Wer meinen ersten Teil zum Thema gelesen hat, wird sich noch daran erinnern, dass ich eine große Faszination für das Thema Multimedia-CD-ROMs in den 90er-Jahren habe. Zum einen waren die 90er der Übergang von einer rein analogen zu einer digitalen Gesellschaft. Entsprechend wurde in diesem Jahrzehnt sehr viel mit dem Computer experimentiert, der in diesen Jahren in vielen Millionen Haushalten Einzug hielt. Möglich machte diese Experimente das Medium CD-ROM, das mit 600 bis 700 MB genügend Speicher für Bilder, Musik und Texte bot.
Für diesen Deep Dive habe ich wieder besonders tief gegraben und einige schöne wie auch interessante Stücke ausfindig gemacht. Freut euch also auf eine weitere Zeitreise, in der nicht nur Multimedia-Kunst ein Thema ist, sondern in der wir auch einige Hype-Themen dieses Jahrzehnts unter die Lupe nehmen. Außerdem schauen wir uns virtuelle Rundgänge, Lexikas, digitale Bildbände und popkulturelle Magazine an.
Der Titanic-Hype
A Night to Remember (1996)

Vor der Recherche zu diesem Artikel war mir der Titanic-Hype in den 90er-Jahren gar nicht mehr so präsent. Damals gab es zahlreiche Bücher, TV-Dokumentationen und auch einige Videospiele, die von dem Thema beeinflusst wurden. Gegipfelt hat dieser Hype 1997 mit dem Blockbuster von James Cameron – dazu aber später mehr. Bereits in den 50er-Jahren gab es diverse Verfilmungen; am interessantesten ist sicherlich A Night to Remember von 1958, die sich am stärksten an den damals bekannten historischen Fakten orientierte.
1996 veröffentlichte The Voyager Company den Film auf CD-ROM. Es war einer dieser frühen Versuche, Filme auch auf dem PC zu etablieren. Die schlechte Auflösung der damaligen Video-Komprimierungen machte dem jedoch einen Strich durch die Rechnung. Dennoch boten diese Versuche ein paar schöne Einblicke in die Zukunft der DVD, denn bereits hier wurden die Filme mit Audiokommentar und Bonusmaterial erweitert. So erschien der Film auf zwei CD-ROMs mit einem ausführlichen Making-of, einem Audiokommentar von Filmhistorikern und netten Spielereien. Als „Kapitelwahl“ diente beispielsweise die Timeline der Titanic, und bestimmte Räume sowie Personen konnten einzelnen Szenen zugeordnet werden.






Titanic – Eine interaktive Reise (1996)

Diese interaktive Doku wurde von Europress zeitgleich mit dem First-Person-Adventure Titanic – Adventure Out of Time veröffentlicht. Im Fokus stehen zwei Programmpunkte: Zum einen eine rund zweistündige, vollständig vertonte interaktive Dokumentation, die mithilfe von über 600 Fotos und 200 Illustrationen erzählt wird. Thematisch erstreckt sie sich vom Bau des Schiffes bis hin zum Fund des Wracks im Jahr 1985. Erzählt wird von der damaligen Gesellschaft und den ausgeprägten sozialen Unterschieden an Bord: Während beispielsweise die wohlhabenden Passagiere der ersten Klasse im überbordenden Luxus reisten, sahen die Heizer im Rumpf des Schiffes keinerlei Tageslicht und waren räumlich strikt von den Passagieren getrennt. Ein weiterer Schwerpunkt der Doku liegt auf den Folgen der Katastrophe, etwa auf dem Verhalten der Reederei White Star Line im Umgang mit den Hinterbliebenen der rund 1500 Todesopfer sowie auf den gesellschaftlichen Auswirkungen. Dies ist für mich der interessanteste Teil der CD-ROM.
Neben der Doku gibt es auch die Möglichkeit, das Wrack zu „erforschen“. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um 360-Grad-Panoramen sowie Videos, die aus einem Cockpit heraus betrachtet werden können. Außerdem wurden damalige Funde aus dem Wrack digitalisiert, die ebenfalls angesehen werden können. Das ist ein ganz netter Zusatz, aber lange nicht so aufschlussreich wie der Dokumentationsteil.









