Vielfältige Abbildungen der Geschichte
Deutsche Geschichte – von 1949 bis zur Jahrtausendwende (2000)

Kaum ein anderes Themenfeld wurde in den 90er Jahren für Multimedia-Veröffentlichungen so intensiv und vielfältig beackert wie geschichtliche Themen. Mit der Titanic hatten wir auf Seite 1 ja schon ein Beispiel und auch im letzten Artikel gab es zahlreiche Titel vorgestellt. Aus dem damaligen Münchner Olzog Verlag stammt diese CD-ROM zur deutschen Geschichte. Sie wurde unter anderem auch von der Bundeszentrale für politische Bildung vertrieben.
Unterteilt ist das Programm in drei Teile. „Autorun“ meint eine durch Sprachausgabe erzählte rund 50 Minütige Erzählung mit Fotos, Videoaufnahmen, Tonaufnahmen und Texten zur Entwicklung beider deutscher Staaten des 20. Jahrhunderts. Wobei mir in diesem Teil dann doch ein zu starker Fokus auf Westdeutschland negativ aufgefallen ist. Die DDR wird nur gelegentlich angesprochen und auch da nur die – zweifellos vorhandenen – negativen Seiten. Dezidiert ostdeutsche Sichtweisen fehlen, etwas was in mediale Auseinandersetzungen der neueren deutschen Geschichte in den 90er Jahren leider standard war. Auf gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen innerhalb Ostdeutschlands wird in diesem Teil des Programms gar nicht weiter eingegangen.
Etwas ausgewogener sind da schon die zahlreichen Artikel in der Chronik und in der Datenbank. Hier gibt es dann auch ausgewogene und informative Texte, etwa zu Gleichberechtigung in Ost und West, Medien und Gesellschaft in beiden Staaten und zahlreiche politische Themen. Die muss man sich hier jedoch selbst zusammensuchen. Im Vergleich zu den zahlreichen und umfangreichen Essays, die heute in der Online-Datenbank der BPB schlummern, verliert dieses Programm selbstverständlich.









Seven Days in August (1993)

Für diesen Artikel habe ich versucht, eine CD-ROM zum Thema Mauerbau zu finden. Man müsste ja meinen, dass das wichtigste Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte gleich mehrere Multimedia-CD-ROMs nach sich gezogen hätte, oder? Tatsächlich habe ich jedoch keine einzige deutsche Produktion zu diesem Thema gefunden. Allerdings gab es eine Produktion des amerikanischen Time Magazine. Diese ist vor allem deshalb interessant, weil sie eine der ganz wenigen Multimedia-CD-ROMs ist, die für MS-DOS umgesetzt wurden.
Nun brauche ich hier sicherlich keine Abhandlung darüber zu schreiben, wie es politisch zum Mauerbau kam. Das sollten wir schließlich alle in der Schule gelernt haben. Interessant ist diese CD-ROM vor allem aus technischer Sicht. Denn statt vieler Fotos gibt es in erster Linie zahlreiche Audioinhalte: Interviews mit Zeitzeugen und Roundtables der damaligen Time-Redakteure. Hier und da findet man ein paar Videos in Briefmarkengröße. Und weil man den Amerikanern auch erklären musste, um welche Zeit es sich handelt, wird in einem Bonuskapitel die amerikanische Popkultur (Musik, TV-Serien usw.) dargestellt. Es gibt sogar ein Quiz zur Major League Baseball der 60er-Jahre. Das hatte ich auf einer CD-ROM zu diesem Thema als letztes auf meiner Bingokarte. Tatsächlich sind jedoch die Interviews mit den Zeitzeugen recht interessant.






