Willkommen zum zweiten Teil dieser BFG-Ausgabe. Obwohl es nur noch um die Versoftungen des Films Harry Potter und der Stein der Weisen geht, wird es trotzdem abwechslungsreich. Und dies, obwohl sie fast alle unter der Aufsicht von Electronic Arts entstanden sind.
Die Spiele
Da wir uns im ersten Artikel-Teil so schön über den Film unterhalten haben, beginne ich die Spiele-Abteilung mit dem ursprünglichen DVD-Menü. Auf der zweiten Disc der damaligen Heim-Veröffentlichung sind über das Menü kleine Spielchen aufrufbar, mit denen man sich durch die DVD hangelt. Der Natur der Fernseh-Fernbedienung geschuldet ist natürlich, dass ihr nun nichts Großes erwarten dürft. Aber immerhin greifen die Spielchen Film beziehungsweise Buch auf, wenn ihr zum Beispiel die Steine an der Mauer zur Winkelgasse in der richtigen Reihenfolge drücken müsst oder den riesigen dreiköpfigen Hund Fluffy mit Musik beruhigen müsst. Alles ganz putzig, aber recht statisch gemacht. Selbst als Youtube-Video wird es schnell langweilig.
Die „richtigen“ Videospiele zum Buch entstanden bei verschiedenen Entwicklern für Electronic Arts. Und obwohl die 3D-Action-Adventures der „meisten „großen“ Plattformen auf Screenshots sehr ähnlich aussehen, sind sie im Spielablauf überraschend unterschiedlich.
Windows
Schauen wir uns zuerst die PC-Fassung aus dem Hause KnowWonder an, die am 16. November 2021 in Europa veröffentlicht wurde:

Die ersten wichtigen Stationen der Vorlage werden in wenigen gezeichneten Standbildern samt Erzählerstimme abgehandelt: Harrys Jahre bei den Dursleys kommen im Spiel ebenso wenig vor wie die Winkelgasse, Gringotts oder der Hogwarts Express. Auch die Wahl der vier Häuser ist nicht zu sehen. Bewegte Bilder gibt es erst, wenn Harry aus der Großen Halle in den Eingangsbereich von Hogwarts kommt. Kurz danach trifft er die Weasley-Zwillinge, die ihm seine erste Aufgabe geben: Sie benötigen unbedingt 25 Stück von Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung – und wie es der Zufall will, finden sich diese im gleichen Raum. Als Belohnung bekommt Harry eine Zauberer-Sammelkarte (mit denen sich trotz des Publishers noch kein Ultimate Team aufstellen lässt).

Es folgt die erste Schulstunde bei Professor Quirrell: Verteidigung gegen die dunklen Künste. Dort lernt Harry seinen ersten Zauberspruch namens Flipendo, indem er eine vorgegebene Figur mit der Maus mehrmals nachmalt. Mit vier Versuchen, bei denen wir jeweils weniger Fehler machen dürfen, kann Harry 50 Punkte für Gryffindor einsammeln. Nicht schlecht wenn man bedenkt, dass Harry und Ron im Buch für den Sieg gegen den Troll auf der Mädchentoilette gerade mal mit jeweils fünf Punkten abgespeist wurden.

Grundsätzlich hangelt sich das Spiel an der Filmhandlung entlang, hat aber auch Elemente des Buchs wieder aufgenommen. Der bösartige Poltergeist Peeves taucht an zwei Stellen im Spiel auf, um Harry zu ärgern. Die abschließenden Hindernisse, um an den Stein der Weisen zu kommen, sind um Snapes Prüfung mit den Zaubertränken ergänzt worden. Lustigerweise ist dafür die Teufelsschlingen-Falle gänzlich anders als in den bisherigen Medien, weil sich hier Harry mit Magie zur Wehr setzt. In Buch und Film rettet Hermine an dieser Stelle die Freunde. Im Film störte mich an dieser Stelle die Verschiebung hin zum „Haupthelden und seinen Helfern“, doch im Spiel passt das schon.
Was im Spiel komplett fehlt, ist der nächtliche Ausflug in den magischen Wald. Dafür gibt es einige Abschnitte in grünen Labyrinthen und Höhlen, um zum Beispiel Feuersamen für Hagrid zu besorgen, damit der Drache Norbert endlich aus seinem Ei schlüpfen kann. Oder Harry muss durch das halbe Schloss-Untergeschoss turnen, um für die ganze Klasse Zutaten für einen Zaubertrank zu besorgen. Dies nur, weil ihm offensichtlich jemand eine Falle gestellt hat und er in die Verließe gestürzt ist. Auch der Tarnumhang, der im Film eine vergleichsweise kleine Rolle gespielt hat, wird hier für eine längere Passage genutzt, die sich an das Buch anlehnen.


