„Von gestern“ ist unsere Review-Rubrik zu verschiedenen Retro-Spielen. Egal ob Klassiker, Geheimtipps oder komplett vergessene Spiele – hier kommt alles erneut auf den Prüfstand, was uns so auffällt…

| Titel: | Die total verrückte Rallye |
| Erscheinungsjahr: | 1995 |
| Plattform: | Windows 3.11 |
| Entwickler / Herausgeber: | Blue Byte |
Wir befinden uns in den tiefsten 90er-Jahren: Der vermeintlich gemeine PC-Gamer schleppte ächzend seine Kiste in den Clubraum und spielte mit anderen, häufig männlich gelesenen Jugendlichen diverse Shooter wie Quake, Duke Nukem 3D oder gut abgehangene Klassiker wie Doom. Gleichzeitig waren es auch die Jahre, in denen der PC langsam in die Haushalte normaler Familien Einzug hielt. Und auch für diese Zielgruppe wurden in dieser Zeit immer mehr Spiele entwickelt: Titel, die bewusst gewaltfrei gehalten wurden und eine Antithese zur schon damals aufkommenden Killerspiel-Debatte darstellten.
Das 1988 gegründete Düsseldorfer Studio Blue Byte war damals dank Hits wie Battle Isle, Die Siedler, Chewy: Escape from F5 oder dem Sci-Fi-Fantasy-Rollenspiel Albion ein bekannter Name in der deutschen Branche. Mit dem Gesellschaftsspiel Die total verrückte Rallye hielten die Düsseldorfer dann auch einen kleinen Zeh in den familienfreundlichen Teil des Spielemarktes jener Zeit. Ob das Spielprinzip auch heute noch überzeugen kann?
Lass uns ein Wettrennen durch Europa bestreiten

Für das Setting eines gelangweilten Clubs, dessen Mitglieder sich auf ein Wettrennen durch Europa einigen, gibt es gleich mehrere mediale Vorbilder. Allen voran sind hier Filme wie „Eine total, total verrückte Welt“ aus dem Jahr 1963 von Stanley Kramer, „Auf dem Highway ist die Hölle los“ (1981) von Hal Needham und Blake Edwards‚ Slapstick-Parade „Das große Rennen rund um die Welt“ aus dem Jahr 1965 zu nennen. Zudem darf die Figur des Dick Dastardly aus der Hanna-Barbera-Cartoonserie „Wacky Races“ nicht unerwähnt bleiben.
Jedenfalls ist das Setting irgendwo im Europa der späten 80er-Jahre angesiedelt. Von Reykjavik bis Spanien ist alles dabei und selbst nordafrikanische Länder wie Algerien sind noch befahrbar. Mit der Zeit wird dann auch die Grenze zu Osteuropa geöffnet und das Spielfeld noch einmal deutlich größer. Das ist tatsächlich eine der größten Stärken: DTVR bietet solch ein großes digitales Spielbrett, wie es nach damaligem Verständnis klassischer Gesellschaftsspiele auf dem Tisch kaum denkbar gewesen wäre.


Rechts: Wenn ihr eine Etappe gewonnen habt, folgt eine Animation. Und es gibt ein schönes Sümmchen auf’s Konto.
Moment, Spielbrett? Genau! Denn DTVR ist kein Rennspiel, sondern ein sehr klassisches Gesellschaftsspiel. Jede Partie fängt in London an und ein berlinerisch daherredender Moderator gibt für jede Runde das Ziel vor. Dann wird abwechselnd eine Zahl von eins bis sechs gewürfelt und die Spieler ziehen ihre Figuren auf die vielen Felder des Spielfelds. Blaue Felder geben dem Spieler Geld, rote Felder ziehen ihm wieder welches ab. Auf gelben Feldern wird per Zufall eine von über 40 Aktionskarten verteilt und auf den sehr seltenen lila Feldern können Aktionskarten gekauft und verkauft werden.
Dann gibt es noch die vielen grauen und schwarz-grau schraffierten Felder. Diese stehen für Städte und Hauptstädte. Auf diesen Feldern können Geschäfte, Werften, Wohnhäuser und andere Immobilien erworben werden. Diese bringen pro Runde immer ein bisschen Geld ein. Die Preise in den kleinen Städten sind gering, während die Preise in den Großstädten astronomisch sind. Hier kommt dann unser Wettrennen ins Spiel: Wer zuerst auf die ausgegebene Hauptstadt zieht, bekommt immer mindestens 100.000 Dollar aufs Konto überwiesen. Ein gutes Polster, um kräftig in den Städten zu investieren. Wer am Ende das meiste Vermögen angehäuft hat, gewinnt das Spiel.


