The Occultist

Als Okkultist ist Alan Rebels an Übernatürliches gewöhnt. Doch die Suche nach seinem Vater auf Godstone Island konfrontiert ihn mit Dingen, die selbst ihn aus der Fassung bringen.

Daedalic Entertainment aus Hamburg hat ja bekanntlich eine lange Adventure-Vergangenheit, sowohl als Entwickler als auch als Publisher. Im Falle von The Occultist bleiben sie (zumindest im stark erweiterten Sinne) dem Genre treu – sie selbst sprechen von einem Horror-Action-Adventure. Das spanische Studio DALOAR liefert hier sein Erstlingswerk ab und legt dabei den Fokus auf die Atmosphäre, audiovisuelle Qualität und ein Gameplay-Gimmick: das Pendel.

Wir haben uns auf der PlayStation 5 durch Godstone Island gerätselt, gegruselt und gelegentlich gefragt, warum wir das hier eigentlich machen. TheLastToKnow wurde dabei von Dythlind begleitet – ihren Meinungskasten findet ihr am Ende dieses Berichts!

Sohn sucht Vater

Das Spiel wirft euch direkt in die Handlung – wie und warum der Protagonist Alan Rebels den Okkultisten-Beruf erwählt hat, wird nicht verraten. Zumindest ist eure Aufgabe klar: Euer Vater wird vermisst und ihr müsst ihn suchen. Die Spuren führen auf eine offenbar seit langer Zeit verlassene Insel namens Godstone Island, von der euer Vater ursprünglich stammt. Ihr selbst wisst so gut wie nichts darüber und habt jetzt nebenbei die Gelegenheit, mehr über eure Wurzeln zu erfahren.

Im Laufe der Geschichte wird klar, warum keine Menschenseele mehr Interesse hat, die Insel zu betreten. Offenbar hat hier in den 1950ern ein Kult sein Unwesen getrieben und dafür gesorgt, dass ein Fluch auf der Insel liegt. Natürlich dauert es nicht lange, bis ihr geisterhafte Wesen und andere paranormale Dinge entdeckt. „Entdecken“ ist auch ein gutes Stichwort, denn den Großteil des Spiels erkundet ihr wie in einem First-Person-Adventure die Insel. Die Besonderheit dabei ist euer Pendel, das sich beim Aufspüren von Übernatürlichem als äußerst praktisch herausstellt.

Eure Reise über die Insel führt euch zu typischen Horror-Locations. Waisenhaus? Zirkus? Altes Herrenhaus? Tempel? Friedhof? Alles drin in der „Geisterbahn“.

Pendel dir einen

Das besagte Pendel verleiht euch verschiedene Kräfte, die ihr im Laufe des Spiels freischaltet. Ihr startet mit der Fähigkeit, verborgene Dinge erkennbar zu machen. Manchmal materialisieren sich so Gegenstände vor euren Augen, manchmal findet ihr Hinweise, die ihr für die vielfältigen Rätsel des Spiels benötigt. Als nächstes lernt ihr, die Zeit zu manipulieren. Damit könnt ihr an vorgegebenen Stellen ein wenig vor- oder zurückspulen, um so beispielsweise zerbrochene Gegenstände in ihren vorherigen Zustand zurückzuversetzen. Danach folgt das Herbeirufen eine Krähe, die ihr an (für euch) unerreichbare Stellen navigieren könnt, um dort Gegenstände einzusammeln oder Schalter auszulösen. Und zuletzt erhaltet die Macht, kleinere Rattenrudel zu befehligen – dies wird allerdings im Vergleich zu den anderen Kräften deutlich weniger im Spiel eingesetzt. Eine Art „fünfte Kraft“ gibt es auch noch – wenn ihr per Knopfdruck eure linke Hand hebt, könnt ihr euren Gesundheitszustand erkennen.

Damit gelingt es The Occultist, Abwechslung in die Lösung der Rätsel zu bringen. Diese sind allerdings meist gewöhnliche Survival-Horror-Kost wie sie auch aus den bekanntesten Vertretern des Genres, Silent Hill oder Resident Evil, stammen könnte. Allerdings passt The Occultist nicht ganz in diese Kategorie, da es hier keine Kämpfe gibt. Bei den meisten Gegnern sucht ihr euer Heil in der Flucht – es gibt nur wenige kampfähnliche Situationen, in denen ihr größere Feinde überlisten müsst, um sie zu besiegen. Es gibt auch Stellen, an denen euch übermächtige Bösewichte verfolgen (Mr. X lässt grüßen), aber diese lassen sich meist problemlos meistern. Solltet ihr tatsächlich einmal von einem übernatürlichen Wesen erwischt werden und dabei Schaden erleiden, reicht es ein paar Augenblicke zu warten – und schon seid ihr wieder geheilt. Oft hilft auch, um die Gegner „herumzuschleichen“, wobei das meist trivial einfach ist. Und selbst der Tod ist kein großes Problem, da die automatischen Checkpoints äußerst fair gesetzt sind. Ein Verlust eures Spielfortschritts ist also nicht zu befürchten.

Generell ist der Schwierigkeitsgrad eher niedrig angesiedelt, vor allem für erfahrene Adventure- und/oder Survival-Horror-Rätsler. Dazu trägt auch bei, dass Alan brav alle gesammelten Hinweise in sein Tagebuch schreibt, was somit zu einem unverzichtbaren Komfort-Hilfsmittel für die Rätsellösungen wird. Wenn es einmal hakt, liegt es zumeist an übersehenen Hotspots oder Durchgängen und nicht an übermäßig knackigen Kopfnüssen oder besonders schwierigen Gegnern.

Die Steuerung funktioniert mit dem Gamepad unspektakulär, aber zuverlässig. Die Standard‑Belegung ist klassisch: Rennen, Ducken, Interagieren, Inventar und Tagebuch liegen dort, wo man sie erwartet. Ergänzt wird das Ganze durch die Pendel‑Kräfte, die wie Waffen in einem Ego‑Shooter auf dem Steuerkreuz liegen und sich schnell durchschalten lassen. Dinge wie Verstecken, Schleichen und Öffnen von Türen sind bewusst simpel gehalten und behindern somit den Spielfluss nicht.

Ich schaudere, ich schaudere

The Occultist erzeugt seine Stimmung vor allem durch seine atmosphärisch inszenierten Locations und das sehr präzise abgestimmte Sounddesign. Die Ego‑Perspektive, die bewusst nebelverhangenen Außenbereiche und die oft dunklen Innenräume sorgen für einen Grusel, der hauptsächlich aus der Umgebung entsteht – sofern man dafür empfänglich ist. Jumpscares gibt es ebenfalls, und viele davon sitzen. Die Geschichte gewinnt allerdings keine Preise: Sie ist weder innovativ, noch überraschend, aber reicht als Mittel zum Zweck.

Das Spiel läuft auf Basis der Unreal Engine und braucht sich grafisch nicht vor größeren Produktionen zu verstecken. Die Umgebungen wirken detailliert und stimmig, nur die wenigen auftauchenden Charaktermodelle fallen im Vergleich etwas ab. Der Atmosphäre schadet das nicht, weil die Insel selbst der eigentliche Star ist.

Akustisch legt The Occultist sogar noch eine Schippe drauf: Das Sounddesign arbeitet mit klarer räumlicher Ortung, bedrohlichen Geräuschen und bewusst eingesetzten Pausen. Die Musik – eingespielt vom Bratislava Symphony Orchestra – unterstreicht das Ganze mit ruhigen, unheimlichen Passagen und druckvollen Momenten, wenn die Situation kippt. Das Zusammenspiel aus Stille, Geräuschen und orchestralen Akzenten trägt einen großen Teil zur Spannung bei.

Zu den deutsch übersetzen Texten gesellt sich eine englische Sprachausgabe. Der Sprecher von Alan ist in der Branche kein Unbekannter: Es handelt sich um Doug Cockle, die englische Stimme von Geralt von Riva aus den Witcher-Spielen. Er interpretiert seine Rolle als Okkultist aber teilweise so „overacted“ und „übermaskulin gequetscht“, dass man meinen könnte, dass er sich selbst parodiert. Die Nebenrollen hingegen sind ordentlich eingesprochen.

Fazit

Nach sieben Stunden hatten Dythlind und ich das Spiel beendet und waren beide zufrieden mit dem Spielerlebnis. Das übertriebene „Voice-Over-Acting“ des Protagonisten, das manchmal so klang, als würde er an Verstopfung leiden, haben wir beide allerdings während des Spielens immer wieder veralbern müssen, was natürlich Abzüge bei der Grusel-Note gibt. Zusammen mit der Null-Acht-Fünfzehn-Story habe ich mich teilweise wie in einem spielbaren Groschenroman gefühlt – was mir allerdings ganz gut gefallen hat. Und es gab auch etliche Situationen, die Horror-Stimmung aufkommen ließen, das möchte ich nicht abstreiten.

The Occultist fühlte sich für mich an wie ein modernes Resident Evil ohne Kämpfe und mit mehr Fokus auf Rätsel an, was mir durchaus entgegen kommt. Kleine Notiz am Rande: Mir sind Sammelgegenstände in Spielen zwar egal – aber wer sowas mag, kann auch hier auf die Jagd nach Dingen wie versteckten Amuletten oder okkulten Schreinen gehen.

Ihr findet The Occultist auf Steam, im PlayStation– und im XBox-Store für unter 30 Euro (und in der Veröffentlichungsphase mit 10 Prozent Einführungsrabatt). Wenn ihr noch ein paar Euros drauflegt, bekommt ihr dafür eine „Deluxe Edition“ mit digitalem Artbook und Soundtrack.

Und was sagt Dythlind dazu?

Im Großen und Ganzen hat mir The Occultist gut gefallen – vor allem, weil TheLastToKnow und ich es gemeinsam gespielt haben. Der Fokus liegt hier – zum Glück – auf den Rätseln und nicht auf Kämpfen. Solange keine „unheimliche“ Präsenz anderer Meinung ist und euch stört, habt ihr für die meisten Rätsel auch genügend Zeit. Ein paar davon waren für uns allerdings etwas zu leicht, zumal die Lösung gelegentlich praktisch auf dem Serviertablett lag. Die Checkpoints sind mehr als fair gesetzt, der Frust‑Faktor damit quasi nicht vorhanden. Bei mir kam er nur in den Sequenzen auf, in denen man seinen Gleichgewichtssinn beweisen muss – da ging der Controller meist direkt an meinen Mitspieler.

Das Setting fand ich stimmig und es erzeugt stellenweise eine unangenehme Atmosphäre, auch wenn man visuell nicht viel Neues sieht. Einige Jumpscares hatten es (zumindest für mich) in sich. Besonders schlimm: Puppen. Überall Puppen.

Ein kleiner Minuspunkt war für mich die Sprachausgabe des Hauptcharakters. Doug Cockle liefert natürlich eine professionelle Performance ab, aber nach einiger Zeit war ich von der dauerhaft „über‑rauchigen“, etwas herausgepressten Stimme ein wenig genervt. Bessere Worte finde ich dafür leider nicht.

Mit rund sieben gemütlich gespielten Stunden war The Occultist für mich alles andere als eine Zeitverschwendung. Wer etwas mit Geschichten über okkulte Riten und diesem speziellen Insel‑Setting anfangen kann, kommt hier definitiv auf seine Kosten.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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