Zeitreise: Multimedia-CD-ROMs der 90er-Jahre, Teil 2

Multimediale Magazine

Launch Magazine (1995 – 2001)

Wir befinden uns im Jahr 1994: Die CD-ROM ist massenmarkttauglich geworden und in jedem Computer ist nun ein solches Laufwerk enthalten. Da kamen die beiden Unternehmer Dave Goldberg und Bob Roback auf die Idee, ein popkulturelles Magazin in eine multimediale Erfahrung zu übertragen. Sie heuerten unter anderem bekannte Musikjournalisten wie Dave DiMartino an – heraus kam nach einigen Monaten der Vorbereitung ein Produkt, das es in dieser Form nur in diesem Jahrzehnt hätte geben können.

Das Konzept ist eine interaktive Großstadt aus der Vogelperspektive: Im örtlichen Kino werden Previews und Trailer zu aktuellen Filmen gezeigt, in der Bar treten Musiker und Bands exklusiv auf und werden interviewt. Im Gaming Room finden sich Reviews und Demos zu aktuellen Videospielen und natürlich gibt es auch Rezensionen von Musikalben (nicht ohne auch ein paar Auszüge aus Songs der Alben mitzuliefern), Leserbriefe und weitere Artikel rund um popkulturelle Themen.

In den ersten beiden Jahren 1995 und 1996 wurde Launch zweimonatlich zu einem Preis von 9,95 US-Dollar pro Ausgabe veröffentlicht. Ab 1997 folgten monatliche Ausgaben. Im Fokus standen vor allem Musiker und Bands aus der alternativen Musikszene – in Ausgabe 11, die ich mir für diesen Artikel angeschaut habe, sind es Silverchair, Evan Dando (Frontmann der Lemonheads) und die Singer-Songwriterin Poe. Zudem gibt es ein Interview mit der Schauspielerin Minnie Driver, die damals durch Filme wie GoldenEye, Sleepers oder Good Will Hunting auf sich aufmerksam machte. Die Interviews sind ausnahmslos Videos, die Interviewten wurden vor einer Greenscreen aufgenommen und in eine virtuelle Umgebung platziert.

Ich hoffe, die folgenden Screenshots fangen ein wenig den Vibe des Launch Magazines ein – denn es ist mit Worten nur schwer zu beschreiben. Es ist schon ein ziemlich wildes, zeithistorisches Exemplar der 90er-Jahre-Popkultur. Insgesamt wurden über 50 CD-ROM-Ausgaben veröffentlicht und ab 1998 entstand daraus eine Internetplattform namens MyLaunch, die das multimediale Konzept weiterverfolgte. 2001 wurde Launch von Yahoo aufgekauft und verschwand dann schnell aus der Medienlandschaft.

Blender Magazine (1994 – 2013)

Schon vor der Erstausgabe des Launch Magazines im Jahr 1995 wurde damit experimentiert, ein popkulturelles Magazin auf CD-ROM zu veröffentlichen. Das Blender Magazine brachte es in drei Jahren immerhin auf 14 Ausgaben und bot vorrangig Reviews, Artikel und Interviews zur alternativen Musikszene sowie Reportagen zu Politik und Gesellschaft. Gegründet wurde das Magazin von Regina Joseph, veröffentlicht wurde es von Dennis Publishing. 1996 ging die passende Webseite an den Start, 1997 erschien die letzte CD-ROM. Interessanterweise wurde Blender ab 2001 als Printmagazin wieder neu aufgelegt. 2009 wurde das Print-Magazin eingestellt, die Webseite 2013 vom Netz genommen, nachdem sie noch einige Jahre mit Artikeln versorgt worden war.

Für diesen Artikel habe ich mir eine Best-of-Ausgabe angeschaut, mit Features über die Foo Fighters, Tori Amos oder die Comedienne Janeane Garofalo. Auffällig ist, dass Blender im Vergleich zu Launch sehr viel mehr wie eine Printzeitung daherkommt. Es gibt nur wenige Videos, dafür jedoch sehr hübsch gestaltete Artikel, in denen passende Musikstücke der Künstler im Hintergrund laufen. Insgesamt macht Blender einen aufgeräumteren Eindruck. Es versprüht jedoch nicht diesen etwas chaotischen popkulturellen Charme von Launch.

Medio Magazine (1994 – 1995)

Einen weitaus weniger verspielten Ansatz verfolgte die Firma Medio Entertainment, die 1993 in den USA mit Titeln wie JFK Assassination – A Visual Investigation gute Kritiken erhielt. Der Ansatz war quasi das Internet auf CD-ROM: Hunderte Artikel der Nachrichtenagentur Associated Press aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Gesellschaft, Sport und Unterhaltung – gemeinsam mit zahlreichen Fotos und sogar einigen Artikeln mit Sprachausgabe. Dazu gab es auch einige Videos von Sendern wie der ABC.

