Wieder habe ich den Mauszeiger entscheiden lassen, welches Spiel ich aus meiner digitalen Rumpelkammer befreien soll. Erwischt hat es ein sehr kurzes Spiel. Sowohl der Titel als auch die Spieldauer gehören mit zum Kürzesten, was mir bisher untergekommen ist. Folgt mir auf eine Schweinefarm in den USA Anfang der 1990er Jahre.

| Titel: | Adios |
| Erscheinungsdatum: | 17.03.2021 |
| Plattformen: | Xbox Series, Windows, Switch |
| Entwickler / Herausgeber: | Mischief / Mischief |
| Homepage: | https://mischief.games/ |
Schweine gegen Scheine


Adios beginnt unscheinbar. Ein weißer Lieferwagen holpert den unbefestigten Weg zum Farmhaus entlang. Aus der Perspektive meiner Spielfigur erlebe ich das von der Veranda aus mit. Ich verkörpere den Farmer. Mein nächster Blick gilt meiner To-Do-Liste. Dort steht nur ein einziger Punkt: Sag ihm, dass du aufhörst.
Um was es geht, wird kurz darauf klar. Der Besucher begrüßt den Farmer freundlich, macht den Laderaum auf und wirft die dort gelagerten handgroßen Päckchen den Schweinen zum Fraß vor. Diese stürzen sich freudig darauf und verschlingen mit viel herumspritzenden Blut die leckeren Happen. Der Besucher ist ein Auftragskiller und ich? Ich werde dafür bezahlt, dass die Leichen verschwinden. Damit soll nun Schluss sein.
Der Besucher reagiert erstaunlich gelassen, geradezu freundlich. Ruhig um Ton, aber bestimmt in der Aussage: Das hier ist kein Job, den man aufgeben kann. Komm, trinken wir einen Kaffee und reden darüber.
Damit beginnt eine Aneinanderreihung von Vignetten. Nach dem gemeinsamen Frühstück gehen Farmer und Killer über den Hof und erledigen einige Aufgaben, indem sie zum Beispiel Ziegen melken. Oder sie entspannen beim Hufeisenwerfen. Was sie aber vor allen Dingen tun: Sie reden.



Der Talking Simulator
Hier kommt wieder die To-Do-Liste zum Einsatz. Sie und die Richtungs-Anzeigen auf dem Hof zeigen uns den Weg zum nächsten Gespräch. Die Reihenfolge ist dabei komplett frei, denn im Grunde reden die beiden Männer immer über die gleichen Themen – nur mit anderen Gleichnissen. Warum der Farmer diesen Job angenommen hat, weshalb er die immer gleichen Routinen so schätzt, wieso er nun einen Schlussstrich ziehen will – trotz der drohenden Konsequenzen. Wie gesagt: Das hier ist kein Job, den man aufgeben kann.
Adios ist ein äußerst kurzes Spiel. Gerade mal 90 Minuten bis zum Abspann; eilige Naturen benötigen keine Stunde. Wobei der Begriff „Spiel“ einen falschen Eindruck vermittelt. Gerade mal drei Situationen bieten mehr Interaktions-Möglichkeiten. Ansonsten ist dies eine Aneinanderreihung von Multiple-Choice-Gesprächen. Und selbst hier ist die Auswahl beschränkt und das Gespräch läuft wie auf Schienen. Das ist interessant genug für einen Durchgang, aber ein zweites Mal wird niemand den Titel anwerfen.
Das liegt auch an der Technik: Adios zeigt das Farmgelände in Cellshading-Optik, die zwar wenig Abwechslung bietet, aber stimmig ist. Leider ist nur fast kein Gegenstand interaktiv. Die oben abgebildete Frühstücks-Szene zum Beispiel dreht sich explizit ums Kaffeetrinken. Die Tassen stehen aber fest auf dem Tisch der Tatsachen und selbst, wenn der Killer laut Dialog gerade einen Schluck getrunken hat, gibt es keinerlei Animation dazu. Der Mann kann nur die Arme verschränken und sich regelmässig seine Krawatte zurecht rücken. An anderer Stelle darf / muss man das Hofpferd streicheln. Eine Hand ist nicht zu sehen.



Mir ist bewusst, dass Adios ein Low-Budget-Spiel ist und ich mache das dem Entwickler Doc Burford sicher nicht zum Vorwurf. Für dieses Debütspiel seiner Firma suchte er ein Genre, in dem er seine Geschichte möglichst günstig erzählen konnte – und in diesen Rahmen packt er seine Story. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass seine Welt Grenzen hat:
Aber wenn wir mehr Budget hätten, würdet ihr eine freundschaftliche Runde Tontaubenschießen gegeneinander spielen. Ich habe scherzhaft gesagt, dass wir, falls wir eine Million Dollar verdienen, einen Basketballkorb aufstellen und euch beide eine Runde H-O-R-S-E spielen lassen.
Interview mit ThePitchKC.com (16. September 2020)
Die Sache ist nur die: Die ganzen 90 Minuten lang werde ich den Gedanken nicht los, dass das hier ein hervorragender Indie-Film wäre. Leicht ausgeblichene Farben, lange Einstellungen, tiefe Gespräche über Verlust, Hoffnung und Hobbies.
Adios funktioniert dank seiner hervorragenden Sprecher. Aber es würde für mich als Hörspiel oder als Film einen viel größeren Eindruck hinterlassen. Andererseits: Würde ich über eines dieser anderen Medien seit mittlerweile zwei Tagen noch nachdenken? Vor allem über die Wendung kurz vor Schluss, wenn die Erzählungen des Farmers auf einmal einem Realitätscheck unterzogen werden? Ich weiß es nicht. Eine Empfehlung für das Spiel sieht natürlich anders aus. Mein Rat: Schaut euch einen unkommentierten Walkthrough auf Youtube an und hofft darauf, dass Doc Burford für sein nächstes Projekt ein größeres Budget hat – und dass er dieses dann nicht ernsthaft für Tontaubenschießen verwendet.