Anne Frank Haus (2000)

Eine der beeindruckendsten Produktionen jener Ära war der virtuelle Rundgang durch das Anne-Frank-Haus. Das sechs Meter breite und 25 Meter lange Gebäude an der Prinsengracht Nr. 263 wurde im 17. Jahrhundert errichtet und beherbergt heute das Anne-Frank-Museum. Ab den 1930er Jahren war dort eine Filiale der Opekta GmbH untergebracht, deren erster Geschäftsführer Otto Frank war, der Vater von Anne Frank. Die Familie Frank floh 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Niederlande. Nach der Besetzung des Landes im Jahr 1940 versuchte Otto Frank eine Ausreise in die USA zu organisieren, scheiterte jedoch. Als 1942 die Deportationen von Juden, politischen Gegnern und anderen Menschen begannen, die nicht in die Ideologie der Nationalsozialisten passten, versteckte sich die Familie Frank gemeinsam mit der Familie Pels und dem Zahnarzt Fritz Pfeffer im Hinterhaus. Dort schrieb Anne ihr weltberühmtes Tagebuch, das von Otto Frank – dem einzigen Überlebenden der Familie Frank – nach dem Krieg veröffentlicht wurde.

Es gibt zahlreiche Filme, Bücher und andere Bearbeitungen zur Geschichte der Familie Frank. Heute könnt ihr unter anderem das Museumsgelände auch virtuell besuchen.
Für die hier vorgestellte CD-ROM wurde das Haus an der Prinsengracht Nr. 263 detailgetreu im Stil der 1940er-Jahre möbliert – von den Büroräumen bis hin zu den Zimmern im Hinterhaus. Das ist insofern besonders, als Otto Frank das Hinterhaus im Museum unmöbliert belassen wollte – und es bis heute auch ist. Während ihr in der VR-App „nur“ das Hinterhaus betreten könnt, das dort rein digital möbliert wurde, wurde für diese Produktion das gesamte Gebäude detailgetreu ausgestattet.






Startet ihr die CD-ROM, befindet ihr euch auf der Prinsengracht und könnt euch dank der 360-Grad-Panoramen frei umsehen. Schritt für Schritt besichtigt ihr das alte Lager, die Büroräume sowie das Hinterhaus. Jeder Raum wurde liebevoll rekonstruiert, und es gibt zahlreiche anklickbare Gegenstände. Diese liefern mithilfe von Fotos, Filmaufnahmen und umfangreicher Sprachausgabe Einblicke in die Geschichte der Familie Frank, das Alltagsleben im Versteck, die sozialen Beziehungen sowie die Träume und Wünsche der Menschen. Durch die möblierten Zimmer bekommt ihr zudem einen besseren Eindruck davon, wie eng es damals vor allem im Hinterhaus gewesen sein muss, da sich acht Personen über zwei Jahre lang in vier kleinen Zimmern versteckten – bis die Nationalsozialisten das Versteck 1944 entdeckten und die Familien Frank und Pels in verschiedene Arbeits- und Konzentrationslager deportierten.









1944: Operation Teddybär (1996)

Der französische Entwickler Index+ betrat Mitte der 90er Jahre ein weitgehend neues Gebiet: Die Entwickler erzählten eine Geschichte über den Zweiten Weltkrieg mithilfe eines multimedialen Comics.
Im Mittelpunkt steht der zwölfjährige Paul aus Valognes in der Normandie. Sein Vater gehört einem Widerstandsnetz an, das kurz davorsteht, von der SS zerschlagen zu werden. Um den Jungen in Sicherheit zu bringen, bringt der Vater ihn in ein katholisches Pensionat und weist die Schwestern an, Paul am nächsten Tag mit dem Zug nach Paris zu schicken, wo seine Mutter lebt. Diese arbeitet in einem Pariser Kabarett und gibt dort erlauschte Informationen deutscher Soldaten an die Résistance weiter. Der Vater drückt Paul vor dem Abschied noch einmal den geliebten Teddybären ans Herz – an dem, wie der Junge nicht ahnt, alles hängen wird. Denn innerhalb der Résistance hat Pauls Onkel – selbst im Untergrund aktiv – brisante, den Nationalsozialisten entwendete Dokumente in dem Teddybären versteckt. Ohne es zu wissen, trägt Paul damit belastendes Material durch ein umkämpftes Land; der deutsche Geheimdienst ist hinter den Unterlagen her. Als in der Nacht alliierte Luftangriffe einsetzen, nutzt Paul die Verwirrung, flieht aus dem Kloster und macht sich, nur mit dem Teddybären ausgerüstet, auf den gefährlichen Weg nach Paris zu seiner Mutter.
Neben dem 73-seitigen Comic, der mit Hunderten von Animationen, Sprachausgabe, Soundeffekten und Musik „lebendig“ gemacht wird, gibt es zahlreiche Infotafeln, die die Themen des Comics vertiefen – etwa das Leben der französischen Zivilbevölkerung unter der nationalsozialistischen Besatzung, den Kriegsverlauf sowie die Rolle der Kunst. Durch kommentierte Karten wird außerdem der Kriegsverlauf erklärt.






