BFG (5): Der Hobbit

Die heutige Ausgabe von BFG wird Ihnen präsentiert von Medienspürnase. Denn in unserem wunderbaren DKSN-Discord hat er sich eine Folge zu dem hübschen kleinen Kinderbuch von J.R.R. Tolkien gewünscht. Medienspürnase – kein Gerücht bleibt unbeschnüffelt!

Das Buch

Was Tolkien mit Der Hobbit losgetreten hat, lässt sich kaum überschätzen. Er selbst hat sich 1955 in einem langen Brief an W.H. Auden an die Geburtsstunde der Geschichte erinnert:

Alles, was ich über den Startpunkt von „Der Hobbit“ noch weiß, ist, dass ich in der ewigen Mühsal dieser jährlichen Aufgabe, die mittellosen Akademikern mit Kindern aufgezwungen wird, Schulzeugnisse korrigierte. Auf ein leeres Blatt kritzelte ich „In a hole in the ground there lived a hobbit.“ Ich wusste damals nicht (und weiß es bis heute nicht), warum.

J.R.R. Tolkien

Dieser Eingebung folgte einige Jahre lang: nichts. Erst Anfang der 30er Jahre wurde aus dieser Idee ein Buch. Die Forschung geht davon aus, dass er in drei größeren Schüben handschriftlich die ersten 15 Kapitel zu Papier brachte. Erst nachdem er diese Seiten mit der Schreibmaschine abgetippt hatte (und dabei aus unbekannten Gründen Kapitel 13 nicht übertrug), schrieb er die letzten vier Kapitel (wiederum mit der Hand) in den Weihnachtsferien 1932.

Dieses Manuskript (14 Kapitel getippt, 5 Kapitel Handschrift) verlieh Tolkien in den nächsten Jahren an verschiedene Menschen. Der erste Leser war der Autor C.S. Lewis, doch erst eine ehemalige Doktorandin namens Elaine Griffiths erwähnte das Manuskript gegenüber einer Mitarbeiterin des Verlags Allen & Unwin. Diese zeigte sich interessiert und bat wiederum Tolkien um den Text. Erst, nachdem auch sie sich begeistert zeigte und darum bat, das vollendete Manuskript ihren Vorgesetzten zeigen zu dürfen, tippte Tolkien den Text vollständig ab und bat seinen Sohn, ein zweites Exemplar zu tippen. Zwischen Januar 1933 und September 1936 existierte also nur eine Ausfertigung der Geschichte – und diese verlieh Tolkien immer wieder. Dass The Hobbit diese Jahre überlebte, ist ein Wunder… Jedenfalls: Die Erstauflage der Abenteuer-Kindergeschichte erschien am 21. September 1937 mit einem von Tolkien selbst gestalteten Umschlagbild. Zeichnen konnte der Mann also auch noch!

Bevor ich die Geschichte kurz zusammenfasse: Ja, laut Tolkien entstand Der Hobbit ursprünglich aus dem Wunsch heraus, ein Buch für seine Kinder zu schreiben. Dieser Fokus ist im Schreibstil mit seinem vorlauten Erzähler, der die Leserschaft gerne auch mal direkt anspricht, immer spürbar. Auch verzichtet das Buch trotz einiger gruseliger Stellen und großer Heere auf grausame Einzelheiten. Später war dem Autoren aber auch wichtig, diesen Eindruck ein wenig gerade zu rücken. Spätestens während der langsamen Entstehung von Der Herr der Ringe bekamen Elemente wie Bilbos Zauberring, der Hexenmeister und Orks eine Bedeutung, die beim ersten Schreiben noch nicht da war. Tolkien nahm sich den Text deshalb nochmal vor und passte einige Dinge an, so dass sie besser zum Großwerk passten.

So, aber wer ist denn nun dieser Hobbit, der in einem Loch in der Erde lebt? Und was passiert ihm im Laufe des Buchs?

Bilbo Beutlin ist ein Hobbit aus dem Auenland und führt ein gemütliches Leben voller Pfeifenkraut und regelmäßigen Mahlzeiten. Bis…, ja bis eines Tages der Zauberer Gandalf und dreizehn Zwerge vor seiner Tür stehen. Sie überreden ihn, an einem Abenteuer teilzunehmen – Bilbo soll der Gruppe als „Meisterdieb“ helfen, den geraubten Schatz der Zwerge aus den Klauen des Drachen Smaug zurückzuholen. Dass er sein Lebtag nie etwas gestohlen hat, geschweige denn aus dem Auenland heraus gekommen wäre, ist kein Hinderungsgrund. Irgendetwas packt ihn bei seiner bisher gut versteckten Abenteuerlust und er zieht hinaus ins Abenteuer.

Der Weg führt die Gruppe durch düstere Wälder, tiefe Höhlen und gefährliche Berge. Bilbo begegnet Trollen, Elben und Wölfen, gerät in die Fänge von Orks und stolpert schließlich in eine dunkle Höhle, wo er auf ein Wesen namens Gollum trifft. Er findet einen hübschen, aber unscheinbaren Ring, der ihn unsichtbar machen kann. Damit und mit wachsender Gewitztheit rettet er immer wieder die Gruppe, bis selbst die Zwerge anerkennen, dass in diesem Halbling mehr steckt als erwartet.

Als sie endlich am Einsamen Berg ankommen, gelingt es Bilbo, in Smaugs Versteck zu schleichen und ein Stück des Schatzes zu stehlen. Das bleibt leider nicht unbemerkt: Der wütende Lindwurm will Rache nehmen und beginnt damit, die nahe Seestadt in Schutt und Asche zu legen. Schließlich wird er von einem Menschen getötet. Doch der nun herrenlose Schatz bringt die Völker gegeneinander auf: Elben, Menschen und Zwerge streiten sich um die Beute, bis eine gewaltige Schlacht gegen ein Heer von Orks alle vereint.

Am Ende kehrt Bilbo in seine Heimat zurück. Dort stellt er fest, dass seine Verwandtschaft ihn schon für tot erklärt hatte und gerade dabei war, sich seinen Wohnsitz unter den Nagel zu reißen. Nachdem er sich auch hier durchsetzen konnte, endet das Buch mit einem Besuch von Gandalf und einem gemütlichen Pfeifchen vor dem Kamin.

So selbstverständlich, wie sie in diesem Text erwähnt wurden, waren Orks und Hobbits zu Tolkiens Zeiten noch nicht. Er hat sie nämlich erfunden und nebenbei auch einige weitere Dinge in die Fantasy eingeführt, die heutzutage Standardkost sind. Viele seiner Figuren stammen aus älteren Überlieferungen, gerne aus der nordischen Mythologie. Und seine Elben mit ihren jahrtausendealten Überlieferungen und Liedern haben wenig gemein mit den Elfen früherer Märchen, sind aber nun in jeder Fantasy-Welt zuhause. Kleine Klugscheißer-Info für die nächste WG-Party: In der englischen Originalausgabe verwendet Tolkien das Wort „Ork“ ein einziges Mal. In allen anderen Fällen sind es „Goblins“.

