Zeitreise: Multimedia-CD-ROMs der 90er-Jahre, Teil 2

And now for something completely different… Entertainment!

Sound On. Vision On. – 75 Years of the BBC (1997)

Kommen wir zum Abschluss dieses Specials nach all der Bildung, Kunst und Geschichte zur harmlosen Unterhaltung. Also nicht, dass die GUTEN Beispiele aus der Multimedia-Ära nicht auch unterhaltsam gewesen wären … ihr wisst, was ich meine. Jedenfalls veröffentlichte die altehrwürdige BBC – die älteste öffentlich-rechtliche Medienanstalt der Welt – zu ihrem 75. Geburtstag diese hübsche CD-ROM. Das war im Jahr 1997 – demzufolge wurde die BBC bereits 1922 gegründet. Das kommt der CD-ROM zugute, da sie die technische Entwicklung von Radio und Fernsehen sehr gut abbilden kann.

Unterteilt ist das Programm in sieben Jahrzehnte, die wiederum jeweils in fünf Programmpunkte gegliedert sind: Radio, Television, Technology, Behind the Scenes und ein Quiz zum jeweiligen Jahrzehnt. Die einzelnen Programmpunkte arbeiten viel mit Bildern, Tonaufnahmen und Videoclips sowie mit einer sehr bunten, fast schon pythonesken Präsentation im Stil der Animationen, die Terry Gilliam für die Serie Monty Python’s Flying Circus und die späteren Kinofilme der Comedy-Gruppe anfertigte. Das ist passend, da der Flying Circus in den 1970er Jahren von der BBC ausgestrahlt wurde. Textinhalte sind dagegen nur rudimentär vorhanden. Wäre es ein deutsches Produkt, wäre man wahrscheinlich mit hunderten langen Artikeln erschlagen worden.

Die Programmpunkte sind selbsterklärend: Radio und Television erinnern an die legendären Sendungen der jeweiligen Jahrzehnte. Technology zeichnet die technischen Entwicklungen nach und Behind the Scenes gibt kleine Einblicke in medienpolitische Entwicklungen und stellt wichtige Führungspersönlichkeiten der BBC-Geschichte kurz vor.

Monty Python’s Complete Waste of Time (1994)

Noch nie war ein Titel so ehrlich! Complete Waste of Time bietet tatsächlich reine Zeitverschwendung. Auf ein paar Bildschirmen könnt ihr allerlei Dinge anklicken, und dann geschehen… Dinge. Animationen, Soundclips aus dem Flying Circus, noch mehr Animationen, hier und da ein kurzer Videoclip, ein paar recht seltsame Minispiele. Das Ding hat damals sogar einige gute Bewertungen bekommen. Nur: Ich verstehe nicht, wieso? Okay, man könnte argumentieren, dass abgebrochene Sketche, nicht aufgelöste Spannungsbögen und Nonsense zum Markenkern der Pythons gehörten. Und das trifft diese CD-ROM recht gut.

Aber andererseits waren die nachfolgenden Titel zu Ritter der Kokosnuss und Sinn des Lebens wesentlich durchdachter und boten auch die weitaus besseren Minispiele. Ach, irgendwann muss ich zu diesen Titeln mal einen Artikel schreiben. Complete Waste of Time jedoch ist ein herrlich faszinierendes Fragment der damaligen Multimedia-Revolution. Nicht richtig furchtbar, aber auch weit davon entfernt, irgendeinen Mehrwert zu bieten – bis auf die vielen Hintergrundbilder und Bildschirmschoner. Unterhaltsame, surreale Zeitverschwendung eben.

The Muppet CD-ROM: Muppets Inside (1996)

Wie man eine Comedy-Show richtig gut in eine multimediale Erfahrung übertragen kann, das zeigte das kurzlebige Studio Starwave. Zu Beginn digitalisiert Bunsen Honeydew versehentlich die Muppets und sperrt sie zusammen mit Teilen der Spiele, an denen sie gearbeitet haben, in euren Computer ein. Nur Rizzo, Statler und Waldorf bleiben draußen. Das Duo kommentiert das Geschehen wie gewohnt aus der Loge. Kermit der Frosch und Fozzie Bär reisen mit einem Bus durch euren Computer, um ihre Freunde zu retten. Ihr helft Kermit und Fozzie dabei, blockierte Passagen auf der Karte freizumachen, indem ihr die Minispiele der Muppets spielt und verschiedene Muppet-Show-Clips sowie Muppet-Requisiten sammelt.

Für diese CD-ROM wurde parallel zu den Dreharbeiten von Muppets – Die Schatzinsel über eine Stunde neues Videomaterial mit den originalen Sprechern und Darstellern der Figuren produziert. Die sieben Minispiele sind kreativ und insbesondere die Puzzlespiele können durchaus auch ein wenig Hirnschmalz erfordern. Ansonsten sind die Witze und Gags auf dem hohem Niveau, wie man sie aus der Muppet Show kennt, auf die sich das Abenteuer immer wieder bezieht.

