Fotojournalismus und digitale Bildbände
Passage to Vietnam (1995)

Es braucht nicht immer viel Text, um Geschichten zu erzählen. Keine andere Form der Reportage illustriert das so eindrucksvoll wie der Fotojournalismus. In den 90er Jahren gab es auf dem PC zahlreiche Beispiele dafür, wie ein Genre, das eher in der Buchhandlung zuhause ist, digital übertragen werden kann. Ein herausragendes Beispiel ist das Werk Passage to Vietnam von Jennifer Erwitt und Rick Smolan. Für dieses Projekt waren 70 Fotojournalisten aus 14 Ländern eine Woche im Frühjahr 1994 in Vietnam unterwegs und porträtierten Land und Leute. Dabei entstanden über 200.000 Fotos. 180 davon erschienen in einem gleichnamigen Buch, über 400 wurden für diese CD-ROM kuratiert.
Es gibt hierbei kein eigentliches erzählerisches Narrativ, aber die CD-ROM bietet einen Einblick in das Alltagsleben der Gesellschaft, wenige Jahre nach der Reform- und Öffnungspolitik seit 1986. Zudem sind einige Nachwirkungen des Vietnamkriegs sozusagen als Hintergrundrauschen spürbar. Die Bilder zeigen verschiedenste Facetten – vom Landleben bis hin zum Stadtleben, von der Reisproduktion bis hin zum buddhistischen Glauben der Menschen. Heute ist Vietnam natürlich sehr viel urbaner und digitalisierter – umso interessanter ist diese Produktion als Zeitdokument der frühen Öffnungsjahre.
Neben den Fotos gibt es über eine Stunde Videomaterial und viele Fotos werden durch einblendbare Texte sowie durch die Sprachausgabe von Journalisten und Einwohnern ergänzt. Zudem geben einige Fotojournalisten Einblicke in ihre Arbeit. Das Programm war durch seine minimalistische Bedienung – sämtliche Aktionen werden durch einen Würfel unten rechts ausgeführt – und durch den großen Aufwand prägend für weitere Multimedia-Produktionen. Es gewann auch den renommierten Codie Award im Jahr 1996 für das beste Multimedia-Projekt. Aus heutiger Sicht muss man natürlich damit klarkommen, dass das Programm nur 256 Farben unterstützt. Nicht gerade ideal für solch ein Fotoprojekt. Das war nunmal die damalige Computertechnik.









Vulkane – Leben mit der Bedrohung (1996)

Roger Ressmeyer war einer der profiliertesten Fotojournalisten des späten 20. Jahrhunderts. Der im Jahr 2018 verstorbene Fotograf begann seine Karriere in den 70er Jahren mit Porträts in der Musikbranche und wechselte später zu den Themen Raumfahrt, Weltraum und Technik. In den 90er Jahren wurde er Foto-Berater und Trainer bei der NASA und veröffentlichte gemeinsam mit der Raumfahrtbehörde mehrere Bildbände. Ein weiteres großes Thema waren Vulkane: 1991 bot ihm der National Geographic den Auftrag an, um die Welt zu reisen und aktive sowie inaktive Vulkane zu fotografieren. Insgesamt war er 14 Monate unterwegs und besuchte die größten Vulkane der Erde.
Die CD-ROM zeigt über 400 Fotos dieser Reisen und erzählt zahlreiche Geschichten, die dabei entstanden sind. Ergänzt werden die Fotografien durch Karten, Artefakte, Gemälde und Dokumente zu historischen Vulkanausbrüchen, Porträts von damaligen Vulkanologen und Perspektiven von Menschen, die im Umkreis der Vulkane leben. Im Lexikon-Teil des Programms gibt es über 100 Artikel sowie Audiokommentare von Wissenschaftlern zum Thema.
Die deutsche Version leidet unter sehr schlechten deutschen Sprechern – der damalige deutsche Vertrieb Digitug hatte sich anscheinend das Geld für professionelle Sprecher gespart. Anders die englische Version Volcanoes – Life on the Edge: Hier wird der dokumentarische Teil des Programms von der Oscar- und Emmy-Preisträgerin Helen Mirren gesprochen.






Material World – A Global Family Portrait (1994)

Diese multimediale Fassung des gleichnamigen Fotobuchs von Journalist Peter Menzel ist lange nicht so imposant wie Vulkanausbrüche oder tiefgründige Reisen in eine andere Kultur – und dennoch ein schönes Beispiel für die sehr frühe Verwendung der CD-ROM-Technik. Es handelt sich um ein Gesellschaftspanorama der frühen 90er-Jahre, in dem 30 statistisch „durchschnittliche“ Familien aus 30 Ländern soziologisch gegenübergestellt werden. Thematisiert werden globale Ungleichheit, Demografie, Ernährung, Infrastruktur oder Religion. Jede Familie beantwortete dieselben 64 Fragen. Verbunden mit Statistiken entsteht so ein kleiner Einblick in globale Unterschiede vor 33 Jahren.
Das Programm besitzt keine besonders aufwendige Präsentation – und ist damit wohl repräsentativer im Vergleich zu den vielen Highlights, die ich in diesem und im letzten Artikel herausgearbeitet habe.