James Cameron’s Titanic Explorer (1998)

Im Nachgang des Mega-Blockbusters aus dem Jahr 1997 erschien diese begleitende Produktion auf ganzen 3 (!) CD-ROMs. Wer befürchtet, dass es sich hier um eine dieser vielen Marketing-CD-ROMs mit allenfalls etwas Making-of-Material handelt, wird positiv überrascht. Denn wie in der interaktiven Reise aus dem Jahr 1996 steht auch hier eine mehrstündige Dokumentation zur Titanic im Vordergrund. Diese wird mithilfe von über 800 zeitgenössischen Fotos sowie Material aus dem Film – teilweise bis dahin unveröffentlicht – erzählt. Keine Sorge: Von Leonardo DiCaprio und Kate Winslet fehlt glücklicherweise jede Spur, denn die etwas seltsame Liebesgeschichte aus dem Film hat man sich glücklicherweise gespart.
Emmy-Preisträger Jim Ward sowie weitere Sprecher (darunter Alexander Siddig) erzählen die Geschichte. Teilweise verliert sich die Dokumentation in zu vielen Details – wer Spaß daran hat zu erfahren, wie viele Hunde an Bord waren oder wie das Essensmenü aussah, wird hier fündig. Auch der Hergang des Untergangs wird mir etwas zu genau erzählt, und die Dokumentation wirkt hier und da etwas langwierig. Da hat es die interaktive Reise etwas besser geschafft, die Erzählung interessant zu halten – auch, weil dort der gesellschaftliche Kontext stärker abgebildet wird. Hier wird mehr auf die technische Seite und den juristischen Nachgang eingegangen. Definitiv alles sehr gut und aufwendig recherchiert und inszeniert – versteht mich nicht falsch.
Neben der Dokumentation, die zudem mit zahlreichen weiteren Texten angereichert ist, gibt es auch die Möglichkeit, die Titanic via 360-Grad-Panoramen wie in einem First-Person-Adventure fast vollständig zu erkunden. Es gibt hier keinerlei Rätsel oder Gegenstände, mit denen man interagieren könnte, dennoch ist es eine hübsche Dreingabe. Auch die Auflösung der Videos ist wesentlich besser als in früheren Multimedia-Veröffentlichungen – zum Preis, dass damals auch höhere Systemvoraussetzungen erwartet wurden.
Der Namensgeber und die Arbeit am Film selbst werden lediglich am Rande gestreift. Dennoch war James Cameron an der Produktion beteiligt, und es ist schön, dass diese Veröffentlichung eine sehr ernsthafte Dokumentation zur Titanic an sich geworden ist und kein bloßes Marketing-Tool für die Promotion des Films.