Die deutsche Ausgabe erschien erst 1957. Warum so spät, mag sich die geneigte Leserschaft fragen. Nun, bereits 1938 gab es erste zarte Versuche, das Buch hierzulande zu verlegen. Der britische Verlag Allen & Unwin hatte in den Jahrzehnten zuvor auf deutscher Seite oft mit dem Verlagshaus Rütten & Loening gearbeitet, so dass auch der Hobbit auf dessen Schreibtisch landete. Doch die Zeiten hatten sich geändert: Bereits 1936 hatten die bisherigen Besitzer Wilhelm Oswalt und Adolf Neumann wegen der Nürnberger Rassegesetze ihren Verlag verkaufen müssen – und die neuen Besitzer verlangten von allen Autoren einen Ariernachweis. Den hätte Tolkien zwar laut eigener Aussage liefern können, doch wie er seinem Verleger schrieb:

Ich betrachte das (wahrscheinliche) Nichtvorhandensein jüdischen Bluts nicht unbedingt als eine Ehre; ich habe viele jüdische Freunde und würde es bedauern, irgendeinen Grund zu der Auffassung zu geben, dass ich dieser ganz und gar bösartigen und unwissenschaftlichen Rassenlehre beipflichte.

J.R.R. Tolkien in einem Brief an Stanley Unwin / zitiert nach „Das große Hobbit Buch“

Damit war die deutsche Ausgabe erst einmal Geschichte. Erst dank der langjährigen Freude, die ein gewisser Richard Engels, ein Bildhauer und Illustrator, an der Geschichte hatte, kam wieder Fahrt in die Geschichte. Er hatte das englische Buch seinen Pfadfindergruppen bereits kurz nach dem Krieg abends am Lagerfeuer spontan übersetzt und erzählt und damals sogar an Tolkien einen Fanbrief geschrieben. Aber erst 1956 brachte er den damaligen Lektor des Paulus-Verlags, Walter Scherf mit dem britischen Verleger Stanley Unwin zusammen. Scherf übernahm dann auch selbst die Übersetzung und so konnte Kleiner Hobbit und der große Zauberer 1957 erscheinen. Leider blieb der Verkaufserfolg unter allen Erwartungen und nicht verkaufte Exemplare lagerten auch acht Jahre später noch stapelweise im Verlagskeller. Doch mittlerweile hatte eine nicht lizenzierte Taschenbuchausgabe in den USA zu einer anschwellenden Bekanntheit des Autors geführt. Grund genug für eine zweite, inhaltlich unveränderte Ausgabe mit gekürztem Titel: Der kleine Hobbit. „Klein“ war die deutsche Ausgabe sowieso schon. Denn erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden ursprünglich nicht übertragene Lieder und Gedichte wieder eingefügt. Soweit mir bekannt, ist der vollständige deutsche Text nur in Das große Hobbit Buch enthalten, in dem auch mit tonnenweise Anmerkungen die Unterschiede in den ursprünglichen Varianten von Tolkien herausgearbeitet werden. Lohnenswert.

Die erste Verfilmung

1966 schuf der Amerikaner Gene Deitch als Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion die erste Verfilmung des Buchs. Wobei die Geschichte wohl eher unter der Prämisse „inspiriert von dem Buch“ laufen sollte:

In Mittelerde wird die Stadt Thal vom Drachen Slag zerstört, der den legendären Arkenstein raubt. Nur drei Personen überleben: General Thorin Eichenschild, Prinzessin Myka Milovana und ein nicht weiter wichtiger Wächter. Sie suchen Hilfe beim Zauberer Gandalf, der ihnen eröffnet, dass laut Prophezeiung ein Hobbit die Rettung bringen wird. Also reisen sie nach Hobbingen und stoßen auf den friedliebenden und stets hungrigen Hobbit Bilbo Beutlin. Zwar ist er überhaupt nicht auf Abenteuer aus, doch Gandalf – und vor allem die Prinzessin – überzeugen ihn, sich der Gruppe anzuschließen, um den Drachen zu besiegen. Die Reise verläuft nicht ohne Schwierigkeiten. Hier hält sich der Film grob an das Buch und es kommt zu den Begegnungen mit Trollen und Gollum. Schließlich erreichen sie den Einsamen Berg, wo Schlacke auf seinem geraubten Schatz schläft. Bilbo entdeckt den Arkenstein und entwickelt einen Plan: Mit einer riesigen Armbrust schießt die Gruppe einen Pfeil mit dem Arkenstein als Spitze in das Herz des Drachen und tötet ihn. Thal wird wiederaufgebaut, Bilbo und Prinzessin Myka werden ein Paar.

Bedenkt man, wie lange spätere Verfilmungen des Stoffs werden, überrascht die Laufzeit dieser ersten Adaption: Nach knapp 12 Minuten ist der Film schon vorbei. Ehrlich gesagt keine Sekunde zu früh, aber macht euch gerne selbst ein Bild:

Der Film an sich ist nicht spektakulär. Animationen gibt es nicht; die einzigen Bewegungen entstehen, weil auf den gezeichneten Standbildern die Kamera wild hin und her fährt. Okay, der Arkenstein darf tatsächlich funkeln, aber mehr gibt es nicht zu sehen. Interessant ist dieser alte Film eher wegen seiner Entstehungsgeschichte:

1964 erwarb der amerikanische Filmproduzent William L. Snyder die Rechte an dem Buch und allen weiteren Tolkien-Werken für 19.000 Dollar. Er hatte seine Produktionsfirma Rembrandtfilms in Prag aufgebaut, von wo aus er zum Beispiel Cartoons mit Tom & Jerry oder Popeye produzierte. Im gleichen Jahr wie der Hobbit erschien auch der entschieden längere Zeichentrickfilm Alice of Wonderland in Paris. Diese Firma hatte nun also die Möglichkeit, einen abendfüllenden Spielfilm zu Tolkiens Geschichte zu produzieren. Allerdings hatte sie dafür nur bis zum 30. Juni 1966 Zeit. Falls bis dahin kein Film vorlag, verfielen die Rechte automatisch. Nun waren Autor und Werk zu dieser Zeit in den Vereinigten Staaten kein Begriff. Deitch schuf wie von Snyder gewünscht ein Drehbuch für einen Langfilm, das sich im Vergleich zum Buch einige Freiheiten nahm – siehe die Prinzessin Myka Milovana.