Tokyo Night View Interactive (1998)

Es brauchte damals keine dokumentarische Narration, um Fotos auf CD-ROM zu veröffentlichen. Genau genommen waren die fotojournalistischen Bildbände mit Sprachausgabe, Text und erzählerischem Inhalt stark in der Minderheit. Der Großteil der Veröffentlichungen in diesem Jahrzehnt waren Foto-CDs mit wenig bis gar keinem Text. Allein der kanadische Technologiekonzern Corel flutete den Markt mit mehreren Hundert Foto-CDs. Demzufolge fiel es mir schwer, für diesen Artikel einen geeigneten Vertreter auszuwählen. Fündig geworden bin ich in Japan.
Vom Herausgeber Synforest, den es übrigens bis heute gibt und der sich seit vielen Jahren auf Ambient-DVDs spezialisiert, stammt diese Foto-CD mit dem Titel Tokyo Night View. Der Name ist Programm: Insgesamt 340 Nachtfotos aus Tokio, Yokohama und verschiedenen Vororten gibt es bei beruhigender Jazzmusik im Hintergrund zu entdecken. Es gibt drei vorgefertigte Slideshows, es können aber auch eigene zusammengestellt werden. Und das war es auch schon, was das Programm zu bieten hat. Dazu muss gesagt werden, dass die Qualität sehr hoch ist. Unter anderem wurden Werke des in Japan bekannten Night-View-Fotografen Atsushi Malta verwendet.










Vielen Dank für dieses Brett von einem Artikel. Für mich besonders interessant ist die Seite drei mit den Geschichts-Discs. Ein wenig schade, dass es solche Produktionen heutzutage nicht mehr gibt. Webseiten bieten sicher auch viele vergleichbare Inhalte, aber dieser Lexikon-Charakter mit der Versuchung, noch einen Klick auf diesen oder jenen Link zu machen, war bei diesen Oberflächen für mich viel stärker ausgeprägt.
Die BBC-CD-ROM sieht auch sehr interessant aus, danke dir. Einzig und allein von der Python-Disc wusste ich. Habe also wieder sehr viel Neues erfahren.
Noch kurz zum Titanic-Hype: Steve Meretzky hat jahrelang versucht, ein Titanic-Spiel zu machen. Immer ist er abgeblitzt, weil das angeblich niemanden interessieren würde. Tja, dann kam 1996 ein erfolgreiches Spiel und 1997 der Film…
Mir geht das ganz genauso! Natürlich lässt sich heute alles mögliche über die Familie von Anne Frank zusammenlesen. Aber wie cool ist es denn, durch so ein virtuelles Haus zu laufen, alles anzuklicken und dann auf unterschiedliche Weise (Text, Sprachausgabe, Bilder) Informationen präsentiert zu bekommen. Da ist für mich die Motivation sehr viel größer als mit Wiki-ähnlichen Textwüsten.
Und ich denke mir manchmal, was für coole Produktionen wären da mit den heutigen technischen Möglichkeiten möglich?
Vielen herzlichen Dank, das war echt ein Genuss!
Aber… wann können wir denn mit dem dritten Teil rechnen? Das ist doch kein Zufall, dass du Star Wars: Making Magic, Behind the Magic und Episode 1 Insiders Guide fehlen.
Muppets Treasure Island hat ja auch eine schöne Multimedia CD bekommen.
Ansonsten fallen mir noch die Anatomiesachen ein, die damals zB bei Pearl verkauft wurden (Der Körper 3D).
Ach und wegen der Heft CDs: Ich fand damals ja die FUN Online (https://www.kultboy.com/Fun-Online-Zeitschrift/521/) nicht schlecht. Die hatte auch ein paar interaktive Sachen dabei, mir als Dötz hatte es gefallen.
Danke für das Lob. 🙂
Das ist auch kein Zufall: Ich habe von Star Wars keinerlei Ahnung. Fande als Knirps irgendeinen Star Wars Film ziemlich öde (war da schon zu sehr mit Star Trek verbunden) und seitdem auch nie wieder irgendwas aus dem Franchise gesehen. Deswegen trau ich mich da nicht so an die CD-ROMs ran. ^^ Und Drew Struzan hatte ich jetzt nur, weil ich seine Arbeit generell toll finde – und die CD zu seinen Star Wars Sachen recht unbekannt zu sein scheint.
Ja, die Glasklar-CDs kenne ich auch noch. Kosmos 3D, Tierwelt 3D, usw.
Wann der nächste Teil kommt? Keine Ahnung. Ist doch sehr viel Arbeit abwechslungsreiche coole Titel zu recherchieren und rauszusuchen. Eben weil es Abseits von alten Magazinen, Wayback Machine, etc. so wenig Recherchepunkte gibt. Und dann muss ich ja auch entsprechende Titel noch irgendwie irgendwo auftreiben.
Sehr spannender Artikel, auch wenn ich die Faszination an solchen Werken nie wirklich nachvollziehen konnte.
Die Stadtbibliothek in meiner Nähe hatte damals einen gut sortierten Bereich mit Multimedia CDs den ich rechte häufig nach der Schule besucht habe um zu schauen ob es was Neues gibt.
Meine liebste CD-ROM war aber ein Eigenerwerb „Faszination Raumfahrt“ mit viel Text aber auch ein paar kruden Animation in Größe einer Briefmarke. Viel Zeit habe ich auch in sinnlos in Cinemanie 95 verbracht, war einfach spannend zu sehen was es außerhalb der Videothek und dem Angebot der Privatsender noch so gab.
Das ging bis in die 2000er rein, ich konnte mir Multimedia-CDs zu schulischen Themen, die von der BPB zur Anschauung an Lehrer verschickt wurden, ansehen. Waren ein paar echt tolle Sachen dabei, auch sehr aufs Edutainment ausgerichtet. Ich habe noch gute Erinnerungen an einen Titel zu den Kreuzzügen, bei dem man die verschiedenen Belagerungswaffen der Kreuzritter „ausprobieren“ konnte.
Tolle Artikelreihe, auch wenn ich mir gar nicht ausmalen mag, wie viel Zeit da reingeflossen sein muss. Allein schon die Recherche, herrje