BFG (7/1): Harry Potter und der Stein der Weisen

„Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar.“ Ein Kinderbuch, das so beginnt, verspricht vor allem eines: Die Geschehnisse darin werden ganz und gar nicht „normal“ sein. Und obwohl die Autorin Joanne Rowling schon früh in Interviews erzählt hat, dass die Abenteuer ihres Zauberlehrlings sieben Bände füllen werden, dürfte selbst ihr nicht klar gewesen sein, was sie mit Harry Potter und der Stein der Weisen losgetreten hatte.

Das Buch

Joanne Rowling wird 1965 in den britischen Mittelstand hineingeboren. Während ihrer Kindheit zog die Familie mehrmals rund um Bristol um, doch eine Konstante blieb: Das Mädchen dachte sich gerne Geschichte aus und erzählte sie ihrer jüngeren Schwester Dianne.

Zwar schrieb sie auch in den nächsten Jahren regelmäßig Geschichten, doch im „echten“ Leben studierte sie Französisch und Altertumswissenschaft, zog für ein Jahr nach Paris, arbeite hier und dort und landete schließlich der Liebe wegen in Manchester. Bis hierhin waren ihre literarischen Versuche der letzten Jahre für erwachsene Leser gedacht. Doch während einer Zugfahrt von Manchester nach London war da plötzlich dieser Junge in ihrem Kopf. „Der reinste Geistesblitz, den ich je hatte“, sagte sie später in einem Interview. Dass er ein Zauberer war, es aber selbst noch nicht wusste. Dass um ihn herum immer wieder seltsame Sachen passieren würden und er erst mit einem Brief realisierte, dass er an eine Zaubererschule gehen würde. Dies war keine Erwachsenen-Geschichte. Also würde sie nun was Neues probieren.

Zuerst habe ich viel zu sehr versucht, für Kinder zu schreiben und was aus meinem Stift kam, war widerlich. Ich las es immer wieder durch und dachte: „Das hier ist herablassend, das da lässt mich fast kotzen und diese Stelle ist einfach nur schmalzig.“ Nach sechs Monaten gab ich auf und dachte: „Okay, dann schreibst du es einfach für dich selbst.“

J.K. Rowling (8. Oktober 1998)

In einem Artikel der Times vom 18. August 2024 sagt sie in diesem Zusammenhang „Der erste Satz, den ich für das Buch geschrieben habe, kam dann nicht rein. Er lautete „The Potter family lived in Darke’s Hollow.“ Da ist der eingangs zitierte „neue“ erste Satz doch um einiges besser.

Im Dezember 1990 stirbt Rowlings Mutter an Multipler Sklerose. In einigen Interviews sagt die Schriftstellerin, dass dieses Erlebnis sich stark auf den Tonfall und die Ereignisse des Buchs ausgewirkt habe, ihr das aber damals nicht bewusst gewesen sei. Sie arbeitet weiter an der Geschichte, als sie im November 1991 nach Portugal zieht, um halbtags als Englischlehrerin zu arbeiten. Einige Monate später lernt sie dort den Journalisten Jorge Arantes kennen, erleidet im Sommer 1992 eine Fehlgeburt, heiratet Arantes im Oktober des gleichen Jahres und bringt am 27. Juli 1993 die gemeinsame Tochter Jessica zur Welt. Doch das Familienglück hält nicht: Arantes neigt zur Gewalttätigkeit. Rowling zieht mir ihrer Tochter nach Edinburgh, kommt für ein paar Wochen bei ihrer Schwester unter und lebt von Sozialhilfe. In einem Artikel der Zeitung The Scotsman von 16. Juni 2003 berichtet sie vom Umzug in die eigene kleine Sozialwohnung und von der Depression, die Rowling damals durchlitt:

So begannen Rowlings Erfahrungen mit der staatlichen Bürokratie: Sie musste endlos Formulare ausfüllen und erniedrigende Gespräche führen, um eine wöchentliche Unterstützung von 69 Pfund zu erhalten. Ein Weihnachtsgeschenk, das sie bekam, verstärkte ihre Niedergeschlagenheit nur noch: Das neue Album von R.E.M., Automatic for the People, wurde von Kritikern als ihr bislang nihilistischstes Werk angesehen, und Rowling saugte den kräftezehrenden Song Everybody Hurts begierig auf, den sie fortan unablässig spielte.

