The Supper: New Blood

Rache ist Blutwurst! So dachte schon die alte Dame Ms. Appleton, als sie diverse Bösewichte in ihrem Gasthaus zu Fleischbrei verarbeitete. Jetzt ist es an der Zeit, dass ihr Enkel Stewie in ihre kulinarischen Fußstapfen tritt…

Die Spiele von Octavi Navarro faszinieren mich schon seit mehreren Jahren. Zu seinen bekanntesten Werken gehört, mal abgesehen von seiner Tätigkeit als Grafiker für Thimbleweed Park, die Point-and-Click-Horror-Reihe Midnight Scenes. Ebenfalls im Horror-Genre angesiedelt war das kurze Freeware-Adventure The Supper aus dem Jahr 2020, fünf Jahre später folgt mit The Supper: New Blood nun der direkte Nachfolger. Mittlerweile wird der Spanier von Susanna Granell unterstützt, mit der er das Studio White Blanket Games gegründet hat.

Die Welt ist grausam und gemein

Im Vorgänger durftet ihr noch die Rache von Ms. Appleton an ihren Peinigern mitgestalten, im Nachfolger werdet ihr mit ihrem Enkel Stewie zum Rächer. Die Taten seiner Oma, die drei Bösewichte in ihrem Gasthaus mit vergifteten Mahlzeiten von der Speisekarte des Lebens strich, wurden allerdings in der Öffentlichkeit als das Werk einer bösen alten Lady dargestellt und die Motive dabei komplett unterschlagen. Doch das ist nicht die einzige Ungerechtigkeit, unter der Stewie zu leiden hatte. Ein besonders einschneidendes Ereignis dürft ihr im Prolog selbst erleben: In einem Freizeitpark wird Stewie von einem „Vampir“ verschleppt und jahrelang gefangen gehalten.

Einige Zeit nach seiner Befreiung durch einen Polizisten, auf den wir gleich noch einmal zurückkommen, lebt er als Erbe des „Twin Sisters“-Motels zurückgezogen außerhalb der Stadt und verdient seine Brötchen als Vermieter dieser heruntergekommenen Unterkunft. Die Ähnlichkeit zum „Bates Motel“ aus Psycho wird noch offensichtlicher, wenn wir Stewie im „Dialog“ mit seiner „Oma“ (einer Strohpuppe im Oma-Gewand) beobachten dürfen. Noch klarer wird der Bezug zum filmischen Vorbild, wenn das Morden beginnt, doch dazu später mehr.

Besagter Polizist entpuppt sich für Stewie leider nicht als selbstloser Retter, sondern eher als gemeiner Erpresser. Seit seiner Befreiung verlangt der skrupellose „Gesetzeshüter“ eine Art Schutzgeld von Stewie, doch der ist derzeit knapp bei Kasse. Innerhalb weniger Tage soll Stewie nun die geforderten Kröten zusammenkratzen, sonst gäbe es unerwünschte Konsequenzen. Was für ein Glück, dass in dem Moment ein Bus mit einem größeren technischen Defekt vor dem Motel strandet und mehrere Gäste in die wenigen Zimmer und ein paar Scheine in sein Sparschwein spült.

Wie man (für?) Menschen kocht

Wie schon Oma Appleton hat auch Stewie einen kleinen Begleiter (in seinem Kopf ?), den offenbar nur er sehen kann. In seinem Fall ist dies ein sprechender Rabe, der ihm „gute“ Ratschläge erteilt und ihn bei seinen Lebensentscheidungen unterstützt. Und jetzt hat Stewie entschieden: Er lässt sich nicht mehr unterkriegen! Nein, er will dafür sorgen, dass die gemeinen Tyrannen, die ihm immer das Leben schwer gemacht haben, als Zutat für ein gemeinsames Abendessen mit seiner Oma enden.

Bevor er sich allerdings mit dem fiesen Polizisten abgibt, möchte er sich zunächst um seine neuen Gäste kümmern. Die haben nämlich schon beim Einchecken den Eindruck gemacht, dass jeder einzelne von ihnen Dreck am Stecken hat. Sein Plan: Mit einem selbstgebrauten Wahrheitsserum werden ihnen nach und nach ihre dunklen Geheimnisse entlockt, woraufhin er sie als Richter und Henker, je nach Schwere des Vergehens, zum Tode verurteilt und zu Hackfleisch (oder anderen Mahlzeiten) verarbeitet.

Ihr merkt bereits: New Blood hat einen deutlichen schwarzhumorigen Anstrich und scheut auch nicht vor expliziter Gewalt und makabren Todesszenen zurück. Die Grenzen des guten Geschmacks werden hier mehrfach genüsslich überschritten, daher sind die Spielinhalte sicherlich nicht für jedermann geeignet. Es bleibt aber auch nicht verborgen, dass in New Blood so ziemlich alles absichtlich überzeichnet ist, so dass eine gewisse Distanz zur grausamen Handlung gewahrt werden kann.

