Sex sells: Man enough

Der Multimedia-Boom der 1990er Jahre sorgte für Stilblüten in praktisch jedem Spiele-Genre. Auch die Titel, die sich mit ihrer Sex-Thematik eher an Erwachsene richteten, blieben davon nicht verschont. Briefmarkengroße Filmchen mit mittelmäßig talentierten Darstellern, obskure Konzepte, Drumherumgerede und wirklich schlechte Sprachausgabe. You want it? You got it!

Man Enough

Maria Perzil fassten 1996 die Erfolgsstrategie für ein gelungenes Date in ihrem Lied Wie freundlich kannst du sein? in zwei Zeilen zusammen: „Sei kein Trottel, lad sie ein / wer … will muss freundlich sein.“ Dummerweise erschien der Flirt-Simulator Man Enough bereits zwei Jahre zuvor, weshalb sich der namenlose Protagonist in seinen Sozialexperimenten mit dem weiblichen Geschlecht unnötig schwer tut. Ein Glück, dass er den Spieler an seiner grünen Seite hat.

Wobei besagter Spieler es schwer haben wird. Denn Man Enough ist ein Multiple-Choice-Spiel und bietet daher nur begrenzte Möglichkeiten, seine eigene Persönlichkeit unterzubringen. Stattdessen ist man dem Team von Tsunami Media und im speziellen Autor / Director Kevin Foster ausgeliefert. Welche Art von Humor (ich möchte das sicherlich nicht „augenzwinkernd“ nennen), zeigt sich schon im Handbuch:

Männer sind heutzutage anders. Man findet uns in Kreißsälen und Kindertagesstätten. Und ja, das ist großartig. Aber übertreiben wir es nicht! Männer sollten niemals mit Frauen verwechselt werden. Wir sind komplett anders als Frauen. Der Unterschied steckt in unseren Jeans.

Das ist die Art von Humor, die du in Man enough findest. Klar, er ist ein bisschen frech – aber das ist William Shakespeare auch. Und Chaucer. Und General Hospital.

Okay, der letzte Gag ist nicht schlecht.

Das Spiel beginnt in einem Café, in dem der Protagonist – wenig überraschend – allein sitzt. Während alle anderen offenbar mühelos Dates finden, bleibt ihm nur Selbstzweifel: Liegt es an seinem Humor? Sagen wir mal so: Der spätere Spielverlauf deutet darauf hin…

Ein Freund namens Nick hat Mitleid. In einem äußerst kurzen Gespräch, während dem ihm drei Frauen quasi auf den Schoß springen, drückt er dem Spieler eine Visitenkarte in die Hand: die der Dating-Agentur namens Man Enough. Laut Nick ist genau dieser Service der Grund für seinen Erfolg.

Nun, Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose – zu verlieren haben wir nichts. Also stehen wir nach einer kurzen pixeligen Fahrt in einem briefmarkengroßen Videoclip vor der Tür der Agentur und treffen Jeri, die Chefin des Hauses. Sie stellt sich kurz vor und schon darf der Spieler sich in seinem ersten Dialog nach Strich und Faden blamieren. Die drei möglichen Antworten lauten nicht etwa „Hallo, Nick hat mir Ihre Agentur empfohlen. Mein Name ist…“. Nein, das hier ist Man Enough! Hier heißt es:

  • Ich bin Präsident des Amateur-Gynäkologen-Clubs. Unser Motto lautet: Always at your cervix.
  • Ich habe deine Kondomlieferung, Babe. Nimmst du Lieferungen hinten an?
  • Der Liebesdoktor schaut vorbei. Hast du Patienten für mich?

Falls sich jemand fragt, warum der Held des Spiels noch Single ist – hier könnte eine erste Spur liegen.