Harry kann zu verschiedenen Gelegenheiten mit dem Besen fliegen. Erst gibt es eine Unterrichtsstunde bei Madam Hooch, später darf sich Harry in Quidditch-Spielen beweisen. Gerade Letzteres sieht hübsch aus mit all den umherfliegenden Spielern und Bällen, allerdings beschränkt sich Harrys Anteil darauf, durch Kreise in der Luft zu fliegen. Das ist hektisch genug, allerdings kein eigenständiges Quidditch.
Apropos Hektik: In Buch und Film ist der Troll auf der Mädchentoilette ein wichtiger Moment. Harry und Ron freunden sich wegen dieses Ereignisses mit Hermine an, die sie davor nur als „nerviges Mädchen“ abgestempelt hatten. Im Spiel verstehen sich die drei von Anfang an gut und versehentlich lockt Harry in einer aufreibenden 3D-Sequenz in die besagte Toilette. Dort muss nun Ron dem Troll dessen eigene Keule auf den Kopf levitieren, während Harry geworfene Waschbecken-Stücke auseinander zaubert. Klingt anstrengend? Ist es auch.
Grafik und Sound überzeugen in der Rückschau. Für heutige Augen mag Hogwarts leer wirken – und dass sich die Bilder an den Wänden so gar nicht bewegen, ist eine vertane Chance. Doch das, was zu sehen ist, ist gelungen und lädt zur Erkundung ein. Seltsam mutet allerdings an, dass die gezeichneten Sequenzen Figuren anders darstellt als die 3D-Engine. Müht sich Letztere redlich, die Schauspieler (oder wenigstens echte Menschen) nachzubilden, sind Dumbledore, Harry und Co. in den Bildern cartooniger dargestellt.


Leider haben nicht die Original-Schauspieler das Spiel vertont, doch die Sprecherriege macht einen guten Job. Schade allerdings, dass Harry selbst praktisch keinen Ton von sich gibt.

Bereits 2001 konnten Spiele einen Schwung an Sammelobjekten enthalten. In Harry Potter und der Stein der Weisen waren es gleich drei: Mit den Bohnen unterschiedlicher Geschmacksrichtungen kann Harry bei Fred und George Zauberer-Sammelkarten kaufen. Wer alle 24 dieser Karten gefunden oder gekauft hat, kann am Ende des Spiels noch eine geheime 25. Karte ergattern. Und wer sich den Abschluss des Spiels vollständig angeschaut hat, erfährt sogar in einer kleinen Sequenz noch, wofür die Zwillinge all die Bohnen gebraucht haben: Sie begraben Snape unter einem ganzen Berg von den Dingern. Sehr schön.
Außerdem kann Harry in den Unterrichtsstunden Challenge Stars einsammeln, wenn ihn mal wieder ein Lehrer durch seltsame Prüfungen jagt. Ergattert er alle diese Sterne, öffnet sich am jeweiligen Prüfungs-Ende ein geheimer Raum mit zusätzlichen Belohnungen. Keines der Sammelobjekte erleichtert also das Spiel durch verbesserte Fähigkeiten. Und ob die im Spiel ergatterten Hauspunkte am Ende eine Relevanz haben? Nein. Wie im Buch vergibt Dumbledore am Ende Extrapunkte für Gryffindor, so dass Slytherin das Nachsehen hat.

Die Anzahl an Zaubersprüchen bleibt begrenzt. Doch aus den fünf Sprüchen holt das Spiel einiges an Hindernissen und Rätseln heraus. Übrigens: Während Wingardium Leviosa, Alohomora, Incendio und Lumos in Buch und Film vorkommen, ist Flipendo ein eigens für das Spiel kreierter Spruch. Wobei die Entwickler bei Rowlings Agentur nach nutzbaren Zaubern angefragt hatten und diese fünf Sprüche zurückkamen. Die vage Beschreibung für Flipendo ging in Richtung „kleine Dinge einige Zentimeter wegstoßen“, doch KnowWonder verschoben damit ganze Fässer, kippten Kessel um und ließen Vasen zu Bruch gehen. Der Zauber blieb der Spiele-Serie noch für einige Teile erhalten, schaffte es aber nie in die Bücher oder Filme. Bis dann Draco Malfoy im Theaterstück Harry Potter und das Verwunsche Kind mit Flipendo Harry im Duell durch die Luft schleudert. Da Rowling das Stück als kanonisch anerkennt, hat es Flipendo nach 15 Jahren offiziell geschafft.
Wer tiefer in das Geheimnis der PC-Version eintauchen möchte, findet auf der Seite The Cutting Room Floor eine Menge an ungenutzten Sprachsamples, Musik- und Sound-Fetzen, regionaler Unterschiede jenseits der Philosopher’s / Sorcerer’s Stone-Geschichte und vor allem ungenutzte Animationen. So gibt es von allen drei Dursleys animierte 3D-Modelle – was seltsam ist, weil die Familie nur auf einem gezeichneten Bild im Vorspann zu sehen ist.
Playstation 1
Zeitgleich mit der PC-Version erschien das Spiel für die Playstation 1, das vom Studio Argonaut gezimmert wurde. Die frühen Jahre bei den Dursleys fehlen wie auf dem PC komplett, ebenso sind Winkelgasse, Gringotts oder der Hogwarts Express nicht spielbar. Es gibt die gleichen Intro-Bilder wie auf dem PC. Dieses Mal allerdings in Farbe und mit schicker Umblätter-Optik. Dies ist allerdings das letzte Mal, dass die PS1-Version besser aussieht.