Vielen Dank für dieses Brett von einem Artikel. Für mich besonders interessant ist die Seite drei mit den Geschichts-Discs. Ein wenig schade, dass es solche Produktionen heutzutage nicht mehr gibt. Webseiten bieten sicher auch viele vergleichbare Inhalte, aber dieser Lexikon-Charakter mit der Versuchung, noch einen Klick auf diesen oder jenen Link zu machen, war bei diesen Oberflächen für mich viel stärker ausgeprägt.
Die BBC-CD-ROM sieht auch sehr interessant aus, danke dir. Einzig und allein von der Python-Disc wusste ich. Habe also wieder sehr viel Neues erfahren.
Noch kurz zum Titanic-Hype: Steve Meretzky hat jahrelang versucht, ein Titanic-Spiel zu machen. Immer ist er abgeblitzt, weil das angeblich niemanden interessieren würde. Tja, dann kam 1996 ein erfolgreiches Spiel und 1997 der Film…
Mir geht das ganz genauso! Natürlich lässt sich heute alles mögliche über die Familie von Anne Frank zusammenlesen. Aber wie cool ist es denn, durch so ein virtuelles Haus zu laufen, alles anzuklicken und dann auf unterschiedliche Weise (Text, Sprachausgabe, Bilder) Informationen präsentiert zu bekommen. Da ist für mich die Motivation sehr viel größer als mit Wiki-ähnlichen Textwüsten.
Und ich denke mir manchmal, was für coole Produktionen wären da mit den heutigen technischen Möglichkeiten möglich?
Vielen herzlichen Dank, das war echt ein Genuss!
Aber… wann können wir denn mit dem dritten Teil rechnen? Das ist doch kein Zufall, dass du Star Wars: Making Magic, Behind the Magic und Episode 1 Insiders Guide fehlen.
Muppets Treasure Island hat ja auch eine schöne Multimedia CD bekommen.
Ansonsten fallen mir noch die Anatomiesachen ein, die damals zB bei Pearl verkauft wurden (Der Körper 3D).
Ach und wegen der Heft CDs: Ich fand damals ja die FUN Online (https://www.kultboy.com/Fun-Online-Zeitschrift/521/) nicht schlecht. Die hatte auch ein paar interaktive Sachen dabei, mir als Dötz hatte es gefallen.
Danke für das Lob. 🙂
Das ist auch kein Zufall: Ich habe von Star Wars keinerlei Ahnung. Fande als Knirps irgendeinen Star Wars Film ziemlich öde (war da schon zu sehr mit Star Trek verbunden) und seitdem auch nie wieder irgendwas aus dem Franchise gesehen. Deswegen trau ich mich da nicht so an die CD-ROMs ran. ^^ Und Drew Struzan hatte ich jetzt nur, weil ich seine Arbeit generell toll finde – und die CD zu seinen Star Wars Sachen recht unbekannt zu sein scheint.
Ja, die Glasklar-CDs kenne ich auch noch. Kosmos 3D, Tierwelt 3D, usw.
Wann der nächste Teil kommt? Keine Ahnung. Ist doch sehr viel Arbeit abwechslungsreiche coole Titel zu recherchieren und rauszusuchen. Eben weil es Abseits von alten Magazinen, Wayback Machine, etc. so wenig Recherchepunkte gibt. Und dann muss ich ja auch entsprechende Titel noch irgendwie irgendwo auftreiben.
Sehr spannender Artikel, auch wenn ich die Faszination an solchen Werken nie wirklich nachvollziehen konnte.
Die Stadtbibliothek in meiner Nähe hatte damals einen gut sortierten Bereich mit Multimedia CDs den ich rechte häufig nach der Schule besucht habe um zu schauen ob es was Neues gibt.
Meine liebste CD-ROM war aber ein Eigenerwerb „Faszination Raumfahrt“ mit viel Text aber auch ein paar kruden Animation in Größe einer Briefmarke. Viel Zeit habe ich auch in sinnlos in Cinemanie 95 verbracht, war einfach spannend zu sehen was es außerhalb der Videothek und dem Angebot der Privatsender noch so gab.
Das ging bis in die 2000er rein, ich konnte mir Multimedia-CDs zu schulischen Themen, die von der BPB zur Anschauung an Lehrer verschickt wurden, ansehen. Waren ein paar echt tolle Sachen dabei, auch sehr aufs Edutainment ausgerichtet. Ich habe noch gute Erinnerungen an einen Titel zu den Kreuzzügen, bei dem man die verschiedenen Belagerungswaffen der Kreuzritter „ausprobieren“ konnte.
Tolle Artikelreihe, auch wenn ich mir gar nicht ausmalen mag, wie viel Zeit da reingeflossen sein muss. Allein schon die Recherche, herrje