The Scotsman

Erschwert wurde die Situation durch ihren Noch-Ehemann, der aus Portugal nach Schottland reiste, um sie und ihre Tochter zu suchen. Sie erwirkte eine einstweilige Verfügung und reichte im August 1994 die Scheidung ein. Und nach einer Therapie und der Ermutigung durch ihre Schwester, der die ersten drei Kapitel des Buchs gefallen hatten, machte sie mit ihrem Manuskript weiter. Immer, wenn ihre Tochter im Kinderwagen eingeschlafen war, saß sie bei einer einzelnen Tasse Kaffee im Nicolson’s (das nicht mehr existiert; nun ist dort ein chinesisches Restaurant) oder im Elephant House und schrieb mit der Hand weiter ihr Buch. Dieses hübsch romantisch verbrämte Bildnis der alleinerziehenden Mutter mit Geldnöten ist zwar grundsätzlich richtig, dennoch war Rowling das Brimborium um diese Phase irgendwann zu viel:

Tagsüber schrieb ich – wie allgemein bekannt – in Cafés. Aber ich möchte hier ein für alle Mal zu Protokoll geben, weil es mich wirklich nervt: Ich habe nicht in Cafés geschrieben, um meiner ungeheizten Wohnung zu entkommen, denn ich bin nicht dumm genug, mir mitten im schottischen Winter in Edinburgh eine Wohnung ohne Heizung zu mieten. Sie hatte eine Heizung.

J.K. Rowling im BBC Christmas Special 2001

Auch für das Gerücht, sie habe sich das Papier nicht leisten können und sie hätte das Buch deshalb auf Servietten geschrieben, hatte sie nur ein herzhaftes Lachen übrig.

Wie dem auch sei: Ab Ende 1994 arbeitete Rowling als Sekretärin, durfte wegen ihres Sozialhilfebezugs aber nur wenig verdienen. Anfang 1995 begann sie einen Lehrgang in Edinburgh, um als Lehrerin arbeiten zu dürfen. Außerdem wurde ihre Scheidung von Jorge Arantes rechtskräftig. Im gleichen Jahr vollendete sie den ersten Harry-Potter-Band handschriftlich und tippte ihn zweimal ab. Sie fand einen Literaturagenten, bekam 1996 ihr Lehrzertifikat und begann direkt mit dem zweiten Band. Nach einigen Absagen kaufte Bloomsbury im August 1996 die Rechte an Harry Potter. Eine Förderung ermöglichte ihr 1997 sogar die Anschaffung eines Computers.

Dann war es so weit: Am 26. Juni 1997 erschien Harry Potter und der Stein der Weisen unter dem Autorennamen J.K. Rowling. Der Verlag hatte wohl Bedenken, dass die Leserschaft keine Frau als Urheberin eines „Jungsbuchs“ akzeptieren würde. Doch da der Verlag Scholastic die amerikanischen Rechte bereits wenige Tage später für stolze 100.000 Dollar kaufte, waren Werk und Schöpferin auf einen Schlag so bekannt, dass „J.K.“ zwar blieb – das „K“ stammt übrigens von Kathleen, einer Großmutter Rowlings‘ – aber sich niemand mehr Gedanken über die Vermarktung mehr machen musste. Das amerikanische Publikum verfiel dem britischen Zauberlehrling ähnlich schnell wie die heimische Leserschaft, allerdings wurde aus dem „Philosopher’s Stone“ im Originaltitel ein „Sorcercer’s Stone“.

