
| Titel: | Forbidden Solitaire |
| Erscheinungsdatum: | 30.04.2026 |
| Plattformen: | Windows |
| Entwickler / Herausgeber: | Night Signal Entertainment / Grey Alien Games |
| Homepage: | https://greyaliengames.com/forbiddensolitaire/index.php |
Ihr mögt Horrorgeschichten mit Meta-Ebene? Ihr mögt die Ästhetik von frühen CD-ROM-Spielen wie 7th Guest? Ihr mögt Solitärspiele? Wenn ihr eine dieser drei Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten könnt, dann hört jetzt sofort auf zu lesen. Geht auf Steam oder GOG und kauft dieses Spiel. Schaut keine Trailer und lest keine Reviews. Spielt dieses Spiel unbedingt blind und lasst euch von Anfang an überraschen. Das ist die beste Art, dieses Spiel zu erleben. Vertraut mir, wenn ich sage, dass wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun haben. Ich spreche für diesen Test eine Spoilerwarnung für die erste Spielstunde aus, denn ohne Spoiler lassen sich das Spiel und sein Reiz nicht vernünftig besprechen.
Grey Alien Software ist schon seit vielen Jahren auf dem Markt für Solitärspiele aktiv. Titel wie Jewel Match Solitaire Fantasy wurden an dieser Stelle bereits geadelt. Für das neueste Projekt Forbidden Solitaire tat sich das Studio mit Night Signal Entertainment, den Machern hinter dem sensationellen FakeOS-Horrorspiel Home Safety Hotline, zusammen. Gemeinsam entwickelten die beiden Studios eine Genremischung, die ich so nicht auf meiner Bingokarte hatte. Aber der Reihe nach.
Die Geschichte eines verschollenen Spiels

Wenn ihr das Spiel startet, dann befindet ihr euch erst einmal nicht im eigentlichen Spiel Forbidden Solitaire. Vielmehr findet ihr euch auf einem fiktiven Windows-Desktop wieder und loggt euch mit dem Namen Will Roberta ein. Eine schöne Anspielung auf Sierra-Legende und Phantasmagoria-Erfinderin Roberta Williams. Dort schreibt ihr in einer Messenger-App eurer Schwester Emily und berichtet ihr von eurem Fund: In einem Second-Hand-Laden habt ihr das superseltene Spiel Forbidden Solitaire aus dem Jahr 1995 gekauft. Will und Emily können sich nur vage an den Skandal erinnern, der dieses Spiel seinerzeit umgab. Sie wissen nur noch, dass ihre Mutter es den beiden verboten hat, dieses Spiel zu spielen.
Während ihr nun anfangt zu spielen, beginnt Emily zu recherchieren. Im Laufe des eigentlichen Gameplays wird das Spielgeschehen immer wieder von ihren Nachrichten unterbrochen. Und es fängt auch ganz unverfänglich an. Sie schickt euch alte Werbeanzeigen, eine nicht ganz so lobpreisende Kritik aus einer alten Gaming-Zeitschrift und einen Beitrag aus einer alten Nachrichtensendung, in dem gezeigt wird, wie besorgte Eltern gegen die Veröffentlichung protestieren. Es ist ein Solitärspiel, wieso muss es so verdammt blutig und grausam sein? Sie erzählt euch davon nicht nur in ihren Nachrichten, sie schickt auch immer wieder Dateianhänge mit überzeugend authentisch wirkenden Bildern und Videos, die euch direkt in diese Zeit katapultieren!



Doch schon bald verfinstern sich ihre Recherchen: Einer der Entwickler kam auf mysteriöse Weise ums Leben und andere Entwickler verschwanden spurlos. Sie gräbt sogar ein Fragment aus einer Episode der Mystery-Serie Truth or Tale aus, die sich um das Spiel drehte. Auch hier wieder mit einem sensationellen Video, in dem eigentlich nur noch Jonathan Frakes fehlt, um die Illusion perfekt zu machen (die Sendung, die hier in Deutschland als X-Factor: Das Unfassbare lief, hieß in den USA Beyond Belief: Fact or Fiction).
Irgendwas stimmt also nicht mit diesem Spiel und seiner Entstehungsgeschichte. Was ist das Geheimnis? Das findet Emily in den folgenden Spielstunden heraus. Nur so viel sei verraten: An Will und Emily wird dieses Geheimnis natürlich nicht spurlos vorbeigehen. Und im Spiel gibt es noch weitere Ebenen, mit denen die Entwickler die Geschichte erzählen – diese werden an dieser Stelle nicht verraten. Um so überraschender wird es, wenn sie auftreten. Auch so viel sei verraten: Es ist keine Geschichte, dass die etablierten Mysterien nicht auflöst.
Wie grausam ist nun das eigentliche Spiel?
Nach diesem Einstieg müsst ihr euch nun denken, dass das Spiel doch ganz schön grausam sein muss, oder? Nun ja, wie die 90er Jahre häufig so waren: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, insbesondere in Bezug auf Computerspiele. Das eigentliche Spiel präsentiert sich als Mischung aus Horrorspiel und TriPeaks-Solitaire. Das Spiel startet mit herrlich trashigen FMV-Szenen und geht im eigentlichen Spiel zu der damals typischen 3D-Rendergrafik über, wie man sie in Titeln wie 7th Guest gesehen hat. In der Geschichte durchsucht ihr als Magier auf der Suche nach einem Trank, der ewiges Leben verspricht, einen mit grausigen Monstern bevölkerten und mit Fallen ausgestatteten Dungeon.



