Als du dein Bewusstsein wiedererlangst, stellst du mit Schrecken fest, dass du unter Wasser angebunden wurdest. Panisch versuchst du, dem nassen Grab zu entrinnen… Willkommen bei The Drifter!

| Titel: | The Drifter |
| Erscheinungsdatum: | 17.07.2025 |
| Plattformen: | Windows, MacOS, Linux (geplant für: Switch) |
| Entwickler / Herausgeber: | Powerhoof / Powerhoof |
| Homepage: | https://thedriftergame.com/ |
Als Entwickler der Adventure-Engine PowerQuest hat das australische Indie-Studio Powerhoof bisher eine ganze Reihe kleinerer Powerhoof-Adventures kostenlos unters Volk gebracht. (Wenn ihr euch für die Hintergründe der Engine und des Studios interessiert, dann schaut doch einmal in unseren passenden Artikel.) Mit The Drifter, dessen Entwicklungsgeschichte bis in das Jahr 2017 zurückgeht, erscheint nun ihr erstes ausgewachsenes Point-and-Click-Adventure. Und das hat es ganz schön in sich!
Probleme über Probleme

In The Drifter erwartet euch eine „Pulp“-Geschichte erster Güte. Der Autor und Entwickler Dave Lloyd nennt King, Crichton und Carpenter als Inspirationsquellen, gemischt mit einer Portion australischem Horrorfilm der 1970er-Jahre („Ozploitation“). Fest steht auf jeden Fall, dass die Geschehnisse um den „Herumtreiber“ Mick Carter von der ersten bis zur letzten Sekunde fesseln und einige spannende Wendungen bereithalten. Angesiedelt ist die Geschichte grob gegen Ende des letzten Jahrtausends.
Nach langer Zeit sieht sich Mick Carter durch die bevorstehende Beerdigung seiner Mutter dazu gezwungen, wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren. Das Leben hat ihn gezeichnet – völlig verwahrlost und mittellos muss er als blinder Passagier an Bord eines Güterzugs reisen. Begleitet wird er von einem anderen Landstreicher, der aber scheinbar nur wirres Zeug von sich gibt. Am Zielort angekommen, öffnet Mick die Waggontür und wird von Soldaten mit Nachtsichtgeräten beschossen, im Kugelhagel stirbt seine Reisebegleitung. Ab diesem Zeitpunkt wird Mick gejagt – ohne zu wissen, warum. Er schafft es zunächst zu entkommen und trifft unter einer Brücke einen alten Freund wieder, der bereits viele Jahre als Obdachloser in Micks Heimatort Mawson wohnt. Eine Reporterin, die für einen Artikel über entführte Obdachlose recherchiert, treibt sich ebenfalls dort herum.

Kurze Zeit später wird Mick gestellt und bewusstlos geschlagen. Als er aufwacht, befindet er sich unter Wasser – angekettet und umgeben von vielen ebenfalls angeketteten Wasserleichen. Mick versucht panisch freizukommen – und stirbt. Um ihn herum wird alles weiß, und plötzlich befindet sich Mick wieder einige Sekunden vor seinem Tod. Erneut versucht er sich zu befreien – dieses Mal allerdings mit dem Wissen, das er sich bei seinen vorherigen Versuchen angeeignet hat. Dies ist eine zentrale Spielmechanik, die euch noch oft in The Drifter begegnen wird. Offenbar bekommt Mick immer wieder eine Chance, seinen Tod zu verhindern und ist somit scheinbar unsterblich.
Und wir reden hier nur über Ereignisse vom Anfang des Spiels. Die Liste von Micks Problemen wird immer länger: Nachdem er seinem vorzeitigen Wassertod entkommen ist, muss er feststellen, dass sein Freund, den er gerade erst nach langer Zeit wieder getroffen hatte, ermordet wurde. Als würde das nicht reichen, wird er noch als Hauptverdächtiger in diesem Mordfall gesucht. Dazu gesellen sich die Probleme mit seiner Familie, vor der er geflüchtet ist sowie weitere Vermisstenfälle (unter anderem auch eine enge Verwandte). Irgendwann ist er gezwungen, sich den Dämonen seiner Vergangenheit – sprich dem Grund, warum er aus seiner Heimat geflohen ist – zu stellen. Bis dahin gibt es aber noch einige unangenehme Situationen zu überstehen, die unter anderem Folterszenen, Erforschungen von geheimen Untergrund-Komplexen und mehrere von Micks Beinahe-Toden beinhalten. Die Ursache für seine Quasi-Unsterblichkeit wird im Spielverlauf ebenso beleuchtet wie auch die Motivationen anderer wichtiger handelnden Personen. Alles läuft auf ein dramatisches Finale mit einem für mich sehr gelungenem Ende hinaus. Mehr möchte ich gar nicht verraten, denn gerade für Freunde von Groschenroman-Geschichten ist es eine wahre Freude, das alles selbst zu erleben!
Grobe Pixel, glatt poliert

