Syberia Remastered

Microids lädt uns ein, die Maschinenwelten ihres Adventure-Oldies neu zu erleben. Macht das immer noch Spaß? Oder kann man nur einmal in denselben Fluss steigen?

Als der belgische Zeichner Benoît Sokal im Jahre 2002 ein klassisches Adventure auf den Markt brachte, war dies ein gewisses Wagnis. Die goldenen Jahre des Genres waren schon ein wenig her. Vereinzelte Leuchtturm-Projekte wie The Longest Journey (1999) konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Action-Adventures oder gleich Actionspiele den Puzzlern den Rang abgelaufen hatten. Doch Sokal hatte mit seinem Erstlingsspiel Amerzone einen beachtlichen Verkaufserfolg erzielt – und so durfte er erneut opulente Landschaften und obskure Welten kreieren. Auch Syberia war erfolgreich, so dass bereits 2003 die direkte Fortsetzung Syberia II und 2017 sogar Syberia III folgten. Nun scheint sich Microids vorgenommen zu haben, die Werke eins nach dem anderen aufzupolieren. Amerzone ist bereits erledigt. Wie schlägt sich nun Syberia Remastered?

Miss Walker

Zunächst zur Story: Die Geschichte beginnt mit der Anwältin Kate Walker, die aus New York in das kleine, malerische Dorf Valadilène in Frankreich reist. Ihre Aufgabe ist es, den Ankauf einer alteingesessenen Spielzeugfabrik – der Firma Vorarlberg – für einen amerikanischen Klienten abzuwickeln. Die Fabrik war lange Zeit berühmt für ihre mechanischen Automaten, doch die Geschäfte liefen in den letzten Jahren nicht mehr so gut. Die Eigentümerin, Anna Vorarlberg, stand kurz vor dem Verkauf des Unternehmens, als sie plötzlich verstarb. Eigentlich sollte der Verkauf dennoch nur Formsache sein, aber vor Ort erfährt Kate, dass der vor Jahrzehnten verschwundene Bruder Annas, Hans, doch noch am Leben ist und damit das Unternehmen geerbt hat. Doch seine Heimat hat er schon vor Jahrzehnten verlassen und niemand scheint zu wissen, wo er sich aufhält.

Aus einem eintägigen Frankreich-Ausflug entwickelt sich also eine abenteuerliche Suche nach Hans Vorarlberg. Doch dafür muss Kate in Valadilène seine Spur aufnehmen und einen Lokführer zusammenschrauben. Wer beim Lesen über den letzten Satz gestolpert ist, kennt das Original-Syberia noch nicht: Die Maschinen der Spielzeugfabrik sind tief im Alltag des Dorfes verankert. Beim Notar gibt es eine Stempelmaschine, Kate wird am Hotel von einem mechanischen Grüßonkel in Empfang genommen und schon in der Anfangssequenz sieht man Annas Sarg, der von mechanischen Trauergästen zum Friedhof begleitet wird. In einer solchen Umgebung ist es nur logisch, dass ein neuer Zug einen mechanischen Lokführer braucht. Der ist allerdings noch nicht fertig konstruiert und benötigt noch Beine. Das ist Kates erste große Aufgabe. Denn irgendwie muss sie ja den Spuren des verlorenen Erben hinterher reisen.

Zieh mich auf

Das große Plus von Syberia ist die eigentümliche Maschinenwelt. Während ich bei anderen Spielen wie Myst von Rätseln rund um riesige Geräte schnell gelangweilt bin, faszinieren mich die menschlich gestalteten Automaten dieser Welt immer wieder aufs Neue. Allerdings beschränkt sich das Rätsel-Design dank dieser Spielprämisse häufig darauf, bestimmte Maschinen auf die ein oder andere Weise zu reparieren oder zur Mitarbeit zu überreden. Immer fehlt mal ein Schlüssel, eine Walze oder eine Lochkarte. Und immer sind diese Dinge nicht allzu weit entfernt. Im Vergleich zu anderen Adventures mag das etwas dünn sein, ist aber noch weit von Telltale-Spielen entfernt.

Syberia nutzt die wunderbar gestaltete Umgebung weidlich aus und schickt Kate gerne über mehrere Bildschirme hinweg hin und her, um Hebel zu ziehen oder Zahnräder einzusetzen. Das macht Syberia zwar nicht zu einem Walking Simulator, allerdings ist Kate selbst im Jogging-Modus teilweise ziemlich lange unterwegs. Immerhin muss ich die höhere Laufgeschwindigkeit nicht bei jedem Blickwechsel neu anstupsen, aber wenn ich auf der Suche nach einer Lösung zum Beispiel in der Vorarlberg-Fabrik unterwegs bin, zieht sich das schon in die Länge.

Pixel-Hunting muss in diesem Adventure nicht betrieben werden: Während Kate die Umgebung erkundet, werden schon aus größerer Entfernung alle relevanten Punkte optisch markiert. Wobei „alle“ gerne „keiner“ oder „einer“ heißt. Syberia neigt nicht zu vollgepacktem Inventar oder sonstigen Hotspots. Es reist sich besser mit leichtem Gepäck. Einige Kommentare Kates zur Umgebung wären trotzdem nett gewesen. So erfahren wir die größten Geschichts-Brocken aus Briefen oder auf Wunsch ausführlichen Gesprächen. Diese Unterhaltungen kann Kate jedoch auch kurz halten: Die für die Story relevanten Punkte sind farbig markiert.

Syberia bietet noch einen zweiten Handlungsstrang: Während Kate sich durch Europa puzzelt, klingelt in unregelmäßigen Abständen ihr Telefon. Manchmal meldet sich ihr Chef, aber auch ihre Mutter, ihr Lebenspartner oder eine gute Freundin sind immer mal wieder in der Leitung. Praktisch nie interessiert sich einer der Anrufer für Kates aktuelle Lage. Stattdessen bekommt sie Vorwürfe oder Nichtigkeiten zu hören, während sich auf diese Weise eine kleine Parallelhandlung zuhause entwickelt. Mir hat das ausnehmend gut gefallen, da Kate und damit ich aber keinen Einfluss auf die Telefonate haben, könnte das andere Spieler stören.

Im Verlauf ihres Abenteuers besucht Kate weitere Orte und lernt aus Erzählungen diesen Hans Vorarlberg immer besser kennen. Wo auch immer er Halt gemacht hat: Er hinterließ Eindruck. Und darüber hinaus weitere faszinierende mechanische Schöpfungen. Kates Gesprächspartner sind dabei durch die Bank schrullige Gesellen, die manchmal auch an Kafkas Geschichten oder an die Bonzen aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erinnern. Die Schauplätze sind in sich geschlossen und bieten nur wenige Umgebungen. Doch jede Umgebung ist optisch eine Welt für sich und ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn sich der Zug wieder ein Stück weiter Richtung Ziel bewegt hat.

Technik

Optisch präsentiert sich Syberia in neuem Glanz. Waren in der originalen Fassung die Hintergründe wunderschöne statische Umgebungen bewegt sich Kate nun durch detaillierte scrollende 3D-Umgebungen. Doch so schön sie auch sind: Besonders viel los ist dort nie. Das, was nach der Hauptstraße von Valadilène aussieht, wird zum Beispiel gerade mal von zwei Personen bevölkert – und beide haben nichts Wichtiges zu sagen. Auch wenn Kate im späteren Spielverlauf zum Beispiel mal eine Höhle erkundet, sieht das zwar aufregend aus. Letzten Endes ist dies aber nur Kulisse, um einen einzigen Gegenstand zu finden und dann wieder aus der Höhle zu gehen.