Dabei läuft die Erkundung automatisiert ab, ihr bewegt euch also nicht interaktiv durch den Dungeon. Wann immer es etwas zu entdecken gibt, eine Tür geöffnet werden soll oder gegen Monster gekämpft wird, wird dies mit einer Runde Solitär gelöst. Wer die früheren Spiele von Grey Alien Software kennt, wird hier viele altbekannte Mechaniken wiedererkennen: Einige Karten verschwinden erst dann, wenn eine bestimmte Zahl einer Farbe gespielt wurde, andere Karten sollen mit Schlüsseln aufgeschlossen werden und wieder andere Karten müssen mehrmals angespielt werden.

Neu sind die Kämpfe gegen die Monster. Hier kommt es auf Kombos an, um den Gegnern möglichst viele Lebenspunkte zu entziehen, während die Gegner in jeder Runde selbst angreifen. Es gibt auch Karten für direkte Angriffe und Schilde, um sich vor Attacken zu schützen. Außerdem schaltet ihr im Verlauf immer mehr Joker-Karten frei, die euch im Gameplay unterstützen. Dabei könnt ihr bis zu drei Joker-Karten im Vorrat haben. Wählt ihr auf dem Spielfeld einen weiteren Joker ohne einen Joker aus dem Vorrat auszuspielen, verfällt dieser. Es lohnt sich also nicht, Joker aufzusparen.
Aber Achtung: Gelegentlich kämpft ihr auch gegen verbuggte Gegner (also seiten Grey Alien Software bewusst und absichtlich verbuggt, damit es in die etablierte Lore passt), die positive Joker-Karten auf dem Spielfeld in negative umkehren, welche beispielsweise eure Mana- und Lebenspunkte reduzieren. In diesem Fall ist es ratsam, den Vorrat voll zu haben, denn mit einem vollen Vorrat verfallen auch die negativen Karten ohne Wirkung. Durch zusätzliche Zaubersprüche, die jeweils Mana verbrauchen, entstehen im weiteren Spielverlauf doch ganz spaßige Runden, in denen durchaus auch Taktik gefragt ist. Dafür werden die Spielfelder selbst nie so riesig wie etwa in den Jewel-Match-Spielen. Das Pacing ist daher wesentlich schneller.
Audiovisuell schafft es das Spiel, den Charme alter DOS-Spiele hervorragend einzufängen. Angefangen bei der bewusst trashigen Sprachausgabe über die Farbgebung bis hin zur Synth-Musik, die an alte Soundkarten erinnert. Dargestellt wird das Spiel im 4:3-Format, also mit dicken Rändern links und rechts. Und ja, einige Monsterdesigns sind für die Technik, die hier authentisch kopiert wird, schon ziemlich gruselig.



Fazit

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Spielerisch gibt es nichts anderes, als Solitär. Aber die Stilsicherheit und wie konsequent die Entwickler ihre Prämisse inszenieren, lässt mich jubeln. Angefangen mit den vielen gut gemachten FMV-Sequenzen in den Videos, die die Emily in den Nachrichten schickt. Das wäre jedoch nur die halbe Miete, wenn nicht auch die Mystery-Story rund um dieses verfluchte Spiel und das dahinterstehende Studio selbst sehr unterhaltsam und mit einigen gut geschriebenen Wendungen daherkommen würde. Dazu kommt natürlich auch das Spiel selbst, das ästhetisch und inszenatorisch tatsächlich aus den 90er Jahren hätte stammen können.
Forbidden Solitaire ist auf vielen Ebenen eine äußerst gelungene Zeitreise in dieses multimediale Jahrzehnt. Der Umfang des Spiels beträgt fünf bis sechs Stunden und deckt damit nicht einmal ein Prozent des sonstigen Umfangs anderer Solitärspiele ab. Aber Solitär ist hier auch nicht der Primärfokus, die erzählte Geschichte und die Ästhetik sind es. Daher bleibt das Solitär-Gameplay selbst im Vergleich zu anderen Genre-Vertretern vergleichsweise leicht.
Von mir gibt es für dieses audiovisuelle Meisterwerk jedenfalls eine unbedingte Kaufempfehlung. Ihr werdet es wirklich nicht bereuen!