Jeri reagiert erstaunlich gelassen auf diese und die weiteren verbalen Katastrophen. Wobei es tatsächlich möglich ist, schon diesen ersten Dialog so zu versemmeln, dass sie mich rausschmeißt. Doch dann setzt das Spiel einfach wieder am Dialog-Beginn an und Jeri hat dankenswerterweise das Gedächtnis eines Goldfisches. Wenn man es geschafft hat, die peinlichsten Antworten zu umschiffen und trotz aller pubertären Witzchen ihre Zuneigung zu gewinnen, wähnt sich der Spieler schon am Ziel. Doch Jeri hat andere Pläne: Bevor er überhaupt eine Chance bei ihr hat, soll er erst einmal ihre fünf Klientinnen daten.

Praktischerweise trainieren alle fünf Frauen – Blair, Erin, Quinn, Fawn und Kellie – im selben Fitnessstudio namens Iron Maiden. Zufälle gibt’s.

Wer möchte, kann sich die jeweilige Dame in einem kurzen Trainingsvideo anschauen, bevor er wieder in den Flirt-Dialog eintritt. Die Gespräche laufen technisch alle nach dem gleichen Muster ab: Ein großformatiges Bild der Dame zeigt den aktuellen Gemütszustand an. Wie gut ihr eine Antwort gefällt, wird in zwei bis drei schnell nacheinander eingeblendeten kleineren Bildern dargestellt und ihre Antwort wird wahlweise als Text eingeblendet oder als Sprachausgabe zu Gehör gebracht.

Jede der fünf Auserwählten hat eigene Anforderungen an einen Mann. Ein Glück, dass Jeri uns im Handbuch entsprechend gebrieft hat. Nur müssten einige der möglichen Antworten wenigstens ein bisschen auf das Profil passen, dass wir darstellen wollen. Hier lauert eine wichtige Lektion für den minderjährigen Spieler, der das Programm garantiert trotz seiner Alterseinstufung (ab 18) zu Gesicht bekommen hat: Was auch immer du tust – sei um Himmels Willen nicht du selbst und ehrlich!

War man gut genug darin, die halbwegs richtige Antwort zu erraten, bekommt man die Telefonnummer der Dame. Gefallen ihr die Antworten nicht, beginnt das Gespräch einfach wieder von vorne – ohne Ohrfeige oder Hausverbot.

Man(n) ackert sich also durch die fünf Flirt-Gespräche und wundert sich, warum die Damen kein Problem damit haben. Es müsste ja doch auffallen, wenn der Typ, der sich gerade noch abenteuerlustig präsentiert hat, beim nächsten Gespräch plötzlich den plichtbewusst-biederen Mann verkörpert. Offensichtlich sind die Damen nicht besitzergreifend.

Hat man sich durch die Gespräche gekämpft, folgt Runde 2: Das Telefongespräch. Damit der Spieler sich keine eigenen Vorstellungen machen muss, übernimmt das Tsunami Media für ihn. Sicherlich Zufall daher, dass jede der Damen in ihrer eigenen Wohnung nur in Unterwäsche rumläuft. Vermutlich hatte sie kurz zuvor noch das Bad geschrubbt und wollte sich gerade umziehen.

Der Telefon-Part läuft natürlich genauso ab wie der Fitnessstudio-Teil. Hat der Spieler sich auch hier durchgelogen, kommt es zu einem Echtwelttreffen. Mit Fawn zum Beispiel machen wir einen Fahrradausflug durch den Park. Natürlich geht es hier auf die übliche Weise weiter, nur immer wieder unterbrochen durch ein kleines Pixel-Video, in dem Fawn vor uns herfährt. Praktisch jede Antwort, die uns zur Verfügung steht, enthält irgendeine sexuelle Anspielung mit „Fahrrad“, „Hinterteil“ oder „Ausdauer“. Nach zehn Minuten im Spiel könnte man daher eine Dusche nötig haben – nicht um runterzukommen, sondern um den Selbstekel abzuwaschen.

Wer lange genug durchgehalten hat, wird auf eine ganz eigene Art und Weise belohnt: Fawn entpuppt sich als Mitarbeiterin von Tsunami Media, die die Firmenprodukte „am Kunden“ testen soll und mit unserer Performance sehr zufrieden ist. Jetzt müsse sie aber wirklich schnell zurück in die Firma. Sprach es, schwang sich auf ihren Drahtesel und entfleuchte unseren Blicken. Aber wenn man ehrlich ist: Wer die Frau so sehr angelogen hat wie wir, hat es nicht anders verdient.

