44 The Jail

Betäubt, verschleppt und beraubt wacht ihr in einer fensterlosen Zelle auf. Schnell stellt ihr fest, dass noch andere Personen euer Schicksal teilen. Willkommen bei 44 The Jail.

Es ist kein Geheimnis, dass ich kleine Indie-Adventures mag und sie daher immer wieder gerne vorstelle. Diesmal habe ich euch einen Geheimtipp aus Argentinien mitgebracht. In 44 The Jail werdet ihr entführt und in eine Situation gebracht, die aus einem der Saw-Filme stammen könnte. Euch erwartet also eine Prise Psycho-Horror, gepaart mit einem Schuss Pixel-Blut und einem Mysterium, das erst am Ende des Spiels (mehr oder weniger) aufgeklärt wird.

Wie ich nach dem Durchspielen vom argentinischen Entwickler Marcial Gutierrez erfahren durfte, haben die Lotteriezahlen in Argentinien eine besondere Bedeutung, so steht die Zahl 44 etwa für “La Cárcel”, also “Das Gefängnis”. Damit wäre der Titel schon einmal erklärt, doch die Lotteriezahlen spielen auch im Verlauf der Geschichte eine große Rolle. Ohne dieses Vorwissen wirkt die Erzählung noch etwas kryptischer als ohnehin schon.

Fünf Gefangene, fünf Geheimnisse

Im Prolog spielt ihr Elias di Lorenzo, einen Buchautor der gerade in einer Schreibblockade steckt. Beim Versuch, vor eurer Haustüre wieder einen klaren Kopf zu fassen, werdet ihr von einem fremden Mann angesprochen, überrumpelt, betäubt und verschleppt. Unbestimmte Zeit später wacht ihr in einer fensterlosen Zelle auf. Eine Stimme aus einem der vielen an den Wänden angebrachten Lautsprechern fordert euch auf, euch in den Speisesaal zu begeben. Auf dem Weg dorthin trefft ihr euren damaligen Professor und Arbeitgeber, der offenbar ebenfalls entführt wurde. Es stellt sich heraus, dass ihr eine von fünf entführten Personen seid, die sich nun gemeinsam mit der Situation auseinandersetzen müssen.

Beim ersten gemeinschaftlichen Essen wird eine große TV-Leinwand, auf der ein Grinse-Smiley zu sehen ist, offenbart. Das Smiley erklärt, dass sich jeder der fünf Gefangenen etwas zu Schulden kommen lassen hat und sich nun seiner Vergangenheit stellen muss. Als Erster wird euer Professor vor eine grausame Entscheidung gestellt: Entweder begeht er in den nächsten Stunden Selbstmord, oder sein schlimmstes Geheimnis wird offenbart. Als die Zeit abgelaufen ist, weigert sich der Professor, sich selbst zu töten und beharrt auf seiner Unschuld. Die Videoaufzeichnungen, die die Entführer nun den Gefangenen zeigen und zeitglich in der Öffentlichkeit verbreiten, entlarven ihn allerdings als eine widerliche Person, die ihre Machtposition ausnutzt, um Studentinnen zu sexuellen Handlungen zu nötigen.

Daraufhin lassen die Entführer eine Handfeuerwaffe im Raum erscheinen und die Insassen (und somit auch euch) über Leben oder Tod des Professors entscheiden… Danach ist dieser Alptraum natürlich noch lange nicht zu Ende, schließlich hat offenbar jeder Gefangene ein dunkles Geheimnis. Das nächste Ultimatum der Entführer lässt also nicht lange auf sich warten.

Interpretationsspielraum

Die Mystery-Geschichte fängt auch Gameplay-technisch gemächlich an. Zu Beginn führt ihr Gespräche mit euren Mit-Häftlingen und lauft zwischen wenigen Ortschaften des Gefängnisses hin- und her. Später nimmt die Geschichte fahrt auf, und so langsam kommen auch Rätsel ins Spiel. Wenn ihr den Lottery-Slang der Argentinier dabei im Hinterkopf habt, könnte euch das sogar bei (optionalen) Rätseln und / oder dem Verständnis von Teilen der Geschichte helfen. Zudem könnt ihr immer mehr Räume erreichen, was dann allerdings zu einem Negativpunkt im Spiel führt: Denn sobald ihr mehrere Räume hintereinander durchqueren müsst, macht sich das langsame Lauftempo des Hauptcharakters deutlich bemerkbar. Darauf angesprochen, gelobte Gutierrez allerdings Besserung und kündigte eine mögliche Lösung dafür in einem späteren Update an.