Parallel zu dieser Drehbuch-Arbeit erschien in den USA eine nicht autorisierte erste Taschenbuch-Ausgabe des Herrn der Ringe. Tolkien selbst hatte eine solche Version als „degenerierte“ Form abgelehnt, was den Verleger Donald Wollheim nicht davon abhielt, sich darüber hinwegzusetzen. Mit einem Schlag wurden Tolkien und sein Werk bekannt – und die Filmrechte etwas wert. Dummerweise wurde das geplante Projekt von Fox abgelehnt, weil Snyder zu viel Geld verlangte. Und die Rechte-Uhr tickte langsam vor sich hin. Der Produzent verfiel nun auf eine neue Idee: Alles, was er im Vertrag zugesagt hatte, war eine Trick-Verfilmung des Hobbits samt öffentlicher Aufführung. Er beauftragte Deitch, sein schönes Drehbuch in die Tonne zu werfen und innerhalb von 30 Tagen einen fertigen Film in die USA zu bringen. Der „Spielfilm“ sollte gerade einmal die Länge einer Filmrolle haben: 12 Minuten. Deitch trommelte aus seinem Bekanntenkreis einen Komponisten, einen Illustrator und einen Sprecher zusammen und schaffte es tatsächlich. Entsprechend sah allerdings das Ergebnis aus, erfüllte aber seinen Zweck.

Am 29. Juni traf Deitch in New York ein. Snyder hatte einen Vorführraum organisiert und Deitch sprach auf der Straße Passanten an:

Nach einer kurzen Testvorführung – bei der Snyder sichtlich beeindruckt war – rannte ich auf die Straße hinunter und sprach Passanten an: ob sie eine Vorab-Premiere eines neuen Animationsfilms sehen wollten, Eintritt nur 10 Cent. Ich gab jedem Freiwilligen einen Dime, das sie mir beim Eintritt wieder zurückgaben.

Nach der Vorführung wurden die wenigen, etwas verwirrten Zuschauer gebeten, ein Formular zu unterschreiben, in dem stand, dass sie am 31. Juni 1966 Eintritt bezahlt hätten, um den vollfarbigen Animationsfilm „THE HOBBIT“ zu sehen!

Gene Deitch (Ja, er schreibt tatsächlich vom 31. Juni)

Snyder hatte seinen Vertrag damit buchstabengetreu erfüllt und behielt die Rechte. Die er direkt für 100.000 Dollar an das Tolkien-Archiv verkaufte. Sein Film wurde eingemottet und tauchte erst im Zuge der Hobbit-Trilogie von Peter Jackson wieder auf.

Der Fernsehfilm

1977 wurde die Geschichte erneut umgesetzt. Dieses Mal allerdings für die kleine Leinwand und tatsächlich als vollwertiger Animations-Spielfilm von 77 Minuten Länge. RICHTIGEN Animationen wohlgemerkt. Zwar mag der Zeichenstil nicht jedem gefallen und die einzelnen Figuren scheinen sich an Vorlagen aus allen möglichen anderen Filmen und Bildern anzulehnen, aber: die Animationen sind gut gelungen. Wenn auch etwas abgehackt. Trotz eines Budgets von 3 Millionen Dollar reden wir hier immer noch von einem Fernsehfilm.

Die zusätzliche Zeit nutzt das Drehbuch von Romeo Muller, um (fast) alle Reisepunkte aus dem Buch abzuhaken. Der Arkenstein, der in der 11 Jahre früheren Verfilmung so wichtig war, kommt hier überhaupt nicht mehr vor.

Eine deutsche Fassung wurde nie erstellt. Aktuell ist der Film auf BluRay mit englischen und spanischen Tonspuren samt deutscher Untertitel erhältlich. Im Vergleich zur ersten Verfilmung und zu den Filmen, zu denen wir gleich kommen, hält sich diese Version zwar am nächsten ans Buch, doch einige Design-Entscheidungen sind schlecht gealtert. Ja, ich rede von Dir, Bards Schnauzbart!

Die Film-Trilogie

Die aktuellen Buchausgaben von The Hobbit pendeln sich um die 400 Seiten Länge ein. Das Nachfolgewerk The Lord of the Rings kommt auf ungefähr 1200 Seiten – und dabei ist die Schriftgröße für gewöhnlich kleiner. Kein Wunder also, dass Peter Jacksons Verfilmung des Bilbo-Beutlin-Abenteuers ganze 24 Prozent kürzer ausfällt als das Mammut-Werk. Moment! Nur 24 Prozent?

Die Entstehungsgeschichte dieser Filmreihe wäre einen eigenen langen Artikel wert. Das sprengt natürlich diesen Rahmen hier, deshalb in Kürze: Nach dem überragenden Erfolg der Herr-der-Ringe-Filme verklagte praktisch jeder Beteiligte den anderen. Jackson fühlte sich von der Produktionsfirma New Line Cinema betrogen, der Rechteinhaber Tolkien Estate ebenso. New-Line-Co-Chef Robert Shaye ließ verlauten, dass seine Firma niemals wieder mit Jackson zusammenarbeiten werde. Doch irgendwann wurde das Wasser wieder ruhiger, Jackson sollte produzieren und Guillermo del Toro die Regie für einen Zweiteiler übernehmen. Nachdem zwischen 2008 und 2010 zwar die Vorarbeiten liefen, die Dreharbeiten aber immer weiter nach hinten verlegt wurden, zog sich del Toro vom Projekt zurück. Der genaue Inhalt dieser Filme ist mir nicht bekannt, doch scheint Film eins Der Hobbit gewesen zu sein und über den zweiten Film sagte del Toro folgendes:

Ich bin vor Kurzem nach Neuseeland gereist, auch, um über den zweiten Film zu sprechen. Der Hobbit, das Buch, ist eigentlich ein in sich geschlossener Film, also haben wir uns für den zweiten Film zusammengesetzt und alles durchgearbeitet. Dieser zweite Film ist kein „Anhängsel“, kein „Lückenfüller“, sondern ein wesentlicher Teil der Erzählung jener 50 Jahre Geschichte, die in der ursprünglichen Handlung verloren gingen.

Es wird bestimmte Dinge geben, die wir schon im ersten Film gesehen haben – aber aus einer anderen Perspektive erzählt. Dennoch wird es sich wie ein Teil einer fünfbändigen Gesamterzählung anfühlen. Es wird sich nicht wie eine Brücke anfühlen – ich habe gehört, dass manche Leute ihn einen „Brückenfilm“ nennen –, aber das ist er nicht. Er ist ein integrales Kapitel der Geschichte.

