – dort wurden im Zweiten Weltkrieg die Nachrichten des deutschen Militärs entschlüsselt und ausgewertet.

Die Stimme weist eindringlich auf die Wichtigkeit hin, ein bestimmtes Buch in diesem Archiv zu finden und zu zerstören, bevor es in die falschen Hände gerät – immerhin soll es das Potenzial haben, die Realität zu verändern! Verständlicherweise seid ihr zunächst von der Situation überfordert und müsst euch orientieren, doch dann beginnt ihr mit eurer Aufgabe…

Textual Reassociator – 1949

Nachdem ihr den „Textuellen Reassoziator“ gestartet habt, steht euch die Erforschung seiner Inhalte offen. Auf dem großen, bullaugenartigen Bildschirm sammelt ihr Hinweise für euer Notizbuch und erschließt euch aus den Texten eure nächsten Schritte. Wenn ihr einen vierstelligen Code entdeckt – bestehend aus zwei Buchstaben und zwei Ziffern -, könnt ihr ihn im dafür vorgesehenen Eingabemechanismus ausprobieren. Existiert er in der Datenbank, wird der entsprechende Eintrag geöffnet und liefert euch neue Hinweise. Willkommen im Rabbit Hole.

Die Hinweise landen in eurer umfangreichen Notizensammlung und bestehen unter anderem aus Codes, Buchtiteln und Autoreninformationen. Solltet ihr auf der Maschinenebene nicht weiterkommen, lohnt sich also ein Blick in eure Aufzeichnungen. Dort müsst ihr auch die entdeckten Namen der Publikationen (Bücher oder Zeitschriften) ihrem passenden Code zuordnen. In vielen Fällen besteht dieser aus dem Kürzel des Autors oder der Zeitschrift sowie den letzten beiden Ziffern des Erscheinungsjahrs. Im unten abgebildeten Beispiel für das Buch Treasure Island (Die Schatzinsel) von Robert Louis Stevenson, dessen Erstausgabe 1883 erschien, lautet der Code also RS‑83. (Dies ist kein Spoiler – das Buch gehört nicht zu den „verschollenen“ Werken, die ihr ausfindig machen müsst.)

Auf der Suche nach dem „einen Buch“ taucht ihr immer tiefer in die Geheimnisse von TR‑49 ein, zieht Querverbindungen, lernt die Erbauer anhand ihrer Notizen im System kennen, erfahrt mehr über die Autoren der „verschollenen“ Werke und versteht, wie ihr TR‑49 manipulieren könnt, um schließlich euer Ziel zu erreichen. Doch nicht immer läuft alles nach Plan…

Detektiv-Hörspiel

Ein besonders wichtiger Aspekt kam in meiner bisherigen Beschreibung noch zu kurz. TR‑49 ist nicht einfach „nur“ ein Deduktionsspiel – es versteht sich eher als Audio‑Drama mit Rätselelementen. Das bedeutet, dass ihr (nahezu) jederzeit mit eurem Begleiter per Funk kommunizieren könnt. Manchmal spricht er euch direkt an, manchmal wartet er auf eure Reaktion. Ihr könnt also meist selbst entscheiden, ob ihr in Ruhe eurer Detektivarbeit nachgehen möchtet oder lieber mit eurem stimmlichen Begleiter sprecht.

Die extrem dichte Atmosphäre entsteht nicht nur durch die hervorragend geschriebene Geschichte, sondern vor allem durch die großartigen englischen Sprecher. Im Hintergrund wabert ein düsterer Soundtrack, der keinen Zweifel an der Bedrohlichkeit der Lage lässt.

Die Steuerung funktioniert sowohl mit Maus und Tastatur als auch mit einem Controller – beispielsweise auch auf dem Steam Deck – völlig problemlos und steht dem narrativen Erlebnis nicht im Weg.

Fazit

Um die Frage vom Anfang zu beantworten: Ich bin Feuer und Flamme für TR‑49! So ein intensives Erlebnis hat mir selten ein Spiel geboten. Nach sechs Stunden habe ich „mein“ Ende von inkles Meisterwerk erreicht, doch offenbar gibt es sogar noch mehr in TR‑49 zu entdecken. Ich bin zwar sehr zufrieden mit dem Verlauf der Geschichte, doch ich hätte große Lust, mit etwas Abstand noch einmal einen Durchlauf zu wagen – offensichtlich warten noch weitere Geheimnisse auf mich.

Der Einstieg fiel mir nicht leicht, doch nach der Eingabe einer Handvoll Codes hat mich das Spiel gepackt und nicht mehr losgelassen, bis ich es beendet hatte. Und sogar noch Tage später spukte es in meinem Kopf herum – das schaffen nur die wenigsten Spiele. Vor allem die Mischung aus Hörspiel und Deduktion hat mich überzeugt. Allerdings würde ich gute Englischkenntnisse empfehlen, sonst könnten euch wichtige Hinweise entgehen.

Wenn ihr die Sprachhürde nehmen könnt, narrative Spiele mit Deduktionselementen mögt und einer gut geschriebenen Mystery‑Geschichte nicht abgeneigt seid, dann solltet ihr TR‑49 unbedingt spielen. Ihr findet es auf Steam und im Apple App Store.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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