Vermutlich hat jeder Leser dieses Artikels die Geschichte von Harry Potter schon auf die ein oder andere Weise genossen. Dennoch schiebe ich hier eine kurze Zusammenfassung ein:

Das Buch – Inhaltsangabe

Der junge Harry Potter glaubt, dass seine Eltern bei einem Autounfall gestorben seien, ohne zu wissen, dass sie von dem bösen Zauberer Voldemort ermordet wurden. Er lebt bei seinen Verwandten, den Dursleys. Sie lassen ihn im Abstellräumchen unter der Treppe schlafen und hoffen, dass er nie von seiner Zaubererseite erfährt. Doch an seinem elften Geburtstag übergibt ihm der Halbriese Hagrid seine Zulassung für Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei. Außerdem erfährt Harry, dass er in der magischen Welt berühmt ist: Er ist der „Junge, der überlebte“ – und zwar den Angriff auf seine Eltern. Voldemort selbst ist seitdem verschwunden, doch man ahnt schon, dass dies nicht das Ende der Gefahr sein wird.

Hagrid dient Harry in den ersten Kapiteln als Führer in die magische Welt: Der Junge kauft mit ihm seine Schulsachen in der Winkelgasse – einer verborgenen Straße voller magischer Läden in London – ein, stellt in der Zauberer-Bank Gringotts fest, dass seine Eltern ihm ein kleines Vermögen hinterlassen haben und bekommt von dem Halbriesen sein eigenes magisches Tier geschenkt: Die Schneeeule Hedwig. Außerdem lernt er dort seinen zukünftigen Erzfeind Draco Malfoy kennen, der aus einer alten Zauberer-Familie stammt und seine angebliche Überlegenheit jeden spüren lässt. Dass die Malfoys bei Voldemorts Krieg gegen die restliche magische Welt eine wichtige Rolle auf Seiten des Bösewichts gespielt haben, verstärkt die gegenseitige Antipathie nur noch.

Mit dem Hogwarts Express, der von dem berühmt gewordenen Gleis 9 3/4 abfährt, gelangt Harry nach Hogwarts. Er freundet sich mit Ron Weasley und – nach einem Zwischenfall mit einem Troll auf der Mädchentoilette – mit der schlauen Hermine Granger an. Mit diesen beiden ist er dem Haus Gryffindor zugeteilt worden, während Draco Malfoy in das Haus Slytherin kommt, in dem praktisch alle verschlagenen Zauberer und Hexen aus Voldemorts Gefolge waren.

[Spätestens ab hier dicke Spoiler für die restliche Geschichte] In Hogwarts beginnt für Harry ein völlig neues Leben. Er entdeckt seine besondere Begabung fürs Fliegen und wird schon im ersten Schuljahr jüngster Sucher der Gryffindor-Quidditchmannschaft (die bevorzugte magische Sportart, die auf Besen ausgetragen wird). Er lernt auch die Lehrer der Schule kennen. Unter ihnen ist der strenge Severus Snape, der Harry offen feindselig begegnet.

Bald bemerken Harry, Ron und Hermine, dass in der Schule ein magischer Gegenstand aufbewahrt wird – schwer bewacht durch einen dreiköpfigen Riesenhund namens Fluffy und offenbar von großem Wert. Es handelt sich um den Stein der Weisen, der seinem Besitzer Unsterblichkeit und unendlichen Reichtum verleihen kann. Jemand scheint ihn stehlen zu wollen und Harry ist schnell mit dem Verdacht zur Hand, dass dieser Jemand Snape ist.

Doch die Freunde haben weitere Probleme. Zum Beispiel werden sie Zeuge, dass Hagrid heimlich ein Drachenei ausbrütet. Der daraus schlüpfende Norbert erweist sich schnell als schwer kontrollierbar und wächst rasant. Um Hagrid vor ernsthaften Strafen zu bewahren, helfen Harry, Ron und Hermine dabei, den Drachen außer Landes zu bringen, werden dabei jedoch von Draco Malfoy verraten und müssen zur Strafe nachts im Verbotenen Wald nahe dem Schulgelände patrouillieren. Weitere Probleme bereitet dem Trio der Poltergeist Peeves, der gerne bösartige Streiche spielt und die Schüler in Schwierigkeiten bringen will.