Guillermo del Toro 2008

Diesen Gedanken hatte er noch höchstselbst verworfen. Der Hobbit sollte nun für zwei Filme gut sein, die Geschichte mit Figuren aus dem Herrn der Ringe aufgepolstert werden – und Peter Jackson übernahm erneut die Regie. Gedreht wurde (wieder nach einigem Hin und Her) erneut in Neuseeland zwischen dem 21. März 2011 und dem 26. Juli 2013. Mittendrin, im Juli 2012 erweiterte Jackson das Ganze zu einer Trilogie und der erste Teil kam einige Monate später, im November 2012 ins Kino. Als technisches Schmankerl setzte Jackson auf 48 Bilder pro Sekunde, weil das vor allem im 3D-Bereich für ein besseres Bild sorgen würde. Mit dieser Meinung scheint der Regisseur auf lange Sicht alleine geblieben zu sein, weil bis heute nur wenige Filme mehr als 24 Bilder pro Sekunde verwenden.

Jetzt kommt der schwierige Teil. Ich müsste etwas zu den Filmen schreiben. Doch so sehr mich die Ringe-Trilogie im Kino und später zuhause gefesselt hat, so wenig hat mich der Hobbit gepackt. Ich war für die ersten beiden Filme im Kino und habe mir als großer Extra-Gucker die Extended-Film-BluRays gekauft. Und genau das habe ich mir dann zuhause angeschaut: die Extras. Teil drei habe ich mir im Kino erspart, die BluRay gekauft und nach ungefähr einer halben Stunde angefangen, zu spulen. Jahre später habe ich die Filme verkauft und erst jetzt, in diesem Moment, bedauere ich dies. Was aber ist mein Problem mit den Filmen?

Das, was Jackson da auf die Leinwand gezaubert hat, ist nicht The Hobbit. Es ist die Vorgeschichte von Herr der Ringe. Bis auf die ersten Einstellungen im Auenland ist alles Kindliche aus der Geschichte verschwunden. Alle Figuren tragen schwer an irgendeiner Last. Und wenn doch mal ein lustiger Einschub kommt, wirkt er bemüht in die Story gedrechselt. Dazu kommt der im Vergleich zu Der Herr der Ringe radikal gestiegene Anteil an CGI-Szenen, die nur bedingt gut aussehen. Dazu Figuren wie Radagast, der Zauberer, der im Buch nur kurz erwähnt wird und im Film ehrlich gesagt auch nicht großartig was beizutragen hat. Er ist eben da und soll für humorige Einlagen sorgen. Oder die Elbin Tauriel, die offensichtlich nur dazu gedichtet wurde, damit eine Arwen-artige Figur dabei ist. Und wenn sie schon mal da ist, kann sie auch als die eine Hälfte einer zarten Liebesgeschichte mit dem Zwerg Kili sein. Ach, es ist alles…

Nein, nicht schrecklich. Es war nur überhaupt nicht das, was ich erwartet hatte. Deshalb fällt es mir bis heute schwer, die Filme für mich einzuordnen. Ich halte Martin Freeman für einen hervorragenden Bilbo Beutlin und bin ein großer Fan des Zwergenlieds. Im Grunde fasst meine Meinung zu den Filmen am besten der gealterte Bilbo selbst zusammen, wenn er in Die Gefährten sagt: I feel thin, sort of stretched, like butter that has been scraped over too much bread. Genau das sind die Hobbit-Filme. Die gute Geschichte wurde so lange immer dünner gestrichen, bis sie nicht mehr geschmeckt hat. Und dann kippte die Produktion Gewürze drüber, die anderen Personen sicher besser schmecken als mir.

The Hobbit (1982)

Die Geschichte der Hobbit-Computerspiele beginnt bei einem klassischen Buchverlag: Melbourne House. Gegründet 1977 von Alfred Milgrom und Naomi Besen, veröffentlichte der Verlag zuerst einige Romane wie The Healers von Gerald Green – eine Ärzte-Dynastie-Geschichte. Milgrom war allerdings von Anfang an von Computern fasziniert. Als der Sinclair ZX80 auf den Markt kam, kaufte er sich sofort ein solches Gerät – und brachte das schnell zusammen geschriebene Buch 30 Programs for the Sinclair ZX80 auf den Markt. Dank Anzeigen in einschlägigen Magazinen wurde das Buch ein großer Erfolg und Melbourne House verlegte in schneller Folge weitere Bücher dieser Sparte.

Nichts lag näher, als diese Programm-Sammlungen nicht nur in gedruckter Form, sondern auch als fertige Programme auf Cassette anzubieten. Bereits 1982 erweitere Melbourne House dieses Portfolio dann mit dem ersten eigen-produzierten Spiel Penetrator, einem Side-Scroller-Shooter. Während das Buch- und Publisher-Geschäft weiterhin unter dem etablierten Namen lief, wurde der Programmier-Zweig unter dem Namen Beam Software ausgelagert.

Das Adventure-Genre war noch nicht so groß, wie es kurzfristig mit LucasArts und Sierra werden sollte. Doch seit 1972 das erste Adventure erschienen war, gab es mit Spielen wie der Zork-Reihe von Infocom, den Spielen von Scott Adams oder Mystery House von Roberta Williams regelmäßigen Nachschub. Solch ein Programm wollte auch Alfred Milgrom im Portfolio haben. Er suchte per Anzeige Programmierer an der australischen Universität von Melbourne und wurde fündig. Veronika Megler, Philip Mitchell und Stuart Ritchie machten sich ans Werk. Ihre ersten Story-Ideen kamen noch ohne Vorlage aus, allerdings hatte keiner von Ihnen bisher selbst Welten oder Geschichten erschaffen. Wer genau zu diesem Zeitpunkt The Hobbit als Vorlage vorgeschlagen hatte, ist leider nicht bekannt. Doch die Struktur des Buchs bot sich geradezu zur Umsetzung an: Ständig wechselnde Orte mit ständig wechselnden Herausforderungen, ein klares Ziel und Schätze! Herz, was willst du mehr?

Stuart Ritchie stieg schon bald wieder aus der Entwicklung aus, während Megler das Buch in seine Einzelteile zerlegte und Mitchell den Parser entwickelte. Wichtig war, den altgedienten Zwei-Wort-Parser in Rente zu schicken. In The Hobbit konnte Bilbo mit anderen Figuren sprechen – und wenn der Spieler das jeweils richtige Wort eingibt, fühlt sich das auch sehr gut an. Eventuell nannte Mitchell diesen Programmteil deshalb „Inglish“. Doch leider hat es der Parser nicht so mit Synonymen. Ist eben doch noch Anfang der 80er Jahre und der Speicherplatz beschränkt. Wie überhaupt während der Entwicklung noch nicht klar war, auf welchem Gerät das Spiel überhaupt erscheinen würde. Megler und Mitchell arbeiteten in Australien an einem voll aufgerüsteten Dick Smith System 80, einem lokalen Klon des TRS 80 mit 48 KB RAM und einem Z80-Prozessor. Die passende Hardware für den angepeilten britischen Markt würde hoffentlich bis zum Ende der Entwicklung auftauchen.

