Sammy Jones – Auf der Suche nach der schwarzen Schildkröte

Sammy Jones - Titelbild

Sammy Jones – Auf der Suche nach der Schwarzen Schildkröte ist ein seltenes Windows-3.1-Spiel von 1994. Unser Gastautor Christian, der DOS-Sammler, stellt euch Gameplay, Geschichte und Box-Inhalt vor.

Wenn ihr die Überschrift lest, denkt ihr gleich an Sammy Jones von den Senior World Championship in Ringen von 2021? Oder denken ältere Semester vielleicht an Samuel Percy Jones aus Australien, der 1881 zur Cricket Nationalmannschaft kam? Oder kennt ihr Sammy Jones and the Rum Runner, der um mein Geburtsjahr sogar 5 Reggae-Alben raus gebracht hatte?

Falls ja: All diese Personen haben nichts mit diesem Artikel zu tun. Hier geht es um einen Plattformhelden gleichen Namens, der Cover-Illustration nach ein Indiana-Jones-Verschnitt. Der vollständige Titel des Spiels lautet Sammy Jones – Auf der Suche nach der schwarzen Schildkröte, Das Spiel stammt von FunWare / Century Media und wurde 1994 von der Boeder Software GmbH veröffentlicht.

Wenn ihr im Netz nach dem Spielenamen sucht, werdet ihr nur wenige Treffer haben. Wie gut, dass ich das Spiel jetzt in der Hand halte und es auch spielen kann. Also schauen wir mal, was wir über das Spiel so herausfinden können!

Die Verantwortlichen

Im Credits-Screen finden sich die Namen Matthias Laschat (Entwicklung) und Jörg Schwiezer (Sound), welche das Spiel unter dem Firmennamen Century Media in Hannover entwickelt haben. Beide tauchen ein Jahr später in den Credits des Spiels Bermuda Syndrome (1995) wieder auf, einem schon eher bekannten, frühen Windows-Action-Adventure.

Von Matthias Laschat lässt sich sonst im Netz kein weiteres Spiel finden. Unter seinem Namen gibt es allerdings noch einen Eintrag für die Entwicklung des Screensavers auf einer CD-ROM von H-Blockx, der deutschen Rockband aus Münster im Jahr 1994 finden.

Jörg Schwiezer war in der Spieleszene etwas aktiver und sound-bezogen noch verantwortlich für Flies: Attack on Earth (SoftGold, 1993), Cyberzerk (Boeder, Amiga only) und Mutation of J.B. (TopWare, 1996). Später ist er auch noch als Director bei einigen Titeln gelistet. Auf seiner Firmenseite findet ihr zwar Referenzen auf seine anderen Spiele – aber Sammy Jones taucht dort nicht auf.

Das Spiel unter der Lupe

In diesem Plattformer übernehmt ihr die Rolle von Sammy, der jede einzelne Höhle vollständig plündern muss. Euer Ziel ist es, alle Schätze einzusammeln – dazu gehören Diamanten und seltene Inka-Medaillons. Erst wenn der letzte Schatz eingesammelt ist, erscheint eine Leiter, über die du zum oberen Bildschirmrand gelangst und so in die nächste Höhle wechselst.

Das zentrale Spielprinzip erinnert somit stark an klassische Lode Runner-Mechaniken: Ihr bewegt euch durch ein Plattform-Labyrinth aus Leitern, Seilen und brüchigen Böden. Während ihr Schätze sammelt, verfolgen euch ständig Gegner und bauen dadurch kontinuierlich Druck auf. Zwar ist Sammy schneller als die feindlichen Wachen, doch jeder Kontakt ist tödlich – ihr müsst sie also gezielt umgehen, umlenken oder in Fallen locken. Das ist nicht so einfach, aber Sammy Jones hat zum Glück Waffen, um sich zu wehren. Auch, wenn es keine Pistole wie auf dem Coverbild ist.

Das wichtigste Werkzeug sind Handgranaten, mit denen ihr zerstörbare Bodenplatten sprengen könnt. Dadurch entstehen temporäre Löcher – genau wie bei Lode Runner. Diese schließen sich nach kurzer Zeit wieder. Fällt eine Wache hinein, wird sie zunächst außer Gefecht gesetzt. Danach versucht sie, aus dem Loch zu entkommen. Schafft sie es nicht rechtzeitig oder habt ihr das Loch zeitlich gut abgestimmt, wird die Wache besiegt, erscheint aber am oberen Bildschirmrand wieder. Ein ähnliches Respawn-Verhalten zeigen ja viele klassische Arcade-Gegner.

