Wer die ersten beiden Teile dieser Reihe gelesen hat, der weiß bereits, was nachfolgend behandelt wird: multimediale CD-ROMs, die auf vielfältige Weise Texte, Bilder, Videos und Sprachausgabe zusammenbringen, um Informationen, Unterhaltung und nicht selten auch Kurioses zu transportieren. Dabei haben wir bereits erkannt, dass es damals die unterschiedlichsten Unterarten gab: interaktive Dokumentationen, Fotoreportagen, experimentelle Kunstinstallationen und natürlich auch viel Wissenschaft und Geschichte. Von den vielfältigen Lexika ganz zu schweigen. Wohin uns die Reise dieses Mal führen wird?
Es ist der letzte Deep Dive in die multimediale Welt der 90er-Jahre. Während ich in den letzten beiden Artikeln überwiegend Programme vorgestellt hatte, die ich aus den Tiefen von Macintoshgarden und Archive geangelt hatte, kommen diesmal auch selbst gekaufte CD-ROMs dazu, die ich bei Medimops, Booklooker und Ebay aufgespürt habe. Kleiner Tipp falls ihr was zum sammeln sucht und euch alte Spiele durch die Scalper zu teuer geworden sind: Multimedia-CD-ROMs werden Euch überall für ein Appel und ein Ei hinterhergeworfen!
Nun viel Spaß mit dem letzten Artikel zu den Multimedia-CD-ROMs der 90er-Jahre!
Tierisch tierisch!
The Animals of Farthing Wood (1996)

Ich behaupte einfach mal, dass nur wenige europäische Kinder ohne die Geschichte der Tiere aus dem Thalerwald aufgewachsen sind. Die Geschichten des englischen Autors Colin Dann rund um eine Gruppe von Tieren, die ihren Wald wegen der Zerstörung durch den Menschen verlassen müssen, gehören zu den bekanntesten Kinderbüchern der 80er-Jahre, und die darauf basierende Zeichentrickserie aus den 90er-Jahren war ebenfalls sehr populär. Auf Grundlage dieser Serie veröffentlichte BBC Multimedia eine CD-ROM, die eine Mischung aus Minispielsammlung, interaktivem Film und Lernspiel für Kinder darstellte.
Die Geschichte der ersten Staffel wird nacherzählt – also die Flucht der Tiere in den Weißhirschpark. Dabei löst ihr kleine Rätsel, zum Beispiel Tiere anhand ihrer Fußspuren oder ihrer Laute erkennen. Außerdem gibt es einige informative Videos über verschiedene Wildtiere, vier kleine Minispiele und viele Dialoge, die die Handlung vorantreiben. Für ein vollwertiges Adventure ist das Programm jedoch zu simpel ausgebaut.






Das Lexikon der Tiere (1996)

Das Lexikon bietet die üblichen Features jener Zeit: Hunderte Tiere werden nach geografischem Ursprung kategorisiert und beschrieben. Dazu gibt es hübsche Fotos und Zeichnungen. Ihr klickt euch auf einer Weltkarte durch die verschiedenen Biotope und wählt von dort die einzelnen Tiere aus.
Außerdem gibt es einen kleinen Zeitstrahl zur Evolution und ein Stichwortverzeichnis. Zu einigen Tieren wurden auch Videos im Berliner Zoo gedreht, da es sich hier um eine deutsche Produktion handelt. Das war zu dieser Zeit in diesem Segment durchaus eine Seltenheit.






The San Diego Zoo presents… The Animals! (1995)

The Animals war eine der ersten großen Multimedia-Produktionen. Bereits 1992 erschien die erste Version für den Mac und diese wurde dann auf alle möglichen Systeme portiert, inklusive Sega CD und 3DO. 1993 gewann das Programm zahlreiche Preise.
Das Programm wurde in den Folgejahren weiterentwickelt, und so erschien Version 2.0 im Jahr 1995 für den PC. Mit über 1400 Fotos, mehr als 3 Stunden gesprochenen Audioinhalten, zahlreichen Videos und noch viel mehr Texten ist The Animals ein sehr umfangreiches Nachschlagewerk über Tiere und Klimazonen. Das Programm wurde in Kooperation mit dem Zoo in San Diego entwickelt und somit stehen neben den üblichen Informationen zu den Tieren selbst auch Themen wie Zoogestaltung, Tierpflege und kleinen Alltagsgeschichten aus dem Zoo im Fokus.