Aber wieso überhaupt das Wettrennen? Es könnte doch jeder Spieler einfach so auf den blauen Feldern umherziehen und so leichtes Geld verdienen? Auftritt für den bösen Dr. Drago, der dem oben genannten Bösewicht aus Wacky Races nachempfunden wurde. Dieser hängt sich ab Runde 2 immer an den Spieler, der am weitesten von der vorherigen Zielstadt entfernt ist. Er kann mit der Zeit nicht nur nervig werden. Vielmehr ruiniert er den Spieler innerhalb kurzer Zeit, indem er Aktionskarten zerreißt, Immobilien zerstört und hohe Schulden auftürmt. Die einzigen beiden Wege, ihn loszuwerden, sind eine äußerst seltene Aktionskarte oder das einfache Überholen anderer Spieler. Er fungiert quasi als Motivator, eben nicht ziellos umherzuziehen, sondern sich tatsächlich an das ausgegebene Spielziel zu halten.

Das letzte große Element sind die bereits angesprochenen Aktionskarten: Mit diesen könnt ihr mehrere Würfel werfen oder eine bestimmte Anzahl von Feldern ziehen (beliebt sind beispielsweise Karten für ein bis zwei Felder, da diese Zahlen irgendwie immer nur dann gewürfelt werden, wenn man sie gerade nicht braucht). Es gibt Karten, um andere Spieler zu sabotieren, auf deren Grundstücken eine Naturkatastrophe stattfinden zu lassen, beim Kauf von Immobilien Rabatt zu erhalten oder per Flugzeug in eine Metropole zu fliegen. Durch diese Karten kommen einige strategische Überlegungen ins Spiel: Ergibt es Sinn, zum nächsten Ziel zu fahren oder nutze ich diverse Karten, um mir in einer Metropole möglichst viel Rabatt zu sichern, auch wenn diese vielleicht etwas weiter entfernt vom Zielort liegt? Habe ich noch eine Karte, um Drago zu verjagen, wenn er mich anschließend belästigt? Oder wie schaffe ich es, den anderen Spielern möglichst zu schaden? Ich könnte ihnen den Weg versperren, aber vielleicht ist es auch klüger, ihre Grundstücke zu übernehmen? Im Laufe einer Partie entstehen auf diese Weise herrlich unterhaltsame Dynamiken.
Als Familienspiel immer noch wundervoll
Wie wirkt das Spiel nun, dreißig Jahre nach der Veröffentlichung? Mal davon abgesehen, dass man es natürlich nur unter alten Windows-Versionen starten kann, sieht die grafische Gestaltung immer noch gut aus. Es sind ja auch 2D-Grafiken. Das Spielfeld ist mit Nachbauten von Sehenswürdigkeiten vollgestellt, Fische hüpfen durch animiertes Wasser und überall sind kleine, wuselige Figuren und Tiere zu sehen. Es macht großen Spaß, sich einmal die Zeit für die vielen Details in der Gestaltung des Spielfelds zu nehmen. Hier und da gibt es auch kleine Informationstafeln, die euch euren genauen Standort anzeigen und beispielsweise eine Sehenswürdigkeit herausstellen. Spielt ihr mit 256 Farben statt mit einem höheren Farbprofil, könnt ihr in den Optionen auch Jahreszeiten einschalten. Dann wechselt das Spielfeld alle paar Züge durch die vier Jahreszeiten.