Mit der spannenden Geschichte hat The Drifter bei mir schon einmal voll ins Schwarze getroffen. Aber auch in vielen anderen Punkten weiß das Adventure zu gefallen. So ist die grobpixelige Inszenierung mit das Beste, was ich in den letzten Jahren in diesem Bereich gesehen habe. Der Stil und die Stimmung, die dadurch erzeugt wird, ist wirklich einzigartig und erinnert stark an die kostenlosen Frühwerke des australischen Duos. Kein Wunder, zeichnet doch auch hier Barney Cumming, der zweite kreative Kopf des Powerhoof-Gespanns, für die Art Direction verantwortlich. Vor allem das Spiel mit Licht und Schatten finde ich besonders gelungen. Die Animationen sehen genau so toll aus, es gibt allerdings einen kleinen Wermutstropfen: Einige Handlungen werden nur als Schwarzblende inklusive Beschreibung des Protagonisten dargestellt.
Damit sind wir bei der Sprachausgabe: In letzter Zeit werden wir Adventure-Fans ja wirklich mit großartigen englischen Stimmen verwöhnt und auch The Drifter macht da keine Gefangenen. Die Sprecher sind durch die Bank weg bestens besetzt und liefern eine tolle Performance ab. Dazu gesellen sich die übersetzten deutsche Texte aus der Feder von Marcel Weyers, der sein Talent dafür bereits bei etlichen Point-and-Click-Adventures unter Beweis gestellt hat. Abgerundet wird die Präsentation von einem filmhaften Darksynth-Soundtrack, der hervorragend zum Pulp-Thriller-Genre passt.
An alles gedacht

Neben einer guten Story ist mir bei einem Adventure vor allem das Rätsel-Design wichtig. Am besten ist es natürlich, wenn beides gut ineinandergreift – und das ist bei The Drifter zum Glück der Fall. Jede Aufgabe ist sinnvoll und bringt euch in der Geschichte weiter – genauso so sollte es sein. Man merkt einfach, dass Dave Lloyd ein echter Adventure-Liebhaber und -Kenner ist. Die Rätsel in The Drifter sind nicht leicht, aber immer fair. Es gibt zwar Stellen, die euch bestimmte Handlungen und somit das Weiterkommen erst dann möglich machen, wenn ihr den passenden Punkt in der Geschichte erreicht habt, diese sind aber zum größten Teil nachvollziehbar. Ein langes Herumirren sollte euch erspart bleiben, aber selbst wenn ihr noch einmal alle Orte abklappern müsst, hilft euch eine Übersichtskarte.

Eine Besonderheit stellt die „Todes-Verhinderungs-Zeitreise-Mechanik“ dar, die an bestimmte Stellen in Old Skies erinnert, aber doch auch eigenständig gut funktioniert. Anstelle eines Hilfesystems könnt ihr euch die Gedanken von Mick ansehen, die euch grob zusammenfassen, was alles noch erledigt werden muss.
Das bringt uns zur Steuerung und zum Interface: Die klassische Zwei-Tasten-Maus-Steuerung funktioniert für mich immer gut, so auch hier. Linksklick zum Bewegen und Benutzen, Rechtsklick zum Ansehen sowie ein Doppelklick zum Verlassen des Bildschirms sind Genre-Standard. Neben den erwähnten „Gedanken“, die ihr oben links am Bildschirmrand aufrufen könnt, gesellt sich das Inventar, in dem ihr hin und wieder Gegenstände kombinieren oder mit Hotspots verwenden werdet. Ähnlich wie im bereits erwähnten Old Skies seht ihr Hotspot-Beschreibungen, wenn ihr mit der Maus über diese Punkte fahrt. Außerdem werden abgearbeitete oder unwichtige Hotspots mit einem X markiert, was die Übersichtlichkeit enorm erleichtert. Sehr schön ist auch das Dialogsystem, das die Themen als Symbole anzeigt. Wenn ihr ein Thema bereits mit einer Person besprochen habt, seht ihr beim Mouseover eine kurze gedankliche Zusammenfassung von Mick – wirklich eine tolle Idee.

Powerhoof haben ihrem Adventure zusätzlich zur Mauseingabe auch eine sehr schöne Controller-Twin-Stick-Steuerung verpasst, die aus The Drifter einen perfekten Kandidaten für einen Handheld wie das Steam Deck oder die Switch macht. Mit dem linken Stick steuert ihr Mick direkt durch die Hintergründe, mit dem rechten Stick öffnet ihr ein Radialmenü, dass euch die Handlungsmöglichkeiten offenbart. Mit den Triggern könnt ihr diese dann auslösen oder auch euer Inventar aufrufen. Das klappt alles wunderbar und steht der Maussteuerung in nichts nach. Nebenbei erwähnt performt The Drifter sowohl auf dem Deck als auch auf etwas schwachbrüstigeren PCs problemlos, dank der modernen auf Unity basierenden PowerQuest-Engine. Sehr löblich: Es wurde auch an Barrierefreiheits-Optionen gedacht, so könnt ihr in dem entsprechenden Menü beispielsweise eine besser lesbare Schrift oder die altbekannte Hotspot-Anzeige aktivieren.
Fazit

Ihr müsst The Drifter kaufen und spielen!

Während ich The Drifter gespielt habe, bin ich nicht nur einmal ins Schwärmen geraten. In Bezug auf die Grafik sehe ich Kathy Rain 2 – Soothsayer zwar noch eine Nasenspitze weiter vorne, doch in allen anderen Belangen macht kein Adventure aus diesem Jahr The Drifter etwas vor. Die ernst erzählte Pulp-Thriller-Geschichte mit einem leichten humorigen Unterton hat mich die ganze Spielzeit von über acht Stunden mitgerissen – hier geht es wirklich Schlag auf Schlag! Viele Szenen werden mir auch noch lange im Gedächtnis bleiben – das kann ich gewiss nicht von jedem Adventure behaupten, das auf meinem Monitor gelandet ist. Die Knobelei an den Rätseln hat mir richtig viel Spaß gemacht und auch das eingestreute Zeitreise-Warum-sterbe-ich-nicht-Element war genau mein Fall. Außerdem möchte ich noch einmal betonen, dass der Story nach hinten hinaus nicht die Luft ausgeht, hierfür gibt es von mir ein Extra-Lob.
Ich habe es nicht erwartet, aber das neueste Powerhoof-Werk ist für mich das beste Adventure, das ich seit langem gespielt habe. Und somit aus meiner Sicht auch ganz klar bisher das Adventure des Jahres, trotz der immens starken Konkurrenz! Wenn ihr als Adventure-Spieler mit dem B-Movie-artigen Setting klarkommt und ein Herz für gut gemachte Pixel-Grafik habt, dann führt für euch wirklich kein Weg an The Drifter vorbei. Derzeit könnt ihr entweder bei Steam oder GOG.com zuschlagen, später soll noch eine Switch-Version folgen (weitere Plattformen sind ebenfalls nicht ausgeschlossen). Und jetzt gibt es wirklich keine Ausreden mehr!

Danke für den schönen Test, hört sich – wie erhofft – gut an. Ich freue mich schon drauf, aber die Liste meiner ungespielten Spiele (auf die ich mich auch freue) wird immer länger. Dagegen sollte ich langsam etwas unternehmen 😉
Was hält dich denn davon ab diese Liste zu verkürzen? 😀
Na das Übliche – wenig Zeit, weil Arbeit, Wetter, andere Aktivitäten… Oder meinst du, ich sollte Spiele von der Liste streichen? 😱
Ich habe nicht gemeint, du sollst die Liste kürzen, in dem du die Streichst, wollte nur wissen woran es liegt, daß du wenig zockst 🙂 Also liegt es an allgemeiner nachlässigkeit bei dir 😉
Der Trailer hatte schon dafür gesorgt das es im Einkaufskorb landet (so muss man Trailer machen). Aber schön das meine Kaufentscheidung nochmal bestätigt wird > Danke
Tolles Adventure, die Story macht einfach Spaß – wenn man mit einer Mischung aus Grusel, Suspense und Fantasy was anfangen kann.
Ich fand die Rätsel allerdings eher leicht bzw sehr gut nachvollziehbar. Bin richtig gut durchgekommen. Gibt so Manches Adventure, bei dem ich irgendwann steckenblieb und wenn ich einmal die Komplettlösung auf dem Monitor hatte, wird das nichts mehr.
Danke für den schönen Artikel! Ich hatte mich richtig auf das Spiel gefreut und bin nur wegen Ferienabwesenheiten so spät dran.
The Drifter ist schon echt gut geworden. Für mich persönlich aber nicht unbedingt Adventure des Jahres. Es ist gut gelungen, ja, die Story ist spannend aber generell kam für mich das Rätseldesign teilweise nicht so richtig gut rüber. Das hängt für mich vor allem damit zusammen, dass man gefühlt ständig unter Zeitdruck ist und so gemütliche Rätselketten irgendwie total selten sind.
Die eigentlich atmosphärische Grafik hat mir bei gewissen Bildern fast schon in den Augen weh getan. Ich kann es auch nicht erklären, irgendwas an der Farbzusammenstellung gepaart mit der recht groben Auflösung fand ich anstrengend. Dazu kommt, dass in den meisten Szenen fast das ganze Bild durch eigentlich liebevolle Pixel-Lichteffekte zittert. Die ganze Kombination machte das Bild für mich unruhig und ermüdend.
Ein guter CRT-Shader hat dann geholfen, das etwas ab zuschwächen und dann sieht es wirklich ganz nett aus.
Schlussendlich stresste mich auch leider die Sprachausgabe. Die ist zwar eigentlich echt gelungen, aber wann immer der Hauptcharakter wieder in eine der vielen Gefahrensituation kommt, schwillt seine Erzählstimme immer derart unangenehm an, dass ich diese Dialogpassagen meist durch Mausklick kürzen musste. Ich scheine da eine Memme zu sein. 🙂
Nichtdestrotzrotz ein gutes Adventure, das man weniger zart besaiteten Menschen, als ich das bin, durchaus empfehlen kann.
Nun hoffe ich, dass er endlich mit Telwynium weitermacht.