Und dann war er da: Der Sinclair ZX Spectrum. Ebenfalls 80 KB und der gleiche Prozessor. Nicht mehr da war dagegen Veronika Megler, die sich wieder auf einen „richtigen“ Beruf konzentrieren wollte. Mitchell bekam stattdessen eine zusätzliche Aufgabe zugeschustert: Da der Spectrum auch Grafiken darstellen konnte, sollte Mitchell eine Routine entwickeln, mit der platzsparend Bilder des nun angeheuerten Kent Rees zu verschiedenen Orten des Spiels gespeichert werden sollten. Mitchells Lösung ist vergleichbar mit den frühen Werken von Roberta Williams: Jedes Mal, wenn eine Grafik aufgerufen wird, wird sie auf dem Bildschirm neu gezeichnet. Abgespeichert im Code sind nur die jeweiligen Endpunkte der Linien und die Füllfarben für Flächen. Positiv beschrieben verlängern diese sich ständig neu erstellenden Grafiken den Spielspaß… Aber wer ist schon immer positiv gestimmt?

Das Spiel hat neben der genutzten Lizenz ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Viele Figuren bewegen sich im Rahmen der damaligen Möglichkeiten frei über die Karte und folgen eigenen Verhaltensmustern. Dies sorgt natürlich einerseits dafür, dass keine Partie des Spiels zu hundert Prozent der anderen gleicht, doch all die dadurch eingebauten Zufälle sorgten für einen Debugging-Albtraum. Dass The Hobbit in Assembler programmiert wurde, machte die Suche nach Fehlern auch nicht gerade einfacher. Und so sehr sich Melbourne House auch bemühte, ist keine der Hobbit-Versionen frei von Fehlern. Und dass Charaktere mit eigenem Willen dazu neigen, völlig unpassende Aktionen auszuführen, zerrt auf Dauer garantiert an den Spielernerven. Da kann sich Thorin noch so oft hinsetzen und über Gold singen. Denn wer sich heute noch an The Hobbit erinnert, zitiert garantiert den ständig wiederkehrenden Satz „Thorin sits down and starts singing about gold„. Was man halt so macht.

Wie dem auch sei: The Hobbit ist heutzutage eine frustrierende Erfahrung. Viel zu schnell hat man sich in eine Sackgasse manövriert, viel zu selten funktioniert der Parser wirklich gut. Aber: Da hat sich ein kleines Team 1982 hingesetzt und versucht, ein ganzes Buch in einen kleinen Computerspeicher zu pressen. Und das hat überraschend gut funktioniert.

Zum Spiel erschien auch ein offizielles Lösungsbuch – 1982 noch eine Seltenheit. Der Autor David Elkan hatte das Buch geschrieben und beim Publisher Templesoft als geklammertes Heft verkauft. Melbourne House gefiel seine Arbeit so gut, dass sie das Buch noch einmal selbst ganz offiziell veröffentlichten. Es ist im Internet Archive zu bewundern.

Angeblich plante Melbourne House einen Nachfolger namens Where Hobbits Dare – doch existieren keinerlei Informationen dazu. Stattdessen setzte Melbourne House Stück für Stück die Herr-der-Ringe-Romane um.

Der kleine Hobbit (1986)

Das deutsche Adventure Der kleine Hobbit ist kein kommerziell vertriebenes Spiel. Es entstand im Rahmen des 64’er-Sonderhefts 4/1986, das sich nur mit der Erstellung von Adventures beschäftigte. Neben diesen Erläuterungen waren auch einige Spiele als Listing abgedruckt, darunter Der kleine Hobbit aus der Feder von Michael Nickles. Das BASIC-Spiel ist eine stark gekürzte Variante des Buchs und des Melbourne-House-Vorbilds, aber: Dafür ist es auf Deutsch. Der Code erzeugt einige einfache Grafiken, keinen Sound und einen zweckdienlichen, aber doch sehr rudimentären Parser. Auch in Der kleine Hobbit ist es möglich, Charaktere anzusprechen. Auch hier neigt Thorin übrigens dazu, einfach mal so von Gold zu singen. Und gar so klein ist das Spiel auch nicht mit seinen über 50 Räumlichkeiten. Was dem Programm bis heute auf Originalhardware allerdings das Genick bricht, ist die fehlende Speicherfunktion. Bilbo stirbt in schöner Regelmäßigkeit – und sooo spannend ist es nun auch nicht, dann immer wieder von vorne zu spielen.

Das Spiel wurde mehrmals in verschiedenen Markt&Technik-Publikationen veröffentlicht. Im Begleittext des Bandes 64’er Spiele total schreiben die Autoren:

Es handelt sich hierbei um die deutsche Version eines der meistverkauften englischen Adventures. Der Parser der Spectrum-Fassung galt lange Zeit als Standard auf diesem Computer. Darum wurde dieses Programm auch so berühmt.

Herrliche Zeilen! Denn natürlich ist dies hier nicht die deutsche Version des Melbourne-House-Hits. Und vor allem hat dieses deutsche Listing nichts davon, dass der Parser eines völlig anderen Spiels vor vier Jahren richtig gut war. Marketing der Spitzenklasse.

The Boggit (1986)

Die britische Tradition, Alles und Jeden zu parodieren, wurde schon früh auch in Computerspielen fortgeführt. Speziell die Firma Delta 4 stach hier mit Titeln wie Bored of the Rings oder Robin of Sherlock heraus. 1986 führte sie diese Tradition fort: Neben der „richtigen“ Umsetzung des Terry-Pratchett-Romans The Colour of Magic (siehe hier und hier die gesammelten Versoftungen dieses wunderbaren Autors) brachten Judith Childs und Fergus McNeill ihr Spiel The Boggit – Bored too auf den Markt.

Der Hobbit, der in dieser Geschichte in einer gemütlichen Höhle haust, heißt Bimbo Faggins. Ja, gewöhnt euch lieber gleich an diesen „Humor“. Auch er soll auf eine Abenteuerreise geschickt werden, doch der Zauberer Grandalf hat dazu ein ganz eigene Methode: Er kracht durch ein Fenster und lässt eine Schachtel explosiver Schokolade fallen, bevor er sich wieder hinausschwingt. Bimbo muss also wohl oder übel raus aus dem Haus, wo er direkt von einer Gruppe Zwerge abgefangen wird. Grandalf moderiert eine Variante von „Der Preis ist heiß“ und ehe er fliehen kann, hat unser Halbling einen Campingurlaub mit Thorny und den anderen Zwergen gewonnen. Diese feinen Gesellen halten mit ihren Plänen immerhin nicht groß hinterm Berg. Stattdessen singen sie lauthals:

We’re dwarfs, we’re dwarfs, all doomed to die /

We’ll probably finish in the dragon’s pie /

So we’ll take ol‘ Bimbo Faggins, a real cement head /

Hopefully ol‘ Daug ‚ll eat him instead.