Am Ende des Schuljahres stellen sich Harry, Ron und Hermine den magischen Prüfungen, die den Stein sichern. Dabei muss jeder von ihnen Mut, Verstand und Opferbereitschaft beweisen. Schließlich gelangt Harry allein zum Stein und erkennt, dass nicht Snape, sondern der unscheinbare Professor Quirrell der wahre Gegner ist. Dieser steht im Dienst des geschwächten Voldemort, der versucht, mithilfe des Steins zurückzukehren.

Harry gelingt es, Voldemorts Plan zu vereiteln. Der dunkle Zauberer kann erneut entkommen, bleibt aber weiterhin eine Bedrohung für die Zaubererwelt. Der Stein der Weisen wird daraufhin zerstört, um ihn endgültig außer Reichweite des Bösen zu bringen. Zum Abschluss des Schuljahres gewinnt Gryffindor dank Harrys Taten den Hauspokal, und Harry kehrt zwar zu den Dursleys zurück, weiß nun aber, dass er in Hogwarts ein Zuhause gefunden hat. [Ende der Geschichte]

Das Buch – Was sonst noch interessant ist

Das Buch hat mich beim Wiederlesen überrascht. Natürlich wusste ich, dass es ein Kinderbuch war, aber ich hatte im Kopf eben doch den Tonfall der späteren Bände. Schließlich wuchs das Lese-Publikum mit den Buch-Protagonisten mit. Es liest sich sehr flüssig und obwohl ich dank der Filme natürlich Gesichter und Szenen im Kopf habe, wird es nie langweilig. Das Buch ist der kürzeste Band der Heptalogie und deshalb musste der Film, auf den wir gleich eingehen werden, relativ wenige Handlungsfäden kürzen, doch bleibt im Buch genügend zu entdecken, das eben nicht auf der Leinwand zu sehen war.

Die meisten bisherigen Zitate Rowlings in diesem Artikel stammen aus einem Interview vom 8. Oktober 1998. Sie sitzt in dem Café, in dem sie Teile des ersten Buchs geschrieben hat und erzählt von dieser Zeit. Das fertig geschnittene Interview ist nur noch ungefähr drei Minuten lang, doch in den 32 Minuten der Aufnahme-Session kommen so viele Infos vor, dass ich lieber dieses Video eingebunden habe. Der Interviewer selbst ist leider nicht verkabelt, doch die meisten Fragen kann man sich zusammenreimen.

Eine kleine Buchhandelsgeschichte soll diesen Abschnitt langsam zu Ende bringen: Die enorm starken Verkaufszahlen der Potter-Bände stellte sowohl den Handel als auch das Magazin Der Spiegel vor Probleme: Wohin mit dem Buch in der Bestseller-Liste? Der Spiegel brachte und bringt jede Woche seine Listen der bestverkauften Bücher auf den Markt und trennt(e) streng zwischen „richtiger“ Belletristik und Kinderbüchern. Zwar gab es schon mal Ausnahmen – wie etwa Michael Endes Die unendliche Geschichte oder Momo – aber Rowling setzte weltweit neue Maßstäbe. Während im Jahre 2000 die damals lieferbaren Potter-Bücher aus der Bestseller-Liste gekippt wurden, weil sie ständig die ersten vier Plätze blockierten, versuchten der britische und der deutsche Verlag, mit speziellen Erwachsenen-Ausgaben einen eigenen Weg. Zum einen konnten diese Bücher dann problemlos in die Bestseller-Liste neben die Hochliteratur gestellt werden. Zum anderen wollten die Verlage eine ganz spezielle Käuferschicht ansprechen: Neugierige Erwachsene, die aber in der Öffentlichkeit nicht mit einem Kinderbuch gesehen werden wollten.