Das Gameplay selbst leidet unter demselben Problem wie viele digitale Gesellschaftsspiele zu jener Zeit: Die Partien gegen den Computer machen keinen Spaß, da die Computergegner für mich keine nachvollziehbare, langfristige Taktik verfolgen. Wenn ihr DTVR jedoch mit menschlichen Mitspielern spielt, dann stellen sich nach ein paar Runden herrliche Dynamiken ein. Ihr fangt an, euch zu verbünden, dann wieder eure Teams aufzulösen und am Ende will ja doch jeder für sich der Reichste werden.

Nervig können lediglich die Kommentare des Moderators werden, einfach weil sie sich schnell wiederholen. Aber selbst dafür haben die Entwickler rund um die Urgesteine Armin Gessert, Thomas Hertzler und Thomas Häuser vorgesorgt: Dieser lässt sich in den Spieloptionen ganz einfach abschalten.
Dass ihr einstellen könnt, wie lang eine Partie dauern soll, ist ebenfalls sehr gut. Generell gilt: Je länger, desto taktischer wird das Late-Game, nämlich dann, wenn die für den Kauf noch verfügbaren Grundstücke langsam knapp werden. Bis zu 300 Etappen könnt ihr entsprechend spielen. Bei einer Spielzeit von 30 bis 50 Etappen wird es beispielsweise noch lange nicht so taktisch.
Interessanterweise war das damalige Presse-Echo sehr gespalten. Während Play Time und Power Play noch etwas um die 80% vergaben, sah es bei einer PC-Player schon anders aus. Da wurden die 50% aber nicht unbedingt mit dem Gameplay verargumentiert, sondern vor allem damit, dass es doch ein Spiel wäre, dass sich an eine breitere Zielgruppe orientiert. Und man als „Spielzeitschrift“ ja nur „echte Spiele“ empfehlen könne. Und auch andere Tests kamen nicht umhin zu erwähnen, dass Gesellschaftsspiele ja nur was für „alte Omis“ sei. Sehr unangenehm, solche mit schlimmen Vorurteilen behafteten Texte heute zu lesen.

(Screenshot: PC-Player, 06/1995, Quelle: Kultmags.com)
Fazit

Wenn ich mir nur ein einziges PC-Spiel aus den 90er-Jahren für ein Remake wünschen dürfte: Hier ist es. Das Spielkonzept ist nach wie vor großartig und ich bin der Ansicht, dass der Titel mit modernen Erweiterungen, einem Online-Modus und ein paar zusätzlichen Spielregeln ein großer Erfolg werden könnte. Stattdessen lässt Ubisoft die Nachfolgefirma von Blue Byte jedoch seit Jahrzehnten in der ANNO-Mine schuften. Wenn ihr ein unterhaltsames Gesellschaftsspiel mit leichtem Strategieeinschlag für eure Familie sucht und ihr euch nicht scheut, ein altes Windows-System zu emulieren, dann werdet ihr hier fündig.

Ja, ich würde so gerne ein HD Remake von DTVR haben, das dann auch noch ein paar mehr QoL hat. Sollte heutzutage ja nicht so schwer zu programmieren sein. Fand schon damals die Idee mit der Weltreise super.
Es gibt sogar ein modernes Remake namens MoneyMakers Rallye, das ist relativ ordentlich. Allerdings fehlt quasi der gesamte Charme der Vorlagen und das Spiel erinnert eher an Industriegigant vom Charme.
ach ja, das war wirklich ein geheimer klassiker. oder ist. so geil. diese charaktere. stehen mario kart in nix nach 😀