
Zielgruppenwarnung: Crypt of Medea ist nichts für Kinder oder empfindliche Spieler. In der düsteren Krypta warten abgetrennte Körperteile, grausame Todesarten und verstörend direkte Textbeschreibungen auf dich. Eine verbindliche Altersfreigabe ist zwar nicht belegt, aber das Originalhandbuch warnt dennoch unmissverständlich: Dieses Abenteuer richtet sich an ein „very mature“ Publikum mit starken Nerven. Wenn ihr euch an Halloween in dieses finstere Grab wagt, solltet ihr wissen: Der Horror bleibt nicht im Schatten. Er schlägt plötzlich und gnadenlos zu.
Entstehung und Urheber

Crypt of Medea ist ein englischsprachiges Horror-Adventure für den Apple II. Allan Lamb und Arthur Britto II entwickelten das Spiel, die Firma Sir-Tech Software brachte es in die dunkle Welt der frühen Heimcomputer. Das Handbuch nennt 1983 als Copyright-Jahr, aber Spieledatenbanken führen es erst im Jahr 1984. Wer nach weiteren Arbeiten der beiden Autoren sucht, findet nur wenige Spuren. MobyGames nennt für Allan Lamb die Apple-II-Version von Dondra: A New Beginning (1987). Arthur Britto II wird außerdem bei Rescue Raiders (1984), der Apple-II-Version von Strategic Conquest (1987) und Armor Alley (1991) aufgeführt.
Um Crypt of Medea einzuordnen, lohnt zunächst ein Blick auf Sir-Techs damaliges Spieleprogramm. Das Unternehmen entstand 1979 und wurde mit der mächtigen Rollenspielreihe Wizardry bekannt. Auf dem Apple II veröffentlichte Sir-Tech daneben auch Star Maze (1982), Police Artist (1983) und Rescue Raiders (1984). Im damaligen Katalog fanden sich nicht nur monumentale Fantasy- und Dungeon-Rollenspiele, sondern auch Action-, Puzzle- und Adventure-Titel. Crypt of Medea war ein Vertreter eines neuen Spielegenres und passte mit seiner finsteren Krypta und den morbiden Motiven trotzdem nicht in dieses weite Umfeld. Spielerisch ging es aber einen eigenen, unheimlichen Weg als Grafik-Adventure. Oder wie die Seite nerdlypleasures meint: „An Adventure Game for the Very Mature and Strong of Heart„
Das Spielgeschehen

Crypt of Medea beginnt mit einer einsamen Autofahrt in dunkelster Nacht. Steigen wir direkt ein: „Am Straßenrand nimmst du etwas Unheimliches wahr. Dann wird alles schwarz. Du verlierst das Bewusstsein und erwachst in einer kalten, unbekannten Grabkammer„. Das Spiel erklärt euch fast nichts, das Ziel ist trotzdem sofort klar: „Du musst überleben und aus der unterirdischen Krypta entkommen. Doch jeder dunkle Gang kann dein Letzter sein.“
Das Spiel zieht euch direkt ins Geschehen, denn es geht um euer Überleben. „Ich erwache in einem gewaltigen Mausoleum. Vor mir stehen eine gläserne Vitrine und mehrere stumme Grabsteine. Einen Ausgang sehe ich nicht. Im flackernden Licht einer Kerze taste ich die Krypta ab. Schließlich lässt sich ein einzelner Stein aus dem kalten Mauerwerk ziehen. Dahinter liegen Streichhölzer. Ich entzünde die Kerze und schiebe die schwere Vitrine zur Seite. Darunter öffnet sich ein schwarzer Abstieg. Hier wartet der erste markante Moment auf mich: Der scheinbar versiegelte Raum gibt seinen Weg erst frei, wenn ich mehrere unscheinbare Hinweise verbinde.„

Auch wenn die Spiele-Screenshots das heutzutage nicht vermitteln, wirkte das Spiel damals sehr immersiv. Weiter mit meinen Versuchen, die Dunkelheit zu verlassen: „Tiefer in der Krypta stoße ich auf einen abgetrennten Kopf. Daneben liegt eine Identitätskarte. Bei der Leiche finde ich außerdem ein rätselhaftes Fläschchen. Zunächst wirken die Funde zusammenhanglos. Dann erreiche ich ein Abspielgerät und ein Tonband. Das Band liefert einen neuen Hinweis.“ Die Rätsel sind nicht immer logisch, aber ich komme voran. Dieser zweite Moment verbindet makabren Horror und Rätsel besonders wirkungsvoll, denn ich muss in jedem Raum das Grauen genau untersuchen. Gerade dort kann der nächste wichtige Gegenstand versteckt sein.
Ich habe das Spiel nur mit einer Komplettlösung gespielt, da ich sonst nur im Nebel gestochert hätte (und dabei vermutlich in eine Leiche getreten wäre). „Später benutze ich den Diamanten als Werkzeug. Ich schneide damit eine Glasvitrine auf. Darin liegen eine Maske und eine scharfe Glasscherbe.“ Das ist nur der nächste Hinweis, denn der kostbare Fund ist nicht das Ziel. Er ist nur der Schlüssel für ein weiteres Hindernis. „Die Krypta zwingt mich ständig, alte Räume und scheinbar nutzlose Gegenstände neu zu bewerten.“ Im Spiel geht es nicht geradlinig voran. Ich entschlüssele Schritt für Schritt den Fortschritt in dem feindseligen Labyrinth aus verborgenen Zugängen, grausigen Hinweisen und zweckentfremdeten Objekten.

Grafik und Sound
In den frühen Achtzigern muss es sich so angefühlt haben, als würde man jeden Raum wie eine kleine, unheimliche Bühne betreten. Ich sehe zuerst das farbige Bild und lese danach die Beschreibung. Räume, Gegenstände und Kreaturen bleiben (zum Glück) meist reglos. Doch sobald ich etwas verändere, baut sich das Bild neu auf, die Diskette meldet sich mit ihren Ladegeräuschen und dann erkenne ich, was meine Handlung ausgelöst hat.
Die Verpackung wirbt großspurig mit „Hi-res color simulated 3-D graphics“. Das klingt heute spektakulärer, als es aussieht. Für ein Apple-II-Adventure war die kräftige Farbgrafik damals trotzdem ein wichtiges Merkmal, denn sie erinnert an die bekannten und sehr erfolgreichen Hi-Res-Adventures von Sierra.
Beim Sound habe ich heute zum Glück mehr Freiheit, denn ich kann die Töne abschalten. Die Verpackung nennt sogar mehrere Musikstücke. Mit einer optionalen Mockingboard-Karte konnte man sogar Sprachausgabe hören. In den frühen 1980er-Jahren war das beeindruckend. Heute klingt die kratzige Stimme eher wie ein Funkspruch aus einer Gruft. Selbst mit dem eingeblendeten Text verstehe ich kaum ein Wort; auch heutzutage etwas Horror.

Es wurde vor dem Text im Spiel gewarnt – der Inhalt ist nichts für schwache Gemüter. Heutzutage ist man mehr gewohnt, aber als eines der ersten Spiele erzeugte es damals die gewünschte Aufmerksamkeit. Das Spiel zeigt zwar auch Blut, Leichen und abgetrennte Körperteile in seinen groben Grafiken. Viele Todesfälle schildert es aber vor allem mit Worten. Eine Falle beschreibt zum Beispiel, wie sich die Wände schließen und Stacheln Körper und Kopf durchbohren. Dieses Adventure will euch nicht nur mit kniffligen Rätseln fordern, es setzt bewusst auf drastische Beschreibungen, blutige Motive und einen gnadenlosen Schockeffekt.
Parser, Rätseldesign und Spielbarkeit



