Zeitreise: Multimedia-CD-Roms der 90er Jahre

Haight Ashbury in the Sixties (1996)

Die Hippie-Bewegung wird in Rückblicken gerne als sonderbare Marotte der 1960er Jahre dargestellt. Das Klischee der langhaarigen, Drogen konsumierenden Männer und Frauen ist jedem schon einmal begegnet, sei es in Filmen und Serien oder in oberflächlichen Dokumentationen über diese Zeit. Diese CD-ROM geht explizit einen anderen Weg, denn die Inhalte wurden von Allen Cohen geschrieben und kuratiert. Der 2004 verstorbene Poet war Mitbegründer des San Francisco Oracle, eines Underground-Szene-Magazins, das zwischen 1966 und 1968 in 12 Ausgaben erschien.

Haight Ashbury In The Sixties bietet einen faszinierenden Einblick in eine Subkultur, aus der die Hippie-Bewegung entstand.

In Haight Ashbury, einem Stadtteil von San Francisco, formierte sich in den Jahren 1964/65 eine neue Subkultur. Es handelte sich zunächst um eine explizit unpolitische Gegenbewegung, die neue musikalische Wege suchte und dabei Interessen wie Esoterik und Poesie zu verbinden versuchte. Allen Cohen wohnte damals bereits in diesem Stadtteil und erzählt in der Dokumentationen von Träumen und Hoffnungen sowie der bitteren Realität, die durch die Kommerzialisierung der Bewegung einherging.

Die Dokumentation beschreibt die Entwicklung der Subkultur: Von den Anfängen bis zum Niedergang in den Jahren 1969/70 bleibt der erzählerische Fokus fortlaufend auf diesem speziellen Stadtteil und seinen Protagonisten. Untermalt wird die Dokumentation von zahlreichen Bildern, Musik und einem sehr psychedelischen Artwork. Darüber hinaus gibt es Artikel aus dem Oracle zu lesen, sowie zusätzliche Videos und Musikstücke aus der damaligen Zeit. Auf diese Weise ist ein schönes und würdevolles Zeitdokument entstanden, das ganz ohne Klischees und Vorurteilen daherkommt.

Links: Zeitgenössische Poster und Artworks visualisieren den Zeitgeist in Haight Ashbury, rechts: Artikel aus dem San Francisco Oracle geben Einblicke in die Gedanken verschiedener Protagonisten.

Unser Parlament – Forum der Demokratie (1998)

Eine sehr interessante und durchaus aufwendige Veröffentlichung des Deutschen Bundestages. Was übrigens gar nicht so ungewöhnlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint: Seit Anfang der 90er Jahre waren Parteien, Ministerien und andere staatliche Stellen sehr fleißig darin, Computerspiele und PC-Programme zur politischen Bildung in Auftrag zu geben und zu veröffentlichen. Hier also eine Multimedia-CD zu 140 Jahre Parlamentsgeschichte.

Die Themen der CD reichen bis ins Kaiserreich zurück und sind in drei Themenkomplexen aufgeteilt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Multimedia-CDs der 90er Jahre gibt es hier so gut wie keine interaktiven Elemente. Vielmehr enthält das Programm eine ganze Reihe von Präsentationen. Diese sind in die Themenkomplexe Zeitgeschehen, Meilensteine und Schauplätze unterteilt. Die Inhalte der Präsentationen werden durch viel Sprachausgabe und Bilder, seltener durch Videos vermittelt. Der inhaltliche Bogen spannt sich von 1848 bis 1998: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit, Nachkriegszeit, Wiedervereinigung. Die vielen politischen Ereignisse der deutschen Geschichte werden nicht in ihrer Tiefe erklärt, sondern zu einer lebendigen Geschichte geformt. Dazu gibt es Hintergründe zu wichtigen Gesetzen und die Geschichte bedeudender Gebäude.

Das mag alles sehr trocken klingen, aber die Themenkomplexe werden durchaus unterhaltsam und lebendig vermittelt. Und wer nach den multimedialen Präsentationen noch mehr wissen will, findet auf der CD Essays, Reden und ähnliches zum nachlesen.

Die Themen erstrecken sich vom 19. Jahrhundert bis in die (damalige) Gegenwart.