Grundsätzlich folgt die PS1-Fassung wie die PC-Fassung der Filmhandlung, biegt aber an einigen Stellen anders ab. Zum Beispiel werden die Zaubersprüche dynamischer gelernt: statt Figuren mit der Maus nachzumalen, trainiert Harry auf der Konsole die neuen Sprüche durch eine Art Senso-Spiel mit den Controller-Tasten. Viele Aufgaben erfordern noch mehr Hüpferei als auf dem Computer. Ob es ein Vor- oder ein Nachteil ist, dass Harry automatisch an Rändern abspringt, darf jeder selbst herausfinden.
Das anfängliche Tutorial für die Steuerung übernehmen in dieser Fassung Ron und der fast kopflose Nick. Wobei neben der Sprung-Automatik aufladbare Zaubersprüche mit mehr Wumms die größte Neuerung im Vergleich zur PC-Version ist.

Peeves nimmt in dieser Fassung eine zentralere Rolle ein. In einem längeren Parcours-Abschnitt jagt Harry dem Poltergeist hinterher, um ihm ein Päckchen wieder abzunehmen. Darin findet Harry den Tarnumhang, der in den anderen bisherigen Versionen in einem Weihnachtsgeschenk lag. Diesen Tarnumhang wiederum benötigte Harry in Buch und PC-Fassung, um Norbert auf den höchsten Turm zu schmuggeln. Das handelt diese Version hier wieder als bebilderte Erzählung ab – nur um dann den Abschnitt einzufügen, den es auf dem Computer nicht gibt: Harry findet nachts im Wald eine unheimliche Gestalt, die sich an einem gerade getöteten Einhorn satt trinkt.
Ein weiterer komplett neuer Abschnitt ist die Winkelgasse inklusive der Zaubererbank Gringotts. Hagrid und Harry machen einen Abstecher dorthin, um Zutaten für eine Arznei zu besorgen. Harry muss dafür allerdings in der Bank Gold abheben – Hagrid werde sich die Wartezeit mit ein paar Butterbierchen vertreiben. Wohlgemerkt: Die Arznei ist für Hagrids Drachen Norbert, aber unter Freunden…

Auch auf der Playstation sammelt Harry fleißig Bertie Botts Bohnen und tauscht sie bei den Zwillingen ein. Dieses Mal bekommt er im Gegenzug Passwörter für verschiedene Gemälde, hinter denen dann Bonusschätze zu finden sind.

Richtig neu sind dagegen ausgewachsene Geschicklichkeitsspielchen. Das Gold aus Gringotts bekommt Harry nämlich nicht einfach so. Nein, die Bank steht für ein umfassendes Kundenerlebnis. Mit einem Kohlekarren darf Harry auf Schienen durch die Gänge jagen. Dabei sammelt er so viele Knuts (die kleinste Münze in der Magierwelt – hier so groß wie ein Autoreifen) wie möglich ein. Und weil die Bank offensichtlich nicht weiß, wohin mit ihren Reichtümern, können wir noch Bonus-Edelsteine einsacken.
Schafft Harry nicht die erforderliche Anzahl an Münzen, darf er die Fahrt so lange wiederholen, bis es doch klappt. Und selbst dann darf den Spieler noch keine Erleichterung überkommen, denn nun folgt die gleiche 3D-Fahrt, um Sickel zu sammeln. Die ganze Sequenz erinnert mich ein wenig an Descent – und auch da wurde mir immer schlecht. Aber zugegeben: Die Münzen-Jagd ist rasant gemacht. Dass allerdings nach den Sickeln natürlich auch noch Gallonen gescheffelt werden müssen, war mir dann doch der Spielzeit-Streckung zu viel.
Quidditch steuert sich auf der Playstation fast wie auf dem PC. Erneut sorgen die Ringe vor Harrys Nase dafür, dass er nicht einfach vogelfrei herumfliegen kann. Bis zum ersten richtigen Versuch, das Spiel auf die Heimsysteme zu bringen, sollten noch zwei Jahre vergehen. 2003 erschien Harry Potter Quidditch World Cup und war so erfolgreich, dass der nächste Versuch erst 2024 erschien.