The Cranberries – Doors and Windows (1995)

Vielleicht kann sich der eine oder andere von euch noch an den Trend der sogenannten „Enhanced CDs“ erinnern. Das war nichts anderes, als dass man normalen Audio-CDs noch einen Datentrack hinzufügte. Damit wollte die Musikindustrie vor allem Singles und EPs aufwerten. Richtig Mühe gegeben hat man sich dabei jedoch nur äußerst selten. Meistens fand man auf solchen „Enhanced CDs“ Videodateien mit den jeweils aktuellen Musikvideos oder vielleicht noch schlecht aufgelöste Bilder und Angaben zur Diskografie. Ich kannte damals niemanden, der sich je um dieses Bonusmaterial gekümmert hätte. Laut der Datenbank Discogs hält sich dieses Format sogar noch bis in die Gegenwart.

Wer 1995 die EP „Doors and Windows“ der irischen Alternative-Rock-/Dream-Pop-Band The Cranberries in den CD-ROM-Schacht des heimischen PCs legte, bekam eine der seltenen besseren Erfahrungen geboten. Statt ein paar liebloser Fotodateien oder Videoclips konnte ein multimediales Programm gestartet werden. Hier hatten die Fans der Band die Möglichkeit, drei Räume zu erkunden. Diese beinhalteten einen Musikplayer, ein Fotobuch, ein Buch mit zahlreichen Songtexten, Scans von Zeitungsartikeln, kleine Video-Interviews und allerlei grafische Gags. Das war zwar nicht so umfangreich wie die dedizierten Multimedia-Anwendungen, die in diesem Artikel vorgestellt wurden – aber als kostenlose Dreingabe zur EP war das schon in Ordnung. Innerhalb von 20 Minuten hat man sich durch das Programm geklickt. Das ganze erinnert auch ein wenig an die Aufmachung der Launch CD-ROMs aus Seite 2. Aber wie gesagt, war das hier einer der sehr seltenen Fälle, in denen sich zumindest etwas Mühe gegeben wurde. In der großen Mehrheit waren „Enhanced CDs“ schlicht und ergreifend unnötig, da mit dem Medium CD-ROM nichts Kreatives gemacht wurde.

The Art of Drew Struzan – Star Wars Portfolio (1999)

Jeder, der in den letzten Jahrzehnten aufgewachsen ist, kennt seine Kunst, ohne vielleicht den Künstler selbst zu kennen: Drew Struzan, 1947 in Portland geboren, illustrierte zahllose Albencover (darunter Black Sabbath und Alice Cooper), Briefmarken, Comics, Buchcover, Videospielcover und Filmposter. Für Filme wie Tron, The Goonies, Indiana Jones, Blade Runner, Rambo, Zurück in die Zukunft, Aladdin, Die Muppets, Jurassic Park, Mars Attacks und viele weitere gestaltete er die Plakate.

Eine besondere Beziehung hatte der Künstler jedoch zum Star-Wars-Franchise. So stammen nicht nur sämtliche Filmposter bis Episode VII von ihm, auch für Bücher und Zeitschriften fertigte er Bilder an. Diese CD-ROM zeigt sein Star-Wars-Portfolio der 70er-, 80er- und 90er-Jahre – ergänzt durch Artikel, Interviews, Skizzen und Ausmalbilder. Es ist zwar definitiv nicht die umfangreichste oder multimedialste CD-ROM, aber für Star-Wars-Fans sicherlich ein nettes Extra.

Zum Abschluss

Da verging wieder mehr Zeit, als ich ursprünglich eingeplant hatte. Denn leider ist es so, dass diese Multimedia-CD-ROMs heute kaum katalogisiert werden – anders als Computerspiele. Obwohl es damals Tausende solcher Produktionen gab, scheint die Existenz dieser Programme aus dem heutigen kollektiven Gedächtnis (beziehungsweise dem Internet) so gut wie ausgelöscht zu sein. Schon ein wenig schade, denn die Herausforderung ist heute nicht einmal das Auffinden dieser Programme selbst – Archive.org sei Dank –, sondern vielmehr herauszufinden, was es alles gab und wie die Produktionen überhaupt hießen. Geholfen haben mir bei der Recherche lustigerweise britische Computermagazine wie die PC Review, die eigene Testrubriken zum Thema Multimedia in den Heften hatten.

Jedenfalls hoffe ich, dass diese kleine Übersicht für euch ein wenig informativ und auch etwas unterhaltsam war. Es ist ja doch immer wieder faszinierend, auf welch vielfältige Art damals die verschiedenen Themenbereiche umgesetzt wurden. Schreibt gerne in die Kommentare, welche Multimedia-Produktionen euch noch einfallen. Irgendwann wird es bestimmt auch einen dritten Teil geben…

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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6 Comments on “Zeitreise: Multimedia-CD-ROMs der 90er-Jahre, Teil 2”

  1. Vielen Dank für dieses Brett von einem Artikel. Für mich besonders interessant ist die Seite drei mit den Geschichts-Discs. Ein wenig schade, dass es solche Produktionen heutzutage nicht mehr gibt. Webseiten bieten sicher auch viele vergleichbare Inhalte, aber dieser Lexikon-Charakter mit der Versuchung, noch einen Klick auf diesen oder jenen Link zu machen, war bei diesen Oberflächen für mich viel stärker ausgeprägt.
    Die BBC-CD-ROM sieht auch sehr interessant aus, danke dir. Einzig und allein von der Python-Disc wusste ich. Habe also wieder sehr viel Neues erfahren.
    Noch kurz zum Titanic-Hype: Steve Meretzky hat jahrelang versucht, ein Titanic-Spiel zu machen. Immer ist er abgeblitzt, weil das angeblich niemanden interessieren würde. Tja, dann kam 1996 ein erfolgreiches Spiel und 1997 der Film…

    1. Mir geht das ganz genauso! Natürlich lässt sich heute alles mögliche über die Familie von Anne Frank zusammenlesen. Aber wie cool ist es denn, durch so ein virtuelles Haus zu laufen, alles anzuklicken und dann auf unterschiedliche Weise (Text, Sprachausgabe, Bilder) Informationen präsentiert zu bekommen. Da ist für mich die Motivation sehr viel größer als mit Wiki-ähnlichen Textwüsten.

      Und ich denke mir manchmal, was für coole Produktionen wären da mit den heutigen technischen Möglichkeiten möglich?

  2. Vielen herzlichen Dank, das war echt ein Genuss!
    Aber… wann können wir denn mit dem dritten Teil rechnen? Das ist doch kein Zufall, dass du Star Wars: Making Magic, Behind the Magic und Episode 1 Insiders Guide fehlen.
    Muppets Treasure Island hat ja auch eine schöne Multimedia CD bekommen.

    Ansonsten fallen mir noch die Anatomiesachen ein, die damals zB bei Pearl verkauft wurden (Der Körper 3D).

    Ach und wegen der Heft CDs: Ich fand damals ja die FUN Online (https://www.kultboy.com/Fun-Online-Zeitschrift/521/) nicht schlecht. Die hatte auch ein paar interaktive Sachen dabei, mir als Dötz hatte es gefallen.

    1. Danke für das Lob. 🙂

      Das ist auch kein Zufall: Ich habe von Star Wars keinerlei Ahnung. Fande als Knirps irgendeinen Star Wars Film ziemlich öde (war da schon zu sehr mit Star Trek verbunden) und seitdem auch nie wieder irgendwas aus dem Franchise gesehen. Deswegen trau ich mich da nicht so an die CD-ROMs ran. ^^ Und Drew Struzan hatte ich jetzt nur, weil ich seine Arbeit generell toll finde – und die CD zu seinen Star Wars Sachen recht unbekannt zu sein scheint.

      Ja, die Glasklar-CDs kenne ich auch noch. Kosmos 3D, Tierwelt 3D, usw.

      Wann der nächste Teil kommt? Keine Ahnung. Ist doch sehr viel Arbeit abwechslungsreiche coole Titel zu recherchieren und rauszusuchen. Eben weil es Abseits von alten Magazinen, Wayback Machine, etc. so wenig Recherchepunkte gibt. Und dann muss ich ja auch entsprechende Titel noch irgendwie irgendwo auftreiben.

  3. Die Stadtbibliothek in meiner Nähe hatte damals einen gut sortierten Bereich mit Multimedia CDs den ich rechte häufig nach der Schule besucht habe um zu schauen ob es was Neues gibt.
    Meine liebste CD-ROM war aber ein Eigenerwerb „Faszination Raumfahrt“ mit viel Text aber auch ein paar kruden Animation in Größe einer Briefmarke. Viel Zeit habe ich auch in sinnlos in Cinemanie 95 verbracht, war einfach spannend zu sehen was es außerhalb der Videothek und dem Angebot der Privatsender noch so gab.
    Das ging bis in die 2000er rein, ich konnte mir Multimedia-CDs zu schulischen Themen, die von der BPB zur Anschauung an Lehrer verschickt wurden, ansehen. Waren ein paar echt tolle Sachen dabei, auch sehr aufs Edutainment ausgerichtet. Ich habe noch gute Erinnerungen an einen Titel zu den Kreuzzügen, bei dem man die verschiedenen Belagerungswaffen der Kreuzritter „ausprobieren“ konnte.
    Tolle Artikelreihe, auch wenn ich mir gar nicht ausmalen mag, wie viel Zeit da reingeflossen sein muss. Allein schon die Recherche, herrje

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