Titanium Court

In Titanium Court werdet ihr unverhofft zur Königin eines Feenhofs und müsst euch in einem wilden Genre‑Mix durch einen eskalierenden Krieg schlagen.

Vor ein paar Wochen bin ich zufällig über Titanium Court gestolpert. Das neueste Werk von Solo‑Entwickler AP Thomson hat mich wegen seiner ungewöhnliche Optik, dem eigenwilligen Gameplay und seiner surrealen Geschichte sofort fasziniert. In diesem Artikel versuche ich zu erklären, was Titanium Court besonders macht und ob es ein Spiel sein könnte, das auch euch anspricht.

Worum geht es?

Der Titanium Court ist eine Art wandernder Hofstaat, bevölkert von Feen, die äußerlich erstaunlich menschlich wirken (vielleicht mal abgesehen von ihrer Hautfarbe, die je nach Figur irgendwo zwischen Pastell und Neon liegt). Kaum taucht ihr dort auf, erklären sie euch ohne großes Zögern zu ihrer neuen Königin. Wie ihr überhaupt in dieser Welt gelandet seid, weiß niemand so genau, und eigentlich wollt ihr nur wieder nach Hause. Mangels Alternativen folgt ihr aber erst einmal dem, was eure neuen Untertanen für eine gute Idee halten.

Die Geschichte bewegt sich irgendwo zwischen Märchenanleihen (es gibt schließlich neben Feen noch eine Menge anderer Fantasiegestalten), Bürokratie‑Satire und bewusst surrealem Chaos. Das Spiel lässt euch zu Beginn absichtlich im Dunkeln stehen und erwartet, dass ihr euch über Gespräche mit eurem Feenvolk selbst zusammenpuzzelt, was hier eigentlich passiert – oder zumindest, was die Figuren glauben, was passiert.

Die englischen Texte (eine deutsche Übersetzung gibt es nicht) haben einen unverwechselbaren Stil: leicht verschroben, oft widersprüchlich, manchmal ausschweifend und meist mit einem augenzwinkernden Unterton. Der Humor ist oft subtil, tritt aber an manchen Stellen, die euch hier aber nicht spoilern möchte, stark in den Vordergrund. Obwohl es eigentlich ein sehr mechanisches Spiel ist (dazu kommen wir jetzt), wird viel Wert auf die Erzählung gelegt. Oder anders gesagt: Es gibt viel zu Lesen (und keine Sprachausgabe).

Wie spielt es sich?

Das Gameplay besteht aus einem seltsamen, aber erstaunlich gut funktionierendem Mix aus Match‑3-Mechanik, taktischer Kampfplanung und Roguelite‑Unterbau. Das mag willkürlich zusammengewürfelt klingen, passt aber nach kurzer Eingewöhnungszeit erstaunlich gut zusammen.

In der Match-3-Phase („High Tide“) sammelt ihr Ressourcen auf dem Schlachtfeld, indem ihr Geländefelder wie Wälder oder Flüsse in eine Reihe von mindestens drei gleichen Symbolen bringt. Diese geben euch dann die dazu passenden Rohstoffe wie Holz oder Wasser, mit denen ihr in der darauffolgenden Phase („Low Tide“) Dinge einkauft, die euch im Krieg gegen den Feind helfen. Dazu gehören zum Beispiel unterschiedliche Feen-Einheiten, die defensiv, offensiv oder zum Sammeln weiterer Ressourcen eingesetzt werden können. Im Laufe der Zeit kommen weitere Elemente dazu, die euch im Kampf helfen können, etwa bestimmte Gebäude oder Zaubersprüche. Danach lasst ihr eure Einheiten los und beobachtet wie in einem Tower-Defense-Spiel den automatischen Kampf zwischen eurer Armee und der des Feindes. Solltet ihr die Schlacht gewinnen, wählt ihr auf eine Übersichtskarte aus, wo der Krieg fortgesetzt werden soll – bis ihr schließlich einem Boss begegnet.

Euer Titanium Court befindet sich ebenfalls immer auf dem Schlachtfeld und sollte immer beschützt werden. Dazu gibt es verschiedene Strategien: Ihr könnt beispielsweise versuchen, euren Hof möglichst gut auf der Karte zu platzieren, damit die Gegner ihn nicht erreichen können oder defensive Einheiten und Gebäude einsetzen. Ist der Titanium Court einmal zerstört, ist der Run beendet – und ihr wacht wieder in eurem Hof auf. In den meisten Fällen bringt euch aber auch ein gescheiterter Run etwas, zum Beispiel in Form von kleinen Boni, die ihr zum Beginn des nächsten Runs ausrüsten könnt.

Tatsächlich ist die Spielmechanik noch vielschichtiger, als hier dargestellt, aber die Grundidee solltet ihr damit verstanden haben. Das Spiel führt nach und nach immer weitere Elemente ein, die es euch durch seine humorvoll geschriebenen Texte näherbringen möchte. Zwischen den Runs, also wenn ihr gerade mal nicht kämpft, erkundet ihr den Titanium Court, der einige Geheimnisse zu bieten hat. Vor allem die Gespräche mit euren Feen sind aus unterschiedlichen Gründen wichtig. Manchmal erhaltet ihr Boni oder neue Spielmechaniken, manchmal neue Story-Schnipsel und manchmal auch „nur“ absurd-komische Dialogzeilen.

Die Screenshots verraten es bereits: Der Grafikstil setzt deutlich auf eine Retro-Low-Fi-Variante mit knalligen Neonfarben, groben Pixeln und starken Kontrasten. Die Musik schwankt zwischen Gitarren-Folk-Sound und dudeliger Musik, die mich irgendwie an eine Drehorgel erinnert. Eine mutige Entscheidung, die zwar eigenwillig, aber auch durchdacht und abgestimmt wirkt.

Fazit

Titanium Court hat mir einige Stunden wirklich Spaß gemacht, hauptsächlich wegen des Match-3-Gameplays und den darauffolgenden Card-Battler-meets-Tower-Defense-Kämpfen. Mit der abgefahrenen Präsentation bin ich ebenfalls sehr einverstanden – sie ist auf jeden Fall einmal etwas anderes. Die ausschweifenden Gespräche mit den Feen, die leider zwischendurch Visual-Novel-artige Züge annehmen, waren mir mit der Zeit aber zu schwafelig, auch wenn sie alles andere als schlecht geschrieben sind. Hinzu kommt die Roguelite-Mechanik, die mich in Kombination mit den Textmassen irgendwann aus dem Spiel geworfen hat – so langsam bin ich dieser Art von Spiel überdrüssig. Dennoch bereue ich keine Sekunde, die ich in das Spiel gesteckt habe und freue mich immer wieder, solche besonderen Spiele entdecken zu können.

Für ca. 12,50 Euro könnt ihr auf GOG oder Steam selbst einmal zur Match-3-Feenkönigin werden.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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