Grafik und Sound der PS1-Version sind polygonarm, aber solide. Die Originalsprecher fehlen auch hier, Harry bleibt stumm, andere Charaktere sprechen aber oft und viel Stimmen. Fans der PC-Fassung könnten die PS1-Version wegen ihres action-orientierter Fokus als hektischer empfinden, aber man gewöhnt sich schnell um. Direkt nacheinander gespielt ist es interessant, dass einige Passagen wie eine Auseinandersetzung mit Draco praktisch identisch inszeniert sind und dann wieder Abschnitte kommen, die in der PC-Fassung fehlen.
Game Boy Color
Ein ganz eigenständiges Werk ist Harry Potter und der Stein der Weisen auf dem Game Boy Color. Das Gerät versucht erst gar nicht, die Figuren aus den Filmen nachzubauen. Dafür lässt sich diese Version viel mehr Zeit, bis Harry in Hogwarts ankommt. Hier erkundet er tatsächlich die Winkelgasse, um seine Utensilien einzukaufen. Im Hogwarts Express lernt er Ron, Hermine und Malfoy kennen und kauft den halben Süßigkeitenwagen leer. Selbst die Bootsfahrt zum Schloss ist hier Teil der Spielerfahrung.




Doch bei aller Nähe zur Vorlage: Kern der GBC-Version sind die Kämpfe. Harry Potter und der Stein der Weisen lehnt sich stark an die japanische Rollenspiele im Stile eines Final Fantasy an und schaufelt tonnenweise Gegner auf unsere Wege. Bereits in der Winkelgasse kann Harry regelmäßig gegen Ratten kämpfen. Passanten geben ihm den Rat, möglichst viele Kämpfe zu bestreiten, um im Level aufzusteigen und später stärkere Gegner besiegen zu können. Die übliche Mechanik also. Immerhin wirft uns das Spiel keine Zufallskämpfe vor die Füße: Die Gegner sind immer schon vorab auf der Karte zu sehen und können – genügend Platz vorausgesetzt – umgangen werden. Leider tauchen manche Feinde so knapp vor Harry aus dem Nichts auf, dass er dann doch in sie hineinläuft und einen Kampf auslöst.

Der Zauberstab, den Harry bei Ollivander erworben hat, beherrscht von Haus aus den bereits bekannten Flipendo-Zauber. Deshalb zieht ihm dieser bei Benutzung kein Mana ab. Andere, stärkere Zauber, tun dies schon. Im Verlauf einer langwierigen Exkursion durch Hogwarts Kerker kommt auf diese Weise ein Taktikelement hinzu, denn wer ohne Mana in einen großen Gegner läuft, ist aufgeschmissen.



Auch auf dem GBC gibt es Zauberer- und Hexen-Sammelkarten. Dieses Mal können sie zu unterschiedlichen Kombinationen verbunden werden, die wiederum Kampfboni bewirken. Die Karten sind wieder in der Landschaft versteckt, die Kombinationen kann Harry finden, kaufen oder im Spielverlauf freischalten. Eine weitere Möglichkeit, die ich leider nicht ausprobieren konnte: Mittels Game Link Kabel können zwei Spieler auch Karten miteinander tauschen.

Diese Fassung des Spiels ist die einzige, bei der nicht schon feststeht, dass Gryffindor den Hauspokal gewinnt. Wie auch in den anderen Versionen sammelt Harry fleißig Punkte, doch gleicht nicht am Ende der Geschichte Professor Dumbledore einfach mit einem Taschenspielertrick die fehlenden Punkte aus. In diesem Fall bekommt das Haus mit den meisten Punkten den Pokal und der Spieler den guten Rat, es doch einfach nochmal zu versuchen. Aber ehrlich gesagt: So lustig ich die Optik finde und so schön ich die vielen bekannten Orte finde: Es sind einfach zu viele Kämpfe. Selbst wenn ich viele der Gegner umgehe besteht gefühlt die Hälfte des Spiels aus der Klopperei gegen allerlei Feinde. Wer so ein Spiel sucht, ist hier richtig. Alle anderen bleiben besser bei den 3D-Varianten.