44 The Jail lässt euch auf mehrere Arten Raum für Interpretationen: Zum einen ist die Geschichte noch vage genug, um euch selbst die genauen Hintergründe der Entführung erschließen zu können, zum anderen geben die groben Pixel der Grafik und die ausdruckslosen Gesichter die Möglichkeit, sich die Details selbst vorzustellen. Nicht jeder wird dies als positiv empfinden, ich allerdings fand die zweckmäßige Grafik recht angenehm. Die Musik ist an den Stellen, an denen sie ertönt, ebenfalls in Ordnung, allerdings herrscht auch oft einfach Stille. Die Steuerung ist intuitiv: Linksklick “gehen” und “benutzen”, Rechtsklick “anschauen”. Das Inventar erscheint am oberen Bildschirmrand, wenn ihr die Maus dorthin führt. Also: die typische Zwei-Tasten-Maus-Steuerung wie ihr sie aus vielen anderen Adventures kennt.

Für Wiederspielbarkeit sorgen zum einen die optionalen Puzzles und Eastereggs, aber auch die Möglichkeit, den Gefangenen “persönliche Informationen” zu entlocken. Wie viel ihr von den anderen erfahren habt, verrät euch der Abschlussbildschirm. Außerdem ist der Kommentar-Modus, in dem uns der Entwickler als kleine Pixel-Figur in der Bildschirmecke seine Gedanken zum jeweiligen Abschnitt verrät, ein guter Grund, noch einmal für 2 bis 3 Stunden in die Geschichte abzutauchen.

Fazit

Ich gebe zu, dass ich zunächst vom Cover (siehe Infokasten oben) abgeschreckt war. Der Stil sagte mir nicht zu, außerdem konnte ich mit dem Spieletitel wenig anfangen. Auch der erste Blick auf die Screenshots hat mich nicht sofort überzeugt. Als ich dann erfuhr, worum es in 44 The Jail geht, wurde ich allerdings hellhörig. Und tatsächlich bin ich im Nachhinein sehr glücklich, es gespielt zu haben. Im ersten Durchlauf habe ich etwa 4 Stunden mit dem Pixel-Adventure verbracht und war am Ende doch überraschter, als ich es erwartet hatte. Mit ein wenig mehr Feinschliff wäre das hier ein richtiges Top-Adventure geworden.

Wie für Ein-Mann-Low-Budget-Produktionen üblich, müsst ihr euch mit englischen Texten ohne Sprachausgabe begnügen. Da ich der Originalsprache (“Río-de-la-Plata-Spanisch”) nicht mächtig bin, kann ich nicht beurteilen, wie viel bei der englischen Übersetzung verloren gegangen ist. An manchen Stellen hatte ich zwar das Gefühl, eine kleine Lücke in der Geschichte entdeckt zu haben, insgesamt war ich aber mit den englischen Texten zufrieden.

Die Themen, die in 44 The Jail angesprochen werden, beinhalten sexualisierte Gewalt, Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen, Mord und weitere unangenehme Dinge. Die Darstellung dieser Themen innerhalb der Spielgrafik ist allerdings relativ harmlos, da die undetaillierte Pixeloptik wenig dafür geeignet ist. Vermisst habe ich das nicht, es herrscht auch so schon eine Stimmung, die ungemütlich genug ist. Wenn ihr Thriller wie Saw mögt und mit den genannten Nachteilen leben könnt, erwarten euch ein paar spannende Stunden im argentinischen Gefängnis.

Sollte euer Interesse an 44 The Jail geweckt worden sein, könnt ihr es für etwas über fünf Euro auf Steam oder itch.io mit englischen Texten herunterladen.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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2 Comments on “44 The Jail”

  1. Harter Tobak. Vielen Dank für die Vorstellung hier – was in dem Bereich alles rauskommt, ist immer wieder ein Wunder. Gerade der Kommentator-Modus reizt mich sehr. Ob ich inhaltlich mit lauter Figuren klarkomme, die unsympathisch sind oder zumindest teilweise so dargestellt werden?

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