Im Gegensatz zur alten Fassung geht Kate nicht zwischen einzelnen Bildschirmen mit festen Kameraperspektiven hin und her. Stattdessen wandert sie hier durch 3D-Umgebungen, während die Kamera hinter ihr her schwingt. Größtenteils sind die Übergänge an Türen, doch es gibt auch unschöne Stellen wie am Bahnhof von Barrockstadt, wo mitten auf dem Bahnsteig eine Übergangs-Linie verläuft. Klickt Kate auf einen solchen Ausgang, gibt es einen kurzen Ladebildschirm und die nächste Umgebung steht bereit. Während sich die Umgebung um Kate herum bewegt, ist es schon mal schwierig, den gewünschten Interaktionspunkt zu treffen. Ein großer Minuspunkt ist dies allerdings nicht.

Was dagegen schade ist: Viele Aktionen der Figuren werden von einer Schwarzblende verschleiert. Die wenigen Animationen, die es ins Spiel geschafft haben, sind gelungen. Umso schöner wäre es, wenn Kate zum Beispiel tatsächlich eine Leiter emporklettern würde und nicht einfach oben wieder hingestellt wird.

Mal mehr, mal weniger unansehnlich: Aus dem orginalen Syberia-Spiel wurden Zwischensequenzen übernommen. Im Vergleich zur knackscharfen Remastered-Optik sind diese Filmchen leicht verwaschen, was mich aber nicht besonders stört. Dass dann auch der Bildausschnitt wechselt, wirkt schon seltsamer – und dass das Dargestellte manchmal in den Zwischensequenzen eine andere Stimmung transportiert, kann störend sein.

Musikalisch passiert leider nicht besonders viel. Das Hauptmenü wird von einem wunderbaren, unaufgeregten Stück untermalt. Valadilène ebenfalls: von einem einzigen Stück. Zwar ging mir diese Melodie auch nach Stunden nicht auf die Nerven, aber sie wirkt regelmäßig unpassend. Immer wieder schwingt sie sich für ein paar Takte zu einer Art Spannungsuntermalung auf – und das passt einfach nicht, wenn Kate gerade im Vorzimmer des Notars steht und irgendwelche Maschinen untersucht. Während der Zwischensequenzen gibt es dann weitere Musik und es ist sehr schade, dass die Levelmusik nicht damit ein wenig abwechslungsreicher gestaltet wurde.

Fazit

Schweißnasse Hände und dauerhafte Spannung. Ein Timer läuft gnadenlos ab, während ich verzweifelt ein Bombementschärfungs-Tool aus Inventar-Gegenständen zusammenbastle. So etwas findet sich in Syberia nicht.

Hier begleite ich stattdessen Kate Walker auf zwei Reisen, auf denen es ein paar Hindernisse gibt: Einmal mit einem mechanischen Zug samt mechanischem Zugführer auf der Suche nach Hans Vorarlberg. Die andere Reise wird über die Telefonate aus der Heimat erzählt und trifft mich persönlich fast noch mehr als die melancholische Stimmung, die die Grafiken des Spiels erzeugen. Für mich ist der langsame Erzählstil und die wenigen Rätsel mehr Segen als Fluch, doch erfahrene Adventure-Spieler, die eine Herausforderung suchen, sollten sich andere Spiele vornehmen. Ich für meinen Teil hoffe auf ein ebenso hübsches Remaster von Teil Zwo. Nur dann bitte mit mehr Musik.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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3 Comments on “Syberia Remastered”

  1. Keine Erwähnung der seelenaussaugenden Augen von Kate? Die empfand ich doch als sehr störend.

    Das Entwicklungsstudio Microids Paris wurde ja bereits im Frühjahr aufgelöst, was wohl auch den fehlenden Feinschliff erklärt. Jedenfalls ist Microids meines Wissens nach nur noch ein Publisher und hat keinen Entwickler (unter ihrem Namen). Schade drum, immerhin sieht Syberia doch an sich schön aus.

    1. Nope. Offensichtlich habe ich keine Seele mehr, dann lebt es sich leichter damit.

      Ich habe meine Kritikpunkte aufgeführt und die sind nervig genug. Dafür liebe ich die obskuren Dialoge und die Automaten. Kates Augen sind mir nicht störend aufgefallen, aber jeder Jeck is anders.

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