Game Boy Advanced
Überraschung! Die Fassung für den Game Boy Advanced führt mit den gleichen Bildern ein, die schon auf dem PC und der Playstation zu sehen waren. Entsprechend wirft Griptonite Games die ganze Geschichte bis Hogwarts, die sie auf dem GBC so schön zelebriert haben, gleich wieder über Bord und beginnen das Spiel erneut in Hogwarts nach der Hut-Zeremonie.
Auch das restliche Spiel nimmt sich die Buchvorlage nur als Sprungbrett für ausgedehnte Puzzle-Erkundungstouren durch das Schloss und andere Schauplätze wie Hagrids Garten. Große Teile des Spaßes bestehen darin, sich Wege freizuräumen, indem man Gegenstände verschiebt. Steinplatten helfen über Abgründe, Baumstämme blockieren Wege, Bücherregale verbergen Geheimnisse. Teilweise sorgt der Bildausschnitt dafür, dass das vollständige Puzzle, das vor Harry liegt, nicht auf einen Blick zu erfassen ist. Falls man sich deswegen (natürlich NUR deswegen) verpuzzelt hat, lässt sich der Abschnitt aber problemlos zurücksetzen und neu beginnen.



Auch in dieser Version dient Flipendo als erster und für den Spielverlauf wichtigster Zauber. Dieses Mal lehrt in Professor Quirrell in seinem Unterricht. Um diesen und spätere Sprüche zu lernen, muss Harry die Bewegungen der anderen Person wieder wie bei Senso nachspielen. Und erneut regnet es Hauspunkte, wenn er diese Aufgabe gut meistert. Neu sind nächtliche Missionen, in denen Harry unbefugt durch das Schloss schleicht. Sein Zauberstab spendet einen Lichtkreis, den Harry tunlichst von den Vertrauensschülern fernhalten sollte, die ebenfalls in den Gängen unterwegs sind. Sonst muss er von vorne anfangen – und hat noch ein paar Hauspunkte abgezogen bekommen.
Flipendo ist nicht nur nützlich, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Für die überall lauernden Gnome reicht der Spruch auch locker aus. Wobei Harrys Zauberanimation zwar hübsch ist, aber auch einen Tick zu lange dauert. Da kann so ein Gnom schon mal in die Nähe kommen und ein wenig Energie abzwacken. Diese kann Harry mit den Bohnen unterschiedlicher Geschmacksrichtungen wiederherstellen – das erste Mal, dass die Dinger nicht nur Sammelobjekte sind.



Die Grafik ist hübsch gemacht, kann sich bei den Charakteren allerdings nicht recht entscheiden. Sehen Professor Quirrell und Madame Hooch ihren Leinwandvorbildern sehr ähnlich, ist Harrys Charakterportrait an den Schauspieler Daniel Ratcliffe immerhin noch angelehnt, während Draco Malfoy, Ron und Hermine ganz eigene Gesichter haben. Die Musikstücke sind eingängig und trotz ihrer Kürze nicht nervig. Lustig sind die wenigen Sprachfetzen, die im Spiel sind: Harry ruft die Zaubersprüche manchmal laut, wenn er sie wirkt. Trotz deutscher Texte selbstverständlich in englischer Aussprache. Dies gilt auch für seinen Schmerzensschrei, aber der ist ja international verständlich.



Auf den Besen darf sich Harry auch in dieser Fassung schwingen. Zum Beispiel jagt er in der ersten Flugstunde Draco Malfoy hinterher, weil dieser Neville Longbottom einen Gegenstand weggenommen hat. 3D war auf dem GBA utopisch, daher hat der Entwickler hier eine Draufsicht gewählt. Glitzernde Sterne machen Harry kurzfristig schneller. Nur so hat er eine Chance, Malfoy einzuholen. Wenn er nicht – wie ich – ständig in den engen Kurven hängenbleibt. Auch Quidditch wird aus dieser Perspektive gespielt. Hier folgt Harry einer Sternchenspur, die die Flugbahn des gesuchten fliegenden Balls, dem Schnatz, anzeigt.
Was bleibt? Die GBA-Fassung ist hübsch gemacht, bietet mir aber zu wenig Geschichte. Auf der Haben-Seite steht, dass diese Version völlig eigenständig ist. Wer 2001 die bisherigen vier Spiele geschenkt bekommen haben sollte, hatte tatsächlich vier verschiedene Möglichkeiten, die Geschichte zu erleben.
GameCube, Xbox, Playstation 2
Historisch informierte Leser werden sich sicher schon gefragt haben, warum Electronic Arts 2001 im Konsolenbereich noch auf die Playstation 1 gesetzt hatte? Schließlich war die technisch weit überlegene Playstation 2 bereits ein Jahr zuvor erschienen. Nun, vermutlich wollte der Publisher bei einem familientauglichen Spiel die weit verbreitete Konsole nutzen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich die PS1 bis zum Herbst 2001 um die 30- bis 40-Millionen-mal verkauft hat, während die noch neue PS2 auf ungefähr 5 Millionen Geräte kam.
Bereits das Nachfolgespiel Harry Potter und die Kammer des Schreckens (2002) erschien für beide Plattformen gleichzeitig und es war absehbar, dass das dritte Spiel nicht mehr für die alte Konsole erscheinen würde. Außerdem erschienen mit Microsofts Xbox und Nintendos GameCube zwei weitere Konsolen, die Electronic Arts bedienen wollte. Entwickler Warthog Games griff also auf die Engine des 2002er-Spiels von EA Bright Light zurück und verwendete auch viele der Grafiken und Charaktermodelle aus der Kammer des Schreckens wieder, um Harry Potter und der Stein der Weisen auf die aktuelle Konsolengeneration zu bringen.



