Die Spiele von Virgin Interactive (1993 – 1996)
Virgin Interactive war ein britischer Publisher und Entwickler, der 1983 unter dem Namen Virgin Games gegründet wurde. Als Teil des Mischkonzerns Virgin war das Unternehmen Teil eines großen Konglomerats, das in verschiedensten Geschäftsfeldern tätig war. Als Virgin-Gründer Richard Branson Anfang der 1990er Jahre die Fluggesellschaft Virgin Atlantic Airways gründete, geriet der Konzern in finanzielle Schwierigkeiten. In der Folge wurde das Musiklabel Virgin Records an EMI verkauft und Virgin Games 1994 von Viacom übernommen. In dieser Zeit entstanden mehrere Disney-Spiele, die teils bei Virgin, teils beim britischen Entwickler Eurocom produziert wurden.
Aladdin (1993)

Durch die Erfolge, die Sega und Capcom mit der Disney-Lizenz erzielen konnten, waren die Lizenzen bei den Herstellern sehr begehrt. Für Virgin war es naheliegend, nun auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Ursprünglich arbeiteten die Entwickler David Perry, Michael Francis Dietz, Stephen Crow und Tommy Tallarico an einer Versoftung des Dschungelbuchs, als Disney das Angebot mit einen Spiel zum Aladdin-Film unterbreitete. Die SNES-Version sollte von Capcom entwickelt werden, die damals eine exklusive Lizenz für Disney-Spiele auf Nintendo-Konsolen besaßen, während Virgin die Version für Mega Drive und weitere Plattformen entwickeln sollte.
Interessanterweise hat Disney die Entwicklung der beiden Versionen strikt getrennt, so dass für Virgin ein anderer Produzent zuständig war als für Capcom. Deshalb sind die Spiele so unterschiedlich, vor allem in der Frage, ob Aladdin ein Schwert benutzen darf oder nicht. Es gibt die kolportierte Anekdote von Capcom-Entwicklern, die auf einer Messe die Mega Drive-Version sahen und verwirrt feststellten, dass Aladdin in diesem Spiel ein Schwert schwingt, was ihnen von ihrem Produzenten verboten wurde.
Abgesehen von diesem offensichtlichen Unterschied ist das Spiel von David Perry & Co. wesentlich actionorientierter und meiner Meinung nach spielerisch auch etwas chaotischer. Die Animationen wurden direkt von Disney-Animatoren erstellt, was dem Spiel auch heute noch einen sehr zeitlosen Look verleiht. Allerdings finde ich das Leveldesign vor allem in der zweiten Hälfte weniger gelungen.



The Jungle Book (1994)

Obwohl Aladdin ein sehr erfolgreicher Titel war, entstand das Spiel unter großem Zeitdruck. David Perry erwähnte einmal in einem Interview, dass er während dieser Zeit im Auto schlief und folglich an eine normale Tagesstruktur nicht zu denken war. Deshalb verließen David und seine Mitstreiter Virgin Entertainment und gründeten eine neue Firma, Shiny Entertainment, auch um mehr kreativen Freiraum zu haben. Dort entstanden in den folgenden Jahren Klassiker wie Earthworm Jim und MDK.
Aladdin ein trotz der chaotischen Entwicklung ein großer wirtschaftlicher Erfolg für Virgin und so wollte man natürlich auf der Welle weiterreiten. Dazu wurde das alte Dschungelbuch-Projekt, an dem Perry & Co. vor Aladdin arbeiteten, aufgegriffen und weiterentwickelt. Hier haben wir nun die interessante Konstellation, dass die Versionen für Mega Drive und SNES von unterschiedlichen Teams fertiggestellt wurden – die SNES-Version wurde intern entwickelt und Eurocom kümmerte sich um die Mega Drive-Version.
Beide Spiele haben quasi die gleichen Animationen und auch die Levelstrukturen sind ähnlich. Allerdings hatten die beiden Entwicklerteams völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Während in der Mega Drive-Version mehr Wert auf Erkundung gelegt wird – in jedem Level muss eine Mindestzahl an Juwelen gesammelt werden – ist die SNES-Version etwas actionreicher und durch viel mehr Gegner sowie eine schlechtere Kollisionsabfrage wesentlich schwieriger gestaltet.
Dementsprechend kam die Mega Drive-Version bei der Fachpresse besser an. Welche Version sich besser verkauft hat, ist heute jedoch nicht mehr zu ermitteln.






