The Dark Rites of Arkham

In The Dark Rites of Arkham entführt euch das Indie-Studio Postmodern Adventures tief in die düstere Welt von H. P. Lovecraft und direkt hinein in die vielen verstörenden Facetten des Cthulhu-Mythos.

Wenn ihr die Adventure‑Szene (oder meine Artikel hier auf DKSN) in den vergangenen Jahren auch nur ein wenig verfolgt habt, dürfte euch der Name Postmodern Adventures längst vertraut sein. Das Studio steht hinter Point‑and‑Click‑Adventures wie Nightmare Frames (2022) oder An English Haunting (2024). Dahinter steckt Solo‑Entwickler José María Meléndez, den wir vor ziemlich genau einem Jahr im Rahmen der AGS‑Classics interviewt haben. Für sein neuestes Adventure The Dark Rites of Arkham, das er mit Unterstützung von enComplot veröffentlicht, hat er sich nun die Welten von H. P. Lovecraft als Schauplatz gewählt. Wie gut das funktioniert, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Willkommen in Arkham

In The Dark Rites of Arkham erlebt ihr einen völlig irren Tag im Leben von Detective Jack Foster und seinem neuen Partner Harvey Whitman vom Arkham Police Department. Alles beginnt mit einer Morduntersuchung, die Jack zunächst ratlos zurücklässt: Wie konnte der Mord in einem hermetisch abgeriegelten Raum geschehen, und deutet der Zustand der Leiche vielleicht auf spontane Selbstentzündung hin? Von dort an zieht die Geschichte die Schraube immer weiter an und bedient sich zahlreicher vertrauter Motive aus Lovecraft-Geschichten und dem Cthulhu‑Mythos. Ihr trefft fanatische Anhänger der „Großen Alten“, reist in fremde Dimensionen, jagt Hexen, befragt Innsmouth‑Fischmenschen und hantiert sogar mit dem Serum des „Re‑Animators“…

Ihr begegnet dabei sowohl bekannten Figuren aus Lovecrafts Werk als auch vom Autor neu geschaffenen Charakteren, was sich zu einem stimmigen Gesamtbild fügt. Nervige Polizistenkollegen oder gewöhnliche Bürger geben sich mit Persönlichkeiten wie Professor Henry Armitage oder Walter Gilman die Klinke in die Hand. In Arkham ist offensichtlich immer was los.

Neben der Jagd auf den Mörder müssen sich Jack und Harvey auch ihren eigenen Dämonen stellen. Jack wurde zuvor vom Dienst freigestellt, nachdem sich sein früherer Partner bei einem gemeinsamen Einsatz selbst erschossen hatte – oder war die Sache doch komplizierter? Um das aufzuarbeiten, zwingt ihn sein Vorgesetzter zu Therapiesitzungen. Auch Harvey trägt schwer an seiner Vergangenheit: Seine Frau verfiel einem Kult und riss die kleine Familie mit in den Abgrund. Seitdem ist er besessen davon, alles über Kulte zu lernen und sie mit aller Härte zu bekämpfen – so wurde er zu einem Okkultismus-Experten für die Polizei.

Postmoderner Standard

Spätestens seit An English Haunting spielt Postmodern Adventures in der obersten Pixel‑Grafik‑Adventure‑Liga. Auch The Dark Rites of Arkham macht hier keinerlei Abstriche und sieht mindestens so gut aus wie sein Vorgänger – wenn nicht sogar noch besser. Die niedrigauflösende Optik ist vielleicht nicht jedermanns Sache, für mich passt sie aber wie die Faust aufs Auge zum Adventure‑Genre. Auch beim Soundtrack hat sich das Studio nicht lumpen lassen: An-English-Haunting-Komponist Matías J. Olmedo steuert eine jazzige musikalische Untermalung bei. Auf eine Sprachausgabe oder gar eine deutsche Übersetzung müsst ihr allerdings weiterhin verzichten; beides ist aus Budgetgründen nicht enthalten und auch nicht geplant.

Das Interface und die Ein‑Klick‑Steuerung sind klar strukturiert und durchdacht und funktionieren sowohl mit der Maus als auch auf dem Steam Deck hervorragend. Die Grafiken bleiben stets gut lesbar, sodass die fehlende Hotspot‑Anzeige verschmerzbar ist – auch wenn es mir gelungen ist, gleich zu Beginn ein eigentlich offensichtliches Objekt zu übersehen. Dank des starken Rätseldesigns, das euch fast immer Hinweise darauf gibt, was als Nächstes zu tun ist, stellt sich schnell ein angenehmer Rätselflow ein. Dennoch wäre es eine gute Gelegenheit gewesen, Harvey als Tipp‑System oder zumindest als Ideengeber einzusetzen. Zwar kommentiert er einige eurer Aktionen, echte Hilfestellungen bei Rätseln solltet ihr von ihm aber nicht erwarten. Dafür könnt ihr wie gewohnt per Doppelklick den Raum verlassen sowie eine komfortable Autosave- und Quicksave-Funktionen nutzen.

Fazit

Mein Arkham‑Ausflug dauerte rund fünf bis sechs Stunden und hat mich durchweg gut unterhalten. Dennoch hat mich die Geschichte, die aus vielen einzelnen Versatzstücken zusammengesetzt ist, nicht vollständig abgeholt. The Dark Rites of Arkham springt von einem Mythos‑Plot zum nächsten – das macht das Spiel durchaus geschickt, aber mir persönlich hätte ein stärkerer Fokus auf einen einzelnen Aspekt besser gefallen, ähnlich wie in Dreams in the Witch House. Auch Harveys Hintergrundgeschichte hat mich nicht komplett überzeugt, obwohl sie für das Spiel zentral ist; das mag allerdings schlicht an meinem eigenen Geschmack liegen. Der Autor versteht sein Werk übrigens nicht als Horror‑Geschichte, sondern als „Dark Urban Fantasy“ mit einer Stimmung, die an Urban Witch Story erinnert. Horror‑Elemente sind zwar vorhanden, doch der Schwerpunkt liegt klar auf Detektivarbeit – so gesehen könnt ihr The Dark Rites of Arkham als geistigen Nachfolger von Urban Witch Story betrachten.

Wenn ihr bereits Spiele von Postmodern Adventures kennt, werdet ihr auch hier kaum enttäuscht werden. Ob The Dark Rites of Arkham seinen Vorgänger übertrifft oder vielleicht einen Hauch dahinter bleibt, fällt mir schwer zu beurteilen – aber das könnt ihr am Ende ohnehin am besten selbst entscheiden. Ihr findet es auf Steam und itch.io, mögliche Konsolen-Versionen stehen für später auf dem Plan.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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2 Comments on “The Dark Rites of Arkham”

  1. Vielen Dank für den tollen Test! Qua Lovecraft-Atmosphäre: Fandest Du „The Dark Rites of Arkham“ überzeugender oder „Dreams in the Witch House“? Ich bevorzuge eher eine langsam sich aufbauende Stimmung, die gewissermaßen die ganze Zeit über im Hintergrund bleibt als ständige Tentakel und neue Monster. Und „Herbert West–Reanimator“ ist nicht gerade das beste Werk von HPL 😉

    1. In Bezug auf die Stimmung war Dreams in the Witch House für mich gelungener, aber die Präsentation und das Rätseldesign haben mir bei The Dark Rites of Arkham besser gefallen. Und ja, beim Reanimator gebe ich dir Recht 😉

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