Ocean Life (1994 – 1998)

Wer in den 90er-Jahren in Unterwasserwelten eintauchen wollte, kam an den mindestens sechs Ocean-Life-CD-ROMs, die zwischen 1994 und 1998 erschienen, nicht vorbei (wie viele CDs genau veröffentlicht wurden, ist heute nur noch schwer zu ermitteln). Jede CD beschäftigt sich mit einem anderen Teil der Weltmeere: vom Pazifischen Ozean über das Karibische Meer bis hin zu verschiedenen Riffen.
Im Mittelpunkt der jeweiligen CDs stehen vor allem Fische, die in unterschiedliche Gattungen unterteilt werden. Im Vergleich zu den eben vorgestellten Tierlexika ist die Länge der Texte überschaubar. Stattdessen sind die Programme wie umfangreiche Bilderbücher aufgebaut, die mit vielen Fotos und mit einer ruhigen Sprachausgabe unterlegten Videos eine bewusst entspannende Atmosphäre vermitteln.






Safari – Explore the Untamed World (1996)

Das im Jahr 1993 gegründete Startup Alpenglow war einer der Technikpioniere in der damaligen Multimedia-Revolution. Entwickler der Firma haben nicht nur am Internet Explorer von Microsoft mitgearbeitet, sondern selbst auch zahlreiche Homepages designt und Multimedia-CD-ROMs produziert. Eine davon war diese Produktion mit dem Schwerpunkt Afrika, genauer gesagt den Serengeti-Nationalpark. Dafür konnten die Entwickler die renommierten Fotografen Jonathan und Angela Scott gewinnen, von denen sich über 700 Fotografien und zahlreiche eingesprochene Vorträge auf der Disc finden lassen. Themen sind natürlich die Tiere, aber auch das Alltagsleben in der Region und ein ausführlicher Einblick in die Arbeitsweise des Ehepaars.






Faszinierende Welt der Katzen (1995)

Ich bin in den letzten Teilen der Artikelreihe schon häufiger auf die Produktionen des britischen Verlags Dorling Kindersley zurückgekommen, denn nur wenige andere Verlage waren in diesem Medium so präsent mit den unterschiedlichsten Produktionen und Reihen. Eine Reihe fehlt noch: Eyewitness Virtual Reality. Eyewitness war eine BBC-Sendung von Dorling Kindersley, die in einem virtuellen Museum spielte und die unterschiedlichsten Themen aus Biologie, Umwelt und Geografie behandelte. Genau dieses Konzept wurde in vier Multimedia-Programmen zu den Themen Katzen, Vögel, Dinosaurier und dem Planeten Erde umgesetzt. Ein fünfter Titel zum Thema Haie war in Entwicklung, wurde dann aber eingestellt. Die vier Programme erschienen über den Publisher Navigo auch in deutscher Sprache.
Startet ihr das Programm, befindet ihr euch in einem virtuellen Museum. Wie in einem First-Person-Adventure à la Myst könnt ihr euch durch das Museum schrittweise bewegen. Die drei großen Räume sind durch Korridore miteinander verbunden und überall stehen die unterschiedlichsten Stücke der virtuellen Ausstellung. Klickt ihr auf ein Exemplar, gelangt ihr in die Nahansicht. Dort gibt es je nach Thema verschiedene Infotafeln, Videos, kleine interaktive Elemente und natürlich hunderte Bilder zu entdecken. Wenn euch die Vielzahl an Ausstellungsstücken überfordert, könnt ihr auch eine von fünf thematischen und geführten Museumstouren auswählen. Im „Museumsshop“ gibt es Hintergrundbilder für den Desktop, Poster zum Ausdrucken und Soundfiles, mit denen man die Geräusche des Betriebssystems anpassen kann.
Ich habe mir für diesen Artikel drei von vier Programmen angeschaut. Fangen wir mit den Katzen an: Ich war positiv überrascht, wie vielfältig die Entwickler das Thema umgesetzt haben. Natürlich gibt es in den Museumsräumen zahlreiche Ausstellungsstücke zu den verschiedensten Katzenarten – von der Hauskatze bis zur Wildkatze, ihrer Lebensumgebung, Anatomie und ihrem sozialen Verhalten. Es gibt aber auch zahlreiche Exponate zur soziokulturellen Geschichte und Kunstgeschichte. So könnt ihr zahlreiche Kunstwerke aus unterschiedlichen Kulturräumen und Epochen entdecken, die zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen Katze und Mensch im Lauf der Jahrtausende immer wieder verändert hat. Allein das komplette Museum mit seinen über hundert Ausstellungsstücken und Konsolen zu erforschen, hat mich rund zwei Stunden beschäftigt. Wollt ihr auch noch jeden Text, jedes Video, jedes interaktive Element und die thematischen Touren samt umfangreichem Audiokommentar mitnehmen, könnt ihr locker die doppelte Zeit einplanen.









