Disney Interactive übernimmt die Führung (ab 1994)

Bislang trat der Mauskonzern lediglich als Lizenzgeber auf. Zwar hatten die Disney-Produzenten ein wachsames Auge auf die Spieleproduktionen, wenn es um die korrekte Darstellung ihrer Charaktere ging, aber für die Produktion, Veröffentlichung und Vermarktung waren in erster Linie die einzelnen Publisher zuständig. 1994 fand eine Umstrukturierung innerhalb des Konzerns statt, bei der Disney Software in Disney Interactive umbenannt wurde. Der Konzern wollte nicht mehr nur Lizenzgeber sein, sondern selbst Spiele veröffentlichen und entwickeln.
Allerdings brauchte auch Disney einige Jahre, um eigene Strukturen für die Veröffentlichung von Spielen aufzubauen, weshalb der Konzern in den ersten Jahren mit Firmen wie Sony, Capcom, Virgin oder Nintendo zusammenarbeitete, die den Vertrieb in den verschiedenen Regionen übernahmen. Lediglich auf dem US-Markt veröffentlichte Disney die Spiele fortan in Eigenregie. Das System des Partnervertriebs wurde in den folgenden Jahren sukzessive abgebaut.
Dennoch konnten Publisher ihre Ideen weiterhin bei Disney einreichen, was schließlich dazu führte, dass der Markt mit Disney-Spielen geradezu überschwemmt wurde. Aus diesem Grund sind auf den nächsten beiden Seiten nur die Spiele aufgeführt, die ich für besonders interessant halte. Das sind bei weitem nicht alle, die es damals gab!
Mickey Mania (1994)

Ursprünglich war Mickey Mania für den 65. Geburtstag der Maus angedacht und sollte 1993 erscheinen. Das hätte allerdings bedeutet, dass nur sechs Monate für die Entwicklung zur Verfügung gestanden hätten. Etwas wenig für das Konzept, denn die 26 Level basieren auf sechs Cartoons aus den 20er, 30er und 40er Jahren: Steamboat Willie, The Mad Doctor, Moose Hunters, Lonesome Ghosts, Mickey and the Beanstalk sowie The Band Concert.
Die Animationen stammen wieder aus dem Disney-Animationsstudio, wobei Mickey Mania technisch noch beeindruckender daherkommt als Aladdin ein Jahr zuvor. Selten zuvor sah ein Spiel wie ein interaktiver Zeichentrickfilm aus. Spielerisch ist Mickey Mania eher biedere Hausmannskost: Auf Gegner springen und timingbasierte Herausforderungen bestehen gab es eben auch schon zuvor.
Unterschiede gibt es in den Versionen für die verschiedenen Systeme: In der SNES-Version fehlt ein Level, während die Mega Drive-Version nicht ganz so gut aussieht. Dafür bietet die Mega-CD-Version einen orchestralen Soundtrack sowie durchgängige Sprachausgabe von Mickey Mouse. Die später erschienene Playstation-Version ist technisch etwas sauberer, aber der Schwierigkeitsgrad wurde stark erhöht. Am besten spielt man die Mega-CD-Version.






Gargoyles (1995)

Die TV-Serie Gargoyles war in vielerlei Hinsicht eine Überraschung: Die Geschichte dreht sich um eine Gruppe mittelalterlicher Gargoyles, die nachts zum Leben erwachen und tagsüber versteinern. Durch einen Fluch erwachen sie 1000 Jahre später in der Gegenwart und müssen sich in dieser neuen Welt zurechtfinden. Es war eine überraschend düstere Actionserie, die auf den Spuren von Bruce Timms Batman – The Animated Series aus dem Jahr 1992 wandelte. Allerdings ohne Erfolg, denn die Serie mit ihren episodenübergreifenden Handlungsbögen war für Disney-Verhältnisse ein Flop. Nach immerhin drei Staffeln war Schluss – doch zumindest hat Disney es versucht.
Das dazugehörige Spiel wurde direkt bei Disney entwickelt und erschien nur in den USA für das Mega Drive, da Disney in anderen Regionen keinen Vertriebspartner fand. Was wohl den Flop-Status der Serie unterstreicht. Jedenfalls ist auch das Spiel für Disney sehr ungewöhnlich: Es handelt sich um ein Actionspiel, in dem ihr mit Goliath, der Hauptfigur der Serie, Kämpfe gegen Gegner austragt, Gebäude erklimmt, recht schwierige Sprungpassagen meistert und das alles in einem mehr als düsteren Setting.