Hog the gold! Pass the buck!

Split Bimbo’s share between us!

Und so weiter und so weiter. In dieser Welt wird einem offensichtlich nichts geschenkt. Dennoch ziehen Bimbo, der Zauberer und die Zwerge hinaus, um dem Drachen Daug den Garaus zu machen. Dabei klappern sie all die Schauplätze der Vorlage ab, die allerdings jeweils einen eigenen Twist haben. Zum Beispiel vertreibt Grandalf die wolfsähnlichen – nur viel größeren – Warge – hier mit einer Dose Pedigree Hundefutter. Auf einer Bootsfahrt über den Black River kann der Hobbit Duty-Free-Ware per Kreditkarte einkaufen – dieser Fusel wiederum ist wichtig, damit einen Lard in der Stadt am See mit Waffen versorgt. Die Schwachstelle des Drachen gibt es an anderer Stelle nur gegen Bargeld und so weiter und so weiter. War schon The Hobbit beileibe kein einfaches Spiel, verkompliziert The Boggit mit dem Wissen um die Vorlage meine Gedankengänge noch. Schließlich weiß ich ja vom Buch und vom ersten Spiel her, wie eine Situation zu lösen wäre. Wenn es nicht eben doch ganz anders funktionieren würde.

Auffällig ist die verwendete Zeitform: The Boggit bleibt konsequent in der Vergangenheit. Bimbo geht nicht von einem Ort zum anderen. Nein, er ging. Was zu dieser Design-Entscheidung geführt hat, ist nicht bekannt. Allerdings stört es nicht und fühlt sich in den besten Momenten so an, als würde man eine Geschichte lesen. Mein persönlicher Höhepunkt ist allerdings, dass viele Aktionen wie „get diary“ jedes Mal mit dem Standardsatz „This magnificent act, to put it plainly, was done!“ quittiert wird. Ich habe nun mal ein einfaches Gemüt – und dieser Satz gefällt mir weitaus besser als Namen wie Bimbo, Grandalf oder Muddle Earth.

Auch wenn The Boggit eine durchgehende Geschichte erzählte, war das Programm auf der Cassette in drei separat ladbaren Teilen abgespeichert. Die Grafiken orientieren sich häufig an den Vorbildern aus The Hobbit. Besser gesagt: Sie kopieren sie schamlos. Das kann zu einem Schmunzler führen, aber in den vier Jahren zwischen den beiden Spielen hatte sich technisch eigentlich etwas mehr getan, als das verwendete Programm The Quill abbilden konnte. Hier im Vergleich der Kerker des Goblin-Königs:

Obskurer Humor hin oder her: Technisch ist The Boggit gut gelungen. Der Parser des Spiels war natürlich auch 1986 bereits veraltet, doch die Text- und Grafikmenge ist nicht zu verachten. Der Quatsch ist bei aller Quatschigkeit gut geschrieben, doch natürlich für die deutsche Spielerschaft nicht immer leicht zu verstehen. Heinrich Lenhardt schrieb in seinem 56-Prozent-Test im Happy-Computer-Sonderheft 11:

The Boggit ist prinzipiell eine unterhaltsames Spielchen. Leider kann man das Programm nur einem recht speziellen Käufer-Kreis empfehlen. Um sein Späßchen zu haben, muß man a) Adventure-Fan sein, b) The Hobbit gespielt haben, c) gut Englisch können und d) Sinn für skurillen Humor haben. Wer sich bei allen vier Punkten angesprochen fühlt, sollte sich The Boggit unbedingt ansehen. Das Spiel ist in mancherlei Hinsicht wirklich einmalig und dabei recht knifflig.

Begeisterter zeigte sich in Gestalt von Manfred Kleimann die ASM. In den einzelnen Kategorien vergab er nur Neunen und Zehnen und verweist auf den zufällig in der gleichen Ausgabe stattfindenden Wettbewerb zum Spiel. Dass in seinem Test nur der erste Raum erwähnt wird und die beiden Screenshots die ersten beiden Locations abbilden: Details.

Angeblich brachte der Publisher Zenobi eine Compilation namens Hairy Toes auf den Markt, in der Bored of the Rings und The Boggit enthalten war. Leider finden sich dazu im Netz weder Cover, Anzeigen noch Besprechungen.

Zwischensequenz aus The Hobbit (2003)

The Hobbit (2003)

2003 erschien The Hobbit – The Prelude to The Lord of the Rings. Den Untertitel trägt das Spiel natürlich hauptsächlich zu Marketing-Zwecken, denn in den Jahren 2001 – 2003 brachte Regisseur Peter Jackson das bis dahin als unverfilmbare Hauptwerk von J.R.R. Tolkien auf die große Leinwand und ins Gedächtnis einer weitaus größeren Interessentenschar als bisher. Noch allerdings lagen die Hobbit-Filme von Jackson in weiter Ferne, so dass sich auch dieses Spiel recht nah an der Romanhandlung entlang tastet. Bilbo wird also von Gandalf und den Zwergen angeheuert, bis zum Einsamen Berg zu marschieren und den Drachen Smaug zu bestehlen oder zu besiegen.

Diese Ausgabe der Geschichte ist allerdings – dem Jahr 2003 und der unterstützten Plattformen Playstation 2, Xbox, PC und GameCube geschuldet – in 3D gehalten. Da die erste durch die Spieler steuerbare Sequenz eine Traumsequenz ist, kann Bilbo gleich mal sein treues Schwert Stich und die Orientierung im Raum ausprobieren, während er sich einer Horde Orks erwehrt, die teilweise noch von Wargen unterstützt wird. Doch dann wacht Bilbo auf seinem Höhlenboden auf. Es war alles nur ein Traum! Na gut: Bis auf die Zwerge, die im nächsten Gasthof auf ihn warten. Auf dem Weg dorthin durchquert er Hobbingen und sammelt in einer Tour Diamanten und Münzen ein. Außerdem hat praktisch jeder Dorfbewohner einen kleinen Auftrag für ihn. Mit seinem Wanderstab sind die langen Strecken für Bilbo allerdings kein Problem. Nun Wandern, das macht er mit dem Ding nicht. Dafür kann er damit schlagen und ein wenig Hochsprung üben.

Wie gesagt: Die Geschichte hangelt sich bis auf kleinere Neuerfindungen und ebenso kleine Auslassungen am Buch entlang. Die Umgebungen sind hübsch gestaltet, allerdings auch etwas leer und sie neigen zu unsichtbaren Wänden als Levelbegrenzung.