A Day of Cats (1994)

Wir bleiben noch ein wenig bei den Katzen und kommen zum bekanntesten japanischen Katzenfotografen des 20. Jahrhunderts. Nobuo Honda wurde 1936 geboren und galt von den 1970er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2008 als einer der bekanntesten Fotografen, der die Tiere alltagsnah fotografierte. Besonders seine Motive mit Katzen in ländlichen japanischen Häusern wurden äußerst populär und füllten zahlreiche Bildbände und jährliche Kalender. Darüber hinaus fotografierte der gelernte Mediendesigner Katzen in Gärten und zu verschiedenen Jahreszeiten. In den 90er-Jahren wurden seine Bücher auch international veröffentlicht, unter anderem in den USA und in Deutschland.
1994 und 1995 erschienen in Japan außerdem drei CD-ROMs unter dem Titel A Day of Cats, in denen seine Arbeiten aus den 70er und 80er Jahren zusammengefasst wurden. Auf jeder CD-ROM befindet sich ein kurzes Vorwort von Honda und anschließend über hundert ausgewählte Fotos, durch die sich der Betrachter klicken kann. Es sind digitale Bildbände, wie sie bereits im letzten Artikel vorgestellt wurden und in Japan zu dieser Zeit äußerst beliebt waren.









Faszinierende Welt der Vögel (1995)

Ein weiterer Teil der Eyewitness-Virtual-Reality-Reihe, hier zum Thema Vögel. Wie schon beim oben vorgestellten Programm zum Thema Katzen handelt es sich auch hierbei um ein virtuelles Museum mit über hundert Ausstellungsstücken und noch mehr Texttafeln. Mit den Führungen, der Sprachausgabe, den Bildergalerien und Videos ist es auch sonst weitgehend baugleich.
Da es über 11.000 Vogelarten gibt, haben die Entwickler die Informationen eher allgemein gehalten und in Vogelgruppen wie Singvögel, Schwimmvögel oder Greifvögel unterteilt. Im Fokus stehen vor allem biologische Inhalte wie Körperaufbau oder Sozialverhalten. Es finden sich gelegentlich auch Ausstellungsstücke zur Kulturgeschichte, die zeigen, wie Menschen Vögel über die Jahrhunderte dargestellt haben. Dieser Bereich ist hier jedoch nicht so ausgeprägt wie bei den Katzen. Trotzdem ist das Programm ähnlich umfangreich und Vogelinteressierte haben sicherlich viel Spaß daran, hier ein wenig zu stöbern – auch wenn manche Informationen natürlich veraltet sind.