Toy Story (1995)

Toy Story war 1995 nicht nur der erste Film des Animationsstudios Pixar, sondern auch der erste vollständig computeranimierte Kinofilm. Als solcher übte er auf uns Kinder der 90er Jahre eine Faszination aus, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Deshalb sollte natürlich auch das Spiel einen entsprechenden Look bekommen: Keine handgemachten Pixel, sondern Rendergrafiken, die damals durch Spiele wie Donkey Kong Country modern wurden. Toy Story faszinierte mit weichen Animationen und farbenfrohen Levels, aber auch spielerisch überzeugte die Versoftung durch abwechslungsreiche Levels. Diese beinhalteten nicht nur Jump’n’Run-Einlagen, sondern beispielsweise auch Rennabschnitte, einen Flugsimulator und sogar ein First-Person-Labyrinth in 3D.



Donald in Maui Mallard (1995)

Ein weiteres Spiel, das direkt bei Disney entstand. Hier spielt ihr Donald Duck, der in die Rolle des Privatdetektivs Maui Mallard schlüpft. Eine Persiflage auf Magnum. Für diese Figur war sogar mal eine TV-Serie geplant. Dass es bei Plänen blieb, zeigt die Tatsache, dass man von diesem Alter Ego Donalds nach dem Spiel nie wieder etwas gehört hat.
Das Setting ist jedenfalls eine tropische Insel, auf der die Ente eine Mojo-Statue finden muss, um sie zu retten. Dabei stellen sich euch zahlreiche Gegner in den Weg, die ihr mit einer Pistole (natürlich mit Käfern statt Pistolenkugeln) ins Visier nimmt. Nach einigen Levels wird auch ein Ninja-Anzug freigeschaltet, in dem nicht mit einer Pistole, sondern mit einem Bo gekämpft wird. Mit dem Bo kann man sich auch über Abgründe schwingen.






Pocahontas (1996)

Der Zeichentrickfilm Pocahontas aus dem Jahr 1995 überraschte seinerzeit mit einem etwas reiferen Stil, denn nicht Kinder, sondern junge Erwachsene waren das Zielpublikum. Inspiration war die Lebensgeschichte der Häuptlingstochter Pocahontas, die um 1595 als Tochter des Indianerhäuptlings Powhatan geboren wurde. Sie war eine der wenigen Indianerinnen, die zwischen Indianern und englischen Siedlern vermittelte und sogar einen gefangenen Siedler rettete. Natürlich wurde daraus im Film eine Romeo-und-Julia-Geschichte mit einigem Pathos. Eine Geschichte, die so nicht belegt ist. Genauso wenig wie die starke Naturmystik.
Das Spiel greift vor allem den Naturmystizismus des Films auf und präsentiert eine Mischung aus Cinematic- und Puzzle-Platformer, in dem ihr Pocahontas und den Waschbären Meeko steuert. Gemeinsam lösen die beiden Umgebungsrätsel und müssen dabei oft Tieren helfen. Diese verleihen Pocahontas besondere Fähigkeiten wie Geschwindigkeit und höhere Sprünge. Auf Kämpfe wird im Spiel gänzlich verzichtet, was damals noch ein wenig genutzter Ansatz für das Genre war. Leider ist die Steuerung sehr schwammig, so dass nur geduldige Spieler Spaß haben werden.



Hercules (1997)

Actionreicher wurde es wieder mit Hercules, dem ersten Spiel für 32-Bit-Plattformen wie der Playstation. Hier haben sich die Entwickler von Eurocom für einen 2,5D-Grafikstil entschieden. Die Charaktere sind klassische, handgepixelte Sprites, die Umgebung ist jedoch in 3D. So kann man in vielen Levels zwischen den Ebenen wechseln, außerdem gibt es 3D-Abschnitte wie bei Crash Bandicoot. Der Umfang ist mit 10 Levels auf dem Papier recht gering, aber ich habe selten ein Spiel gesehen, das so lange und umfangreiche Levels bietet.
In meiner Erinnerung war das Spiel damals sogar erfolgreicher als der dazugehörige Kinofilm, um den es zumindest in meiner Wahrnehmung keinen so großen Hype gab wie um die Disney-Filme in den Jahren zuvor.