The Lion King (1994)

Zeitdruck ist ein Begriff, der sicherlich auch auf die Entwicklung der Videospielversion von Der König der Löwen zutrifft. Das Ziel von Virgin und Disney für diese Produktion war, dass das Spiel in den Läden stehen sollte, während der Film noch in den Kinos lief. Außerdem sollte das Spiel auf allen möglichen Plattformen gleichzeitig erscheinen: SNES, Mega Drive, Amiga, PC. Sogar 8-Bit-Versionen für Master System und Game Gear wurden produziert. Der Auftrag ging an die Westwood Studios, die kurz zuvor von Virgin aufgekauft worden waren; die Animationen stammten – wie schon bei der Aladdin-Versoftung – von den Disney Animation Studios.
So beeindruckend die Technik gerade auf dem SNES ist – glasklare Sprachsamples, tolle Musik und butterweiche Animationen – so sehr merkt man auch die kurze Entwicklungszeit, die den Entwicklern zur Verfügung gestanden haben muss. Die Levelstrukturen wirken vor allem in den späteren Levels nicht so gepolished, wie sie sein könnten, zudem gibt es nur eine Handvoll Gegner die sich ständig wiederholen. Der Schwierigkeitsgrad steigt schnell stark an und wird meiner Meinung nach hier und da regelrecht unfair. Letztendlich hat The Lion King nur 10 Level, was für ein Spiel aus dem Jahr 1994 doch sehr wenig ist.
Den zeitgenössischen Reviews tat dies kein Abbruch: Es hagelte Wertungen im hohen 80er-Bereich. Tja, damals wie heute reichte eben geile Technik um gute Presse abzustauben. Viel Neues bot The Lion King jedoch nicht.






Pinocchio (1995 / 1996)

Das vierte und letzte Virgin-Spiel hat aufgrund seiner späten Veröffentlichung im Lebenszyklus des Mega Drive und des SNES nicht die Verbreitung seiner Vorgänger gefunden. Vielleicht lag es aber auch an der Vorlage? Zwar war der zweite abendfüllende Zeichentrickfilm von 1940 eine technische und inhaltliche Meisterleistung, aber ob Pinocchio für die Kinder der 90er Jahre noch spannend war, wage ich dann doch zu bezweifeln. Jedenfalls erschien 1995 die Mega Drive-Version, ein Jahr später die SNES-Version – Letztere vertrieben von Nintendo. Die Versoftung der lebendig gewordenen Marionette wurde von Virgin London mit Hilfe von Westwood entwickelt. Die Animationen entstanden wieder in den Disney Studios.
Von allen Virgin-Spielen gefällt mir Pinocchio am besten, was nicht zuletzt an dem sehr abwechslungsreichen Gameplay liegt. In jedem Level gibt es eine neue Idee, von einfachen Plattform-Levels bis hin zu Tanzeinlagen im Theater. Dabei orientiert sich das Spiel sehr stark an der Handlung des Films. Auch technisch ist Pinocchio mit seinen vielen Animationen und dem tollen Soundtrack ein echter Leckerbissen und diesmal hat es endlich auch mit einem fairen Schwierigkeitsgrad geklappt.




Wow, das ist ja fast schon ein Buch geworden, werde ich mir in einem ruhigen Moment im Detail durchlesen.
Ich habe auf dem Gameboy Ducktales und Lionking gespielt, auf dem SNES Alladin (war aber glaube ich nur geliehen). Obwohl ich früher (!) gerne Disneysachen geschaut habe, das LTB gelesen, die wöchentliche Zeitschrift und so. Da ging ja echt einiges an mir vorbei. Schade, dass es nicht wirklich nachholbar ist 🙁
Schöner Artikel! Ich muss zugeben, dass ich tatsächlich das meiste davon gespielt habe.
Ja, ich war enormer Disney-Fan … wenn ich auch zugeben muss, dass es mir heute nicht immer leicht fällt, Disney-Fan zu bleiben.
Was natürlich nicht Teil dieses Artikels ist (und, glaube ich, im anderen Artikel erwähnt war), ich als Sierra-Fanboy aber dennoch gerne hier nochmals erwähnen will: Vor den 90ern war ja quasi Sierra die Disney-Software-Schmiede. Wenn ich auch heutzutage eigentlich nur noch The Black Cauldron aus diesem Line-Up spielen kann.
Ja, Disney macht es einem wirklich nicht leicht, Fan zu bleiben. Aber damals in den 90ern und auch noch in den 2000ern ging das noch recht gut. 😀
Jürgen hatte bereits schonmal einen Sierra / Disney Artikel geschrieben, wer auch sonst wenn es um Sierra geht? 🙂 https://www.dasklapptsonicht.de/sierras-disney-offensive-2/
Ich war vor ein paar Jahren verblüfft, als ich neben den bekannteren Sachen wie Aladdin und dem König der Löwen noch andere Plattformer entdeckt habe. Ja, sie sind nicht so gut – aber wie das Biest an den Vorhängen mit seinen Krallen runterrutscht, hat schon was.
Danke für deine Einblicke in eine mir immer noch sehr wichtige Welt. Speziell die Multimedia-CDs sind echte Entdeckungen!