Mit den anderen Fitness-Fanatikerinnen läuft es ähnlich ab. Kellie benutzt den Spieler als Studienobjekt für ihre Arbeit über sexuell frustrierte Männer oder die Fernsehmoderatorin Quinn ist so selbstverliebt, dass man sie zwar ins Schlafzimmer bequatschen kann, sie dort aber den Fernseher mit ihrer eigenen Nachrichtensendung anmacht. Egal wie gut man spielt: Irgendetwas verhindert immer den Erfolg. Das gute alte Larry-Prinzip.

Nach all diesen gescheiterten Dates meldet sich schließlich Jeri selbst. Sie lädt den Spieler zu einem finalen Treffen ein – inklusive Fallschirmsprung als angeblicher Mutprobe. Überlebt man auch diese Herausforderung und kommt tatsächlich bei ihr zu Hause an, scheint der Spieler endlich sein Ziel zu erreichen. Doch wie aus dem Hut gezaubert tauchen plötzlich alle anderen Frauen auf (übrigens mit Bildern aus ihren jeweiligen Duchläufen – etwas billig gemacht).

Jeri klärt die Sache auf: Das alles war nur ein riesiger Spaß auf unsere Kosten! Die Dates samt ihrer seltsamen Enden waren alle geplant! Sein angeblicher Kumpel Nick und Jeri hatten das gemeinsam ausgeheckt und einen Mordsgaudi dabei!

Geht man mal davon aus, dass sich hauptsächlich Männer das Spiel gekauft haben werden und diese Männer wiederum vermutlich gerade in keiner Beziehung waren, macht sich Man Enough also über sein eigenes Publikum lustig. Vielleicht innerhalb der Spiellogik tröstlich: Falls die fünf Damen nicht alle arbeitslos sind und sowieso wochenlang nichts Besseres zu tun hatten, dürfte der Spaß für Nick nicht billig gewesen sein. Aber wer sitzt schon am Ende des Spiels vor dem Monitor und baut sich mit diesem Gedanken wieder auf? Der größte Trost, den man aus Man Enough ziehen kann, ist: Single sein ist manchmal gar nicht so schlimm.

Das ist die perfekte Welle

Die Entwicklung von Man Enough fällt in die Full-Motion-Video-Ära der frühen 90er. Wobei die Firma, die den Titel entwickelte, sogar an vorderster Front dabei war: Tsunami Media, Inc. war ein amerikanisches Computerspiel-Studio, das 1991 von Ed Heinbockel gegründet worden war. Der Mann siedelte seine Firma in einem kleinen Ort namens Oakhurst in Kalifornien an. Laut Wikipedia lebten dort im Jahre 2020 immerhin knapp 6.000 Menschen, 2010 waren es erst 2.900. Wie viele Personen Anfang der 1990er dort ihren Wohnsitz hatten, weiß ich leider nicht.

Jedenfalls war Oakhurst sicher keine Gegend, in der eine Computerspiel-Firma an der nächsten Straßenecke neue Mitarbeiter findet. Das heißt, doch! Da gibt es ja noch Sierra On-Line, für die Heinbockel einige Jahre lang als Finanzchef gearbeitet hatte. In einem Zeitungsartikel der Fresno Bee wird Heinbockel mit den Worten zitiert: „Viele Mitarbeiter von Sierra hatten großes Interesse, zu uns zu wechseln. Aber wir wollten nicht einfach ein „Sierra II“ werden.“

Sierra-Mitarbeiter Josh Mandel erinnert sich ebenfalls an diese Zeit:

1992 standen wir noch immer unter dem Eindruck der Gründung von Tsunami Media – nur wenige Straßen entfernt – und des damit verbundenen Exodus‘ vieler Talente von Sierra zu Tsunami. Besonders problematisch war, dass sich in einer extrem kleinen Stadt enge Freundschaften und familiäre Verbindungen plötzlich auf konkurrierende Unternehmen verteilten – eine Situation, mit der sich die Unternehmensleitung schwer tat.

