1492 – Colonization of the New World (First Look)

Als Fan der ersten Stunde hat es sich André Savetier nicht nehmen lassen, einen ersten Blick auf die inoffizielle Colonization-Neuauflage zu werfen: Wie ein 1990er-Klassiker gerade neu erfunden wird.

Sid Meier’s Colonization von 1994 ist ein Spiel, das ich im Prinzip seit Tag Eins spiele. Bis heute. Immer wieder. Ich habe nachgeschaut, die CD besitze ich immer noch. Damals sind wir irgendwann darauf gekommen, dass der komplette Spieltext in Textdateien gespeichert ist, und so begannen unsere ersten Modding-Versuche. Wir änderten Namen, veränderten Dialoge, machten aus den Holländern die Wikinger. Es war kindisch. Es war genial. Es war unser Spiel.

Heute lade ich euch ein auf eine Reise. Nicht nur durch die Neue Welt, sondern durch die Zeit, von den 1990ern bis heute. Von einem Spiel, das damals schon anders war, und das heute, mit einem neuen Remake, endlich die Chance bekommt, sich selbst zu überdenken.

Das Original

Colonization erscheint 1994 im Schatten des legendären Civilization (1991) für MS-DOS, ein Jahr darauf für Amiga und Windows, sieht schon ein bisschen besser aus, fühlt sich aber vertraut an. Auf der Schachtel steht: The Tradition of Civilization Continues. Doch Colonization ist kein Civ. Es ist etwas anderes. Etwas, das euch in eine spezifische, kontroverse Epoche versetzt: die europäische Kolonisierung Amerikas zwischen 1492 und 1850.

Ihr übernehmt die Rolle eines Kolonialherren – England, Frankreich, Spanien oder die Niederlande – und beginnt euer Abenteuer mit einem Schiff und zwei Siedlern, mit denen ihr gen Neue Welt segelt.

Euer Ziel ist es, nicht bloß zu expandieren, sondern unabhängig zu werden. Je selbstständiger eure Kolonien werden, desto mehr wächst der Unmut gegenüber der Heimatmacht. Fühlt ihr euch stark genug, so müsst ihr euch rüsten und den Mut aufbringen, die Sons of Liberty zu mobilisieren, um die Unabhängigkeit auszurufen und euch gegen die übermächtige königliche Armee zu behaupten.

Colonization ist kein reines Eroberungsspiel. Es ist ein ökonomisches, diplomatisches und strategisches Puzzle. Ihr sammelt Rohstoffe, wie Holz, Tabak, Baumwolle oder Zucker, und verarbeitet sie mittels eurer Siedler zu Waren wie Zigarren, Stoff oder Rum. Diese Endprodukte verkauft ihr in Europa, wo Preise je nach Angebot und Nachfrage schwanken. Geld investiert ihr in neue Siedler, Schulen, Waffen oder Schiffe.

Ihr entscheidet: Werdet ihr mit den Ureinwohnern handeln oder sie unterwerfen? Werdet ihr euch auf den Handel konzentrieren oder auf militärische Expansion?

Jede Nation hat ihre Stärken: England hat eine rege Europa-Emmigration, Frankreich baut bessere Beziehungen zu den Indianern auf, Spanien profitiert von militärischer Überlegenheit, die Niederlande haben bessere Voraussetzungen für den Handel.

Und dann gibt es noch die Gründungsväter (und eine Gründungsmutter), historische Figuren wie Adam Smith, Benjamin Franklin, Pocahontas oder Francisco Vázquez de Coronado, die ihr für eure Sache gewinnen könnt. Sie verleihen eurer Kolonie spezielle Boni in den Bereichen Handel, Entdeckung, Militär, Politik oder Religion und sind euer Schlüssel zur Unabhängigkeit.

Die Erben von Colonization

2008 erschien mit Civilization IV: Colonization ein offizielles Remake auf der Engine von Civilization IV, mit 3D-Grafik, Multiplayer und überarbeiteter KI. Ich hatte mich damals sehr darauf gefreut, war dann aber enttäuscht. Da ich nicht mehr wusste, warum eigentlich, habe ich es gestern noch einmal angespielt.

