Zeitreise: Multimedia-CD-Roms der 90er Jahre

Filme und Comics auf CD-ROM

Anfang der 90er Jahre versuchte sich die Industrie an verschiedenen Konzepten für Video auf CD. Einer der bekanntesten Konzepte war sicherlich der CD-I-Player von Philips, der nicht nur als Spielekonsole, sondern auch als Abspielgerät für Video-CDs diente. Auf dem Massenmarkt konnten sich diese frühen Konzepte nicht durchsetzen, erst mit der DVD Ende der 90er Jahre gelang die erfolgreiche Ablösung der guten alten VHS-Kassette. Wenn ich nun erzähle, dass 1994 kurzzeitig versucht wurde, die CD-ROM als Medium für Filme zu etablieren, werden selbst diejenigen, die diese Zeit intensiv miterlebt haben, energisch den Kopf schütteln. Das zeigt nur, wie erfolglos dieser Versuch war.

Comic Book Confidential war eigentlich ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1988 über die Kulturgeschichte des Comic-Mediums im 20. Jahrhundert. In dem Film von Ron Mann und Charley Lippincott kommen nicht nur zahlreiche Protagonisten des amerikanischen Comics wie Stan Lee, Frank Miller oder Art Spiegelmann zu Wort, der Film schafft durch seine Inszenierung eine schöne Bühne für das Medium.

Comic Book Confidential gilt als erster Film, der auf CD-ROM veröffentlicht wurde. Neben den Film selbst gab es zahlreiches Bonusmaterial wie Biografien und digitale Comics.

Die Idee dieser Veröffentlichung aus dem Jahr 1994 war, den Film in das Apple Quick Time Format zu konvertieren und neben dem eigentlichen Dokumentarfilm Bonusmaterial wie digitale Comics und Biographien auf die CD zu packen. Wer das alte Quick Time Format kennt, weiß, dass die Filmdateien so schrecklich komprimiert waren, dass sie nur in einem kleinen Fenster halbwegs akzeptabel aussahen. Also haben die Entwickler noch einen Kinosaal drumherum gepinselt, damit der Film nicht ganz so trostlos daherkommt. Am Ende war jedoch das Bonusmaterial wesentlich interessanter. Nicht weil der Film schlecht wäre, aber es macht eben keinen Spaß einen 90 minütigen Film in Briefmarkengröße zu schauen.

Es gab dennoch weitere Versuche: Bei meinen Recherchen stieß ich zum Beispiel auf eine Veröffentlichung von Fred Feuerstein lebt gefährlich, dem Kinofilm von 1966 zur Serie Familie Feuerstein. Oder auch CD-ROMs mit alten Cartoons wie Woody Woodpecker oder Popeye. Und dann gab es This Is Spinal Tap, den Kultfilm vom 1984. Hier wurde nicht nur den Film selbst auf CD-ROM veröffentlicht, zusätzlich waren ein Kurzfilm, diverse Interviews, herausgeschnittene Szenen und sogar Audiokommentare der Produzenten und Schauspieler dabei. Hier wurde das Konzept späterer DVDs am deutlichsten vorweg genommen. Genützt hat es nichts: Es wollte aufgrund der schlechten Videokomprimierung niemand haben.

Die CD-ROM-Veröffentlichung von This Is Spinal Tap im Jahr 1994 nahm das spätere Konzept der DVDs vorweg. Wäre die Videokomprimierung damals weiter fortgeschritten gewesen, hätten Filme auf CD-ROM vielleicht Erfolg gehabt.

Zurück zu den Comics. Während Comics heute wie selbstverständlich auch digital vertrieben werden, gab es die ersten digitalen Konzepte von Marvel und DC Mitte der 90er Jahre. Während es sich bei den Comics auf der Comic Book Confidential CD um reine Scans handelte, versuchten die beiden Verlage in ihren eigenen Publikationen multimediale Inhalte wie Animationen und vor allem Sprachausgabe unterzubringen. So kamen die digitalen Marvel-Comics zu X-Men, Spiderman & Co. mit komplett eingesprochenen Dialogen, Musik und Geräuschkulisse daher. Ein bisschen wie ein Hörspiel. Die digitalen Comics waren auch umfangreicher und länger als ein typisches Comic-Heft dieser Zeit. Doch es blieb bei wenigen Versuchen – die Verkaufszahlen waren so gering, dass sich der Aufwand nicht lohnte.