Steven Spielberg’s Survivors – Testimonies of the Holocaust (1998)

Steven Spielberg hat sich bekanntermaßen häufig und vielfältig während seiner Karriere mit dem Antismetismus und dem Holocaust auseinandergesetzt. Während den Dreharbeiten zu Schindlers Liste äußerten Überlebende des Holocaust, dass sie ihre Geschichte vor einer Kamera erzählen möchten um diese für die Nachwelt zugänglich zu halten. Aus dieser Idee heraus gründete Spielberg im Jahr 1994 die USC Shoah Foundation. Zunächst wurden Holocaust-Überlebende interviewt; später erweiterte die Stiftung ihr Spektrum auch auf andere Genozide, darunter den Völkermord an den Armeniern. Knapp 60.000 Interviews kamen in diesen Jahren zustande – die weltweit größte Sammlung von Berichten der Überlebenden der Shoa. Diese sind heute in einer eigenen Datenbank zugänglich.
Seit dem Ende der Interviewphase widmet sich die Organisation vor allem der Öffentlichkeitsarbeit um die Erinnerung an den Holocaust lebendig zu halten. So werden heute beispielsweise zahlreiche Interviews auf dem eigenen YouTube-Kanal hochgeladen. Eine der ersten medialen Aufarbeitungen der Arbeit der Organisation war die CD-ROM Survivors – Testimonies of the Holocaust aus dem Jahr 1998. In dieser Mischung aus Dokumentation, Überlebensbericht, interaktive Karten, Zeitleisten und einem Lexikon mit 153 Fachartikeln berichten Paula, Silvia, Bert und Sol aus ihrem Leben. Wie sie aufwuchsen, wie sie die Zeit des Nationalsozialismus erlebten, wie sie selbst die Konzentrationslager überlebten und ihre Familien und Freunde durch den Völkermord umgekommen sind. Da alle vier aus verschiedenen Ländern (Deutschland, Polen, Österreich und Ungarn) stammten, werden zahlreiche Aspekte des Holocausts geschildert – von dem Ausschluss der Juden aus der Öffentlichkeit in den ersten Jahren nach der Machtergreifung über das das Warschauer Ghetto bis hin zu den Zuständen der Konzentrationslager.
Obwohl die CD-ROM von Steven Spielberg produziert wurde und die Hollywood-Schauspieler Winona Ryder und Leonardo DiCaprio die Moderation des dokumentarischen Teils der CD-ROM übernahmen, wurde auf eine „hollywoodisierte“ Darstellung komplett verzichtet. Ich habe für diesen Artikel zahlreiche CD-ROM-Produktionen zum Thema gesichtet und keine andere vermochte es den Holocaust auf solch sensible Weise darzustellen, wie es in dieser Produktion der Fall ist.