Doch wie spielt man dieses Spiel? Man tippt die Befehle direkt über die Tastatur ein und es genügen zwei Worte. Zum Beispiel TAKE KNIFE oder OPEN DOOR. Der Parser prüft nur die ersten vier Buchstaben, deswegen kann ich einige Eingaben abkürzen. Das spart Zeit in den finsteren Gängen, verkürzt aber nicht die Ladepausen.
Doch der Parser ist streng und manchmal tückisch. Ich muss genau die richtigen Worte finden und es gibt nicht viele Varianten, um ans Ziel zu kommen. EXAMINE und SEARCH führen nicht immer zum gleichen Ergebnis. Ich weiß oft genau, wie ich ein Rätsel löse, aber das Spiel versteht mich trotzdem nicht. Für ein Textadventure dieser Zeit ist das nicht ungewöhnlich. Starke Nerven und viel Geduld brauche ich dennoch.
Auch die Rätsel kämpfen nicht immer fair. Hinter einer harmlosen Tür kann ohne Warnung der Tod lauern. Ein falscher Schritt zerstört vielleicht einen wichtigen Gegenstand. Manchmal gerate ich sogar in eine ausweglose Sackgasse. Dann rettet mich nur ein alter Spielstand. Ich muss ständig speichern und den nächsten Schritt ausprobieren. Ich speichere deshalb oft während des Spiels. Sehr oft. Und ich muss natürlich auch eine Karte auf Papier zeichnen und mein Inventar ständig prüfen. Viele Lösungen würde ich nur durch mutiges Ausprobieren herausfinden. Das kann spannend sein, aber heutzutage ist das eher frustrierend. Crypt of Medea ist natürlich heutzutage noch spielbar, doch diese erbarmungslose Krypta verzeiht dir fast nichts.
Positive zeitgenössische Kritiken
Entgegen meines heutigen Eindrucks war das Spiel im Erscheinungsjahr ganz weit vorne dabei. Das beweist die Presse.
Computer Gaming World, 1984 – Apple II: Robert Reams bezeichnete Crypt of Medea als ausgereiftes und sehr gut gestaltetes Produkt. Besonders positiv bewertete das Magazin die Bedienung und den ausgewogenen Schwierigkeitsgrad. Ihr solltet also nicht glauben, dass damals nur hartgesottene Adventure-Profis eine Chance hatten. Nach der Einschätzung eignete sich das Spiel auch für Einsteiger.
Tilt, 1984 – Apple II: Das französische Magazin vergab in Ausgabe 17 volle 6 von 6 Punkten. Das ist eine bemerkenswert starke Wertung für den düsteren Trip in Medeas Krypta.
Ursprung der Medea?

Hier noch etwas zum Bildungsauftrag, denn das Spiel hat außer dem Namen keinen Bezug zur Medea aus der griechischen Mythologie. Medea war eine kolchische Königstochter und mächtige Zauberin. Ihre Abstammung ist göttlich: Sie gilt als Enkelin des Sonnengottes Helios und als Nichte der Zauberin Kirke. Durch diese Herkunft verfügt Medea über magische Kräfte und wird als Priesterin der Hekate verehrt. Ihr Name bedeutet „Die Ratwissende“ und verweist auf ihre Klugheit und List.
Der Mythos von Medea ist eng mit der Sage der Argonauten verbunden. Als Jason und seine Gefährten nach Kolchis kommen, um das Goldene Vlies zu rauben, verliebt sich Medea in den Helden. Mit ihrer Zauberkunst hilft sie Jason, die unmöglichen Aufgaben ihres Vaters zu bestehen und das Vlies zu entwenden. Anschließend flieht sie mit Jason aus ihrer Heimat und verrät damit ihre Familie. Diese Geschichte wurde bereits im 2. Jahrtausend vor Christus erzählt und später von Dichtern wie Euripides in Tragödien ausgestaltet, die Medea zur tragischen Figur machten.
Fazit und Videos
Heute ist der Einstieg in Crypt of Medea wahrscheinlich ziemlich hart. Der störrische Parser erwartet genaue Begriffe und das Inventar ist knapp. Plötzliche Todesfallen und fiese Sackgassen bestrafen schon kleine Fehler. Man sollte häufig speichern, eine Karte zeichnen und viele Befehle ausprobieren (wie gesagt: speichern!). Das klingt mühsam, doch darin kann auch der spröde Reiz dieses frühen Horror-Adventures liegen. Wem der eigene Abstieg in die Krypta zu anstrengend ist, kann sich das Grauen bequem in einem Playthrough ansehen. Die verlinkten Videos zeigen entweder den vollständigen Fluchtweg oder ausgewählte, besonders unheimliche Spielszenen. Viel Spaß!
Videos :
HALLOWEEN SPECIAL: Crypt of Medea walkthrough – AppleAdventures – 35:00 Minuten
Crypt of Medea for the Apple II – Highretrogamelord – 10:42 Minuten
Let’s Play Adventures | Crypt of Medea – Cebion – 10:39
Crypt Of Medea (Apple II) 1/2 – 12:35
A Horror Game Apparently: Crypt of Medea – 1h 06:23 kommentiert
