Sherlock Holmes – The Awakened

Der Beitrag “Spiele-Check: Sherlock Holmes – The Awakened – Mehr als nur ein Remake” erschien zuerst am 18.10.2022 auf GamersGlobal als User-Inhalt unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0 DE DEED.

Im Jahr 2021 brachte das ukrainische Studio Frogwares Sherlock Holmes – Chapter One heraus, setzte dabei erstmals auf eine Open World, ergänzte bekannte Elemente mit neuen Detektivmechaniken und begann, die Geschichte um den jungen Meisterdetektiv noch einmal neu zu erzählen. Im Anschluss sollte direkt ein weiteres Open-World-Spiel entstehen, doch dieser Plan wurde durch den Angriff von Russland auf die Ukraine am 24. Februar 2022 zunichte gemacht.

Frogwares brauchte nun ein Spiel, das sich auch unter diesen extremen Bedingungen schnell fertig stellen ließ – und entschied sich, ihren 2007er Titel Sherlock Holmes – Die Spur der Erwachten neu aufzulegen. Mit einer Finanzspritze von über 250.000 Euro, die sich die Ukrainer von ihren Kickstarter-Unterstützern abholen konnten, schafften sie es tatsächlich Sherlock Holmes – The Awakened innerhalb eines Jahres fertigzustellen. Ob aus diesem Remake auch ein gutes Spiel wurde, erläutere ich euch in diesem Spiele-Check.

Alles so schön vertraut

Falls ihr Chapter One gespielt habt, wird euch zu Beginn auffallen, dass The Awakened kurz nach den Geschehnissen des Vorgängers einsetzt. Ihr befindet euch in der Rolle von Sherlock Holmes mit eurem neuen Freund und Mitbewohner Dr. John Watson in eurer Londoner Wohnung in der berühmten Baker Street 221B und findet dort auch die eine oder andere Anspielung an euren ersten großen Fall auf Cordona.

In eurer Wohnung sowie in eurem Kopf herrscht das reinste Chaos, also benötigt ihr Abwechslung in Form eines neuen Falls. Dieser bringt euch die Gameplay-Mechaniken bei, die ihr später in den schwierigen Fällen noch häufiger brauchen werdet. Dazu gehören bekannte Elemente wie das Beobachten und Einschätzen von Personen, das Sammeln von Hinweisen sowie die Gedankenspiele, mit denen ihr eure gesammelten Ideen sortiert und zu Schlussfolgerungen kommt. Auch das Rekonstruieren von Tathergängen darf wieder nicht fehlen.

Die Welt steht euch offen, aber nur in kleinen Häppchen

Sobald ihr auf die Straßen von London hinausgeht und vielleicht auch einen Blick auf die Karte werft, werdet ihr bemerken, dass ihr nur in einem kleinen Areal agiert. Ihr könnt euch in der Third-Person-Ansicht frei bewegen und erkunden, aber eine Open World wie in Cordona gibt es hier nicht mehr. Stattdessen schaltet ihr in den acht Kapiteln immer neue Gegenden frei und bereist auch ferne und exotische Länder. Dabei wird die Geschichte im Laufe der Zeit immer düsterer. Zum einen machen sich nach und nach die Einflüsse von H. P. Lovecraft und dem Cthulhu-Mythos bemerkbar, zum anderen werden die Themen, auf die ihr stoßt, immer abgründiger und brutaler. An manchen Stellen geht es dann schon sehr gruselig und blutig zur Sache.

Das Streichen der Open World aus dem Vorgänger kam mir sehr entgegen, denn mein Interesse an Zeitvertreib wie „Sammelgegenstände suchen“ oder „Banditen in ihren Unterschlüpfen verhauen“ ist sehr gering. Stattdessen freue ich mich über kleine Komfortverbesserungen: So müsst ihr etwa nicht mehr zu einem Archiv laufen, wenn ihr etwas nachschlagen wollt. Das Spiel drückt euch einfach das passende Nachschlagewerk in die Hand und ihr könnt es in eurem Inventar verwenden. Die Chemie-Analysen aus dem Vorgänger feiern hier übrigens kein Wiedersehen.