Vielen Dank für dieses Brett von einem Artikel. Für mich besonders interessant ist die Seite drei mit den Geschichts-Discs. Ein wenig schade, dass es solche Produktionen heutzutage nicht mehr gibt. Webseiten bieten sicher auch viele vergleichbare Inhalte, aber dieser Lexikon-Charakter mit der Versuchung, noch einen Klick auf diesen oder jenen Link zu machen, war bei diesen Oberflächen für mich viel stärker ausgeprägt.
Die BBC-CD-ROM sieht auch sehr interessant aus, danke dir. Einzig und allein von der Python-Disc wusste ich. Habe also wieder sehr viel Neues erfahren.
Noch kurz zum Titanic-Hype: Steve Meretzky hat jahrelang versucht, ein Titanic-Spiel zu machen. Immer ist er abgeblitzt, weil das angeblich niemanden interessieren würde. Tja, dann kam 1996 ein erfolgreiches Spiel und 1997 der Film…
Mir geht das ganz genauso! Natürlich lässt sich heute alles mögliche über die Familie von Anne Frank zusammenlesen. Aber wie cool ist es denn, durch so ein virtuelles Haus zu laufen, alles anzuklicken und dann auf unterschiedliche Weise (Text, Sprachausgabe, Bilder) Informationen präsentiert zu bekommen. Da ist für mich die Motivation sehr viel größer als mit Wiki-ähnlichen Textwüsten.
Und ich denke mir manchmal, was für coole Produktionen wären da mit den heutigen technischen Möglichkeiten möglich?
Vielen herzlichen Dank, das war echt ein Genuss!
Aber… wann können wir denn mit dem dritten Teil rechnen? Das ist doch kein Zufall, dass du Star Wars: Making Magic, Behind the Magic und Episode 1 Insiders Guide fehlen.
Muppets Treasure Island hat ja auch eine schöne Multimedia CD bekommen.
Ansonsten fallen mir noch die Anatomiesachen ein, die damals zB bei Pearl verkauft wurden (Der Körper 3D).
Ach und wegen der Heft CDs: Ich fand damals ja die FUN Online (https://www.kultboy.com/Fun-Online-Zeitschrift/521/) nicht schlecht. Die hatte auch ein paar interaktive Sachen dabei, mir als Dötz hatte es gefallen.
Danke für das Lob. 🙂
Das ist auch kein Zufall: Ich habe von Star Wars keinerlei Ahnung. Fande als Knirps irgendeinen Star Wars Film ziemlich öde (war da schon zu sehr mit Star Trek verbunden) und seitdem auch nie wieder irgendwas aus dem Franchise gesehen. Deswegen trau ich mich da nicht so an die CD-ROMs ran. ^^ Und Drew Struzan hatte ich jetzt nur, weil ich seine Arbeit generell toll finde – und die CD zu seinen Star Wars Sachen recht unbekannt zu sein scheint.
Ja, die Glasklar-CDs kenne ich auch noch. Kosmos 3D, Tierwelt 3D, usw.
Wann der nächste Teil kommt? Keine Ahnung. Ist doch sehr viel Arbeit abwechslungsreiche coole Titel zu recherchieren und rauszusuchen. Eben weil es Abseits von alten Magazinen, Wayback Machine, etc. so wenig Recherchepunkte gibt. Und dann muss ich ja auch entsprechende Titel noch irgendwie irgendwo auftreiben.
Sehr spannender Artikel, auch wenn ich die Faszination an solchen Werken nie wirklich nachvollziehen konnte.
Die Stadtbibliothek in meiner Nähe hatte damals einen gut sortierten Bereich mit Multimedia CDs den ich rechte häufig nach der Schule besucht habe um zu schauen ob es was Neues gibt.
Meine liebste CD-ROM war aber ein Eigenerwerb „Faszination Raumfahrt“ mit viel Text aber auch ein paar kruden Animation in Größe einer Briefmarke. Viel Zeit habe ich auch in sinnlos in Cinemanie 95 verbracht, war einfach spannend zu sehen was es außerhalb der Videothek und dem Angebot der Privatsender noch so gab.
Das ging bis in die 2000er rein, ich konnte mir Multimedia-CDs zu schulischen Themen, die von der BPB zur Anschauung an Lehrer verschickt wurden, ansehen. Waren ein paar echt tolle Sachen dabei, auch sehr aufs Edutainment ausgerichtet. Ich habe noch gute Erinnerungen an einen Titel zu den Kreuzzügen, bei dem man die verschiedenen Belagerungswaffen der Kreuzritter „ausprobieren“ konnte.
Tolle Artikelreihe, auch wenn ich mir gar nicht ausmalen mag, wie viel Zeit da reingeflossen sein muss. Allein schon die Recherche, herrje