Walt Disney: An Intimate History of the Man and his Magic (1998)

Während der Recherche für diesen Artikel bin ich auf eine sehr interessante Multimedia-CD-ROM aufmerksam geworden, die 1998 nicht von Disney Interactive, sondern von der Disney Family Foundation veröffentlicht wurde. Das ist eine Non-Profit-Organisation, die von Diane Disney Miller, der im Jahr 2013 verstorbenen Tochter von Walt Disney, gegründet wurde und die heute auch das Family Museum in San Francisco betreibt.
Wie viele Multimedia-CDs jener Zeit ist auch dieses Programm wie ein interaktives Museum aufgebaut. Ihr steht anfangs in einer 3D-Halle und bewegt euch in verschiedene thematische Räume, die seine Familiengeschichte genauso beinhalten wie auch seine frühesten Zeichnungen und seiner späteren Arbeit.



Herzstück des Familienthemas ist eine interaktive Reproduktion des Familienalbums, das Walts Mutter Flora seinerzeit angelegt hat. Einige Bilder können angeklickt und alte Tonaufnahmen der Familienmitglieder angehört werden. So erfährt man, dass die Familie alles andere als wohlhabend war und Walts Kindheit von finanzieller Not und harter Arbeit geprägt war. Nach dem Umzug nach Marceline, Missouri im Jahre 1906 entdeckte Walt sein Interesse an der Kunst, das jedoch vor allem von seinem Vater Elias nicht geteilt wurde. Erst als Jugendlicher konnte er seine Ambitionen durch die Schule fördern. Das Programm zeichnet diesen Lebensweg mit vielen Fotos, zuschaltbaren Texten, alten Tonaufnahmen und ausführlichen Essays nach.
Ein weiterer Aspekt ist natürlich sein künstlerischer Werdegang. Hier zeigt das Programm zahlreiche Illustrationen und Cartoons aus seiner Jugendzeit, die er zum Beispiel für die Schülerzeitung anfertigte – aber auch selbst gestaltete Weihnachtskarten, die er für Freunde und Familie und später auch für seine Mitarbeiter.



Schon der Teil, der sich mit Walts Kindheit und Jugend beschäftigt ist sehr umfangreich. Noch umfangreicher ist natürlich der Teil des Programms, der sich mit der Gründung und Etablierung des Disney Studios beschäftigte. Auch hier geht die CD-ROM mit vielen Audioaufnahmen, noch mehr Fotos und Skizzen, zahlreichen Essays und sogar früheste Videoaufnahmen auf beeindruckende Weise ins Detail. So wird Disneys Animationsstil genauso erklärt wie viele Ideen, die ihn zu einzelnen Figuren und Geschichten geführt haben. Hier gibt es auch zahlreiche Tonaufnahmen von Weggefährten sowie damaligen Disney-Mitarbeitern.






Natürlich darf man hier keine distanzierte oder gar kritische Retrospektive erwarten. Wer sich aber eine Reise ins Disney-Museum nicht leisten kann, findet hier Tonnen von Material zum Anschauen, Nachlesen und Anhören. Allein mit dem multimedialen Teil ist man locker einen ausgedehnten Nachmittag beschäftigt. Das ist für damalige Multimedia-CDs enorm viel!
Auch die visuelle Präsentation kann als herausragend bezeichnet werden. Fotos und Illustrationen sehen bei einer Auflösung von 800×600 Pixeln richtig gut aus. Was auch wichtig ist, denn es gibt wirklich hunderte von Abbildungen. Die Menüs sind geschmackvoll gestaltet und einige Programmpunkte haben sogar verschiedene Designs. Selbst die Videos sehen nicht so krümelig aus wie damals üblich, da sie eine andere Komprimierung nutzen als die meisten Videos der damaligen Zeit. Dafür installiert das Programm auch gleich eine Zusatzsoftware auf dem virtuellen Windows-98-System. Und wer ganz genau hinschaut, findet sogar das eine oder andere versteckte Minispiel.


Ich habe mir für meinen damaligen Artikel über Multimedia-CDs wirklich viel aus der damaligen Zeit angeschaut, aber diese Produktion über das Leben und Wirken von Walt Disney ist in jeder Hinsicht die Speerspitze – nicht nur audiovisuell, sondern auch inhaltlich und vom Umfang her. In diese Produktion muss enorm viel Zeit und Geld geflossen sein…
Zum Abschluss
Das war er nun, mein Deep Dive zum Thema Disney-Spiele in den 90er Jahren. Übrigens ist es erschreckend, wie wenig davon heute legal zu haben ist. Aladdin, The Lion King und Jungle Book von Virgin wurden vor ein paar Jahren in einer kleinen Collection für moderne Plattformen wiederveröffentlicht. Und Gargoyles bekam sogar ein Remaster. Ansonsten findet ihr auf GOG und Steam noch Hercules sowie Maui Mallard.
Schade, dass Disney absolut gar kein Interesse an der Bewahrung seines digitalen Erbes hat. Denn gerade in den 90ern waren Disney-Spiele sehr häufig zumindest gut und manchmal eben sehr gut. Ich hoffe, euch mit diesem Artikel einen schönen Überblick über diese Zeit gegeben zu haben.

Wow, das ist ja fast schon ein Buch geworden, werde ich mir in einem ruhigen Moment im Detail durchlesen.
Ich habe auf dem Gameboy Ducktales und Lionking gespielt, auf dem SNES Alladin (war aber glaube ich nur geliehen). Obwohl ich früher (!) gerne Disneysachen geschaut habe, das LTB gelesen, die wöchentliche Zeitschrift und so. Da ging ja echt einiges an mir vorbei. Schade, dass es nicht wirklich nachholbar ist 🙁
Schöner Artikel! Ich muss zugeben, dass ich tatsächlich das meiste davon gespielt habe.
Ja, ich war enormer Disney-Fan … wenn ich auch zugeben muss, dass es mir heute nicht immer leicht fällt, Disney-Fan zu bleiben.
Was natürlich nicht Teil dieses Artikels ist (und, glaube ich, im anderen Artikel erwähnt war), ich als Sierra-Fanboy aber dennoch gerne hier nochmals erwähnen will: Vor den 90ern war ja quasi Sierra die Disney-Software-Schmiede. Wenn ich auch heutzutage eigentlich nur noch The Black Cauldron aus diesem Line-Up spielen kann.
Ja, Disney macht es einem wirklich nicht leicht, Fan zu bleiben. Aber damals in den 90ern und auch noch in den 2000ern ging das noch recht gut. 😀
Jürgen hatte bereits schonmal einen Sierra / Disney Artikel geschrieben, wer auch sonst wenn es um Sierra geht? 🙂 https://www.dasklapptsonicht.de/sierras-disney-offensive-2/
Ich war vor ein paar Jahren verblüfft, als ich neben den bekannteren Sachen wie Aladdin und dem König der Löwen noch andere Plattformer entdeckt habe. Ja, sie sind nicht so gut – aber wie das Biest an den Vorhängen mit seinen Krallen runterrutscht, hat schon was.
Danke für deine Einblicke in eine mir immer noch sehr wichtige Welt. Speziell die Multimedia-CDs sind echte Entdeckungen!