Die Schere an den richtigen Stellen angesetzt

Sherlock Holmes – The Awakened konzentriert sich auf das Wesentliche, nämlich auf die Geschichte mit ihren spannenden Fällen. Unnötige Ablenkungen haben hier keinen Platz. Die Kämpfe wurden ersatzlos gestrichen, was ich für eine sehr gute Entscheidung halte. Action- und Geschicklichkeitspassagen sind so gut wie keine vorhanden. Lediglich ganz am Ende gibt es eine sehr leichte Quick-Time-Event-Variante, bei der ihr es aber schon darauf anlegen müsst, diese nicht zu schaffen.

Falls ihr das Original mit seinen Verfolgungsjagden gespielt habt, könntet ihr jetzt auch aufatmen, denn diese wurden ebenfalls entfernt. Überhaupt bleibt vom Ursprungstitel aus 2007 nicht viel übrig, mit Ausnahme der groben Geschichte. Diese wird in einem zeitgemäßen Gewand und mit neuen Rätseln präsentiert – und hier und dort auch sinnvoll angepasst. Als besonderen Kniff dürft ihr übrigens in bestimmten Situationen in die Rolle von Dr. Watson schlüpfen.

Mir hat außerdem gefallen, wie im Laufe der Geschichte immer wieder auch Rückbezüge auf Chapter One gemacht wurden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ihr den Vorgänger unbedingt gespielt haben müsstet.

Fazit

Ich hatte schon meinen Spaß mit Chapter One und war froh, dass ich dort die Open World weitestgehend ignorieren konnte. Bei The Awakened ist dies jetzt gar nicht mehr nötig, der aus meiner Sicht unnötige Ballast wurde hier einfach über Bord geworfen. Die Mischung aus Sherlock Holmes und Cthulhu-Mythos empfand ich als sehr gelungen. Ich mag beide Welten und fand, dass sie in diesem Spiel sehr gut zusammenpassten.

Die Fälle wurden spannend präsentiert, waren aus meiner Sicht immer gut lösbar und ließen einen schönen Flow im Spiel entstehen. Insgesamt habe ich 10 bis 12 Stunden mit Holmes, Watson und den Kultisten, die den Großen Alten wiedererwecken wollen, verbracht und habe keine Minute davon bereut.

Einmal ist mir das Spiel auf der Playstation 5 abgestürzt, aber dank der automatischen Spielstände ist mir kein Spielfortschritt abhanden gekommen. Sehr vorbildlich ist auch, dass die einzelnen Kapitel nach Freischaltung jederzeit neu gespielt werden können. Wie schon bei Chapter One müsst ihr euch mit englischer Sprachausgabe und deutschen Texten zufrieden geben, was aus meiner Sicht gut funktioniert.

  • Detektivspiel für PC, Playstation 4, Playstation 5, Switch; Xbox One, Xbox Series X|S
  • Einzelspieler
  • Für Einsteiger bis Profis
  • Preis: 39,99 Euro
  • In einem Satz: Gelungene Neuinterpretation der Holmes-gegen-Cthulhu-Geschichte
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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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2 Comments on “Sherlock Holmes – The Awakened”

  1. Ich mochte die alten Holmes-Spiele von Frogwares sehr. Vor Chapter One war ich sehr skeptisch, aber ich musste den jungen Holmes, die die da kreiert haben, als Detektiv einer komplett anderen Dimension verstehen, erst dann konnte ich ihn akzeptieren. Die Open-World hat mir dann ganz gut gefallen, dagegen fand ich das alte Cthulhu-Holmes-Spiel doch besser. Aber das beste Holmes-Spiel ist für mich nach wie vor „The Case of the Rose Tattoo“ 😉

    Apropos: Falls dir Holmes-Lovecraft-Meshups gefallen, es gibt von den Sherlock Holmes Phantastik einen Fall namens „Im Reich des Cthulhu“ 😉

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