Es gibt Spiele, die mir mein schlichtes Gemüt vor Augen führen. Spiele wie Genesis Noir. Was der Entwickler Feral Cat Den entwickelt hat? Was für eine große Geschichte hinter der elegant-schlichten Optik steckt? Und was ich Kleingeist wohl damit anfangen kann?

| Titel: | Genesis Noir |
| Erscheinungsdatum: | 26.03.2021 |
| Plattformen: | Windows, MacOS, Xbox One, Nintendo Switch |
| Entwickler / Herausgeber: | Feral Cat Den / Fellow Traveller |
| Homepage: | https://www.genesisnoirgame.com/ |
Da sitz‘ ich nun, ich armer Tor. Auf dem Bildschirm entfaltet sich eine ganz eigene Welt. Viel Schwarz, ein wenig Weiß, manchmal ein dunkles Gelb. Die Figuren samt Umgebung entstehen aus wenigen Strichen, Jazz umschmeichelt mein Ohr. Das könnte was ganz Feines werden hier.

Die Figur, die ich steuere, verkauft offensichtlich Uhren auf der Straße. Denn jeder anderen Person, die ich anklicke, zeigt er seine Waren, die er unter der Jacke hat. Doch die Szene führt ins Nichts: Nach kurzer Zeit ändert sich die Szenerie und ich steuere mein Männchen die Straße entlang. Die Musik beschleunigt sich, wird drängender. Das Männchen hetzt dazu passend über die Straße. Irgend etwas wird passieren – und es wird nichts Gutes sein. So viel ist klar.
Ab diesem Punkt bricht mein Verständnis ab. Denn Genesis Noir erzählt nicht einfach nur eine Geschichte. Nein, das Spiel verlangt stattdessen, dass ich aus den gezeigten Vignetten selbst die Story konstruiere – oder noch besser: erlebe. Ich soll mir meinen eigenen Reim auf das Gesehene machen. Aber weil ich auch nach einiger Spielzeit nicht verstanden habe, was ich da eigentlich sehe, habe ich auf Steam nachgeschaut:
Du spielst No Man, einen Uhrenverkäufer, der sich in eine Dreiecksbeziehung mit zwei kosmischen Wesen verstrickt hat: Miss Mass und Golden Boy. Als deine Affäre in einer unerbittlichen Konfrontation endet, wirst du Zeuge eines Schusses von einem eifersüchtigen Gott – auch bekannt als Urknall. Springe ins expandierende Universum, versuche, die Schöpfung zu zerstören oder zu verhindern und rette deine Liebe.
Beschreibungstext auf Steam
Na, dann ist ja alles klar.
Die Sache ist: Gegen Genesis Noir ist ein Film von David Lynch eine durchgehende Geschichte auf einem einzelnen Din A4-Blatt mit Anfang, Mittelteil und Schluss. Manchmal habe ich das Gefühl, etwas von der Story begriffen zu haben, doch mit dem nächsten Szenenwechsel entgleitet mir das wieder und ich stehe mit leeren Händen da.

Nicht falsch verstehen: Faszinierend ist das Spiel trotzdem. Viele der Szenen vermitteln eine Grund-Traurigkeit, die mich am Bildschirm hält und kleinere Aufgaben erledigen lässt, deren Sinn ich nicht nachvollziehen kann. Doch ich könnte niemandem erzählen, weshalb ich da etwas gemacht habe. Ich pflanze Samen, die keimen und dadurch Barrieren verschwinden lassen. Meine Figur schwebt in hunderten Iterationen auf dem Bildschirm und sieht die ebenfalls zigfach gespiegelte Szene des zitierten Schusses. Das alles nur, damit in meinem Kopf die immer gleiche Frage hallt: Warum?

Vielleicht will Genesis Noir auch gar nicht verstanden werden. Kann sein, dass es „nur“ ein Erlebnis sein will, das gleiche Gefühl vermitteln wie ein Kunstwerk an der Wand, das man fühlt, aber nicht versteht. Nur: Auf Dauer ist mir das zu wenig. Ich bin nicht geduldig genug für so etwas, mir fehlt die Progression innerhalb einer Geschichte. Stattdessen erkunde ich lauter kleine Szenen, die für mich nicht zueinander passen. Hätte das Spiel Sprachausgabe oder Text auf dem Bildschirm, wäre er passenderweise vermutlich in Altgriechisch oder als Hieroglyphen eingehämmert. Okay, das ist gelogen. Gegen Ende kommen ein paar englische Worte – die mich trotzdem nicht erleuchtet haben.

Das Spiel dürfte hervorragend in einem verrauchten Studentenkino in Berlin als unkommentierter Walkthrough funktionieren. Während sich auf der Leinwand das Drama entfaltet, schlürfen die Zuschauer das Szenegetränk der Saison. Süßlicher Rauch wabert über den Köpfen. Und nach dem Film wird in der WG noch stundenlang über das Gesehene diskutiert. Und zwar ernsthaft! Hier wird nicht gelacht!
Genesis Noir ist also kein Spiel für jeden. Sicher keines für mich, aber das muss ja auch nicht sein.




Dann ging es ja nicht nur mir so, als ich Genesis Noir irgendwann mal im Game Pass angespielt hatte.