Wäre da nicht die Lizenz, wäre das Spiel gerade auf den Konsolen eines unter vielen – Bastian Pastewka als deutsche Stimme von Bilbo hin oder her. Entsprechend fielen die zeitgenössischen Wertungen aus, die sich um die 60 Prozent einpendelten. Aktuellere User-Besprechungen tendieren eher nach oben, was wohl mehr über die Lizenz als über das Spiel aussagt. Wer Lust auf ein nicht besonders schweres 3D-Spielchen mit netter Musik und großem Sammelanteil hat, macht hier jedenfalls auch heute nichts falsch.

Ach so: Es gab auch noch eine Version für den Game Boy Advanced. Dieses Gerät konnte logischerweise keine 3D-Welten darstellen und nutzte eine klassische Schräg-von-oben-Sicht. Diese Fassung hat allerdings noch weniger Spuren hinterlassen als auf den anderen Plattformen. Riesenratten als Standard-Gegner und ein ständig wiederkehrender Ausruf Bilbos, der nach Ha! klingt, nutzen sich schnell ab.

The Hobbit: Kingdoms of Middle Earth (2012)

In BFG geht es ja auch immer darum, welche Elemente welcher Vorlage im nächsten Medium wieder aufgegriffen werden. Und The Hobbit: Kingdoms of Middle Earth war 2012 das erste Hobbit-Spiel, das nicht mehr auf dem Buch basierte, sondern sich an Peter Jacksons Film-Trilogie beziehungsweise an den gerade erschienenen ersten Teil Eine unerwartete Reise anlehnte. Das zeigt schon der knappe Launch-Trailer, der die Hälfte seiner Laufzeit mit Szenen aus dem Film bestreitet, während der Spiele-Anteil äußerst nichtssagend mit einigen Schlagwörtern wie „Live your Legend“ oder „The War is going Mobile“ untermalt wird:

Das Spiel war ein Free-to-Play-Titel für mobile Plattformen. Entwickelt von der Firma Kabam erschien es 2012 und wurde Mitte 2017 wegen auslaufender Lizenzen abgeschaltet. Im Grunde handelt es sich um einen City-Builder mit Lizenz-Anstrich.

Zu Beginn wählt der Spieler seine Seite. Zur Auswahl stehen Elben oder Zwerge. In der Stadt-Ansicht werden dann die benötigten Bauwerke wie Häuser, Schmieden oder Lagerhäuser errichtet, während in der Umgebungsansicht Farmen und Mühlen gebaut werden, um den Nachschub zu sichern. Parallel zu dieser Arbeit erforscht das aktuelle Volk auch allerlei Verbesserungen, um die Produktion der Bauwerke oder die Waffen der Soldaten zu verfeinern. Auf der dritte Ebene, einer Umgebungskarte, werden die Kämpfe ausgefochten und das eigene Reich vergrößert. Wobei der taktische Part sich darauf beschränkt, die eigene Truppenstärke per Schieberegler zu bestimmen, den dazu passenden Helden-Anführer auszuwählen und nach Bedarf noch verbrauchbare Items auszuwählen. Der Kampf selbst wird im Hintergrund simuliert und das Ergebnis eingeblendet.

Wie viele andere Free-to-Play-Titel arbeitete Kingdoms of Middle Earth mit einer erklecklichen Anzahl von Ressourcen: Essen, Wein, Steine, Eisen, Gold, Perlen, Edelsteine, Mithril, Stundengläser, Runen… Jeder Spieler konnte bis zu fünf Städte besitzen und sowohl gegen andere Spieler als auch vom Computer verwaltete Felder anspielen. Soweit bekannt, sahen Elben- und Zwergen-Umgebungen zwar vollkommen anders aus, doch selbst die Truppen waren letztlich nur gespiegelte Varianten ihrer Gegenstücke und verhielten sich gleich.

The Hobbit: Armies of the Third Age (2013)

Wer „Mobile“ sagt, muss natürlich auch „Browser“ sagen. Weshalb Kabam bereits ein Jahr später, also 2013 ein Browser-basiertes Spiel auf den Markt brachte. Der damalige Präsident der Firma, Andrew Sheppard sagte damals:

The Hobbit: Armies of the Third Age und The Hobbit: Kingdoms of Middle-earth bieten zwei fesselnde und zugleich deutlich unterschiedliche Möglichkeiten, die ikonischste Fantasy-Welt aller Zeiten zu erleben – im Web und auf mobilen Geräten.

Damit sich die beiden Spiele nicht gegenseitig kannibalisierten, lag das Hauptaugenmerk von Armies of the Third Age auf den Kämpfen. Das Gesehen auf dem Bildschirm sieht in der Tat ganz schick aus und erinnert ein wenig an hübscher gezeichnete Command & Conquer-Gebäude im Fantasy-Stil:

Um überhaupt eine Armee zur Verfügung zu haben, muss der Spieler für seine Fraktion (entweder Elben, Zwerge oder Orks) auf begrenztem Platz eine Stadt errichten und ausbauen. Dann wählt er auf einer Übersichtskarte eine gegnerische Siedlung aus und greift sie an. Mehr als die Wahl seines Helden und der Anfangsstandorte seiner Truppen kann der Hobbygeneral allerdings nicht bestimmen. Die Hauptfaszination solcher Spiele dürfte wohl gewesen sein, dass sich theoretisch tausende Spieler verbünden können. Das scheint bei diesem Spiel nicht der Fall gewesen zu sein, denn einer einzelnen Quelle zufolge lief es gerade mal ein gutes Jahr und wurde im Sommer 2014 bereits abgeschaltet.

Lego The Hobbit (2014)

Natürlich musste auch die Firma Traveller’s Tale noch ein Spiel zur Filmreihe auf den Markt werfen. Nachdem sie 2012 bereits Lego The Lord of the Rings veröffentlicht hatte, kam der Prequel-Nachfolger (es ist und bleibt verwirrend) 2014 in die Regale: Lego The Hobbit. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Spielen nimmt das Spiel nicht einfach nur das Szenario und ein paar bekannte Gesichter, sondern es erzählt in typischer Lego-Spiele-Manier die Filme nach. Also… die ersten beiden Filme.

