Versoftungen #8: Indiana Jones (1982-2003)

1993 – 2003: Weniger Rätseln, mehr Action!

Auch wenn es an der Filmfront nichts Neues gab: Die Versoftungen rissen nicht ab. Denn ab 1992 gab es auch wieder ordentlich Stoff in Form einer Fernsehserie (und später auch in Fernsehfilmen). In Die Abenteuer des jungen Indiana Jones schlüpfte Sean Patrick Flanery in die Titelrolle des jugendlichen Indy, was Anfang 1993 zur ersten Versoftung der Serie unter ihrem ursprünglichen Namen The Young Indiana Jones Chronicles führte. Das NES-Spiel wurde von Chris Grey Enterprises entwickelt und von Jaleco herausgebracht. Es galt als grafisch ansprechendes und herausfordendes Spiel, hinterließ aber keine großen Fußabdrücke in der Spielegeschichte. Genausowenig wie der Sega Mega Drive-Ableger Instruments of Chaos starring Young Indiana Jones von Brian A. Rice, Inc. aus dem Jahr 1994, das ebenso wie sein NES-Kollege 2D-Sidescrolling-Action bot, aber in der Presse noch schlechter wegkam.

Indiana Jones‘ Greatest Adventures (SNES, 1994), The Young Indiana Jones Chronicles (NES, 1993), Instruments of Chaos starring Young Indiana Jones (Mega Drive, 1994)

Wie man es besser macht, zeigte das deutsche Studio Factor 5, ebenfalls im Jahr 1994, mit dem Super NES-Actionspiel Indiana Jones‘ Greatest Adventures, das erstmals alle drei bis dahin veröffentlichten Filme abdeckte. In enger Zusammenarbeit mit LucasArts entstand der Peitschen-Platformer auf Basis der Engine, die kurz vorher bereits bei Super Star Wars – Return of the Jedi zum Einsatz kam. Praktischerweise wurde gleich das Han Solo-Sprite samt Animationen übernommen und zu Indy umgepinselt, schließlich steckte ja in beiden Fällen Harrison Ford dahinter. Die Sega Mega Drive-Portierung war 1995 bereits fertiggestellt, fiel aber dem Niedergang des Publishers U.S. Gold zum Opfer.

Pressespiegel: Indiana Jones‘ Greatest Adventures

„Lucas Arts haben Factor 5 scheinbar sehr genaue Vorgaben gemacht, anders kann ich mit nicht erklären, warum auch Indiana Jones deutlich die Handschrift der Star Wars-Trilogie trägt. Kenner der JVC-Module wissen somit was sie erwartet: Eine atmosphärisch dichte Umsetzung der Erfolgsserie mit dem Original Soundtrack sowie einem äußerst actionlastigen Spielprinzip. Somit gehört Indiana Jones zu der (aussterbenden) Sorte von Spielen, die nicht bereits nach wenigen Tagen im Schrank verstauben; ein potentieller Klassiker.“

Philipp Noak und Ulf Schneider in der Mega Fun 11/1994 (via kultboy.com) (Wertung: 83 %)

„Liebhaber der Kinohits dürfen sich bei Factor 5 für die thematisch korrekte Aufarbeitung bedanken. Viele bekannte Szenen wurden geschickt in spielerisch anspruchsvolle Levels umgearbeitet, die Grafiker gaben sich alle erdenkliche Mühe, farbenfrohe Hintergrundoptiken und fast schon fotorealistische Zwischenbilder zu präsentieren.“

Martin Gaksch in der Man!ac 11/1994 (via kultboy.com) (Wertung: 79 %)

Dann kam das Jahr 1996 und die nächste LucasArts-Indy-Eigenproduktion. Wer jetzt auf ein klassisches Adventure gehofft hatte, konnte sich beim Anblick von Indiana Jones and His Desktop Adventures nur erstaunt die Augen reiben: In hässlichen grauen Microsoft Windows-Fenstern stapfte eine quadratische Indy-Figur durch triste, prozedural generierte Landschaften und erlebte zufällig zusammengestellte Abenteuer, in denen sie kämpfen und Artefakte sammeln musste. Leider wurde dabei der Spielspaß vergessen. Da hilft es auch nicht, dass das Spiel als Low Budget-Titel herausgegeben wurde.

Pressespiegel:Indiana Jones and His Desktop Adventures

„Von den üblichen Qualitätsstandards, die man mit Namen wie ‚LucasArts‘ und ‚Indiana Jones‘ verbindet, ist diese schlichte Hausmannskost aber meilenweit entfernt.“

Heinrich Lenhardt in der PC Player 6/1996 (via kultboy.com) (Wertung: 2 von 5)

„Seine lange Entstehungszeit merkt man diesem Flachland-Plattformer leider nur im Schlechten an: Die magere 2D-Ruckelgrafik in 256 Farben, poplige Sound-FX und ein billiger Remix des bekannten Indy-Themes finden problemlos auf einer Diskette Platz! Dazu kommen eine erschreckend unfaire Steuerung (ausschließlich die Feinde dürfen in der Diagonalen angreifen) und ein schier lachhaftes Gameplay.“

Mick Schnelle im PC Joker  8/1996 (via kultboy.com) (Wertung: 34 Prozent)

Als dann Indiana Jones und der Turm von Babel als nächste interne LucasArts-Produktion für PCs angekündigt wurde, kam noch einmal kurz Hoffnung auf ein neues Adventure auf. Immerhin war Hal Barwood, wie schon bei Fate of Atlantis, für die Umsetzung verantwortlich und Bill Tiller, der zuvor die Hintergrundgrafiken von The Curse of Monkey Island schuf, wurde zum Chefgrafiker des Projekts ernannt. Zum Leidwesen der Fans wurde aber schnell klar, dass das letzte Indy-Spiel des 20. Jahrhunderts im Jahr 1999 wieder ein Action-Spiel werden sollte, diesmal sogar, passend zum Trend der damaligen Zeit, erstmalig in 3D.

Indiana Jones und der Turm von Babel (PC, 1999)

Immerhin gab es ein Wiedersehen mit Sophia Hapgood aus Fate of Atlantis. Zudem sollte man positiv hervorheben, dass Wolfgang Pampel, die deutsche Original-Synchronstimme von Indy, für das Spiel gewonnen werden konnte. Insgesamt kam das erste 3D-Indy-Spiel ganz gut in der Presse davon, auch wenn es viele Adventure-Fan-Herzen brach und als Tomb Raider-Klon verschrien wurde. Interessant, da sich ja offenbar Lara zunächst von Indy hat inspirieren lassen. Einer vertrauenswürdigen Quelle zufolge können sich beide Hauptfiguren übrigens ganz und gar nicht leiden.

Für die Nintendo 64-Fassung aus dem Jahr 2000 war Factor 5 zuständig, die Game Boy Color(!)-Version kam im Jahr 2001 von HotGen.

Pressespiegel: Indiana Jones und der Turm von Babel

„Mögen Adventure-Puristen meckern, dass sie zwar ein umfangreiches Inventar mit sich führen, aber nur wenige Gespräche erleben – mir gefällt Indys Sprung in die dritte Dimension besser als alle Laras und Prinzen von Persien zusammen.“

Reinhard Fischer im PC Joker 1/2000 (via kultboy.com) (Wertung: 85 %)

„Tomb Raider mit Peitsche und Hut: Ausgefeiltes 3D-Action-Adventure mit harten Rätseln und feiner Optik.“

Oliver Schultes in der Man!ac 5/2001 (via kultboy.com) (Wertung: 82 %)

Damit war klar, dass Indy wohl nur noch im Action-Genre beheimatet sein würde. Dies bewahrheitete sich auch wieder 2003, als Indiana Jones und die Legende der Kaisergruft für PC, MacOS, Playstation 2 und Xbox erschien. Die bekannten Namen sind da bereits von Bord gegangen, so dass diesmal Brad Santos als Lead Designer und Brian Horton als Lead Artist (mit einem recht großen Team) das Ruder übernehmen durften.

Das Ergebnis war durchaus ansehnlich, was unter anderem an der verbesserten Engine sowie der Fähigkeiten der Gegner lag, die sich nicht mehr ganz so unbeholfen anstellten wie im Vorgänger. Konsequenterweise sind die Rätsel nahezu komplett entfernt oder der Fokus weiter Richtung Action verschoben worden. Schöne neue Welt. (Zwei kleine Randnotizen: In der deutschen Version mussten weiterhin jegliche Nazi-Symboliken entfernt werden. Außerdem wurde nur zwischen den Levels gespeichert. Das löste… gemischte Gefühle aus.)

Pressespiegel: Indiana Jones und die Legende der Kaisergruft

„Keine Speicherfunktion bedeutet: Indy mit schweißnassen Händen und im Schneckentempo über Abgründe zu balancieren, in der Hoffnung, keinen Fehler zu machen. Keine Speicherfunktion bedeutet aber auch: Puls, der auf 180 steigt, und Monitore, die durch Fensterscheiben fliegen. Wenn Sie in den vergangenen Tagen Schreie der Verzweiflung gehört haben, das war ich beim Spielen von Indiana Jones und dieser verdammten Legende von der Kaisergruft! Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber es ist schon ein starkes Stück, dass man nach jedem Ableben wieder am Anfang des Levels starten muss. Umso schlimmer ist es, dass der neue Indy richtig viel Spaß macht. Die filmreifen, wunderbar übertriebenen Boxkämpfe, die abwechslungsreichen Abenteuerschauplätze und die auch mit Tastatur sehr ordentliche Steuerung zwingen einfach zum Weiterspielen.“

Thomas Weiß in der PC Games 5/2003 (via kultboy.com) (Wertung: 81 %)

Damit sind wir zunächst am Ende angelangt. Im zweiten Teil erfahrt ihr, was sich in den letzten zwanzig Jahren in Bezug auf Versoftungen der Indy-Marke getan hat und wie es zukünftig weitergeht.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal!

Indiana Jones und die Legende der Kaisergruft (PC, 2003)

(Dieser Beitrag erschien zuerst am 3. Februar 2024 auf GamersGlobal)

Avatar-Foto

Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

Alle Beiträge anzeigen von TheLastToKnow

One Comment on “Versoftungen #8: Indiana Jones (1982-2003)”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert