The Run

Seit nun rund 13 Jahren werden iOS, Android sowie der PC mit einem Genre beglückt, das eigentlich in die 90er Jahre verbannt gehört: FMV-Spiele. Wer sich auf Steam unter dem FMV-Tag umschaut, kann durchaus in ein ziemlich großes Rabbit Hole eintauchen, mit all den asiatischen Dating-Sims sowie westlichen Thriller- und Horror-Titeln. Es gibt dort durchaus auch ein paar sehr nette Produktionen, wie das japanische Horror-Zeitreise-Spiel Death Come True. Vor allem wird das Genre jedoch durch zahlreiche B-Movie-Produktionen bevölkert. Kein Wunder: Es ist durch den fehlenden Direct-to-DVD-Markt und die Aufteilung des Filmmarktes in den Händen einer Handvoll Streaming-Anbieter äußerst schwer geworden, Indie-Filme zu veröffentlichen. Daher scheint dieses Genre offenbar eine Alternative zu sein.

Zu zweit rennt es sich leichter

Daher überrascht es nicht, dass Regisseur Paul Raschid, der auch das Drehbuch schrieb, bereits einige FMV-Titel wie The Complex, Five Dates oder The Gallery umgesetzt hat. In seinem neuesten Werk geht es um die Fitness-Influencerin Zanna Hendricks (gespielt von Game of Thrones-Star Roxanne McKee), die es nach Norditalien verschlagen hat. Dort soll es eine besonders schöne Jogging-Route geben, ideale Bilder also für ihre Videos. Natürlich verbringt sie die erste Nacht nicht allein, sondern gönnt sich einen mäßigen One-Night-Stand mit dem ehemaligen Soldaten Matteo, (George Blagden, bekannt unter anderem aus Vikings und Versailles). Kurz darauf fängt sie an, die Route zu joggen, und lernt einige Menschen aus dem Ort kennen, die zum Teil sehr ablehnend auf Ausländer reagieren.

Schon bald trachten ihr Killer in Totenkopfmasken nach dem Leben. Warum, wird zuerst nicht erklärt. Es beginnt eine übliche B-Movie-Jagd um Leben und Tod, in der sie Matteo erneut begegnet. Dieser vermisst seine Mutter, und gemeinsam versuchen sie nun, sich durch den Wald auf den Weg zum Dorf zu schlagen. Achtung: Der folgende Text enthält Spoiler zum Ende. Sofern das für diese dünne Story überhaupt möglich ist.

Gameplay ist praktisch nicht existent. Es gibt keine Rätsel, keine freie Erkundung und auch keine interaktiven Gespräche. Ihr könnt wie in einem Choose-Your-Path-Adventure an bestimmten Stellen lediglich auswählen, ob Zanna den rechten oder linken Weg nimmt oder ob sie sich den Figuren der Geschichte gegenüber nett oder bösartig verhält. Zahlreiche Entscheidungen werden dabei mit dem Tod der Figur quittiert. Echte Interaktivität kommt auf diese Weise zu keiner Zeit auf. Auch die Geschichte bleibt wenig erwähnenswert. Am Ende stellt sich heraus, dass Zanna und Matteo die ganze Zeit bereits tot sind und die Flucht vor den Mördern einen Test darstellt, der darüber entscheiden soll, ob beide (oder eine/r von beiden) in den Himmel oder in die Hölle kommen.

B-Movies müssen keine besonders tiefgründige Handlung haben, wenn sie unterhaltsam umgesetzt sind. Wer den Cop-Buddy-Film First Shift von Altmeister Uwe Boll gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Als er seine Stars Gino Anthony Pesi und Kristen Renton am Set beobachtete, fiel ihm auf, dass sich beide extrem gut verstanden und eine eigene Chemie miteinander hatten. Er traf die richtige Entscheidung und ließ viele gemeinsame Szenen von beiden frei improvisieren. Daraus entstand eine Spielfreude, die sich auf den Zuschauer überträgt und mitverantwortlich dafür war, dass First Shift in den USA zum Streaming-Hit avancierte. Über 20 Wochen lang hielt sich der äußerst niedrig budgetierte Film in den Top-Listen von Showtime und Paramount+. Zwei Nachfolger befinden sich bereits in der Postproduktion. Ernsthaft: Wer mal wieder einen Film sehen möchte, bei dem die Schauspieler erkennbar viel Spaß am Set hatten, sollte sich First Shift geben.

Genau diese Chemie können Roxanne und George in The Run jedoch zu keiner Zeit aufbauen, da das Drehbuch immer wieder einen weiteren maskierten Killer aus dem Gebüsch hervorspringen lässt. So entstehen keine tiefergehenden Dialogszenen und beide Figuren bleiben in ihren vordefinierten Schablonen gefangen. Das Drehbuch gibt den Schauspielern schlicht keinen Raum, ihren Figuren etwas Eigenes hinzuzufügen, sodass sie mir als Zuschauer über die gesamte Laufzeit egal bleiben. Spätestens ab der Hälfte stellte sich bei mir spürbare Langeweile ein.

Auch handwerklich macht The Run keine gute Figur. Die Actionszenen sind langweilig inszeniert und trotz der vielen Außendrehs kommt bei mir keine echte Atmosphäre auf. Das Maskenbild der Wunden wirkt ebenfalls sehr amateurhaft. Ohne Vorwissen hätte ich glatt vermutet, hier eine Tatort-Produktion zu sehen. Gemeint wäre natürlich keine etwas teurer produzierte Folge des reichen WDR, sondern ein sparsam umgesetzter Film des HR.

Das Handwerk des Films ist leider nur unterdurchschnittlich.

Fazit

Finger weg! Selbst für einen FMV-Titel steckt hier keinerlei Spiel drin. Es handelt sich lediglich um eine Aneinanderreihung von Filmszenen, die durch willkürliche Entscheidungen des Zuschauers entsprechend ausgetauscht werden. Auch wenn die beiden Hauptdarsteller Roxanne McKee und George Bladgen ihr Möglichstes tun, gibt das gehetzte Drehbuch beiden Schauspielern keine Chance, ihre Rollen auszufüllen und eine Beziehung zum Zuschauer aufzubauen. Das unterdurchschnittliche Handwerk auf dem Niveau deutscher Fernsehkrimis sorgt zudem dafür, dass es keine interessanten Schauwerte gibt.

Ach ja, die „traumatische Vergangenheit“ aus der Produktbeschreibung habe ich noch gar nicht verraten: Zanna hatte bei einem Wettlauf als Jugendliche einer anderen Läuferin nach deren Sturz nicht aufgeholfen, sie ist einfach weitergelaufen und hat sich den Sieg geholt. Auf diesem erzählerischen ChatGPT-Niveau ist das gesamte Drehbuch angesiedelt.

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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3 Comments on “The Run”

  1. OK, man sieht im Urlaub – wo sie ja scheinbar einen „sicheren“ Rückzugsort hat – ein paar maskierte Typen in den Wäldern und meint dann man sollte in fremde Häuser bzw alte Burgen einsteigen statt einfach zurück zum Rückzugsort rennen? Da hätte man doch echt das normale „Auto kaputt in Walachei“ bemühen sollen.

  2. Ich finde ja schon irgendwie spannend, das FMVs auf Mobilgeräten ein scheinbar einigermaßen erfolgreicher Markt ist.

    Wobei ja gerade in asiatischen Märkten Visual Novels beliebt sind und zumindest nicht soooo weit entfernt von FMVs sind, wenn man mal die Gameplayärmeren Kandidaten als Vergleich nimmt.

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