Das Zeitalter der Industrialisierung (1999)

Nachdem britische Verlage wie Dorley Kindersley mit ihren multimedialen Publikationen große Erfolge feiern konnten, dauerte es einige Zeit, bis auch deutsche Verlage auf den Geschmack kamen. Schulbuchverlage wie Cornelsen oder Westermann brachten zwar bereits Lernprogramme heraus, doch waren diese zunächst eher trocken und wenig unterhaltsam. Erst Ende der 90er investierten Verlage wie Cornelsen ernsthaft in interaktive Programme. Eines davon ist Das Zeitalter der Industrialisierung aus dem Jahr 1999.

Nach zahlreichen Multimedia-CDs über Tiere, die Geschichte der Menschheit, antike Kulturen wie Ägypten oder die Römer ist die Industrialisierung ein sehr unverbrauchtes Thema. Der fiktive Ort Hochkirchen ist zu Beginn noch ein kleines Bauerndorf, in dem die Menschen arbeiten, um zu überleben. Im Laufe der Jahrzehnte werden Dampfmaschinen und Elektrizität erfunden. Fabriken und Industrieanlagen entstehen – und das Leben der Menschen verändert sich grundlegend.

Anhand des fiktiven Örtchens Hochkirchen wird die Entwicklung des 19. Jahrhunderts visualisiert.

Die thematische Vielfalt des Programms ist beeindruckend; Technische Errungenschaften wie Alltagsgeräte oder die Eisenbahn, soziale Fragen wie Arbeitsgerechtigkeit, Gleichberechtigung der Geschlechter, die Ausdifferenzierung zwischen Landwirtschaft und Urbanisierung, Wirtschaftspolitik, Umweltbelastungen und vieles mehr werden verhandelt und in anschaulichen Präsentationen näher gebracht. Auch leichtere Inhalte wie die Entwicklung von Freizeit und Hobbys finden ihren Platz.

Wer es dagegen interaktiver mag, für den gibt es ein kleines Kriminalspiel, in dem ein Mord anhand alter Briefe und Polizeiakten aufgeklärt wird. Auch hier werden zahlreiche Fakten des 19. Jahrhunderts vermittelt.

Die Themen werden durch zahlreiche Bilder und sehr viel Sprachausgabe vermittelt. Texte zum lesen sind seltener.

Löwenzahn (1997 – 2004)

Was wäre dieser Artikel ohne Peter Lustig und die mit Abstand erfolgreichste Reihe im Genre der Multimedia-CDs? Zwischen 1997 und 2004 erschienen insgesamt 10 CD-ROMs zur ZDF-Kultsendung Löwenzahn, die seinerzeit nicht nur mir, sondern sicher auch euch viel über Ökologie und Technik beigebracht hat. Peter Lustig moderierte die Sendung stets nahbar, nie von oben herab. Außerdem waren die Rahmengeschichten, in die die Erklärfilme eingebettet waren,  lustig und unterhaltsam.

Peter Lustig persönlich führt durch die CDs und kommt immer mal wieder in die virtuelle Welt hinein gelaufen. Alles spielt sich im und um den Bauwagen ab, der für jede Ausgabe passend zum Thema dekoriert und eingerichtet ist.

Wie überträgt man nun eine solche Sendung auf das Medium CD-ROM? Indem man etwas ganz Eigenes macht und gar nicht erst versucht, die Sendung zu kopieren. Die CDs sind ein Sammelsurium aus Videos, lehrreichen Minispielen, Texten (alle von Peter gelesen), Bastelanleitungen und vielem mehr. All das ist in Peters Bauwagen versteckt. Dort klickt man auf verschiedene Hotspots und lässt sich einfach überraschen, was passiert. Dabei kommt Peter gerne selbst in die virtuelle Umgebung hineingelaufen und durchbricht wie in der Sendung die vierte Wand und führt mit seinem ursympathischen Humor durch die einzelnen Programmpunkte.

Die Löwenzahn-Spiele haben sich damals millionenfach verkauft und zogen in den späten 90ern eine ganze Flut an Kindersoftware nach sich. An die Qualität, der Liebe zum Detail und den Charme waren jedoch nur die wenigsten Titel auf Augenhöhe. Klar, sie hatten schließlich keinen Peter Lustig. Aber auch sonst trafen die Löwenzahn-Spiele die passende Mischung aus Lerninhalten und Unterhaltung und haben dadurch den Ton der Sendung hervorragend eingefangen. Außerdem lernten die Kinder den Umgang mit Maus und Tastatur, auch weil unter vielen Minispielen immer auch kleine Geschicklichkeitsspiele und simple Kreativ-Werkzeuge dabei waren.

Links: Ausnahmslos alle Texte werden von Peter Lustig vorgelesen. Was bei einigen Ausgaben nicht wenige sind. Rechts: Lehrreiche Minispiele sorgen für Abwechslung.