Die Level sind vertikal und horizontal verschachtelt: Sammy kann Leitern erklimmen und sich an Seilen entlanghangeln. Stürzt er ab, hat er eine letzte Chance, sich an einem tiefer gelegenen Seil festzuhalten – ein Element, das Geschicklichkeit und Timing zusätzlich betont. Sammy startet mit drei Leben. Nach jeder abgeschlossenen Höhle erhaltet ihr ein Passwort, mit dem ihr euren Fortschritt speichern und später genau dort weiterspielen könnt.

Das grosse Ziel des Spiels: Sammy muss sich durch insgesamt 110 Höhlen kämpfen, um schliesslich die legendäre Schwarze Schildkröte zu finden. Aber so weit geht meine Geduld nicht, ich bin doch mehr Sammler als Spieler.

Heute noch spielbar?

Zuerst müsst ihr euch in einer Dosbox Windows 3.1 installieren. Da diese standardmäßig nur 16 Farben bietet, Spiele aber gerne mehr benötigen, sucht ihr euch noch den universellen S3 SVGA Treiber für 256 Farben heraus. Dann könnt ihr von der Diskette bzw. vom Image problemlos Sammy installieren.

Ich mag Leiterspiele. Einer meiner ersten eigenen Gehversuche als Programmierer war auch ein Spiel namens Climber – dank Hercules Monitor im Textmodus. So schlimm sieht es hier nicht aus, aber der Hauptheld Sammy wie auch die blonden Gegner sind sehr klein und nur minimal animiert. Da hat man jetzt 256 Farben und 640er Auflösung, aber bei so einem Windows 3.1 Spiel war man schon froh, dass die Animationen auch wirklich abgespielt wurden. Auch die Level sind eher funktional als hübsch – einfach ein paar Steine und sich wiederholende Hintergrundgrafiken.

Dafür wird die Spielgeschichte im Vorspann in ganzen drei Südamerika-Urlaubsfotos erzählt… Immerhin in 256 Farben, das ist schon top. Da war das Handbuch aber ausführlicher.

Die Steuerung geht natürlich nur über die Tastatur – was für PC-Spiele aus dieser Zeit normal ist. Unter Windows gab es erst zögerlich Maussteuerung für Spiele. Aber die Bewegung funktioniert präzise und schnell. Die Gegner verschwinden sauber in den zuvor gebombten Löchern. Wenn ihr ein neues Level startet und euch erst einmal orientieren möchtet, könnt ihr (P)ausieren und vorab austüfteln, welcher Weg euch wohl zum Ziel führen wird.

Mit 110 Level ist das Spiel eine echte Fleißaufgabe. Dafür gibt es ein Passwortsystem – aber selbst die Webseite Mogelpower kennt das Spiel und somit auch die Passwörter nicht. Also, René Meyer – das muss dringend geändert werden. Welcher Leser will sich der Aufgabe stellen und ewigen Ruhm ernten? Ein Nachteil aktuell: Leider lief der Sound bei mir nicht – es sollte Sprachausgabe und Soundeffekte geben. dazu kann ich aktuell nichts sagen. Auch hier: Vielleicht finden sich findige Leser.

Lode Runner
Meine Spiele: Original Lode Runner 1984 und Lode Runner – The Legends Returns (1994)

Das Spielprinzip wirkt zeitlos, weil es aus wenigen, sehr klaren Regeln eine enorme Zahl an Situationen erzeugt. Ihr sammelt Gold, lauft über Leitern und Plattformen, grabt temporäre Löcher und müsst dabei Gegner mit Timing und Planung ausmanövrieren. Schon das originale Lode Runner von 1983 (im Bild seht ihr meine 3.5″ Broderbund Version von 1984) ist kein klassisches Actionspiel, sondern lebt davon, einen Weg über die Leitern und um die Gegner herum zu finden. Jedes Level war auf einem Bildschirm sofort erfassbar. Lode Runner – The Legend Returns kam im gleichen Jahr wie Sammy Jones raus, hatte aber in drei Dimensionen mehr zu bieten. Die Präsentation hatte bessere Grafik, mehr Animationen und natürlich Soundeffekte. Das Remake glänzte mit mehr Spieltiefe, so das mehr Optionen die Level taktischer machten. Es gab in beiden Originalen 150 Level, das Remake hatte sogar 30 2-Spieler-Level, und ein Leveleditor – das alles fehlt bei Sammy Jones.