Aus heutiger Sicht sind diese CD-ROMs sogar extrem interessant, gerade wegen der tausenden Artikeln der AP (wenn man alle 12 CDs zusammenrechnet), da die Nachrichtenagentur kein allgemein zugängliches Archiv anbietet. Damals jedoch war das Interesse an teils Wochen alten Artikeln – das Medio Magazine erschien zweimonatlich – wohl überschaubar, sodass es mit 1994 und 1995 lediglich zwei Jahrgänge gibt.

Time Magazine Multimedia Almanac (1997)

Auch traditionelle Medienmarken haben sich natürlich Gedanken gemacht, wie sie im multimedialen Jahrzehnt stattfinden können. Eine der Antworten des Time Magazine – ein US-Nachrichtenmagazin, ähnlich dem Spiegel hierzulande – war das Multimedia Almanac, das ab 1995 in jährlich aktualisierter Fassung erschien. Die mir vorliegende Version aus dem Jahr 1997 bietet über 23.000 (!) Artikel, die bis ins Jahr 1923 zurückreichen, als das Magazin zum ersten Mal erschien. Wirklich multimedial im Wortsinn ist das Almanach jedoch nicht, denn der Fokus liegt klar auf den Essays, Features, Biografien und Interviews. Getrennt von den Artikeln gibt es auch eine Bildergalerie mit Hunderten von Fotos, die über die Jahrzehnte für die Time aufgenommen wurden.

Ein solch großer Wust an Texten wird natürlich schnell unübersichtlich. Daher wurden alle Texte nach Jahren und Jahrzehnten sortiert – es gibt zudem einige thematische Sammlungen wie Frauenbewegung oder Vietnamkrieg. Außerdem lassen sich Texte in eigene Listen zusammenfassen und es gibt eine Suchfunktion. Heute ist das alles nicht mehr so beeindruckend, ich kann mir jedoch vorstellen, dass das damals vielleicht anders war.

Totally Mad (1999)

Ende der 90er Jahre kamen die ersten Komplettsammlungen eingescannter Magazine auf den Markt. Während das Time Magazine Artikel im eben vorgestellten Almanach in normale Textfenster darstellte, konnte man bei eingescannten Magazinen natürlich auch das jeweilige Layout bewundern. Das Problem war nur: Die meistgenutzte Auflösung jener Zeit betrug gerade einmal 800×600 oder 1024×768 Pixel und viele der verwendeten Reader – meistens Eigenentwicklungen, damit PDF-Dateien nicht einfach weitergegeben werden konnten – hatten nicht die Fähigkeit über 800×600 hinaus dargestellt zu werden. Somit konnten Zeitschriften zwar theoretisch angezeigt werden, jedoch nur mit viel Zoomen und Verschieben des Sichtbereichs. Aus heutiger Sicht keine schöne Erfahrung.

Anders bei Totally Mad, das von Brøderbund entwickelt wurde. Diese Sammlung beinhaltet alle Ausgaben des Satiremagazins von 1952 bis Dezember 1998 und erschien auf sieben CD-ROMs. Das Schöne daran ist, dass der Reader bereits responsive war. Heute kann man in alten Windows-Versionen natürlich auch weitaus höhere Auflösungen einstellen und das Programm unterstützt dies anstandslos (mein 86Box-Setup verwendet eine emulierte 3dfx Voodoo 3 2000 Karte mit einer Auflösung von bis zu 1920×1440 Pixel). So können die Magazine bequem auf modernen Bildschirmen gelesen werden. Anklickbare Inhaltslisten und Lesezeichen vereinfachen zudem die Handhabung. Daneben gibt es auch zahlreiche Zusatzfunktionen: Video-Interviews mit Autoren, Cartoons, Songs und vieles mehr, was es von Mad im 20. Jahrhundert so gab. Ein wirklich schönes Komplettpaket und für diese Zeit technisch sehr vorausschauend. 2005 erschien mit Absolutely Mad eine aktualisierte Fassung auf DVD, die auch mit heutigen Windows-Versionen noch kompatibel ist.

Und bevor jemand fragt: Nein, eine ähnliche Veröffentlichung für die deutschen Mad-Ausgaben gibt es nicht. Allgemein scheinen die deutschen Zeitschriftenverlage das Thema Multimedia damals komplett verschlafen zu haben.

