Die bunte Vielfalt der Lexikas
Die Millennium-Chronik (1999)

Die Älteren unter euch werden sich noch an die Flut der „Jahrhundert-Rückblicke“ erinnern, die es im Jahr 1999 pflichtbewusst überall gab – ob als Buch oder dank Guido Knopp im Fernsehen. Und natürlich durften auch im CD-ROM-Bereich entsprechende Titel nicht fehlen. Davon gab es gleich mehrere. Ins Auge gefallen ist mir beispielsweise die „Millennium-Chronik“ vom Tandem Verlag, die 1999 auf 5 (!) CD-ROMs erschienen ist.
Dahinter verbirgt sich ein Nachschlagewerk mit zehntausenden kurzen Artikeln, Biografien, tausenden Fotos und mehreren Stunden Audioinhalten. Auf jeder CD-ROM gibt es drei bis vier Dokumentationen, die durch Sprachausgabe, Videos und Bilder bestimmte Themen näher erläutern. Ansonsten klickt ihr euch durch die Jahre, und wenn euch ein Überthema näher interessiert, findet ihr unter dem Punkt „Siehe auch…“ ein paar vertiefende Artikel. Die Artikel sind jedoch nur selten länger als eine Bildschirmseite, was zum chronikalischen Charakter des Programms passt. Viele Themen werden daher auch nur oberflächlich behandelt. Trotzdem ist das Programm als Nachschlagewerk zur deutschen Politik und Gesellschaft des 20. Jahrhunderts durchaus brauchbar.






Microsoft Explorapedia – Die Welt der Natur (1995)

Im letzten Artikel habe ich bereits die Encarta von Microsoft vorgestellt, eine allgemeine Enzyklopädie im Stil des Brockhaus, die Microsoft noch erstaunlich lange pflegte – nämlich bis zum Jahr 2009. Sehr viel weniger Durchhaltevermögen bewies Microsoft mit der Explorapedia, einem Nachschlagewerk für Kinder. Ursprünglich sollte es mehrere Ausgaben zu verschiedenen Themengebieten geben. Es blieb jedoch bei nur zwei Ausgaben: Die Welt der Natur sowie Die Welt der Menschen. Beide erschienen 1995.
Die Explorapedia unterscheidet sich von klassischen Enzyklopädien dadurch, dass die Artikel in Szenenbildern zusammengefasst sind. Dazu gehören etwa Gebirge, Ozeane, Nadelwälder oder Landwirtschaft. Behandelt werden die verschiedensten Themen – von Tieren über Gesteine bis hin zum Wetter. Außerdem liegt der Fokus nicht nur auf passiver Wissensvermittlung: Immer wieder werden kleine Lernspiele wie Quizfragen, Rätsel und Logikspiele eingestreut, um die Themen interaktiver zu gestalten. Zudem wird ausnahmslos jeder Text vorgelesen.









Microsoft Cinemania (1992 – 1997)

In einer Zeit vor dem Internet und vor Online-Datenbanken wie IMDB oder OFDB war für Filmfans die Cinemania das Mittel der Wahl, um neue Filme zu finden, die man dann auf VHS kaufen oder beim nächsten Besuch in der Videothek ausleihen konnte. Am Ende der Reihe gab es über 30.000 Einträge zu Filmen, Schauspielern und Regisseuren. Man konnte sich ganze Filmografien anschauen; zu den bekannteren Namen gab es auch Biografien, Videoclips und Soundschnipsel. Filme wurden von bekannten Filmkritikern rezensiert, und schließlich gab es sogar von Prominenten eingesprochene thematische Touren.
Wenn man heute auf die Cinemania schaut, entdeckt man natürlich viele Lücken. Dass sich Cinemania lediglich auf Hollywood-Filme fokussierte und den internationalen Filmmarkt weitgehend aussparte, wirkt aus heutiger Sicht fragwürdig. Trotzdem muss man anerkennen, dass Cinemania ein wichtiger Vorreiter bei der digitalen Katalogisierung der Filmgeschichte war.









Total Television (1996)

Was Cinemania nicht bot, fand der geneigte US-TV-Zuschauer im Lexikon Total Television. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Alex McNeil bietet die CD-ROM eine Datenbank mit über 7.000 TV-Serien und Game Shows. Einige, aber leider längst nicht alle Einträge wurden mit Bildern und kurzen Videoclips ergänzt. Zudem enthalten die meisten Einträge eine Inhaltsübersicht. Die Datenbank kann nach Jahr, Network und Genre gefiltert werden.
Damit nicht genug: Auf der CD-ROM findet ihr außerdem ein kleines Quiz, alle Preisträger der Emmys und des Peabody Awards sowie die Top 20 der Nielsen Rankings für jede Season seit 1948. Interessant ist auch die Prime-Time-Übersicht, in der das Abendprogramm von NBC, ABC und CBS für jedes Jahr und jeden Wochentag dargestellt wird. Dort gibt es auch kleine Videos zu den Highlights der US-Fernsehgeschichte.