Dabei wurde das Spiel im Vergleich zur PS1-Fassung komplett neu erzählt. Hier wird der Winkelgasse wieder viel Platz eingeräumt. Deshalb übernimmt auf der Playstation 2 der Zauberstab-Händler Ollivander das Tutorial und scheucht Harry durch allerlei Aufgaben. Zaubersprüche lassen sich nun nicht nur auf-, sondern auch überladen, was zu einem Energieverlust Harrys führt. Aufgrund der geringen Entwicklungszeit (das Spiel erschien am 12. Dezember 2003) wurden aus der PS2-Version von Kammer des Schreckens einzelne Sequenzen eins zu eins übernommen. So haben Fred und George einen eigenen kleinen Laden mit Zaubererkarten und anderen feinen Dingen eingerichtet, den Harry aber nur über den Lesesaal erreicht. Dort wiederum treibt sich Percy herum, der nicht gestört werden möchte. Also muss Harry um ihn herumschleichen und durch einen Geheimgang zu den Zwillingen kriechen.
Doch diese Zweitverwertung hat mich nicht gestört. Schon allein, weil ich erst Stein der Weisen gespielt habe. Wichtiger ist, dass Warthog bei der Entwicklung dieses neuen ersten Teils die Ladezeiten in den Griff bekommen hat, die in der Kammer des Schreckens noch allerorts lauerten. Nun öffnet Harry mit einer leicht ausladenden Animation eine Tür und es geht nahtlos weiter. Einzig mit der Kamera wurde ich nie so richtig warm. Steht Harry in einem etwas engeren Bereich, so kann sich der Spieler nicht mehr frei umschauen.

Was wäre eine neue Version ohne eine neue Variante, mit der Harry die Zaubersprüche lernt? Dieses Mal schicken ihn die jeweiligen Lehrer auf Hindernis- und Puzzle-Parcours. Meist muss Harry Schalter drücken, Sprungpassagen meistern und Gegner besiegen. Am Ende dieser Abschnitte findet er dann ein Zauberbuch, das ihn zum Beispiel den Zauber Lumos lehrt, den er natürlich direkt einsetzen muss, um im Dunkeln die Tür zu finden.

Der Rest des Spiels klappert die mittlerweile sattsam bekannten Punkte ab. Allerdings ist die Geschichte im Vergleich zur alten Playstation-1-Fassung viel ausführlicher und näher am Film inszeniert. Sowohl der Troll als auch Quidditch haben wieder ihre Auftritte. Vor allem die Mädchentoiletten-Szene ist hier sehr nah am Film inszeniert, während die Besenfliegerei wieder auf die Ringe in der Luft setzt, durch die Harry fliegen muss. Auch Zaubererkarten darf Harry wieder sammeln und doppelte Karten mit Mitschülern tauschen. Oder sie für gesammelten Bohnen bei den Weasley-Zwillingen kaufen.
Apropos Bohnen: Die Sprachausgabe der englischen Version ist sehr gut gelungen. Harry kommentiert nur leider jede einzelne gefundene Bohne. Mal erfreut (Schokolade), mal angewidert (Popelgeschmack). Das kann auf Dauer ein wenig nerven, doch die Dialoge sind hervorragend gemacht. Die deutsche Fassung fällt dagegen ab. Vor allem Fred und George Weasley sprechen bemüht lustig.
Die Gestaltung von Hogwarts und der Umgebung ist hervorragend gelungen. Gut, wenn Harry und Ron in einem Außenlevel übers Gras laufen, wirkt die Umgebung schon sehr leer. Doch die mit Abstand meiste Zeit verbringen Spieler und Harry im Schloss und das sieht toll aus. Das Spiel nimmt sich sogar kurz Zeit, um Halloween und Weihnachten im Spiel mit jeweils kurzen Cutscenes zu erwähnen. So bekommt Harry seinen Unsichtbarkeitsumhang wie in der Buchvorlage an Weihnachten. Keine große Sache, aber hübsch gemacht.