Inhaltlich waren beide Bücher identisch, nur das Cover täuschte das flüchtige Auge. Und obwohl die Potter-Bücher wie auch die Ende-Bücher auf der „regulären“ Belletristik-Liste bleiben durften, brachte der Carlsen Verlag zu allen sieben Bänden jeweils eine „erwachsene“ Ausgabe auf den Markt. Ich habe persönlich nie einen Kunden bedient, der eine solche Variante erwerben wollte, aber offensichtlich sah der Verlag das anders.

Übrigens gibt es beim Spiegel seit 2007 eine neue Richtlinie. Diese erlaubt, sogenannte All-Age-Titel in der Belletristik-Liste zu erfassen. Was heutzutage dazu führt, dass Farbschnitt-Ausgaben allerlei Coming-of-age-Enemies-to-lovers-Slow-burn-Forced-proximity-Grumpy-x-Sunshine-Found-family-Morally-grey-love-interest-Trauma-healing-High-stakes-New-Adult-Romantasy-Gefühlsachterbahn-Pageturner die halbe Liste übernommen haben. Und dennoch ist das Abendland noch nicht untergegangen.

Leiten wir mal elegant zum nächsten Abschnitt über. In dem oben verlinkten Video-Interview sagt Rowling gegen Ende:

Können wir das nicht veröffentlichen? Weil ich das eigentlich nicht sagen sollte – mein Agent würde mich dafür erschießen. Die Sache ist: Ich möchte, dass Harry Brite ist. Und ich werde so hart wie möglich dafür kämpfen, dass er Brite sein wird.

J.K. Rowling (8. Okbtober 1998)

Es ging um die geplanten Verfilmungen, mit denen Rowling neben James Bond ein zweite große britische Kinomarke etablieren wollte. Die Carry-on-Reihe gab es schließlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Der Film

Im August des Jahres 2000 war es so weit: Der Hauptdarsteller für die Verfilmung der Potter-Romane war gefunden. Und wie Der Spiegel direkt in seiner Artikeleinleitung vermeldete: „Es ist nicht wie befürchtet ein Amerikaner, sondern ein britischer Junge.“ Daniel Ratcliffes Verpflichtung ging eine der größten Casting-Aktionen der britischen Filmgeschichte voraus: Über 40.000 Kinder waren im Vereinigten Königreich gecastet worden. J.K. Rowling hatte von Beginn an darauf bestanden, dass die Rollen mit Darstellern von den britischen Inseln besetzt werden sollten, um die kulturelle Verortung ihrer Welt zu bewahren.

Dass diese Regel nicht nur Großbritannien, sondern auch Irland einschloss, zeigt sich prominent an der Besetzung von Albus Dumbledore mit dem irischen Schauspieler Richard Harris. Aber auch Fiona Shaw (Petunia Dursley) und Devon Murray (Seamus Finnigan) stammen von der Insel.

Mit Daniel Radcliffe war also der wichtigste Baustein gefunden – wenn auch erst spät im Prozess. Regisseur Chris Columbus hatte ihn zuvor in der BBC-Verfilmung David Copperfield gesehen und erkannte in ihm jene Mischung aus Verletzlichkeit und Neugier, die Harry Potter auszeichnet. Damit konnte Columbus mit neuem Elan an die konkrete Drehvorbereitung gehen. Schließlich sollte die Verfilmung des ersten Buchs bereits im November 2001 in den Kinos starten – ein ehrgeiziger Zeitplan, der nun erstmals realistisch erschien.

Ich erinnere mich, wie ich [Produzent] David Heyman anrief und sagte: ‚Diesen Jungen, Daniel Radcliffe – den möchte ich mir ansehen.‘ … Viele Leute waren nicht an Daniel interessiert, aber ich fand, dass er etwas Geisterhaftes, etwas Unheimliches an sich hatte, das keines der anderen Kinder hatte. … Harry Potter hat ebenfalls diese geisterhafte Qualität … und ich hatte das Gefühl, dass Daniel genau das mitbrachte.