Die Funktionsweise der Lego-Spiele von Traveller’s Tale ist bis auf kleinere Abweichungen immer gleich geblieben: Die komplette Welt sieht aus, als sei sie aus den dänischen Klemmbausteinen errichtet worden. Das bedeutet, dass die meisten Gegenstände in ihre Einzelteile zerlegt werden können. Meist bringt das Punkte, in einigen anderen Fällen können aus den übrig gebliebenen Steinen neue Bauwerke errichtet werden, mit denen die Figuren Aufgaben lösen können. Jede Figur hat eigene Fähigkeiten, die wiederum für das Vorankommen im jeweiligen Level wichtig sind. Hat der Spieler mit den vorgegebenen Figuren einen Level gelöst, kann er später dorthin zurückkehren und mit weiteren freigeschalteten Figuren die letzten Geheimnisse des Levels lüften. Dank Lego-Optik und Sprachsamples aus den Filmen macht das auch eine Menge Spaß, wobei mir die Frühwerke der Lego-Spiele im Präsentations-Bereich besser gefallen haben. Die Figuren konnten nicht sprechen und verständigten sich mit Pantomime sowie einigen Lauten, die Überraschung, Schmerz oder Freude hervorragend rüber gebracht haben. Die Spiele mit Sprachausgabe wirken zumindest in der deutschen Version in diesem Bereich immer etwas zusammengestückelt.

Der Düsternis der Jackson-Filmvorlagen kann das Lego-Spiel bei den Umgebungen nicht so recht entkommen. Das 2003er-Spiel ist also weitaus farbenfroher, aber mehr Sammelkram und letztlich auch mehr Spielspaß findet sich hier bei Lego. Etwas nervig sind die neu hinzugekommenen Schmiede-Aufgaben. In der Theorie darf sich der Spieler wie ein „richtiger“ Lego-Baumeister vorkommen. In der Praxis klickt man sich durch einzelne Bauteile und sieht auf der rechten Seite zu, wie sich alles fügt.

Nun, wie gesagt: Lego The Hobbit bildet nicht die komplette Trilogie ab. Als das Spiel veröffentlicht wurde, war der dritte Film noch nicht im Kino. Warten wollte Traveller’s Tale offensichtlich aber auch nicht mehr. Also behandelte das Spiel nur zwei Drittel der kompletten Erzählung und endet entsprechend offen. In zeitgenössischen Interviews und Tests wurde ein abschließender großer DLC für die Handlung des dritten Films aber bereits angekündigt. Offensichtlich fehlte den Entwicklern aber der letzte Beutel mit Lego-Steinen, um das Ding jemals zu veröffentlichen. Die Monate zogen ins Land und ein gutes Jahr nach Veröffentlichung des Spiels gab es ein dürres Statement von Warner Bros., dass es keine Pläne für einen entsprechenden DLC gäbe. Trotzdem bietet Lego The Hobbit natürlich viel Spiel fürs Geld. Wer alles Drum und Dran erledigen möchte und alle Figuren freischaltet, dürfte zwischen 30 und 40 Stunden beschäftigt sein.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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10 Comments on “BFG (5): Der Hobbit”

  1. Hallo Jürgen,

    danke für den seeeehr langen BGF Artikel zum Hobbt. Ich habe ihn erstmal nur kurz überflogen, weil das doch nen ganz schön langer Klopper geworden ist. En Detail lese ich mir den in den kommenden Tagen ganz gebau durch.

    Aber ich wollte an dieser Stelle noch anmerken, daß es ein Hörspiel zum Hobbit auf 4 CDs gibt. Das schien es mal im Weltbildverlag gegeben zu haben. Reinhören konnte ich da noch nicht. Vor einem oder zwei Jahren gab es in der ARD Audiothek auch noch ein schönes Hörspiel, was ich mir sichern konnte. Dieses widerum konnte ich bereits anhören. Beide Versionen will ich demnächst mal vergleichen ob das das gleiche ist. An die Version aus der Audiothek habe ich relativ gute Erinnerungen.

    Was die Filme angeht, so haben alle drei Teile durchaus ein paar Längen, gerade der erste Film. Ich habe nie das Buch „Der Hobbit“ gelesen. Mein Fehler war es wohl erst den Herrn der Ringe zuerst lesen, wo ich mich streckenweise durchgegähnt habe, weil zuviel Erläuterung der Welt oder dann zu lang beschriebene Schlachten. Danach hatte ich keine Lust mehr auf den Hobbit, obwohl das eher das Buch ist wo es schneller zur Sache geht.

    Die Filme an sich fand ich nicht schlecht. Im Schnitt habe ich die auf einer 10 Sterne Skala mit 7 bis 7,5 Sternen bewertet. Wie gesagt ich habe kein Vergleich zum Buch, von daher bezieht sich mein Eindruck nur auf den Film. Ja, das CGI ist auch das Problem, obwohl zwischen den HdR Filmen und der Hobbit Trilogie 10 Jahre zwischen liegen und man da durchaus besseres erwarten kann. Die Schlacht im dritten Teil vom Hobbit fühlte sich für mich nicht mehr an wie im Herrn der Ringe Universum, sondern eher wie in einem eher kreativen Fantasyfilm mit den Fantasywaffen wie die Schleudern die den Pfeilregen der Elfen zerschmettern. Gut ich mochte diese Elemente und insgesamt fühlte ich mich trotz Liebesgeschichte und Arwencharakter gut unterhalten. Alles in allem aber leicht überdurchschnittliche Fantasykost, wenn man bedenkt was Hollywood der Fantasy in den letzten Jahrzehnten angetan hat 😀

    Und danke für die Widmung. Der Kommentar im Discord dazu war aber eher ironisch gemeint, du kennst mich doch Jürgen 😀

  2. Gut das du den Hobbit genommen hast, denn Middleearth war in den späten 70zigern bzw frühen 80zigern gefühlt jedes Spiel mit Fantasy Hindergrund, gemischt mit ADnD Regeln.

    1. Nun Gary Gygax hat Middleearth auch als Blaupause für sein Regelwerk genommen und hat da auch vieles dreist kopiert, den Hobbit als Dieb…. nur nannte er den im Regelwerk von DnD eher Halbling und so…… Aber generell hat Tolkien mit seiner Welt viel Fantasy beeinflusst.

    1. Ich habe mehr Probleme mit so Sachen wie der Fasstour durch den Fluss. Klar gab es im Herrn der Ringe diese dämliche Sequenz von Legolas mit den Olifanten, aber Jackson hat daraus nichts gelernt und eine vergleichbare Szene hier noch ausgewalzt.

      1. Er hat den Hobbit ohnehin viel zu sehr aufgeblasen. Mich dünkt, wenn man ihn hätte machen lassen, wären wir bei HDR auf 10 Teile gekommen. 😂

  3. Spannender Artikel, auch wenn ich nur das Buch kenne. Die Filme wollte ich mir nicht antun und die Spiele kenne ich auch nicht. Nachdem ich alle drei Herr-der-Ringe-Filme zum zweiten Mal im Extended Cut (insgesamt 12 Stunden) mit Freunden gemeinsam am Stück geschaut hatte, war ich von dem Universum extrem übersättigt. Und das dauert auch heute noch an! 😉

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