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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6 Comments on “Zeitreise: Multimedia-CD-ROMs der 90er-Jahre, Teil 2”

  1. Vielen Dank für dieses Brett von einem Artikel. Für mich besonders interessant ist die Seite drei mit den Geschichts-Discs. Ein wenig schade, dass es solche Produktionen heutzutage nicht mehr gibt. Webseiten bieten sicher auch viele vergleichbare Inhalte, aber dieser Lexikon-Charakter mit der Versuchung, noch einen Klick auf diesen oder jenen Link zu machen, war bei diesen Oberflächen für mich viel stärker ausgeprägt.
    Die BBC-CD-ROM sieht auch sehr interessant aus, danke dir. Einzig und allein von der Python-Disc wusste ich. Habe also wieder sehr viel Neues erfahren.
    Noch kurz zum Titanic-Hype: Steve Meretzky hat jahrelang versucht, ein Titanic-Spiel zu machen. Immer ist er abgeblitzt, weil das angeblich niemanden interessieren würde. Tja, dann kam 1996 ein erfolgreiches Spiel und 1997 der Film…

    1. Mir geht das ganz genauso! Natürlich lässt sich heute alles mögliche über die Familie von Anne Frank zusammenlesen. Aber wie cool ist es denn, durch so ein virtuelles Haus zu laufen, alles anzuklicken und dann auf unterschiedliche Weise (Text, Sprachausgabe, Bilder) Informationen präsentiert zu bekommen. Da ist für mich die Motivation sehr viel größer als mit Wiki-ähnlichen Textwüsten.

      Und ich denke mir manchmal, was für coole Produktionen wären da mit den heutigen technischen Möglichkeiten möglich?

  2. Vielen herzlichen Dank, das war echt ein Genuss!
    Aber… wann können wir denn mit dem dritten Teil rechnen? Das ist doch kein Zufall, dass du Star Wars: Making Magic, Behind the Magic und Episode 1 Insiders Guide fehlen.
    Muppets Treasure Island hat ja auch eine schöne Multimedia CD bekommen.

    Ansonsten fallen mir noch die Anatomiesachen ein, die damals zB bei Pearl verkauft wurden (Der Körper 3D).

    Ach und wegen der Heft CDs: Ich fand damals ja die FUN Online (https://www.kultboy.com/Fun-Online-Zeitschrift/521/) nicht schlecht. Die hatte auch ein paar interaktive Sachen dabei, mir als Dötz hatte es gefallen.

    1. Danke für das Lob. 🙂

      Das ist auch kein Zufall: Ich habe von Star Wars keinerlei Ahnung. Fande als Knirps irgendeinen Star Wars Film ziemlich öde (war da schon zu sehr mit Star Trek verbunden) und seitdem auch nie wieder irgendwas aus dem Franchise gesehen. Deswegen trau ich mich da nicht so an die CD-ROMs ran. ^^ Und Drew Struzan hatte ich jetzt nur, weil ich seine Arbeit generell toll finde – und die CD zu seinen Star Wars Sachen recht unbekannt zu sein scheint.

      Ja, die Glasklar-CDs kenne ich auch noch. Kosmos 3D, Tierwelt 3D, usw.

      Wann der nächste Teil kommt? Keine Ahnung. Ist doch sehr viel Arbeit abwechslungsreiche coole Titel zu recherchieren und rauszusuchen. Eben weil es Abseits von alten Magazinen, Wayback Machine, etc. so wenig Recherchepunkte gibt. Und dann muss ich ja auch entsprechende Titel noch irgendwie irgendwo auftreiben.

  3. Die Stadtbibliothek in meiner Nähe hatte damals einen gut sortierten Bereich mit Multimedia CDs den ich rechte häufig nach der Schule besucht habe um zu schauen ob es was Neues gibt.
    Meine liebste CD-ROM war aber ein Eigenerwerb „Faszination Raumfahrt“ mit viel Text aber auch ein paar kruden Animation in Größe einer Briefmarke. Viel Zeit habe ich auch in sinnlos in Cinemanie 95 verbracht, war einfach spannend zu sehen was es außerhalb der Videothek und dem Angebot der Privatsender noch so gab.
    Das ging bis in die 2000er rein, ich konnte mir Multimedia-CDs zu schulischen Themen, die von der BPB zur Anschauung an Lehrer verschickt wurden, ansehen. Waren ein paar echt tolle Sachen dabei, auch sehr aufs Edutainment ausgerichtet. Ich habe noch gute Erinnerungen an einen Titel zu den Kreuzzügen, bei dem man die verschiedenen Belagerungswaffen der Kreuzritter „ausprobieren“ konnte.
    Tolle Artikelreihe, auch wenn ich mir gar nicht ausmalen mag, wie viel Zeit da reingeflossen sein muss. Allein schon die Recherche, herrje

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