Chris Columbus im Interview mit The Wrap (2025)

In der frühen Entwicklungsphase des Films war zeitweise auch Steven Spielberg als möglicher Regisseur im Gespräch. Spielberg hatte sich öffentlich zu seinem Interesse an der Buchvorlage bekannt und erwog zunächst, das Projekt in einer anderen Form umzusetzen – unter anderem als Animationsfilm (angeblich mit der Stimme von Haley Joel Osment für Harry, doch dafür gibt es keinen Beleg). Letztlich passten seine Vorstellungen nicht mit denen des Studios und der Autorin zusammen. Spielberg erklärte später sinngemäß, er habe das Gefühl gehabt, dass das Projekt „ihre Vision sei und nicht seine“ und dass ihm damit nicht genügend kreativer Spielraum bliebe.

J.K. Rowling pflegt auf ihrer Webseite seit vielen Jahren die Rubrik Rubbish Bin (Mülleimer), in der sie ihre Sicht auf Gerüchte darstellt. Zur Spielberg-Thematik steht dort:

Ich wähle keine Regisseure für die Harry-Potter-Filme aus! Ich habe alle drei Männer kennengelernt, die diese Aufgabe bisher übernommen haben – Chris Columbus, Alfonso Cuarón und Mike Newell – und ich habe sie alle sehr gemocht, habe ihre Fragen zu Figuren und Handlung gern beantwortet und war begeistert von den Filmen, die sie gemacht haben (‚Der Feuerkelch‘ ist mir zwar noch nicht gezeigt worden, aber die Vorzeichen sind gut!). Doch das ist auch schon meine ganze Beteiligung an der Auswahl der Regisseure.
Steven Spielberg hat zwar in Erwägung gezogen, Der Stein der Weisen zu inszenieren, sich dann aber dagegen entschieden; jeder, der glaubt, ich hätte ihn ablehnen können (oder wollen), sollte seine Schnell-Zitat-Feder [Utensil aus Der Feuerkelch] überprüfen lassen.

J.K. Rowling auf ihrer Webseite (ohne Datum)

Der Suche nach den Hauptdarstellern voran ging der Verkauf der Verfilmungsrechte an Warner Bros. Wie es in einem Beitrag der CBS News hieß: „Sie hat die Rechte an Warner Bros. verkauft, um Harry Potter ins Kino zu bringen – einschließlich allem, was damit verbunden ist.“ Die Rede ist von einer Million Pfund (umgerechnet heutzutage ungefähr 2,2 Millionen Euro).Inbegriffen waren auch die Vermarktungsrechte, doch die Autorin behielt sich kreative Kontrolle vor. Außerdem verkaufte sie die Rechte nur unter der Bedingung, dass sämtliche Potter-Filme sich auf ihre Bücher stützen müssten. Angeblich hatte sie Bedenken, plötzlich einem „Harry erobert Las Vegas“-Sequel ausgesetzt zu sein.

Die Drehbuch-Findung verlief laut Autor Steve Kloves überraschend harmonisch. Rowling hatte schnell festgestellt, dass Kloves ihr Buch liebte und umgekehrt war Kloves laut allen bekannten Aussagen dankbar für ihre Anmerkungen zu seinen verschiedenen Drehbuch-Entwürfen. Insofern kein Kunststück, weil erst die späteren Bände der Buchreihe so lang wurden, dass etliche Handlungsstränge gestrichen werden mussten.

Im Internet Archive ist eine Drehbuchfassung von Harry Potter and the Sorcerer’s Stone auffindbar. Auf der Titelseite werden 15 verschiedene Versionen aufgelistet. Das geht vom „Shooting Draft“ vom 11. September 2000 bis hin zur „2nd green revision“ vom 19. April 2021. Oben auf den jeweiligen Seiten kann man erkennen, aus welcher Fassung die Szenen stammen – und man kann gut erkennen, dass einige Szenen im Verlauf des Prozesses gestrichen wurden. Leider steht dort aber nur die Nummer der Szene, nicht ihr Inhalt.

