World Class Leader Board

Heute möchte ich über die Ursprünge einer der erfolgreichsten und längsten Golfspiel-Serie schreiben, da ich seit diesem Jahr den ersten DOS-Titel davon besitze: World Class Leader Board von Access Software Incorporated.

Zur Entstehungsgeschichte

Erst ein kleiner Überblick über die Geschichte der Firma Access: Gegründet wurde sie von Chris Jones und Bruce Carver Anfang der 80er. Beide waren Kollegen, die privat schon sehr früh einen C64 hatten, auch programmieren konnten und sich mit diesen Fähigkeiten natürlich selbständig machen wollten.

In einem Interview zum Start der Firma berichtet Chris Jones: „Das erste Programm, das wir entwickelt haben, war Spritemaster. Es war so erfolgreich, dass wir Vollzeit bei Access Software arbeiten und unsere Stellen bei dem Ingenieurbüro kündigen konnten.“ Danach folgten 1983 wirklich erfolgreiche und noch heute bekannte Spiele wie Beach Head oder Raid over Moscow. Drei Jahre nach der Gründung kam 1986 das Golf-Spiel Leader Board für die Homecomputer auf den Markt.

Die ursprüngliche Konzeption dessen, was später zu Leader Board werden sollte, orientierte sich sehr stark am Epyx-Modell. Access stellte sich ein Spiel vor, das aus vier separaten Disziplinen bestand: einem Baseball-Home-Run-Derby, einem Fußball-Elfmeterschießen, einer „Closest-to-the-Pin“-Golf-Herausforderung (das heißt, jeder Spieler hatte drei Schläge, um so nah wie möglich an ein einzelnes Loch heranzukommen) und einer weiteren Disziplin, die zu gegebener Zeit festgelegt werden sollte.

Bruce Carver war zu der Zeit schon recht erfahren mit der Softwareentwicklung auf dem C64 und nahm damit eine wichtige Rolle bei der Entstehung der 3D-Vektorgrafik und Physik-Engine für Leader Board ein. Zusammen mit seinem Bruder Roger Carver waren beide für die Golfsimulation zuständig. Da Roger ein ausgezeichneter Golfer war, dessen Handicap bis auf 3 gesunken war, nahmen sie dessen Golfschwung auf VHS auf und übertrugen ihn Frame für Frame auf den C64. Die Sportspiel-Sammlung wurde ad acta gelegt, Leader Board wurde 1986 veröffentlicht und das Spiel war so erfolgreich, das die Zzap!64 (damals sehr bekannte Spielezeitschrift) das Spiel mit dem „Gold-Award“ auszeichnete.

World Class Leader Board

CGA Startscreen der ersten DOS Version ohne vollen Titel

1987 folgte der noch erfolgreichere Nachfolger World Class Leader Board. Dieses Spiel kam wieder für die Heimcomputer C64, ZX Spectrum, Apple II, Amstrad CPC und die großen Brüder Amiga und Atari ST raus. 1988 folgten Portierungen für IBM PC und den Macintosh. Richtig erfolgreich waren die noch späteren Umsetzungen für das Sega Game Gear, das Master System und dem Sega Genesis (1991).

Entgegen der Releasedaten 1988/89 auf MobyGames stammt meine DOS-Version von 1987. Diese hat geringe Systemanforderungen: “IBM AT-XT-PC, Tandy 1000-2000-3000 and all 256k compatibles” , und erfordert nur einen Color Graphics Adapter (CGA). Die Screenshots auf der Rückseite verweisen auf CGA-bzw. krude EGA-Grafik. In der ersten DOS-Version wurde wahrscheinlich nur das alte Homecomputer Spiel Leader Board portiert. Der Titelscreen zeigt als Namen noch den einfachen Titel “World Class” und die CGA Grafik war für ein farbenfrohes Golfspiel ungeeignet.

Im Internet findet sich als älteste Versionsnummer die 3.1, auf den üblichen Seiten verlinkt sind aber normalerweise die moderneren Versionen der bekannten EGA-Version. Ob überhaupt frühere Versionen in den Handel kamen, lässt sich leider nicht nachvollziehen.