Zum Abschluss

Wieder einmal länger als geplant. Aber manche von euch kennen das bestimmt: Man kratzt nur ganz leicht am Eisberg und schon rollt eine riesige Lawine auf einen zu. Eigentlich war das Thema für mich keine tief hängende Frucht, erst durch den schönen Monty Python-Artikel von TheLastToKnow wurde ich wieder an die Existenz von Multimedia-CDs erinnert. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich es aber immer noch nicht für ein lohnendes Thema. Bis ich aus Langeweile in ein paar alte Titel reingelinst habe und von der Vielfalt überrascht war. Wenn man heute an die 90er Jahre und das Medium CD-ROM zurückdenkt, denke zumindest ich unweigerlich an Grafik-Blender wie Rebel Assault oder diverse FMV-Spiele.

Umso interessanter war es für mich zu recherchieren, wie CD-ROMs damals sonst noch genutzt wurden. Dass sich die Entwickler ernsthaft Gedanken darüber gemacht haben, wie man den Computer abseits von Computerspielen und Büroanwendungen zur Unterhaltung oder Informationsvermittlung nutzen könnte. Vieles von dem, was ich bei meinen Recherchen gefunden habe, ist hier und da sogar gut gealtert, öfters auch experimentell und manchmal auch sehr schrullig. Aber fast immer charmant. Wie vieles in den 90er Jahren hatten auch Multimedia-CDs einen leicht anarchischen Touch, weil es zum Beispiel noch keine standardisierten Designs oder viel Erfahrung in Benutzerführung gab.

So schnell wie das Medium der Multimedia-CDs auf der Bildfläche erschien, so schnell verschwand es auch wieder. Mit der Einführung des schnellen Internets Anfang der 2000er Jahre wurden diese CDs schlagartig uninteressant. Texte, Bilder, Videos und Audio-Inhalte konnten nun sehr einfach über das Internet abgerufen werden. Lediglich Software speziell für Kinder hielt sich noch etwas länger auf dem Markt, aber auch hier war der Weg ins Netz unausweichlich.

Ich habe mich für die Dachzeile „Fragmente der frühen Digitalisierung“ nicht ohne Grund entschieden und hoffe, dass ich euch auf den vergangenen Seiten einen Einblick in die Entwicklung multimedialer Inhalte vor dem Durchbruch des Internets als Massenmedium geben konnte und ihr Spaß an diesem kleinen Rückblick hattet. Seid ihr damals in den 90ern mit Multimedia-CDs in Kontakt gekommen oder wart ihr wie ich in meiner Pubertät, der bei solchen Programmen schreiend davongelaufen wäre?

Ob E-Book zum Dschungelbuch samt inszenierter Lesung oder interaktive Reise durch die Menschheitsgeschichte: Es gäbe noch vieles zu entdecken und zu zeigen. Aber irgendwann muss so ein Artikel ja auch mal zu Ende sein…
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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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3 Comments on “Zeitreise: Multimedia-CD-Roms der 90er Jahre”

  1. Absolut interessanter Artikel und sehr gut recherchiert! Hab das Lesen sehr genossen. Bin über die Google-Suche darauf gestoßen, da ich schon immer an diesem Thema interessiert war und kürzlich erst meine alte Sammlung an CD-Roms wieder mal ausgegraben hatte. Auf einem aktuellen Mac kann man keine dieser Scheiben mehr starten, doch über UTM lassen sich alle alten Betriebssysteme virtualisieren bzw. emulieren, wodurch es dann doch wieder möglich ist. Da ich einige frühere CD-Roms inzwischen nicht mehr besitze, habe ich mir viele davon von Archive.org geladen und speziell für den Mac gibt es die wundervolle Seite „macintoshrepository.org“. So wie hier im Artikel beschrieben ist es schwierig gute Infos zu finden und es hat mich viel Zeit gekostet neue und vor allem gut gemachte Programme zu finden (neben den grausamen Billigprodukten oder Beilagen in Magazinen). Empfehlen kann ich so künstlerische Programme wie „a line of Moments“ oder „Eve“ von Peter Gabriel. Auch die wunderschön gemachten Lernprogramme von DK wie z. B. „Unser Körper“ oder „Die Entdecker“. Schöne Erinnerungen an eine aufregende Zeit damals. Wäre schön wenn es solche gut gemachten Programme mit den heutigen Möglichkeiten noch geben würde…

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