Was wir aber sicher sagen können: Der Poltergeist Peeves war ursprünglich Teil des Films. Der Schauspieler Rik Mayall hatte die Rolle bekommen und auch seine Szenen abgedreht. Bis heute ist von diesem Material nichts im Netz aufgetaucht. Regisseur Chris Columbus sagte damals, dass er mit dem Design noch nicht zufrieden sei und diese Szene vielleicht in einer späteren DVD-Veröffentlichung enthalten sein würde – was offensichtlich nicht passierte. Die logische Konsequenz: Peeves wird auch in den späteren Filmen nicht auftauchen – lustigerweise gibt es aber zwei frühe Lego-Sets, die schon während der Drehphase entstanden sein müssen: Set 4705, „Unterricht bei Professor Snape“ liefert neben einem kleinen Kerker-Klassenzimmer-Set auch die Minifiguren von Severus Snape, Ron Weasley und eben Peeves mit. 4709 ist die erste Lego-Version von Schloss Hogwarts. Die drei erwähnten Figuren werden hier ergänzt durch Albus Dumbledore, Rubeus Hagrid und Hermine Granger. Immerhin lässt sich auf diese Weise ein Eindruck gewinnen, welche Kleidung Peeves im Film getragen hätte.

Regisseur Chris Columbus verstand den ersten Band als Weltentwurf, der möglichst vollständig auf die Leinwand übertragen werden sollte. Das erklärt auch die lange Laufzeit von rund 152 Minuten. Trotz dieser Werktreue gibt es natürlich Unterschiede zwischen Buch und Film, die aus dramaturgischen oder aus praktischen Zwängen entstanden. So fehlen neben Peeves auch andere kleine, aber im Buch prägende Momente: Zum Beispiel ist Harrys erstes Zusammentreffen mit Draco Malfoy in Madame Malkins Laden ein frühes Beispiel für Dracos Arroganz. Doch der junge Malfoy hat später noch oft genug Gelegenheit, diese unter Beweis zu stellen.

Auch der Schulalltag in Hogwarts wird im Film stark verdichtet. Unterrichtsszenen erscheinen im Film meist nur in kurzen Montagen. Der Geister-Geschichtslehrer Professor Binns – der vermutlich wegen seiner kompletten Phantasielosigkeit auch nach seinem Tod täglich leiernde Vorträge hält – fehlt vollständig. Stattdessen konzentriert sich der Film stärker auf visuelle Schauwerte – das rasante Quidditch-Spiel, die Große Halle mit ihrer magischen Decke oder die sich bewegenden Treppen und Portraits. Hier ist auch bemerkenswert, wie viele Sets tatsächlich „real“ gebaut wurden. Hagrids Hütte oder große Teile der Gänge von Hogwarts wurden immer wieder umgebaut und erweitert. Auch die Große Halle – Dreh- und Angelpunkt vieler Szenen – existiert bis heute samt der Tische und vieler Verzierungen. Wer Urlaub in London macht, kann eine Tour durch die Halle buchen – darf allerdings nichts anfassen.

Ein größerer Unterschied zwischen Buch und Film zeigt sich bei der Charakterzeichnung. Ron Weasley verliert im Film einige seiner mutigen Momente und fungiert häufiger als humoriger Begleiter des Helden Harry. Die Konzentration auf Potter betrifft auch das Finale. Während im Buch jede der drei Hauptfiguren eine eigene Prüfung bestehen muss – Ron beim Zauberschach, Hermine beim Logikrätsel der Tränke und Harry bei der Jagd nach dem fliegenden Schlüssel – wird Hermines Tränke-Rätsel im Film komplett gestrichen.

Insgesamt bleibt Harry Potter und der Stein der Weisen die genaueste Literaturverfilmung der Reihe. Die Unterschiede zwischen Buch und Film sind meist Verdichtungen oder kleinere Streichungen. Das kann man bedauern, doch bleibt der Film eine stimmige Einführung in die magische Welt von J.K. Rowling. Dieser Film ist noch nicht die Nummernrevue, zu der spätere Teile der Serie gestrickt werden, um bei einer akzeptablen Lauflänge zu bleiben.

Es gibt eine überschaubare Anzahl an geschnittenen Szenen zu diesem Film, die Chris Columbus auf die damalige DVD-Veröffentlichung gepackt hat. Da die Peeves-Szenen nicht enthalten sind, wird es noch weiteres Material geben, doch hätte dieses sicherlich noch teure Nachbearbeitung benötigt. Die gut sechs Minuten, die veröffentlicht wurden, hat der Regisseur in späteren Veröffentlichungen im Rahmen einer Extended Edition in den Film eingefügt. Sie verändern nicht grundlegend die Story, sind aber hübsche Ergänzungen und Charakter-Vignetten. Und mal ehrlich: Bei der sowieso schon langen Filmlänge hätten die sechs Minuten im Kino auch nicht mehr geschadet. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet selbstverständlich auf Schnittberichte.com eine genaue Auflistung der Szenen.

Doch egal in welcher Fassung: Die anfängliche Tristesse im Hause Dursley, der Bilderrausch der magischen Welt und nicht zuletzt die Filmmusik aus der Edelfeder des Altmeisters John Williams lassen mich auch heute noch zum Kind werden, wenn ich den Film in den Player lege. Wer sich heute zu alt für Kinderfilme fühlt, sollte Harry Potter und der Stein der Weisen vielleicht doch noch eine Chance geben. Egal, ob als Buch oder als Film.

An dieser Stelle unterbrechen wir den Artikel für eine kleine Pause. Versorgen Sie sich gerne im Foyer mit Erfrischungen und Knabbereien, während wir die Filmrolle wechseln und – ganz wie das Potter-Franchise bei der Verfilmung des letzten Buchs – auf den später in diesem Jahr erscheinenden zweiten Teil des Artikels verweisen. Dort wird sich dann alles um die Spiele drehen. Und die sind überraschend unterschiedlich geraten.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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4 Comments on “BFG (7/1): Harry Potter und der Stein der Weisen”

  1. Informativer und umfangreicher Artikel. Hat mir gefallen, auch wenn ich persönlich mit Harry Potter nichts anfangen kann, wird sich nach dem Artikel auch nicht ändern. Kenne nur die Filme, die ich zwangsbedingt mit meiner Frau gucken mu… durfte, da sie großer Fan ist.
    Kann aber eine nette Anekdote erzählen. Ende der 90er, als HP noch gar nicht bekannt war, hat sich meine Frau, die davon zufällig irgendwo gelesen hatte, zum Geburtstag die ersten beiden Bände schenken lassen. Die Freunde haben alle die Nase gerümpft. „Kinderbücher? Mal wieder typisch.“ Aber als dann der große Hype Anfang der 2000er los ging, kamen sie alle an und haben gefragt, ob sie sich die Bücher mal ausleihen können. 🙂

    1. Danke Dir. Hier lagern die ersten beiden Bände noch in der „alten“ Optik ohne diese Blitzschrift. Aber ich glaube, die haben wir um den Erscheinungstermin des dritten Bands gekauft, also waren wir schon Teil des Hypes. Die Bücher sind Teil unserer Familiengeschichte, weil ich sie fast alle meiner Frau vorgelesen habe, damit sie abends besser einschlafen kann. Lang lang ist es her.

  2. Vielen Dank für den tollen Artikel.

    Ich habe ganz früh die englische Ausgabe vom Philisopher’s Stone von meinem Patenonkel geschenkt bekommen und verschlungen. Dabei auch so coole Wörter wie broomstick gelernt. Weiter kam ich mit dem Lesen aber irgendwie nicht. Die Filme habe ich alle geschaut, viele davon um die Weihnachtszeit auf der Fähre beim Pendeln zwischen UK-Deutschland.

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