Meine Güte! Was für eine Arbeit und was für ein Schatz an interessanten Programmen! Vielen Dank! Du hattest mich schon so weit, dass ich gerade beinahe eine alte Encarta-Ausgabe gekauft hätte. Aber wenn ich damit anfange, werde ich die längste Zeit ein verheirateter Mann gewesen sein 😀
Dabei ist das echt ein geiles Thema zum sammeln! Einfach weil es SONST niemand auf dem Schirm hat! 😀
Aber gibt ja auch alles auf Archive.org. Auch die CDs, die ich für diesen Artikel gekauft habe. 😉
Ich mußte bei Star Trek gleich nochmal recherchieren, was Apple VR aus den 90zigern ist. Es entpuppte sich aber als diese 360° Bilder vom QuickTime Player. Damals aber absolut mind-blown, weil wir hatten ja sonst nichts.
Aber sowas vom Mindblowing. 😀 Hatte ja im zweiten Artikel diese CD-ROM vom Anne Frank Haus vorgestellt. Da wurde diese Technik inhaltlich IMO richtig geil eingesetzt.
Krass, was für eine Arbeit, vielen Dank dafür. Aber noch viel krasser, das es auch noch zwei meiner absoluten Lieblinge in die illustre Auswahl geschafft haben: Faszination Raumfahrt und das Star Trek Interactive Technical Manual. Als Sahnhäubchen gibt es sogar ein kleinen Verweis auf mein erstes, selbst erworbenes PC-Spiel. Das Bild mit der „Lokomotive“ aus Between Earth and the End of Time zierte auch das Cover von Transarctica (Artic Baron in manchen Märkten).
Leider kann ich mich nicht mehr an den Titel erinnern, aber über die Bundeszentrale für politische Bildung (und dann über den Schwiegervater) bin ich damals auch an eine Multimedia-CD-ROM zum Thema Kreuzzüge gekommen, die war auch wirklich toll. „Edit:“ selbst nochmal recherchiert, es war Kreuzzüge – Verschwörung im Königreich des Orients vom Cornelsen Verlag.
Damals bin ich jeden Freitag nach der Schule in die Stadtbibliothek um zu schauen ob es im Multimedia-Bereich eine Neuanschaffung gab.
Ich finde es auch schade, dass diese Kunst, mehr oder weniger, verloren gegangen zu sein scheint. Dabei ist mit den Web X.0 Technologien und der Dominanz der „Apps“, die technische und distributive Hürde für solche Produkte so niedrig wie nie.
In einer meiner „ich sitze in den öffentlichen Verkehrsmitteln und hab gerade keinen Bock zu lesen“ Phasen habe ich mir eine Neuauflage diese Formats schon häufgier ausgemalt sogar in Kombination mit dem neuen/alten Abomodell: damals, vor 1000 Jahren, als ich auf die neueste Projekt-X – Ausgabe gefiebert habe, einzelne Themen aus einem bunten Strauß aus Fach bereichen immer bunt zusammengewürfelt.
Vielen Dank für kleine Reise in, in diesem Fall, tatsächlich mal bessere Zeiten. Auch wenn ich den Pessimismus nicht ganz teilen will, da es eben auch, zumindest bei Youtube, ganze viel zu sehen gibt, bei dem die Macher/Macherinnen tatsächlich die Vermittlung von Wissen in den Vordergrund stellen.
Vielleicht wäre die Verschmelzung dieses Genres mit dem Hauptthema der Seite einen Blick wert? Ich denke da zum Beispiel an die nett gemachten Spiele von Braingame, wie Physicus und Chemicus
Ich kann mich erinnern, dass es in den ersten Jahren des iPads tatsächlich nochmal eine kleine Renaissance gab. Also interaktive Enzyklopädien und andere Multimedia-Programme. Das Magazin GEO hatte damals auch digitale Ausgaben ihrer Hefte mit erweiterten Multimedia-Aspekten wie Videos, Sprachausgabe, kleine Spiele und sowas. Auch Storybooks von Disney & Co. hatten damals nochmal eine kleines Comeback. Aber das verschwand dann alles schlagartig, als sich dann das Free to Play Modell durchsetzte.
Ja, die alten Spiele von Cornelsen stehen tatsächlich noch auf der Liste. Genauso wie die History-Adventures von Terra X. Mal gucken, wann ich dazu komme. ^^
„Das war sie nun, meine über mehrere Jahre recherchierte und ausgearbeitete Trilogie zum Thema Multimedia-CD-ROMs.“
Da hast du ja wieder alle 3 Star Wars CDs ignoriert, du alter Trekker!
– Star Wars Making Magic (Interaktive Werbe-CD zu den Special Editions) https://starwars.fandom.com/wiki/Star_Wars:_Making_Magic
– Star Wars: Behind the Magic (alles mögliche zur alten Trilogie) https://starwars.fandom.com/wiki/Star_Wars:_Behind_the_Magic
– Star Wars Episode 1: Insider’s Guide (alles mögliche zu Episode 1 mit sehr vielen Details zu den Prequels) https://starwars.fandom.com/wiki/Star_Wars:_Episode_I_Insider%27s_Guide
Also zumindest Behind The Magic hätte echt noch erwähnt werden müssen, das war echt für seine Zeit super informativ. Bei Episode 1 wurde es langsam überflüssig, weil Starwars.com echt mega informativ für seine Zeit damals war und dann ja auch später die Wookiepedia.