Vielleicht ist es unfair, die beiden Playstation-Fassungen miteinander zu vergleichen. Grafisch wirkt das Spiel von 2001 in der direkten Konfrontation natürlich völlig veraltet und die Ladezeiten der PS1 wünsche ich mir auch nicht mehr zurück. Dafür halte ich die Unterrichtsstunden für gelungener. Es ist schöner, die Zaubersprüche direkt von den Lehrern und Lehrerinnen beigebracht zu bekommen, als durch verwinkelte Gänge zu kriechen und dann ein Buch zu finden. Insgesamt hat die neue Fassung allerdings die Nase weit vorne und es ist schade, dass sich dies nicht in den Verkaufszahlen niederschlug. Weltweit haben sich nicht einmal 630.000 Exemplare über alle drei Plattformen hinweg verkauft. Zum Vergleich: Die PS1-Fassung verkaufte ungefähr 8 Millionen Exemplare. Entsprechend teurer werden Exemplare des Spiels auf dem Gebrauchtmarkt gehandelt. Für eine GameCube-Fassung werden 120 Euro aufwärts aufgerufen.
Lego Harry Potter
2010 erschien die bis dato aktuellste Spiele-Umsetzung des Buchs: Lego Harry Potter Years 1-4. Wie der Name schon verrät, deckt der Titel die ersten vier Bücher inklusive Der Feuerkelch ab. Verantwortlich für das Spiel war die Firma Traveller’s Tales, die seit 2005 durchgehend Lego-Spiele auf den Games-Markt bringt und dabei auf Lizenzen wie Star Wars, Batman, Indiana Jones oder eben Harry Potter setzt.
Das Spielprinzip in all diesen Jahren bleibt im Kern immer gleich: Aus der Third-Person-Perspektive erkunden die Spieler lineare Level und zentrale Hub-Welten und zerlegen nahezu jedes Objekt in Lego-Steine. Einige dieser zerstörten Gegenstände können zu neuen Konstruktionen zusammengesetzt werden, um Rätsel zu lösen oder Wege freizuschalten. In den Spielen steuert man unterschiedlichste Lego-Figuren, die alle über spezielle Fähigkeiten verfügen. Zusammenarbeit – gerne auch im lokalen Koop – ist ein zentrales Element. Kämpfe sind einfach gehalten und wer aus dem ein oder anderen Grund scheitert, verliert nur einige Punkte und kann weitermachen. Nach Abschluss der Story-Level lädt der „Freies Spiel“-Modus dazu ein, mit allen freigeschalteten Charakteren zurückzukehren und bisher unerreichbare Geheimnisse mit den neu erworbenen Figuren einzusammeln.
Erzählt werden die Geschichten mit viel Slapstick und visuellem Humor. In den frühen Traveller’s-Tale-Jahren gab es noch keine Dialoge, sondern die Vorlagen wurden mit pantomimischen Slapstick-Einlagen nacherzählt. So auch in Harry Potter.


Das Spiel beginnt mit einem vorgerenderten Intro-Film. Erneut sehen wir Harry als Baby, dann als Junge bei den Dursleys. Nur eben dieses Mal in der typischen Lego-Spiel-Optik, bei der die meisten Gegenstände aussehen, als wären sie aus den Klemmbausteinen zusammengesetzt. Nur größere Flächen wie Wände haben einen realistischen Look. Hagrid übergibt Harry seinen Einladungsbrief nach Hogwarts und schwups sind die beiden in London im Tropfenden Kessel. Was die Geschichte betrifft, legt Lego Harry Potter ein steiles Tempo vor.
Lego-Sammler werden es in diesem Vorspann natürlich direkt bemerken: Einige Figuren sehen nicht so aus wie ihre Echtwelt-Lego-Kollegen. Das liegt schlicht daran, dass 2010 zum Beispiel Petunia Dursley noch gar keine eigene Lego-Figur hatte, nach deren Vorbild Traveller’s Tales hätten arbeiten können. Erst 2020 (und als Variante 2025) wurden sie und Dudley auf den Markt gebracht. Lustigerweise gab es Onkel Vernon schon 2002 als Figur – und trotzdem sieht er im Spiel ganz anders aus.
Wie jedes andere Lego-Spiel besitzt Lego Harry Potter einen großen Hub-Bereich, von dem aus die Story-Level erreicht werden. Logisch, dass dieser Bereich in diesem Titel Hogwarts ist. Hier finden sich neben zusätzlichen Punkten weitere freischaltbare Charaktere und goldene oder rote Lego-Steine. Letztere schalten Boni wie zehnfache Punktzahlen oder einen Absturz-Schutz frei.