The Violin – The Multimedia Encyclopedia (1997)

Alles, was ihr je über die Violine wissen wolltet, euch aber nie zu fragen getraut habt, erklärt euch dieses wirklich schön gestaltete Lexikon. Es behandelt die Geschichte des Instruments, die Besonderheiten der unterschiedlichen Bauarten sowie bedeutende Violinisten und Komponisten. Ebenso geht es auf die Unterschiede zwischen dem modernen Violinspiel und dem Violinspiel vor wenigen Jahrhunderten ein und beleuchtet die Fallstricke beim Bau des Instruments.
Die drei Musiker und Autoren Jean-Michel Molkhou, Frédéric Laurent und Emmanuel Jaeger haben hier ganze Arbeit geleistet, indem sie ihr gesammeltes Fachwissen zusammengetragen haben. Das Programm ist zudem sehr nachvollziehbar in einzelne Sektionen unterteilt – mit Biografien, Fachartikeln und einem Glossar zur Vertiefung. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Grammophon gibt es außerdem zahlreiche Hörbeispiele aus 100 Jahren des 20. Jahrhunderts auf die Ohren.










Vielen Dank für dieses Brett von einem Artikel. Für mich besonders interessant ist die Seite drei mit den Geschichts-Discs. Ein wenig schade, dass es solche Produktionen heutzutage nicht mehr gibt. Webseiten bieten sicher auch viele vergleichbare Inhalte, aber dieser Lexikon-Charakter mit der Versuchung, noch einen Klick auf diesen oder jenen Link zu machen, war bei diesen Oberflächen für mich viel stärker ausgeprägt.
Die BBC-CD-ROM sieht auch sehr interessant aus, danke dir. Einzig und allein von der Python-Disc wusste ich. Habe also wieder sehr viel Neues erfahren.
Noch kurz zum Titanic-Hype: Steve Meretzky hat jahrelang versucht, ein Titanic-Spiel zu machen. Immer ist er abgeblitzt, weil das angeblich niemanden interessieren würde. Tja, dann kam 1996 ein erfolgreiches Spiel und 1997 der Film…
Mir geht das ganz genauso! Natürlich lässt sich heute alles mögliche über die Familie von Anne Frank zusammenlesen. Aber wie cool ist es denn, durch so ein virtuelles Haus zu laufen, alles anzuklicken und dann auf unterschiedliche Weise (Text, Sprachausgabe, Bilder) Informationen präsentiert zu bekommen. Da ist für mich die Motivation sehr viel größer als mit Wiki-ähnlichen Textwüsten.
Und ich denke mir manchmal, was für coole Produktionen wären da mit den heutigen technischen Möglichkeiten möglich?
Vielen herzlichen Dank, das war echt ein Genuss!
Aber… wann können wir denn mit dem dritten Teil rechnen? Das ist doch kein Zufall, dass du Star Wars: Making Magic, Behind the Magic und Episode 1 Insiders Guide fehlen.
Muppets Treasure Island hat ja auch eine schöne Multimedia CD bekommen.
Ansonsten fallen mir noch die Anatomiesachen ein, die damals zB bei Pearl verkauft wurden (Der Körper 3D).
Ach und wegen der Heft CDs: Ich fand damals ja die FUN Online (https://www.kultboy.com/Fun-Online-Zeitschrift/521/) nicht schlecht. Die hatte auch ein paar interaktive Sachen dabei, mir als Dötz hatte es gefallen.
Danke für das Lob. 🙂
Das ist auch kein Zufall: Ich habe von Star Wars keinerlei Ahnung. Fande als Knirps irgendeinen Star Wars Film ziemlich öde (war da schon zu sehr mit Star Trek verbunden) und seitdem auch nie wieder irgendwas aus dem Franchise gesehen. Deswegen trau ich mich da nicht so an die CD-ROMs ran. ^^ Und Drew Struzan hatte ich jetzt nur, weil ich seine Arbeit generell toll finde – und die CD zu seinen Star Wars Sachen recht unbekannt zu sein scheint.
Ja, die Glasklar-CDs kenne ich auch noch. Kosmos 3D, Tierwelt 3D, usw.
Wann der nächste Teil kommt? Keine Ahnung. Ist doch sehr viel Arbeit abwechslungsreiche coole Titel zu recherchieren und rauszusuchen. Eben weil es Abseits von alten Magazinen, Wayback Machine, etc. so wenig Recherchepunkte gibt. Und dann muss ich ja auch entsprechende Titel noch irgendwie irgendwo auftreiben.
Sehr spannender Artikel, auch wenn ich die Faszination an solchen Werken nie wirklich nachvollziehen konnte.
Die Stadtbibliothek in meiner Nähe hatte damals einen gut sortierten Bereich mit Multimedia CDs den ich rechte häufig nach der Schule besucht habe um zu schauen ob es was Neues gibt.
Meine liebste CD-ROM war aber ein Eigenerwerb „Faszination Raumfahrt“ mit viel Text aber auch ein paar kruden Animation in Größe einer Briefmarke. Viel Zeit habe ich auch in sinnlos in Cinemanie 95 verbracht, war einfach spannend zu sehen was es außerhalb der Videothek und dem Angebot der Privatsender noch so gab.
Das ging bis in die 2000er rein, ich konnte mir Multimedia-CDs zu schulischen Themen, die von der BPB zur Anschauung an Lehrer verschickt wurden, ansehen. Waren ein paar echt tolle Sachen dabei, auch sehr aufs Edutainment ausgerichtet. Ich habe noch gute Erinnerungen an einen Titel zu den Kreuzzügen, bei dem man die verschiedenen Belagerungswaffen der Kreuzritter „ausprobieren“ konnte.
Tolle Artikelreihe, auch wenn ich mir gar nicht ausmalen mag, wie viel Zeit da reingeflossen sein muss. Allein schon die Recherche, herrje