Vivat Slovakia (Angespielt)

Vivat Slovakia – ein Open‑World‑Action‑Adventure, entwickelt von Team Vivat und im April 2025 erschienen, verspricht ein intensives Eintauchen in das chaotische Bratislava der frühen 1990er‑Jahre.

Beim Blick auf die Steam‑Seite fällt sofort die gemischte Resonanz auf: Während das Spiel ca. 600 Bewertungen gesammelt hat, empfehlen lediglich etwa 60 % der Spielerinnen und Spieler Vivat Slovakia. Negative Rezensionen schrecken mich nicht ab, sondern wecken eher mein Interesse. Als Slawist, der seit einem Jahrzehnt in der Slowakei wohnt, konnte ich natürlich nicht meine Finger davon lassen. Wenn ihr mehr über Bratislava erfahren möchte, müsst ihr unbedingt weiterlesen.

Eine bewegte Geschichte

Bratislava, die eigentliche Protagonistin des Spiels, ist ein Kapitel für sich. Ich habe vor einigen Jahren eine Zeitlang dort gelebt, habe dort viele Freunde gefunden und positive Erinnerungen gesammelt. „Schön“ ist aber nicht das erste Adjektiv, das einem zu dieser Stadt einfallen mag. Alte historische Gebäude, eingeklemmt zwischen kommunistischen Blockbauten und ultramodernen Glastowers und Shopping Centres – eine eklektische Mischung, die entweder fasziniert oder abstößt.

Seit über zehn Jahren lebe ich nun in Košice, der zweitgrößten Stadt der Slowakei. Im Gegensatz zur Hauptstadt strotzt die östliche Metropole nur so vor Charme, Schönheit und Gemütlichkeit. Fragt man Slowaken, die nicht in Bratislava wohnen, was sie von dieser Stadt halten, so scheint der Konsens vorzuherrschen, dass es sich um einen hässlichen Schandfleck handelt.

Slowaken mögen es nicht, wenn man sie als Osteuropäer bezeichnet. Sie seien Mitteleuropäer, wie sie auch ständig betonen. Als Ostösterreicher kann ich dem nur zustimmen, sind uns die Slowaken nach den Bayern und den Slowenen mentalitätsmäßig am nächsten. Sollte sich jedoch der ein oder andere Kulturtourist von Wien aus nach Bratislava verirren, so ist die Enttäuschung oft groß, der Rest des Landes wird präventiv von der Reiseliste gestrichen.

Zu Unrecht, denn die Slowakei ist ein wunderschönes Land mit viel Geschichte, schönen kleineren Städten und vor allem wunderbarer Natur. Für Partytouristen ist „Partyslava“ hingegen ein Paradies: Falls laut gröhlende, betrunkene englische Burschengruppen, die das, was von der Altstadt übrig ist, kolonisieren, euer Ding sind, dann kommt ihr sicher auf eure Kosten.

Wie kann es nun sein, dass die einstige Krönungsstadt der Habsburger, damals unter dem Namen Pressburg bekannt, so eine drastische Wandlung durchgemacht hat? Dass Bratislava so aussieht, wie es aussieht, hat viele Gründe. Zum einen ist da der Zweite Weltkrieg und seine Folgen. Der 1939 errichtete Slowakische Staat, ein Marionettenstaat der Nationalsozialisten, geht stark gegen die jüdische Bevölkerung vor, wobei die meisten in das Ghetto Theresienstadt, das eigentlich kein Ghetto, sondern ein Konzentrationslager ist, deportiert werden. Im letzten Kriegsjahr wird die Stadt, die davor wenig vom Kampfgeschehen mitbekommen hat, mehrmals von den Alliierten und den Sowjets bombardiert, vor allem, um den Widerstand innerhalb der Slowakei wachzurütteln, wodurch große Teile der Altstadt zerstört werden.

Im Februar 1948 übernimmt die Kommunistische Partei durch einen Staatsstreich die Macht in der wiederauferstandenen Tschechoslowakei. Die neuen Machthaber errichten ein riesiges Netzwerk von Plattenbauten, um Platz für die Arbeiter der neu entstandenen Industrie zu bieten. Die ganze Stadt wird nach kommunistischen Vorstellungen neu designt, meist auf Kosten der alten Bausubstanz. Brutalistische Bauten werden ohne Rücksicht auf Verluste in die Höhe gerissen. Die Planung ist sichtbar chaotisch, das Straßennetz scheint völlig willkürlich angelegt zu sein, worunter Bratislava bis heute leidet. Der im Krieg zerstörte Bahnhof wird in kommunistischer Manier neu aufgebaut und gleicht eher einem Bunker (und wird nicht umsonst oft das hässlichste Gebäude der Slowakei genannt). Da Bratislava direkt an Österreich grenzt, spielt der Eiserne Vorhang natürlich auch eine wichtige Rolle in der Stadtgeschichte. Der James-Bond-Film The Living Daylights vom 1987 beschäftigt sich genau damit und setzt dem kommunistischen Bratislava ein filmisches Denkmal.

Nachdem die Tschechoslowakei Ende 1989 durch die Samtene Revolution das kommunistische Joch abschütteln hat können, halten es die zwei Geschwisterstaaten noch bis zum 1. Jänner 1993 gemeinsam aus, danach gehen sie getrennte Wege. Bratislava wird zur Hauptstadt der neu entstandenen Slowakischen Republik. Doch das Erbe des Kommunismus wiegt schwer. Die frühen 90er sind geprägt von Gewalt, Korruption, Bandenkriminalität und einem Zustand der Gesetzlosigkeit. Die im Kommunismus Großgewordenen haben gelernt, den jeweiligen Status Quo resignierend und stillschweigend hinzunehmen und vor den „starken Männern“ zu katzbuckeln. Einige wenige reagieren aber schnell, die Übergangsgewinner, die sich durch diverse kšefty (Geschäfte) eine goldene Nase verdienen, während der Rest der Bevölkerung auf der Strecke bleibt.

Vor diesem Hintergrund setzt Vivat Slovakia an. Die Entwickler möchten diese bewegte Zeit der jungen Slowakischen Republik reanimieren, in all ihren Facetten. Das Ergebnis ist ein Spiel, das so trashig und brachial ist wie die Stadt, in der es spielt.

Die wilden 90er

Die Handlung folgt Milan Trotter, einem früheren Grenzbeamten am Eisernen Vorhang und nunmehr Undercover‑Polizisten, der als Taxifahrer arbeitet, um die kriminellen Machenschaften der wilden 90er aufzudecken. Die Geschichte ist von wahren Ereignissen inspiriert und verknüpft geschickt politische Intrigen, persönliche Schicksale und das tägliche Überlebensgeschäft einer Stadt im Umbruch. „You don’t have what you don’t steal“ ist hier die Devise (die leider bis heute eine Rolle spielt).

Die offene Welt von Vivat Slovakia (die ca. 10 km² umfasst!) ist ein lebendiges Museum vom Bratislava der 90er. Jede Straße, jedes Wohnhaus und jede Bar wurde mit viel Liebe zum Detail modelliert. Man erkennt sofort die barocken Fassaden der Altstadt, das Industriegebiet am Donauufer, die brutalistischen Bauten und die aufstrebenden Geschäftsviertel. Die Verkehrsinfrastruktur spiegelt den Übergang von staatlich organisierten Transportmittel zu privaten Taxidiensten wider – alte Škoda‑Busse und Straßenbahnen teilen sich die Straßen mit den ersten importierten Kleinbussen. Alltagsszenen wie bunte Marktstände, Gespräche über Stromrationierung in Arbeiterblocks und fancy Cafés in besser gestellten Vierteln erzählen über die soziale Heterogenität dieser Zeit. Die Klangkulisse – das Dröhnen von Kränen, das Quietschen alter Straßenbahnen, Sirenen und ein Mix aus lokalem Schlager und aufkommendem Techno – verstärkt das Gefühl, wirklich durch eine Stadt zu wandern, die in eine neue Epoche umbricht.

 Trash mit Herz

Das Gameplay ist bewusst trashig: Über 50 Fahrzeuge, von rostigen Škoda‑Modellen bis zu luxuriösen BMW‑ und Porsche‑Limousinen, stehen zur Verfügung, und ein großer Teil der Story wird hinter dem Steuer verbracht. Das kann auf Dauer repetitiv wirken, doch ist dies ein bewusster Teil des Erzählrhythmus – jede Fahrt ist eine Gelegenheit, zufällige Begegnungen, Mini‑Missionen und versteckte Dialoge zu entdecken. Als Polizist darf Milan in jedes beliebige Fahrzeug einsteigen, ähnlich wie in Saboteur oder in den Mafia– und Grand Theft Auto-Spielen. Ist das Auto lädiert, so kann man es in verschiedenen Servicestationen reparieren lassen. Zivilisiertes Fahren wird encouragiert.

Apropos Mafia: Falls ihr Fans der tschechischen Mafia‑Spiele seid, werdet ihr viele Parallelen erkennen. Beide setzen auf ein narratives Gerüst, Open-World und ein Mix aus Fahrzeug‑ und Schießmechanik. Vivat Slovakia übernimmt diese Dynamik, wechselt jedoch das Setting von den amerikanischen Metropolen zu einem postkommunistischen Milieu. Das Ergebnis ist ein frischer Blickwinkel – dieselbe Mischung aus Action und Storytelling, aber mit einem völlig anderen kulturellen Hintergrund und einer einzigartigen slawischen Atmosphäre. Vivat Slovakia erzählt eine Geschichte, von der ihr vielleicht noch nicht viel wisst.

Klang, Kulisse und KI

Für Vivat Slovakia gibt es neben den originalen slowakischen Voiceovers auch englische. Das nimmt zwar etwas von der Immersion weg, macht es aber angenehmer zu spielen, solltet ihr der slowakischen Zunge nicht mächtig sein. Was mir weniger gefällt, ist die recht freizügige Zuhilfenahme von KI für Stimmen und Musik. Für ein kleines Entwicklungsteam, das sich so ein riesiges Projekt vorgenommen hat, kann ich mir das irgendwie noch gutreden, mögen tue ich es nicht besonders. Im Radio spielen KI‑generierte Tracks, die das Flair der 90er‑Jahre einfangen.

Grafisch wirkt das Spiel bewusst minimalistisch und retro – die Texturen und Beleuchtung erinnern an frühe Open‑World‑Titel wie das Original-Mafia 1. Ein großer Kritikpunkt ist, dass es schon als vollwertiges Spiel auf Steam vermarktet wird, obwohl es noch etliche Bugs gibt. Diese betreffen vor allem die Mechanik, auch kommt es zu gelegentlichen Abstürzen. Die regelmäßigen Updates zeugen jedoch davon, dass das Team das Feedback der Community ernstnimmt und aktiv an Verbesserungen arbeitet.

Fazit

Vivat Slovakia ist kein perfektes Spiel, aber es ist sicher kein Flop. Ich hab es zwar erst angespielt, da es ziemlich umfangreich ist, aber mein Eindruck ist bis jetzt eher positiv. Die Entwickler haben ein Stück ihrer Heimat, ihrer Geschichte und ihrer Leidenschaft in ein digitales Kunstwerk verwandelt, das trotz technischer Schwächen begeistern kann. Wer bereit ist, in ein ungewöhnliches Setting zu schlüpfen, die trashige Verpackung zu akzeptieren, wird belohnt mit einer Story, die unter die Haut geht, einem authentisch rekonstruierten Bratislava und einer Spielmechanik, die an klassische Mafia‑Titel erinnert.

Vivat Slovakia ist ein ungewöhnliches, schräges Open‑World‑Erlebnis, das mehr zu bieten hat, als die meisten Kritiker ihm auf den ersten Blick zugestehen wollen. Das sagt aber einer, der seine Wahlheimat trotz all ihrer rauen Kanten, die sie sicher hat, sehr liebgewonnen hat.

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Über André Savetier

André hat zwei große Passionen: Musik und Adventure-Spiele. Für erstere fehlt leider die Zeit, aber ein Spielchen zwischendurch geht sich immer aus. Ein besonderes Interesse hat unser Österreicher an Adventure-Spielen, die etwas in Vergessenheit geraten sind, oder an solchen, die kaum jemand kennt.

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One Comment on “Vivat Slovakia (Angespielt)”

  1. Das klingt echt interessant. Danke für den langen historischen Abriss zu Beginn des Artikels. Das macht das Setting für mich gleich viel greifbarer.

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