Civ IV war lange Zeit mein Lieblings-Civ, aber nun muss ich feststellen, dass es schlecht gealtert ist. Es gab in Civilization IV: Colonization zwar schon einige Verbesserungen, die waren jetzt aber auch nicht weltbewegend, es ist weniger übersichtlich als das Original, zu Civ-isch und vor allem: Es fehlt der gewisse Charme, das Herz. Und das war wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass ich diesem Spiel den Rücken gekehrt hatte. Außerdem gibt es standardmäßig keine reale Weltlandkarte.

Seit 2003 lebt das Spiel zudem in FreeCol weiter, einem Open-Source-Projekt, das den Originalspielspaß mit moderneren Features wie isometrischer Ansicht (im Civ2-Stil) und Multiplayer aufleben lässt. Es ist kein neues Spiel, aber ein lebendiges Erbe. Es spielt sich ganz gut und bleibt dem Original auch treu. So hätte ein offizielles Colo2 aussehen können. Die Entwicklung ging aber leider nur sehr langsam: Es dauerte 20 Jahre, bis es endlich die Version 1.0 erreicht hatte. Auf jeden Fall hat FreeCol den epischsten Soundtrack. Ihr könnt es hier kostenlos herunterladen.

Bei der Recherche bin ich zufällig auf ein Fan-Remake für den Amiga gestoßen. Es heißt Settle the World und wurde von Christian Wiegelt entwickelt. Ihr könnt es von itch.io gratis herunterladen und mittels Emulator spielen, solltet ihr keinen Amiga mehr zu Hause herumstehen haben. Das Spiel befindet sich aber noch im Beta-Stadium.

Kritik und Kontroverse

Würde Colonization heute erscheinen, würde es ganz anders aussehen – aber nicht nur grafisch. Das Spiel hat im Laufe seiner langen Geschichte neben großem Lob auch viel Kritik einstecken müssen. Der Zeitgeist hat sich stark gewandelt. Bekrittelt wird, dass Colonization die Kolonialgeschichte Amerikas „whitewashen“ würde, historische Machtstrukturen würden unverblümt simuliert, ohne moralische Filter. Darüber hinaus werde die Sklaverei komplett ausgespart (was stimmt) und die Ureinwohner Amerikas sind stumpfe Haudraufe, die man am besten dominiert, bevor sie zu lästig werden.

Die Abwesenheit der Sklaverei ist der wohl heftigste Kritikpunkt. Doch die Entwickler haben sie nicht ignoriert, sie haben sie bewusst ausgelassen, weil sie eine der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen nicht zum Spielmechanik machen wollten. Einige argumentieren, dass ein realistisches Spiel mit Sklaverei den Spieler vor eine moralische Zerreißprobe stellen würde: Entweder nimmt man an der Dreiecksroute teil und gewinnt, weil man wirtschaftlich stärker ist, oder man lehnt sie ab und wird von den anderen Mächten ausgelöscht.

1492 – Conquest of the New World

Nun gibt es einen erneuten Versuch, Colonization zurückzubringen, und zwar vom Entwickler Salty Olives. Als ich das Projekt 1492 – Conquest of the New World das erste Mal gespielt habe, habe ich mich gleich wie zu Hause gefühlt. Fast 1:1 das Original, mit schönerer, zeitgemäßerer Grafik. Einige davon wurden mit einer KI kreiert, was einen Abzug in der B-Note gibt, vielleicht werden die später noch ausgetauscht. Mit den Portugiesen (warum waren die eigentlich nicht im Original?), Dänen, Russen und Schweden stehen vier neue Supermächte zur Auswahl – ja, auch Schweden hatte einmal Kolonien in Amerika, wenn auch sehr kurzlebig (1638–1655). Das hat mir natürlich gefallen. Aber dann habe ich mir gedacht: Warum denn eigentlich schon wieder ein Remake? Das hatten wir doch schon zur Genüge. Die Unterschiede zum Original schienen mir wirklich nur minimal zu sein.