Es gibt wirklich viele Lode Runner Clones. Wenn ihr mehr von dieser Art von Spiele wissen wollt, werdet ihr bei diversen Retro-Archiven im Netz sicherlich fündig.

Stimmen von früher

Das ist einfach: Es gibt keine. Das Spiel wird weder auf MobyGames noch auf OGDB gelistet. Kultboy kennt keinen Artikel dazu. Auch Hall of Light, Lemon Amiga , Launchbox und ExoDOS haben das Spiel nicht aufgelistet. Nur im StayForever-Forum wird Sammy Jones in zwei Beiträge erwähnt. Dort wird anfangs das Boeder-Spiel Turbo Speedway gesucht und dann fällt der Name Sammy Jones. Einer der Foristen schreibt tatsächlich, dass jemand das Spiel besitzt und es im allseits bekannten Internet-Archiv hochgeladen hat.

In der Sammlung

Sammy Jones - Inhalt
Mein Sammy Jones Spiel ausgepackt

Das Spiel kommt in einer kleinen Pappschachtel, die sich wie eine VHS-Box aufklappen lässt. Auch die Seite – also der Buchrücken – ist gut gestaltet und macht sich im Regal gut. Mit 17x23x3cm ist die Schachtel fast so gross wie eine normale Big Box. Das Boxdesign ist für eine Boeder-Veröffentlichung schon fast professionell. Mich schauert es immer, wenn ich die dünnen Pappumschläge mit den anderen Shareware-Titel im Vergleich sehe.

Mitgeliefert wird ein kleines Heft und eine Diskette in einem Inlay für sicheren Halt. Dazu eine Werbeantwort-Postkarte für Software Boeder in Ismaning. Spannend finde ich, dass weder die Entwickler noch deren Firma auf der Packung oder im Handbuch erwähnt werden. Hier stehen nur noch die Mitarbeiter von Boeder:

  • Published by Software Boeder
  • Einbandgestaltung: Nikola Vignjevic
  • Produktmanager: Ralph Lämmle
  • Redaktion: Marion Koppelmann

Das Titelbild war mein Kaufgrund, weil es eindeutig Indiana-Jones-Vibes hat. Sammys Augen sind etwas unsymmetrisch und die Pistole, die er im Anschlag hält, gibt es im Spiel leider nicht. Aber insgesamt ist der Titel – neben den vielen unmotivierten Shareware-Covern – eine wirklich schöne Boeder-Veröffentlichung.

Lode Runner und seine Klone sind meiner Meinung auch heute noch nette, unspektakuläre Spiele und damit echte Kleinode, die man schnell anspielen kann, aber zum Durchspielen lange Zeit benötigt. So auch hier. Ich hoffe, ich habe mit diesem Artikel dazu beigetragen, dass Sammy Jones – Auf der Suche nach der schwarzen Schildkröte im Internet wieder auffindbar wird. Spiele sollten niemals 32 Jahre nach Erscheinen schon als Lost Media gelten.

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Über Christian, DOS-Sammler

Ich sammle seit den 90ern DOS-Spiele und kann nicht aufhören. Jetzt will ich den Spaß mit anderen teilen.

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2 Comments on “Sammy Jones – Auf der Suche nach der schwarzen Schildkröte”

  1. Ich war zwar erst mal enttäuscht, da ich ein obskures, total sperriges PnC-Adventure erwartet habe, aber das war trotzdem ein schöner, kleiner Ausflug ins Abseits der Spielegeschichte. Danke auch für die Recherechemühe, die vielleicht dem ein oder anderen zukünftig die Suche erspart.

    Ich würde mich auf jeden Fall freuen wenn noch so ein „LowLight“ auf dieser Bühne einen kurzen Moment im Rampenlicht bekommen würde.

    1. Ich sammle viele DOS-Spiele und es ist eher selten, das man so gar nichts im Netz darüber findet. Ich werde noch weitere unbekannte Titel raussuchen, das ist sicher.

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