Neu in Lego Harry Potter: Rons Ratte Krätze kann in Tunnel geschickt und gesteuert werden, um ansonsten unzugängliche Bereiche zu erreichen. Ein weiteres Novum: An einigen Stellen können die Figuren Legosteine frei schweben lassen und theoretisch auf diese Weise ganz eigene Konstrukte errichten. Was sich im ersten Moment spaßig anhört, erweist sich in der Praxis schnell als nervig. Die Steine bleiben gerne irgendwo hängen und klicken nicht so hübsch zusammen, wie sie sollten. Meist klettert meine Figur daher über wackelige Konstruktionen, weil ich irgendwann die Geduld verloren habe.
Insgesamt ist Lego Harry Potter ein typisches Spiel der Reihe. Wer wirklich alles erkunden und freischalten möchte, ist lange beschäftigt, aber man kann auch problemlos immer mal wieder einen Level durchspielen und die hübsch präsentierte Geschichte genießen.

Lego Harry Potter – Sony PSP
Für die PSP-und DS-Fassungen von LEGO Harry Potter: Years 1–4 war wie bei allen anderen Handheld-Lego-Umsetzungen das in Wilmslow beheimatete Studio TT Fusion verantwortlich. Schauen wir uns zunächst die Sony-Version an: Das Spiel basiert zwar auf den gleichen Zwischensequenzen, doch der Rest des Spiels unterscheidet sich stark. Das beginnt schon bei der Präsentation: Statt einer 3D-Kamera nutzt die PSP-Version meist eine isometrische Draufsicht. Dadurch wird das Spiel auf dem kleineren Bildschirm zwar übersichtlicher, aber auch wesentlich weniger räumlich.



Spielerisch setzt die PSP-Fassung auf stärkere Vereinfachung. Während auf den Wohnzimmer-Konsolen mehrere Charaktere gleichzeitig genutzt und komplexere Rätsel gelöst müssen, steuert man auf der PSP immer nur eine Figur. Das Leveldesign ist entsprechend linearer und unterscheidet sich teilweise deutlich von den Konsolenfassungen, auch wenn die Handlung weiterhin den ersten vier Filmen folgt. Die offene Erkundung von Hogwarts wird auf der PSP durch ein vereinfachtes Hub-System ersetzt, von dem aus die einzelnen Kapitel gestartet werden.

Auch technisch liegen Welten zwischen den Versionen. Die Auflösung ist auf der PSP geringer, ebenso die Sichtweite. Da die Figuren auch weit weniger Animationen bieten, wird die Geschichte hauptsächlich über Texttafeln und nicht mehr über pantomimische Einlagen erzählt. Dafür streut die PSP-Version einige Mini-mini-mini-Spielchen ein. Überhaupt scheint das Spiel auf kürzere Spiele-Sessions ausgelegt zu sein.

Lego Harry Potter – Nintendo DS
Im Grunde ist die DS-Version eine schlechter aufgelöstere Fassung des PSP-Spiels. Die Darstellung ist weniger detailliert und die Sichtweite der Spielwelt ist eingeschränkt. Allerdings werden die beiden Bildschirme aktiv eingesetzt: Der obere Bildschirm zeigt die Spielwelt und die laufende Handlung, während der Touchscreen die Steuerung und Interaktion übernimmt. Spieler können Zauberzeichen direkt mit dem Stylus zeichnen, Gegenstände gezielt verschieben oder Menüs und Inventare aufrufen.


Die Aufgaben sind nahezu identisch mit denen der PSP-Fassung, allerdings auf den Touchscreen angepasst. Diese reichen von schnellen Reaktionsübungen bis zu einfachen zeichnerischen Aufgaben, mit denen zum Beispiel Zauber oder Schalter aktiviert werden.
Technisch zeigt sich der DS bewusst reduziert, doch das Spiel bleibt spielerisch abwechslungsreich und unterhaltsam. Die linearen Level, die vereinfachten Rätsel und die kurzen Minispiele machen die DS-Version besonders zugänglich. Der Einsatz beider Bildschirme bietet zudem ein einzigartiges Spielerlebnis, das die Möglichkeiten des Handhelds ausreizt. Die geringe Auflösung fällt auf dem kleinen DS-Bildschirm nicht störend auf, so dass diese Hosentaschen-Variante durchaus ihren Reiz hat – und dank der DS-typischen Steuerung auch abwechslungsreicher ist als das PSP-Spiel.


Und damit haben wir das Ende dieses Artikels erreicht. Welche Version des Spiels kanntet ihr schon? Gibt es eine Fassung, die euch nun besonders interessiert?

Junge, Junge, da haben sie die Kuh ja richtig gemolken. 😂
Wieder sehr interessant. 😀
Gemolken? Ja, schon. Aber sie haben sich Mühe gegeben und die einzelnen Versionen ganz gut auf die jeweilige Plattform angepasst. Sonst wäre das ja nicht interessant 🙂
Deswegen war die Konsolengeneration der 2000er ja auch so interessant! Heute erscheint überall dasselbe Spiel…