Zum Glück sollte mich das nächste Update eines Besseren belehren. Unglaublich viele Neuerungen, Verbesserungen. Denn: Die Entwickler stehen in ständigem Austausch mit der Community. Und das macht hier den großen Unterschied. Soweit ich das mitbekommen habe, gibt es sehr viele Testspieler, die dazu encouragiert werden, neue Spielideen einzubringen. Auch ich habe natürlich meinen Senf dazu gegeben, mal sehen, ob etwas davon berücksichtigt wird.

Seit dem Release wurden bereits mehrere Updates nachgeliefert – und mit ihnen eine neue Dimension an Spielvielfalt und historischer Tiefe. Die wichtigsten Änderungen:

  • Es wurde immer wieder kritisiert, dass der einzige Weg, die Unabhängigkeit eurer Kolonie zu erreichen, die Heimatmacht militärisch zu besiegen ist. Nun wurden einige neue Siegesbedingungen hinzugefügt, das alte „Krieg gegen die Krone“ ist nicht mehr die einzige Option, es gibt auch diplomatische Wege. Wie abhängig ist Europa von euren Kolonien? Ihr könnt jetzt durch Handel und Selbstversorgung die Macht der Krone untergraben und friedlich verhandeln.
  • Die europäischen Märkte wurden komplett überarbeitet: Angebot und Nachfrage werden jetzt explizit verfolgt. Europa ist abhängig von euren Rohstoffen – und das könnt ihr ausnutzen.
  • Nach der Unabhängigkeit eurer Kolonie könnt ihr nun bis 1850 weiterspielen und eure neue Zivilisation wachsen sehen.
  • Ställe können von nun an Arbeiter beschäftigen und es gibt einen neuen Experten: den Stallmeister.
  • Die Corvette wurde als neues kleines Kriegsschiff eingeführt.
  • Die Ureinwohner lassen sich schwerer bekehren.

Darüber hinaus gibt es noch viele kleinere Verbesserungen und Neuerungen, die ich alle hier gar nicht nennen kann. Probiert es einfach mal aus, es gibt ein Demo.

Fazit

Ich habe Colonization nie aufgegeben. Nicht 1994, nicht 2008, nicht 2023 – und auch nicht jetzt, 2026. Es hat mich begleitet, von den ersten Modding-Versuchen über die Enttäuschung mit Civ IV: Colonization, über das Entdecken von FreeCol, bis hin zu 1492 – Conquest of the New World.

Das Original war ein Meisterwerk – rau, ungeschliffen, aber voller Herz und Charme. Civ IV: Colonization war ein gut gemeinter Versuch, aber zu glatt, zu sehr Civilization. FreeCol ist eine Liebeserklärung an das Original, die ein gutes Colonization 2 hätte sein können. Settle the World schaut vielversprechend aus, es ist noch im Beta-Stadium.

Und jetzt 1492! Das ist der Moment, in dem Colonization endlich wieder lebendig wird – nicht als bloßes Remake, wie ich zuerst gedacht habe, sondern als Update. Mit neuen Nationen, neuen Mechaniken, neuen Wegen zur Unabhängigkeit. Mit Community-Input, mit Updates, mit Liebe zur Leidenschaft. Ich freue mich darauf, das Spiel ein bisschen mitgestalten zu dürfen.

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Über André Savetier

André hat zwei große Passionen: Musik und Adventure-Spiele. Für erstere fehlt leider die Zeit, aber ein Spielchen zwischendurch geht sich immer aus. Ein besonderes Interesse hat unser Österreicher an Adventure-Spielen, die etwas in Vergessenheit geraten sind, oder an solchen, die kaum jemand kennt.

