Zufallsspiel: Disney Gargoyles Remastered

Was es alles gibt… Als ich im Blindtipp-Verfahren dieses Spielchen angeklickt hatte, hatte ich direkt Disneys Glöckner von Notre Dame im Kopf. Aber die nervigen Charakterköpfe, die auf der namensgebenden Kathedrale leben, sahen trotz steiniger Konstitution knuddeliger aus als die Burschen in diesem Spiel hier. Jedenfalls auf den ersten Blick. Ich schau mal genauer hin. Los geht’s.

Die Fernsehserie

Erste Überraschung für mich: Gargoyles basiert auf einer Fernsehserie, die über drei Staffeln hinweg Mitte der 1990er ausgestrahlt wurde. Diese hat einen für Disney ungewöhnlich ernsthaften Tonfall – das kam zuletzt in der Phase 1979-1985 vor. Dass die Serie trotz dieser Ausrichtung im Disney-Afternoon-Programm lief, liegt wohl an ihrem Zeichentrickstil.

Im Mittelpunkt steht ein Clan schottischer Gargoyles, der im Mittelalter durch einen Verrat ausgelöscht zu sein scheint. Ihr Anführer Goliath und einige Gefährten überleben jedoch in versteinertem Zustand und erwachen tausend Jahre später im modernen New York. Die Serie macht wohl einiges aus dieser Vorlage und springt mit zahlreichen Rückblenden ins Mittelalter, greift Sagenstoffe und historische Ereignisse auf.

Intro und Outro der Serie

In der Originalfassung geben sich Star-Trek-Schauspieler die Klinke in die Hand: Jonathan Frakes, Marina Sirtis, Nichelle Nichols, Avery Brooks, Kate Mulgrew, Brent Spiner… Und so weiter und so weiter. Hier gibt es eine vollständige Auflistung. Die Hauptrolle, den Gargoyle Goliath, spricht Keith David, den ich zugegebenermaßen nicht kannte, auch wenn er jahrzehntelange Erfahrung als Schauspieler und Sprecher hat.

Die deutsche Synchronisation ist, soweit ich das bei meinen kurzen aktuellen Serienausflügen beurteilen kann, gelungen und verfälscht weder Inhalt noch Tonfall – wobei ich auf Disney+ immer wieder ein seltsames Leiern auf der deutschen Tonspur habe. Was dagegen verfälscht wurde, ist die Ausstrahlungs-Reihenfolge. Wie so oft galt das Original nur als Vorschlag… Unter dem Titel Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit sendete RTL ab November 1995 an den Wochenenden die vollständige erste Staffel mit 13 Folgen und im Anschluss kreuz und quer die ersten 39 Folgen der zweiten Staffel, die im Original 52 Folgen lang ist. Die wieder nur 13 Folgen lange dritte Staffel wurde in den USA als Ableger konzipiert, da der ausstrahlende Sender wechselte. Der Schöpfer der Serie, Greg Weisman, wurde im Zuge dessen entlassen und überließ der Produktion nur noch sein Drehbuch für die erste Folge der neuen Staffel. Der Rest stammte aus der Feder von Cary Bates und folgte eigenen Ideen. Über die Jahre gab es auch noch diverse Comic-Umsetzungen und -Fortsetzungen.

Warum Remastered?

Nächste Überraschung, die sich natürlich mit dem „Remastered“ im Titel bereits verraten hatte: Das Spiel gab es schon mal. Zwar dachte ich, von allen Disney-Jump-and-Runs schon mal gehört zu haben, doch Gargoyles fiel hinten runter. Das könnte daran liegen, dass es 1995 nur für das Sega Mega Drive erschienen ist und eine angedachte SNES-Fassung nie fertig gestellt wurde. Und trotz der damaligen Fernseh-Vermarktung im Rahmen des Disney Afternoon hatte es der Titel auch nicht auf meine Playstation-Festplatte im Rahmen der Disney Afternoon Collection geschafft, weil dort offensichtlich nur die „süßeren“ Titel Duck Tales, Chip ’n Dale Rescue Rangers, TaleSpin, Darkwing Duck, Duck Tales 2 und Chip ’n Chap Rescue Rangers 2 veröffentlicht wurden.

Erst im Rahmen dieser remasterten Fassung und über Prime Gaming kam ich irgendwann in den Besitz dieses Spiels. Zeit, es sich mal anzuschauen.

Die Hintergrundgeschichte leitet sich aus der Serie ab, ist aber extrem kurz:

994 A.D. – Wikingerhexer haben ein Artefakt von unglaublicher Macht und Bosheit erschaffen. Das Auge von Odin.

Länger ist der einführende Text nicht, der auf drei Texttafeln verteilt vor dem ersten Abschnitt eingeblendet wird. Was dieses Auge macht, warum Wikinger uns angreifen und warum die moderne Stadt im Startbildschirm nun gegen mittelalterliche Gemäuer eingetauscht werden? Das können nur Serienkenner wissen, ist aber für das Spiel unwichtig. Dafür kommt unserem Gargoyle direkt der erste Gegner entgegen, der direkt mit seiner Eisenkugel wedelt. Das ist alles ganz hübsch animiert, doch den Kämpfen an sich fehlt es an Abwechslung. Goliath, den wir steuern, kann nur schlagen, Gegner greifen oder einen hohen Sprung machen, den er mit einem einmalig ausgeführten Schwingenschlag noch verlängern kann.

Das ist beim ersten Gegner noch kein Problem und auch die Bogenschützen oder die Wikinger, die brennendes Öl von oben herabregnen lassen, sind mit zwei bis drei Schlägen erledigt. Doch wenn die vierte und letzte Gegner-Variation – eine Bumerang-Axt-werfende Wikingerin – zig Schläge benötigt, ist das schon öde. Gleichzeitig bekomme ich kein gutes Treffer-Feedback, wenn ab und an gleich mehrere Gegner auf Goliath eindringen. Einzig die Endgegner der Level haben einen eigenen Lebensbalken. Doch auch hier ist es schlagen, schlagen, schlagen, ausweichen, schlagen, schlagen…

Dies allerdings auf Wunsch in neuer Grafik oder auf Knopfdruck jederzeit auf die alte Pixelpracht wechselnd. Auffällig ist, dass die neue Grafik zwar hübsch gezeichnet ist, aber bis auf Goliath selbst Umgebung und Gegner sehr viel heller sind als im Original. Wechsle ich nach einigen Minuten aus der alten Grafik mal in die neue, wird das noch offensichtlicher.

Schwung und rum

Die Kämpfe sind natürlich nur ein Teil des Spielerlebnisses: Goliath muss sich seinen Weg durch die Level mit waghalsigen Sprüngen, Klettereien und dem ein oder anderen Mauer-Bruch bahnen. Ist dies anfangs noch kein Problem, wird es spätestens im zweiten Level durch Timing-Elemente für Grobmotoriker wie mich schnell schwierig. Auch, weil die Kamera in solchen Momenten Goliath leicht hinterher hinkt und ich es mit hektischen Tastendrückereien nicht besser mache. Allerdings wirken diese Passagen selbst in meinen ruhigen Momenten nie einfach. Und nachdem ich mir den Abschnitt, an dem ich endgültig gescheitert bin, in einigen Let’s Plays angeschaut habe, bin ich beruhigt. Natürlich sind diese wunderbaren Menschen alle weiter gekommen, aber leicht wirkte es nie.

Die remasterte Fassung liefert vier Schwierigkeitsgrade, wobei der höchste dem des ursprünglichen Spiels entspricht. Da sollte für jeden etwas dabei sein, wobei mein Hauptproblem – eben die getimten Passagen überall gleich schwer zu sein scheinen. Und da das alte Spiel huckepack mit der hübschen alte Grafik mit dabei ist, können sich Plattformer-Fans das Spiel schon mal anschauen. Mir wirken die Level, die ich gesehen habe, nicht abwechslungsreich genug. Auch wenn der dritte Level endlich erklärt, warum man anfangs eine moderne Stadt sieht und deshalb auch neue Gegner Einzug halten: In diesem Segment gab und gibt es Besseres. Mich hat nur die schön dunkle Pixel-Optik bei der Stange gehalten, während ich die remasterte Version nur der besseren Level-Lesbarkeit das ein oder andere Mal aktiviert habe.

Avatar-Foto

Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

Alle Beiträge anzeigen von Jürgen

3 Comments on “Zufallsspiel: Disney Gargoyles Remastered”

  1. Der Castingdirector der Serie war scheinbar großer Star Trek Fan. Frakes hatte ja den Oberschurken Xanatos gesprochen, der sehr moralisch grau war. Sirtis sprach die „Frau“ vom Helden Goliath Demona, die scheinbar damals zerstört wurde.

    Die Serie war echt großartig, so absolut nicht Kindershow vereinfacht. Eigentlich hatten alle Schurken ihre guten Seiten. Demona zB zerbrach daran, dass sie die einzige Überlebende ihres Clans war, der unschuldig verraten wurde. Dazu hatte sie eine Partnerschaft mit MacBeth (ja, den!) gemacht, wodurch sie halt viel böses machte. Xanatos war auch flexibel, solange es ihm persönlich dient. Er hatte die Gargoyles erweckt, weil er sie für seine Zwecke nutzen wollte, später aber machte er seinen Frieden mit ihnen. Die Serie kann man auch heute noch empfehlen!

    1. Danke für deine Einschätzung. Dann werde ich wohl auf die deutsche Version pfeifen und mir noch ein paar Folgen auf Englisch anschauen.

  2. Die Serie ist in den ersten zwei Staffeln wirklich toll. Zum Schluss fällt es ganz schön ab, da es keine übergreifende Handlung mehr gab. Aber gerade am Anfang kommen richtig schönes Vibes auf, die es damals auch bei der Batman Animation Serie gab.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert