Versoftungen #1: Clever & Smart

Mortadelo y Filemón? Flip & Flap? Clever & Smart? Die beiden T.I.A.-Agenten haben viele Namen und sogar noch mehr Auftritte in Spielen. In Deutschland sind fast alle unbekannt – bis zu diesem Artikel!

Am 15. Juli 2023 verstarb der spanische Autor und Comiczeichner Francisco Ibáñez im Alter von 87 Jahren. Seine wohl bekannteste Kreation dürfte das Comic-Agenten-Duo Mortadelo y Filemón sein, in Deutschland vor allem bekannt als Clever & Smart. Schon 1958 erschienen die ersten Mortadelo y Filemón-Comics in einer wöchentlichen spanischen Zeitschrift, in Deutschland kamen die ersten Clever & Smart-Alben 1972 auf den Markt. Und was hat es mit Flip & Flap auf sich? So hießen die beiden Protagonisten, als sie von 1975 bis 1981 regelmäßig in den Felix-Comics auftraten. Die Reihe hat es bisher auf stolze 220 Bände gebracht, zuzüglich einigen Sonderausgaben und Kurzgeschichten.

In den Geschichten erleben T.I.A. (Trans-Internationaler Agentenring)-Agent Fred Clever (Mortadelo/Flip) und sein Kollege Jeff Smart (Filemón pi/Flap) viele kuriose Abenteuer und stolpern von einer absurden Situation in die nächste. Ihre Aufträge erhalten sie meist von ihrem cholerischen Boss Mister L, der sie auf meist abstruse Missionen schickt. “Unterstützung” bekommen Sie von Dr. Bakterius und seinen halsbrecherischen Erfindungen, sowie von den Sekretärinnen Fräulein Ophelia und Fräulein Tussy.

Seit 1987 ist auch eine stattliche Anzahl an Computerspiel-Umsetzungen der Comic-Serie erschienen, die ich euch in diesem Artikel einmal vorstellen möchte.

1987 – 1989: Erste Gehversuche

Nicht ausschließlich, aber vor allem in den 1980er Jahren war das Agenten-Duo besonders in Deutschland beliebt. Und so war es ein deutsches Studio, das das erste Clever & Smart-Spiel auf die Welt brachte. Um zu erklären, wie es dazu kam, müssen wir ein wenig in die deutsche Spiele-Geschichte der 1980er zurückreisen.

Damals, man mag es heute kaum noch glauben, war die NRW-Großstadt Gütersloh DIE deutsche Videospiele-Hochburg.  Neben dem dort ansässigen Publisher Ariolasoft und den Studios Thalion und später auch Ascaron interessiert uns aber in diesem Zusammenhang vor allem die Firma Micro-Partner (gegründet 1986) und ihr Label Magic Bytes (1987). Dahinter steckte (unter anderem) Thomas Meiertoberens, der bereits 1984, ebenfalls in Gütersloh, die Firma Rainbow Arts gründete.

Meiertoberens gelang es, sich die Videospiel-Lizenzen für Clever & Smart, Pink Panther und Tom & Jerry zu sichern. So war Clever & Smart – In geheimer Mission (oder wie andere Quellen sagen, einfach nur Clever & Smart) im Jahr 1987 neben Western Games eines der Debüt-Spiele für Micro-Partner und Magic Bytes. Es wurden drei Sprachversionen entwickelt (Deutsch, Englisch und Französisch), später ließ der spanische Distributor Dro Soft das Spiel für den dortigen heimischen Markt auch auf Spanisch übersetzen. Es erschien zunächst für C64, Atari ST und CPC, ein Jahr später auch für Amiga und Spectrum.

Die Hintergrundgeschichte:  Der Wissenschaftler Professor Bakterius wurde von der O.M.A. (Organisation Machthungriger Agenten) entführt. Euer Boss Mister L schickt euch in Gestalt von Fred Clever und Jeff Smart los, um ihn zu finden und zu befreien. Das Spielprinzip lässt sich unter der Kategorie “Action-Adventure” einsortieren, scheint aber nicht besonders gut gelungen zu sein. Ihr bewegt euch auf einer Stadtkarte oder in der Kanalisation, spielt seltsame Minispiele und müsst nebenbei auch noch Geld sammeln. Damit dürft ihr dann Verkleidungen oder andere Gegenstände kaufen.

Pressespiegel: Clever & Smart

In der Power Play 2/1987 (via kultboy.com) waren sich Heinrich Lenhardt und Boris Schneider einig und blickten im Test den Leser mit ihren “Na ja”-Gesichtern an. Die C64-Version wurde mit 3,5 von 10 Punkten und die Atari-ST-Version mit 4 von 10 Punkten abgestraft.

In der ASM 1/1988 (via kultboy.com) inspirierte das Spiel zwei Redakteure zu “Ein Spiel – zwei Meinungen” und somit auch zu zwei Wertungen.  Torsten Blum fühlte sich offenbar persönlich vom Spiel beleidigt und vergab 0 von 12 Punkten. In der Kategorie “Motivation” ließ er sich sogar dazu hinreißen, eine “-1” einzutragen. Sein Kollege und mutmaßlicher Clever & Smart-Fanboy Torsten Oppermann hingegen war begeistert und verpasste dem Spiel 11 von 12 Punkte. Kurios!

Das britische Zzap!-Magazin 2/1988 (via zapp64.co.uk) attestierte der C64-Version Primitivität und machte sich über die Überbleibsel von nicht übersetzten deutschen Worten lustig. Das Fazit “Es ist einfach schlecht produzierter Müll” und die Wertung von 24 Prozent sprechen eine deutliche Sprache…

Da waren die Tester von Your Sinclair Magazine 2/1988 (via archive.org) mit 5 von 10 vergebenen Punkten noch recht gnädig. Dass der Original-Comic aus Spanien stammte, ist den Schreibern allerdings entgangen:

“Ein verrücktes Arcade-Abenteuer, das auf einem deutschen Cartoon-Strip basiert. Interessanter Ansatz, aber enttäuschend umgesetzt. Wirklich schade.”

Your Sinclair Magazine 2/1988 (via archive.org) (Wertung: 5 von 10)

Das Spiel blieb zwar weit hinter seinen Erwartungen zurück, nichtsdestotrotz traute sich 1989 ein anderes Studio daran, einen Nachfolger zum ersten Teil für CPC, Spectrum, MSX und PC zu veröffentlichen. Mortadelo y Filemón 2 – Safari callejero (“Straßensafari”) wurde vom spanischen Studio Animagic erstellt und wiederum von Dro Soft vertrieben. Diesmal beschränkte man sich allerdings ausschließlich auf den spanischen Markt.

Immerhin bestand die Hintergrundgeschichte aus etwas mehr als “Entführte Person befreien”: Wie so oft ist ein Experiment von Doktor Bakterius schiefgelaufen! Als Konsequenz wurden das T.I.A.-Büro und die Umgebung von wildgewordenen radioaktiven Hühnern überrannt, die zu allem Überfluss auch noch überall ihre Eier legten. Eure Aufgabe besteht zunächst darin, diese Hühner samt Eiern wieder loszuwerden. Danach macht ihr noch einen Abstecher in die Stadt und nutzt vor allem die Verkleidungskünste von Fred Clever.

Das Gameplay ist diesmal offenbar etwas gelungener als beim Vorgänger, allerdings stieß das Spiel auf weniger Beachtung, da es nur in Spanien vertrieben wurde.

Pressespiegel: Safari callejero

Die zeitgenössische deutsche Presse hat das Spiel weitgehend ignoriert, aber die Webseite CPC Game Reviews vergab aufgrund des stärkeren zweiten Abschnitts des Spiels immerhin eine 6 von 10 Punkten:

“Der erste Teil ist langweilig und langwierig und findet in völliger Stille statt, aber der zweite Teil ist viel besser, mit einer wunderschönen, farbenfrohen Grafik, einer wirklich angenehmen Melodie und einem unterhaltsamen Gameplay.”

CPC Game Reviews (Wertung: 6 von 10)
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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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