Benutze Messer mit Gehirn

New Blood ist ein bunter Eintopf verschiedener Spielelemente, die jeweils aber zumeist nur an der Oberfläche des Möglichen kratzen. Gleich zu Beginn wird euch die „Kochmechanik“ beigebracht: Wählt die Zutaten in der richtigen Reihenfolge, die euch zudem auch noch vorgesagt wird, aus und bestreitet dann einen kleinen Reaktionstest. Ihr kennt das: ein Strich bewegt sich in einem Balken von links nach rechts und wieder zurück, und ihr müsst ihn möglichst in der Mitte per Mausklick anhalten. Schafft ihr das nicht, ist euer Rezept versaut. Immerhin könnt ihr in den Optionen die Geschwindigkeit des „Koch-Strichs“ verlangsamen, aber insgesamt hat mir dieses Element nicht besonders viel gegeben.

Auch die „Detektivspiel-Mechanik“, mit der ihr bereits vom Spiel markierte Merkmale eurer Motel-Gäste anklickt, und die dann automatisch Schlussfolgerungen in euer Notizbuch einträgt, ist nett gedacht, bietet aber leider überhaupt keine Herausforderung. Mehr als Durchklicken der Hotspots ist hier leider nicht zu finden. Zudem wird die Andeutung, dass ihr hier durch eure Leistungen Geld sammeln könnt, um den Polizisten am Ende der Woche zufriedenstellen zu können, im Spiel nicht weiter verfolgt.

Aber wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch sowieso lieber eine nette Geschichte mit Point-and-Click-Adventure-Mechaniken erleben, richtig? Diese Zutat nimmt zum Glück den größten Teil des Spiele-Rezepts ein. Die Handlung streckt sich über mehrere Tage, an denen ihr jeweils Zutaten sammeln müsst, um eure menschlichen Opfer in eine schmackhafte Mahlzeit verarbeiten zu können. Dabei kommen Adventure-typische Rätsel zum Tragen, allerdings in einer etwas abgespeckten Form. Das Inventar hat nur drei Plätze, und auch die Hotspots an den Locations sind schnell abgesucht. Insgesamt fühlt sich das ganze ein wenig wie „auf Schienen“ an, aber auf komplexe Rätselstrukturen legt New Blood, genau wie seine Vorgängerspiele, keinen Wert.

Ihr besucht neben eurem Haus und dem Motel auch die nähere Umgebung wie beispielsweise das Städtchen, den Friedhof oder das Autokino – wohin ihr genau gehen müsst, verrät euch die Tageszeitung, die somit auch als Hilfesystem dient. Die überdrehte Comicgrafik passt sehr gut zum Thema und sieht dabei noch wirklich gut aus. Auch am Soundtrack gibt es nicht zu meckern, auf eine Sprachausgabe sowie auf deutsche Text müsst ihr hier allerdings verzichten.

Fazit

Ich fand es schön, dass The Supper: New Blood deutlich mehr Spielzeit aufweist, als ich es von White Blanket Games gewohnt war – drei bis vier Stunden dürften es wohl locker gewesen sein. Mindestens genauso schön fand ich wieder die Grafik, dies ist ganz klar die Spezialität von Navarro.

Im Vorgänger fand ich auch die „Kochmechanik“ als Gag noch ganz witzig, hier hätte ich aber gut auf sie (und andere Adventure-fremde Elemente) verzichten können. Gestört hat mich das allerdings auch nicht besonders, da ja die Geschichte und die (gewohnt leichten) Adventure-Passagen den Großteil des Spiels eingenommen haben.

Der makabre Humor war mir stellenweise etwas zu überzeichnet und einen Serienkiller, der zugegebenermaßen auch sympathische Seiten hat, als Protagonisten in einem längeren Spiel zu wählen, halte ich für durchaus gewagt. Am meisten Spaß hatte ich beim Suchen der Zutaten, also in den Passagen, in denen das Spiel seinen Fokus mehr auf das Rätseln gelegt hat. Unglücklich finde ich, dass es nur einen automatischen Spielstand gibt und dass die Gespräche nicht übersprungen werden können. Ich hätte gerne ein wenig mit meinen Entscheidungen im Spiel herumexperimentiert, aber so war mir das zu mühsam.

Wenn ihr noch unsicher seid, ob The Supper: New Blood etwas für euch ist, solltet ihr euch am besten einmal den kostenlosen Vorgänger, den ihr als Snack in der Mittagspause verputzen könnt, ansehen. So bekommt ihr einen Vorgeschmack auf den schwarzen Humor. Wenn euer Appetit angeregt wurde, könnt ihr euch den Nachfolger ab sofort auf Steam für unter 10 Euro einverleiben.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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