EGA-Version

Vergleich CGA / EGA Version von Titel und Abschlag.

Die PC Version von World Class Leader Board wurde nach der Erstveröffentlichung von Kevin Homer weiterentwickelt und die neuen EGA Grafiken von Douglas Vandegrift erstellt. Doch das bekannteste Feature kam mit der Version 5.0 ab 1989. Dafür war Steve Witzel, Tontechniker bei Access verantwortlich. Er entwickelte die patentierte Technik RealSound für PC-Lautsprecher. Das zugehörige US-Patent trägt die Nummer US5054086 A und schützt die von Steve Witzel (Access Software) entwickelte Methode, über den einfachen PC-Lautsprecher digitale Audiodaten abzuspielen. Diese Technologie wurde später auch von Legend Entertainment lizenziert und in den Spellcasting-Spielen benutzt.

Im gleichen Jahr begeisterte ein weiteres Spiel mit digitalisierten Sound auf dem PC: Mach 3 von Loriciel hatte beim Titelscreen auch ein tolles Soundsample und im eigentlichen Spiel einige Effekte, die durch Audio-Sample aufgewertet wurden. Die Technik zur Ausgabe von digitalisierten Sound war wohl reif im Jahr 1987, denn die französischen Entwickler wussten vermutlich nichts von der Entwicklung bei Access.

Bei aller Technik-Begeisterung: Was war denn nun bei World Class Leader Board zu hören? Bei niedrigen Sampleraten und wenig Action, während die 4,77 MHz der CPU ausgelastet war, kann man ja nicht viel erwarten? Nun: Es gab endlich realistische Sounds auf dem PC, statt einstimmige Piepser..

Es fängt beim Titelscreen an, der jetzt den vollen Namen des Spiels in EGA zeigt. Und während man diesen bewundert, hörte man tatsächlich Vogelgezwitscher. Könnt ihr Euch ein PC-Spielekind vorstellen, das bisher nur Gepiepse aus dem PC Lautsprecher gehört hatte und dann plötzlich diese Geräuschkulisse?Während des Spiel werden ständig Kommentare wie ”No doubt about it, he’s deep in the sandtrap“ („Kein Zweifel, er steckt tief im Bunker“), „Straight onto the fairway“ (Direkt aufs Fairway) und „Looks like he hit the tree, Jim“ („Sieht so aus, als hätte er den Baum getroffen, Jim“) ausgegeben. Wer in der vorgegebenen Schlag-Anzahl ins Loch getroffen hat, wird von den Zuschauern frenetisch beklatscht – begeisterte Zwischenrufe hört man auch. Oder ein Raunen durch die Menge, wenn man bei Putten mal wieder ganz knapp daneben gezielt hat.

Steuerung

Doch wie wird man ein erfolgreicher Golfer? Natürlich mit einer guten Steuerung: Zuerst wählt der Spieler den passenden Golfschläger aus. Das Spiel schlägt basierend auf der Distanz zum Loch automatisch einen geeigneten Club vor, der Spieler kann diese Empfehlung jedoch jederzeit manuell überschreiben.

Jeder Club hat eine charakteristische Reichweite (welche den echten Weiten im Spiel entsprechen)– vom Driver für weite Abschläge bis zum Putter für das kurze Spiel auf dem Grün. Die Zielrichtung wird mit den Pfeiltasten gesteuert: Auf dem Golfkurs bewegt der Spieler einen Cursor oder Marker, der die geplante Flugbahn des Balls anzeigt. Diese visuelle Hilfe ermöglicht es, Hindernisse wie Bunker, Wasserflächen oder Bäume gezielt zu umspielen.

Die Kernmechanik von World Class Leader Board basiert auf einem dreistufigen Timing-System, das in allen Versionen des Spiels konsistent umgesetzt wurde. Ein Schlag erfordert eine Abfolge von präzisen Aktionen, die über einen Schwungstärke-Balken und eine Präzisionsanzeige für angeschnittene Bälle visualisiert werden.