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7 Comments on “1492 – Colonization of the New World (First Look)”

  1. Ein toller Colonization Rundumschlag! Finde Colonization glaube ich sogar vielleicht besser als die Civ-Reihe.

    1492 habe ich auch gespielt (Youtube), gefällt mir echt gut. Über den Community-nahen Austausch weiß ich aber erst durch dich, auch wenn ich mit dem (supernetten!) Entwickler auch schon geschrieben habe. Was ich richtig cool finde, sind die vielen kleinen QoL-Verbesserung. Im Urcolonization habe ich noch eine Karte gemalt um zu wissen, welches Dorf was lehrt und ob es das schon gelehrt hat. Das ist jetzt Teil des UI. Der Entwickler weiß, was er macht. Tolles Spiel, unbedingt ausprobieren!

  2. Ich habe das Original rauf und runter gespielt und würde es auf Platz 1 meiner persönlichen Meier-Liste setzen. Dass die Sklaverei nicht im Spiel war, ist mir anno dunnemal nicht aufgefallen und dass die Ureinwohner eindimensional dargestellt wurden, gehörte für mich einfach zur Spielmechanik. Ist ja auch nicht so, als hätten die eigenen Einwohner groß Persönlichkeit.
    Was ich allerdings nie vergessen werde: In meiner ersten durchgespielten Partie verhinderte ein Bug meinen Sieg. England setzte in einen See, der gerade mal ein Feld groß war, ein Kriegsschiff. Den Rest der Flotte und der Armee konnte ich besiegen, aber das Ding nicht. Ich konnte kein eigenes Schiff daneben setzen, weil der See zu klein war. Und mit Landeinheiten konnte ich keine See-Einheit angreifen. Ergo: Alles nochmal von vorne…

  3. Leider habe ich es heute nicht geschaft zum aktuellen 4X Game als erster meinen Bautzner Senf dazuzugeben 😀

    Vielen Dank, soetwas hat gefehlt. Ich habe Colonization damals am Amiga gezoggt, hatte da meine eigene Sicherheitskopie auf 3 oder 4 Disketten dazu und bin auch irgendwie immer dran hängen geblieben, obwohl ich den Unabhängigkeitskrieg nie geschaft habe.

    Ansonsten brauche ich jetzt nicht unbedingt Karten, die an reale Vorbilder erinnern. Das macht eben den Reiz und die Wiederspielbarkeit für mich aus, daß man sich zumindest bei FreeCol und dem originalen Colonization auch Zufallskarten generieren lassen konnte, die man entdecken und unterwerfen kann.

    Einiger Kritikpunkt an Colonization ist für mich: Das Game artet zu sehr in Micromanagement aus, was sich in Civ erst sehr viel später entwickelte oder man auch mal überspringen konnte.

    Ich habe immer mal wieder FreeCol gespielt, was ich bis zu einem Zeitpunkt recht toll fand. Aber in einigen der letzten Versionen hat man da die Einstelungssache zu sehr geändert und neue Grafiken implementiert, die mir nicht mehr so gut gefallen haben.

    Das Colonization, was auf Civ4 basierte, habe ich m,al angespielt, aber da kam ich irgendwie nicht so rein wie damals ins Original oder dann später in FreeCol. Auf einer ähnlichen Engine wie FreeCol basiert auch FreeCiv. Das auch mal antesten irgendwann 😀

  4. Danke, dass Du mein Amiga Spiel „Settle the World“ erwähnt hast 🙂
    Wir haben auch einen Discord dafür (Discordlink oben im itch.io Link im Beitrag).

    „Settle the World“ ist aber weniger ein Colonization Clone, auch wenn es stark danach aussieht….Colonization war eines meiner Lieblingsspiele 😉
    Der Focus liegt in StW eher darauf die Bevölkerung mit Fertigwaren zufrieden zu stellen, ählich wie in der Anno Serie.

    Und man kann „Settle the World“ zusammen an einem Rechner im HotSeat Modus mit mehren Spielern spielen, oder über Steam Remote Play und dem Emulator RetroArch mit anderen Spielern überall auf der Welt. Das zieht sich etwas (ist ja rundenbasiert, nacheinander ziehen), macht aber Laune.

    „Settle the World“ befindet sich noch in der Entwicklung, ist eine Art Early Access und wird stetig erweitert.

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