Stan Lee hypte die „fantastischen Innovationen“, die Comics auf CD-ROM mit sich bringen würden. Dazu gehörten Sprachausgabe und kräftigere Farben. Die Verkaufszahlen waren katastrophal und die Versuche, Comics zu digitalisieren, vorerst zum Scheitern verurteilt.

The Simpsons – Virtual Springfield (1997)

Eine der obskursten Produktionen dieser Zeit stammt von Fox Interactive. In der zeitgenössischen Rezeption als Spiel missverstanden (und entsprechend schlecht bewertet, beispielsweise in der PC Games mit nur 35%), ist Virtual Springfield ein wunderbares Beispiel für die unterhaltsame Seite der damaligen Multimedia-CDs! Es gibt weder eine Geschichte noch ein Ziel, die Aufgabe besteht lediglich darin, das virtuelle Springfield zu erkunden. Egal, ob ihr bei den Simpsons oder den Flanders nebenan, in Moes Kneipe, im Fernsehstudio oder in der Schule von Bart und Lisa vorbeischaut, überall gibt es massig an Animationen, Sprachausgabe und derbe Gags zu entdecken. Meiner Wahrnehmung nach zum Teil noch etwas derber als in den damaligen Staffeln der Serie.

Links: Natürlich dürfen brutale Cartoons mit Itchy & Scratchy nicht fehlen.
Rechts: Moe fällt doch immer wieder auf Barts Telefonstreiche herein!

Das schöne an dem Programm ist, dass die Schauplätze nicht statisch sind und es sich lohnt die Orte mehrmals zu besuchen. Beispielsweise findet ihr auf den bekannten Sofa der Simpsons einmal Bart, der gelangweilt daliegt. Klickt ihr ihn mehrmals an, spielt er Moe unterschiedliche Telefonstreiche. Kommt ihr später wieder ins Wohnzimmer, so könnte euch Homer begegnen, der sich gerade von Werbung verführen lässt und hunger bekommt. Diese unterschiedlichen Szenarien gelten für ausnahmslos alle Orte im virtuellen Springfield. Was die Tour recht lebendig und überraschend hält.

Es gibt sehr viel Sprachausgabe, jedoch keinerlei Videos. Was gut ist! Sämtliche Animationen wurden direkt in der Engine umgesetzt und sehen auch heute noch schön aus. Fans der 90er Jahre Staffeln sollten sich das Programm daher ruhig mal zu Gemüte führen. Ihr bekommt hier einen unterhaltsamen Nachmittag spendiert.

Links: Edna Krabappel hat auch in diesem Programm ihre Probleme mit der vierten Klasse.
Rechts: In der örtlichen Spielhalle gibt es nachgebaute Videospiele aus den ersten Staffeln der Simpsons.
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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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3 Comments on “Zeitreise: Multimedia-CD-Roms der 90er Jahre”

  1. Absolut interessanter Artikel und sehr gut recherchiert! Hab das Lesen sehr genossen. Bin über die Google-Suche darauf gestoßen, da ich schon immer an diesem Thema interessiert war und kürzlich erst meine alte Sammlung an CD-Roms wieder mal ausgegraben hatte. Auf einem aktuellen Mac kann man keine dieser Scheiben mehr starten, doch über UTM lassen sich alle alten Betriebssysteme virtualisieren bzw. emulieren, wodurch es dann doch wieder möglich ist. Da ich einige frühere CD-Roms inzwischen nicht mehr besitze, habe ich mir viele davon von Archive.org geladen und speziell für den Mac gibt es die wundervolle Seite „macintoshrepository.org“. So wie hier im Artikel beschrieben ist es schwierig gute Infos zu finden und es hat mich viel Zeit gekostet neue und vor allem gut gemachte Programme zu finden (neben den grausamen Billigprodukten oder Beilagen in Magazinen). Empfehlen kann ich so künstlerische Programme wie „a line of Moments“ oder „Eve“ von Peter Gabriel. Auch die wunderschön gemachten Lernprogramme von DK wie z. B. „Unser Körper“ oder „Die Entdecker“. Schöne Erinnerungen an eine aufregende Zeit damals. Wäre schön wenn es solche gut gemachten Programme mit den heutigen Möglichkeiten noch geben würde…

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