Bei der Tastatursteuerung am PC wird dafür die Leertaste oder eine der Maustasten genutzt. Der Ablauf ist wie folgt: Ein erstes Drücken der Taste startet den Ausholschwung des Golfschlägers. Ein zweites Drücken legt die Schwungstärke fest. Je später die Taste gedrückt wird, desto kräftiger ist der Schlag. Ein drittes und letztes Drücken bestimmt den Treffpunkt und die Präzision des Schlages. Wer im richtigen Moment die Taste drückt, wenn der schwingende Balken der „Power Bar“ die maximale Stärke erreicht, erzielt einen optimalen Schlag.

EGA-Grafik

Man konnte auf jedem Rechner beim Bildaufbau dabei sein – beim C64 teilweise bis zu 5 Sekunden.

Die EGA-Version läuft in 320×200 Pixeln mit bis zu 16 Farben – ein deutlicher Sprung gegenüber der CGA-Fassung mit nur vier Farben. Diese erweiterte Palette ermöglicht zum Beispiel schönere Grünstufen für Fairway, Rough und Grün sowie detaillierte Bäume, Wasserflächen, Bunker und Sandfallen mit subtilen Schattierungen.

Die Golfplätze werden in perspektivischer Pseudo-3D-Ansicht dargestellt, die den Spieler hinter dem Ball positioniert und ein Gefühl für Tiefe und Distanz vermittelt. Eine optionale Vogelperspektive zeigt das gesamte Loch vom Abschlag bis zur Fahne für die strategische Planung.

Als Spieler auf einem langsamen PC konnte man beim Aufbau des Bilds zuschauen. Das wurde ab 1990 in der Nachfolge-Reihe Links beziehungsweise Links 386 in SVGA eine richtige Geduldsprobe, aber dafür waren es einfach die schönsten Golfplätze, die man damals auf dem PC zu sehen bekam.

Physik: Ballflug, Wind und Präzision

Die Physik-Engine berücksichtigt Schwingstärke, Ballkurve (Hook oder Slice), Windeinfluss, Geländeneigung und Schlägertyp. Beim Schlag sind drei Parameter für den Schlag direkt wichtig: Der ausgewählte Schläger, die Schwingstärke und die Genauigkeit der Präzision Anzeige. Auf den höheren Schwierigkeitsstufen ist der Windeinfluss aktiv und wird als Pfeil angezeigt.

Auf dem Grün zeigt ein „Slope Indicator“ die Neigung an; auf Professional-Level muss die Puttstärke bei längeren Distanzen aus dem Gefühl eingeschätzt werden. Die Ballphysik auf dem Grün galt für die damalige Zeit als außerordentlich realistisch.

Weitere Erweiterungen und Nachfolger

Das Spiel bring in der Grundausstattung vier Golfplätze mit: die realen Kurse Cypress Creek, Doral Country Club (USA) und St. Andrews (Schottland) sowie den fiktiven, besonders anspruchsvollen Gauntlet Country Club. Jeder Platz umfasst 18 Löcher, spielbar in Kombinationen von 18 bis 72 Löchern. Die Platzgestaltung enthält Fairways, Roughs, Bunker, Wasserhindernisse, Bäume und Grünflächen.

Später erschienen drei Erweiterungen mit weiteren berühmten Plätzen. In drei separat zu kaufenden Erweiterungsboxen erschienen die drei Zusatzkurs-Discs Famous Courses of the World Volume I-III mit je 72 Bahnen, allerdings nicht mehr für alle Systeme.

Access entwickelte sein Golfspiel kontinuierlich weiter und 1990 kam der nächste Titel raus. Die Leader-Board-Reihe wurde allerdings nicht mehr weitergeführt. Stattdessen begann die Firma mit Links: The Challenge of Golf ihre langlebige Reihe, bei der sich in den frühen 90ziger Jahren mehrere Generationen zum gemeinsamen Golf-Spielen am PC versammelt.

Wie spielt es sich?

Die ASM 5/87 bewertet das Update auf World Class Leaderboard auf dem C64 mit 8/12 Punkten:

Der Bewegungsablauf und der schrittweise Grafikaufbau wurden größtenteils beibehalten, was den Spieler aber nicht immer erfreut, denn bei Plätzen mit vielen Bäumen kann es schon mal fünf Sekunden dauern, bis man endlich den ersten Schlag machen kann. Wie schön erwähnt, wurden vier neue Kurse mitgeliefert, dessen Spielfelder sich ähneln, und sich jeweils nur in der Struktur unterscheiden. Die Spielmotivation hält dadurch nicht sehr lange an, man sollte lieber eigene Kurse erstellen.

In der ASM 1/89 wird dann auch die Amiga Version unter Konvertierungen erwähnt:

Fans dieser Golfsimulationen reiben sich wahrscheinlich jetzt die Hände, denn wie beim C-64 gibt’s jetzt auch hier einen im Programm integrierten Editor, mit dem man entweder bereits vorhandene Parcours ändern oder sogar völlig neue Spielfelder erschaffen kann!! Dies erübrigt eventuell die Anschaffung der vielen Zusatzkurs-Discs, da man nun der Phantasie freien Lauf lassen kann und beliebig viele eigene Parcours erschaffen kann. Im Vergleich zur C-64-Version liegen zwischen beiden Formaten deutliche Unterschiede, die natürlich schon durch die wesentlich besseren Grafikfähigkeiten des Amiga und der besseren Soundausnutzung begründet sind. Digitalisierte Zuschauer-Geräuschkulissen runden die Szenerie als perfekte Golfsimulation ab. Wer einen Amiga besitzt und ein sehr gutes Golfprogramm sucht, der kommt an WORLD CLASS LEADER BOARD nicht vorbei! (uw)

Es gab später auch Versionen für Sega Master Systen, Sega Gamegear und Sega Mega Drive. Die Konvertierung auf Atari ST und Amiga entsprechen dem Umfang des Originals, weil es keine Weiterentwicklungen sind. Für die erweiterte DOS-Version konnte ich im Netz leider keine Bewertung finden. Schade.

In meiner Sammlung

World Class Leader Board , 1st Edition, DOS

Über die letzten Jahre habe ich erst meine umfangreiche Links-Sammlung vervollständigt. Danach folgten die Links-386-Kursdisketten, die mit einer Besonderheit aufwarten: In fast jeder Box liegt die originale Kurskarte des Platzes bei. Dieses Sammelgebiet ist aber ein ganz anderes Thema und für sich genommen eventuell ein bisschen verrückt.

In meiner Sammlung: Der Nachfolger Links bzw. MS Golf hatte noch viel mehr Extra-Golfplätze

Bis ich eine PC Version vom Vorgänger finden konnte, dauerte es sehr lange. „Leider“ ist es nun eine verschweißte Version geworden. Deswegen kann ich aktuell nicht sagen, was wirklich in der Box ist. Aber so umfangreich wie die Ausstattung von Links ist es sicher nicht ausgefallen. Abgeschlossen ist meine Jagd immer noch nicht, denn nun suche ich die Version 5.x mit dem Real Sound Fähigkeiten, die sich nur durch den Aufkleber und hinten aktualisierten Screenshots unterscheidet. Es bleibt spannend.

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Über Christian, DOS-Sammler

Ich sammle seit den 90ern DOS-Spiele und kann nicht aufhören. Jetzt will ich den Spaß mit anderen teilen.

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One Comment on “World Class Leader Board”

  1. Vielen Dank für diesen Einblick. Ich selbst habe nur mit dem Ur-Leader-Board auf dem CPC gegolft. Fand ich richtig faszinierend; selbst der langsame Bildaufbau war mir egal. Das mit den mitgelieferten Übersichtskarten der originalen Kurse ist auch super. Offensichtlich waren die Entwickler von ihrem Produkt überzeugt und haben keinen Vergleich gescheut.

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