The D Show (1998)

Die You Don’t Know Jack-Reihe war vor allem in den 1990er und 2000er Jahren die mit Abstand erfolgreichste Quizspielreihe auf dem PC. Längst nicht so bekannt ist dagegen Disneys YDKJ-Klon aus dem Jahr 1998. Wie im Original werden auch hier die Fragen und Antworten komplett vorgelesen, bei falschen Antworten gibt es witzige Kommentare der Moderatorin. Die immerhin über 500 Multiple-Choice-Fragen werden durch zahlreiche Bonusrunden ergänzt. Bei Before & After zum Beispiel werden im Sekundentakt Bilder gezeigt: links die Konzeptzeichnung, rechts die fertigen Figuren aus den Filmen. Sobald links und rechts die gleiche Figur zu sehen ist, heißt es buzzern. Bei Casting Call hingegen werden Bilder von verschiedenen Figuren aus einem Film aufgedeckt, angefangen von kleinen Nebenrollen bis hin zur Hauptfigur. Sobald der Spieler den Film erkannt hat, gibt es Punkte. Thematisch sind alle Disney-Jahrzehnte bis 1998 vertreten, beginnend mit den Klassikern der 1930er Jahre. Auch TV-Serien und Spielfilme sind Thema, ebenso wie die Disneyland Resorts.
Ein wunderbares Spiel, das – wie YDKJ – nur mit mehreren Spielern Spaß macht. Und die sollten im Disney-Universum ganz schön sattelfest sein. Und Englisch können.






Tarzan (1999)

Ich frage mich woher die Einschätzung in damaligen Tests kommt, dass der Schwierigkeitsgrad von Tarzan für Kleinkinder oder Anfänger geeignet wäre. Allein diese ganzen Vögel, die einem ständig mit Kokosnüssen bewerfen, haben mich beim screenshotten mehr als einmal zum Fluchen gebracht. Zum Glück sind zahlreiche Bananen in den Levels, die mich vor einigen Ableben bewahrt haben.
Wie auch bei Hercules haben sich die Entwickler von Eurocom für einen 2,5D-Platformer entschieden. Die Levels sind dabei herrlich verwinkelt und von den Vogelviechern abgesehen, macht es Spaß sich durch den Dschungel zu schwingen und diverse Gegner wie Affen mit Obst zu bewerfen. Technisch würde ich hier zur Windows-Version raten , da diese eine höhere Auflösung als das Playstation-Pendant bietet. Das macht es einfacher, die Plattformen zwischen all den grünen und braunen Farbelementen zu erkennen.







Wow, das ist ja fast schon ein Buch geworden, werde ich mir in einem ruhigen Moment im Detail durchlesen.
Ich habe auf dem Gameboy Ducktales und Lionking gespielt, auf dem SNES Alladin (war aber glaube ich nur geliehen). Obwohl ich früher (!) gerne Disneysachen geschaut habe, das LTB gelesen, die wöchentliche Zeitschrift und so. Da ging ja echt einiges an mir vorbei. Schade, dass es nicht wirklich nachholbar ist 🙁
Schöner Artikel! Ich muss zugeben, dass ich tatsächlich das meiste davon gespielt habe.
Ja, ich war enormer Disney-Fan … wenn ich auch zugeben muss, dass es mir heute nicht immer leicht fällt, Disney-Fan zu bleiben.
Was natürlich nicht Teil dieses Artikels ist (und, glaube ich, im anderen Artikel erwähnt war), ich als Sierra-Fanboy aber dennoch gerne hier nochmals erwähnen will: Vor den 90ern war ja quasi Sierra die Disney-Software-Schmiede. Wenn ich auch heutzutage eigentlich nur noch The Black Cauldron aus diesem Line-Up spielen kann.
Ja, Disney macht es einem wirklich nicht leicht, Fan zu bleiben. Aber damals in den 90ern und auch noch in den 2000ern ging das noch recht gut. 😀
Jürgen hatte bereits schonmal einen Sierra / Disney Artikel geschrieben, wer auch sonst wenn es um Sierra geht? 🙂 https://www.dasklapptsonicht.de/sierras-disney-offensive-2/
Ich war vor ein paar Jahren verblüfft, als ich neben den bekannteren Sachen wie Aladdin und dem König der Löwen noch andere Plattformer entdeckt habe. Ja, sie sind nicht so gut – aber wie das Biest an den Vorhängen mit seinen Krallen runterrutscht, hat schon was.
Danke für deine Einblicke in eine mir immer noch sehr wichtige Welt. Speziell die Multimedia-CDs sind echte Entdeckungen!