In meiner Abteilung, der Produktentwicklung, war diese Lage besonders heikel: Mein Team wurde unter Druck gesetzt, jeglichen Kontakt zu den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bei Tsunami abzubrechen – trotz langjähriger Freundschaften.

Josh Mandel / Mailinterview mit dem Autoren

Unter den ungefähr 35 Mitarbeitern finden sich dennoch viele Namen, die die damalige Spielerschaft schon in Sierra-Handbüchern entdecken konnten. Jim Walls, der Designer der Police-Quest-Spiele, schuf für Tsunami Blue Force, eine Art spirituellen Nachfolger der Sierra-Reihe. Komponist für dieses Spiel war Ken Allen, der zuvor für Sierra zum Beispiel die Musik von King’s Quest V geschrieben hatte. Er hat neben Blue Force noch an einigen Tsunami-Spielen gearbeitet, unter anderem an Man Enough. Wobei er sich hier unter Wert verkaufen muss: Es gibt nur wenige, sich schnell wiederholende Stücke – und im späteren Spielverlauf greift er sogar auf Ravels Bolero zurück.

Die Verpackung und deren Design stammt von Greg Steffen, der diese Aufgabe schon unter anderem bei Leisure Suit Larry III übernommen hatte. Mit Desie Hartman und Sol Ackerman sind noch mindestens zwei Ex-Sierra-Mitarbeitende an Man Enough beteiligt. Immerhin die Stunt Doubles Renee de Roche und Michael Obradovich scheint Heinbockel ganz alleine gefunden zu haben. Stunt Doubles in einer Dating Sim? Ja, bis die Fallschirm-Szene kam, war mir der Eintrag im Handbuch auch nicht klar. Offensichtlich hatte die Hauptdarstellerin Tonia Keyser, die Jeri verkörperte, darauf keine Lust. Sie scheint die Computerspiel-Erfahrung auch nicht besonders genossen zu haben, denn Man Enough ist ihr einziger Spiele-Credit. Wobei grundsätzlich wenig über sie zu erfahren ist: Die Seite FMV-World behauptet, sie sei 1993 Miss California World gewesen. Der Wikipedia-Eintrag zu dieser Veranstaltung hat sie allerdings in keinem Jahr gelistet. Gut möglich allerdings, dass sie bei einem sehr ähnlich klingenden Wettbewerb Siegerin war. Die anderen Darstellerinnen sind bei IMDb ebenfalls nur dieses eine Mal aufgeführt und scheinen später keine Emmys oder Oscars gewonnen zu haben.

Wie erfolgreich Man Enough war, lässt sich nicht sagen. Doch auf der ältesten per Wayback Machine einsehbaren Fassung der Tsunami-Webseite mit Stand vom 12.05.1996 findet sich kaum ein Hinweis auf das Spiel. Die neun anderen erschienen Spiele sind in der Produktliste stolz aufgereiht, doch Man Enough glänzt mit Abwesenheit. Auch auf der Hints-Seite oder den Presse-Releases gibt es keinerlei Spuren. Einzig im Patch-Bereich findet sich ein Update auf Version 1.36K, bestellen oder gar registrieren konnte man das Spiel jedoch nicht mehr. Ob dies an der Altersfreigabe lag? Dies bleibt ein Mysterium. Genau wie die Frage, warum man ein Spiel spielen sollte, bei dem Jeder Jeden immer nur anlügt. Seltsame Form von Eskapismus.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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4 Comments on “Sex sells: Man enough”

  1. Oh mein Gott, mein 14 jähriges Ich hatte das Spiel auf der Computer 94 in Köln an einem Grabbeltisch gekauft. Die Mädels fands ich damals durchaus hübsch, aber das Spiel war schon sehr speziell.
    Habe die Packung noch irgendwo in einem Schrank rumfliegen, lange ist es her……
    Danke für den Artikel 🙂

    1. Feine Sache 🙂 Freut mich sehr, dass der Artikel Erinnerungen wachruft. Mal sehen, ob ich nochmal was in die Richtung schreibe…

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