Scott Pilgrim EX

Immer mitten in die Fresse rein! In Scott Pilgrim EX verteilt ihr wieder nach Herzenslust Ohrschellen, Backpfeifen, Tritte und alles dazwischen. So, als wäre 2010 nie zu Ende gegangen.

Als Ubisoft 2010 Scott Pilgrim vs. The World: The Game veröffentlichte, war das der erste Download‑Titel, der überhaupt auf meiner PlayStation 3 gelandet ist (ja, die Konsole kam bei mir etwas später ins Haus). Das Beat’em‑up wurde schnell zu einem vergnüglichen Couch‑Koop‑Dauerbrenner, den ich mit der Familie stundenlang gespielt habe – bis auch die letzte Backpfeife verteilt und jeder Gegner aus dem Bildschirm geprügelt war.

Doch jetzt, ganze 16 Jahre später, betteln die Pixel‑Gegner wieder um eine Tracht Prügel. Denn ehemalige Mitarbeiter von Ubisoft, darunter Leute, die damals schon am ersten Spiel saßen, haben sich bei Tribute Games erneut an die Marke gewagt. Ausgerechnet das Team, das sich seitdem mit modernen Retro‑Brawlern wie Teenage Mutant Ninja Turtles: Shredder’s Revenge oder Marvel Cosmic Invasion für den Publisher Dotemu einen Namen gemacht hat, kehrt damit zu seinen eigenen Wurzeln zurück und bringt Scott Pilgrim wieder auf die Bildschirme.

Worum geht’s?

Das Scott‑Pilgrim‑Franchise begann 2004 als sechsbändige Graphic‑Novel‑Reihe und wurde schnell zu einem kleinen Kultphänomen. Die Mischung aus Indie‑Rock‑Romantik, Coming‑of‑Age‑Geschichte und Videospiel‑Ästhetik prägte den Ton der Serie und machte sie zu einem festen Bestandteil moderner Popkultur. Im Jahr 2010 folgte die hochkarätig besetzte Filmadaption Scott Pilgrim vs. The World, die von dem bereits erwähnten ersten Videospiel von Ubisoft begleitet wurde. Zuletzt erschien 2023 die Anime‑Serie Scott Pilgrim Takes Off.

Die Geschichte von Scott Pilgrim EX stammt aus der Feder des Serien-Schöpfers Bryan Lee O’Malley und fügt sich somit nahtlos in das Franchise ein. Diesmal müsst ihr eure Fäuste schwingen, weil Scotts Band entführt wurde und seine Heimatstadt Toronto plötzlich von Portalen, neuen Gangs und allerlei überdrehten Gegnern überrannt wird. Gemeinsam mit Ramona und weiteren bekannten Figuren prügelt ihr euch durch eine neue, eigenständige Story, die lose an die bisherigen Werke anknüpft, aber ihr eigenes Ding macht.

Im Kern dreht sich die Geschichte darum, die verstreuten Bandmitglieder wiederzufinden und herauszufinden, wer hinter den mysteriösen Rissen in der Realität steckt. Jede Stage führt euch zu einem anderen entführten Mitglied, während sich nach und nach zeigt, dass die Portale nicht nur neue Feinde, sondern auch alternative Versionen bekannter Charaktere ins Spiel bringen. Dadurch entsteht eine Art „Was‑wäre‑wenn“-Abenteuer, das bekannte Figuren in neuen Rollen zeigt und die Welt von Scott Pilgrim um ein paar schräge Wendungen erweitert.

Was mache ich hier?

Das Gameplay bleibt ein klassisches Side‑Scroller‑Beat-em‑up: Ihr arbeitet euch durch lineare Levels, räumt Gegnerwellen aus dem Weg und stellt euch hin und wieder einem Boss. Die Kämpfe spielen sich flüssig, können aber gerade bei mehreren Spielern schnell recht unübersichtlich werden. Apropos mehrere Spieler: Ihr könnt lokal oder online mit bis zu vier Leuten spielen, was nicht nur das Chaos auf dem Bildschirm erhöht, sondern auch den Spaßlevel nach oben pusht. Die Steuerung hat zwar das Potenzial, Genre‑Neulinge anfangs etwas zu „erschlagen“ (hehe), aber auf den niedrigeren Schwierigkeitsstufen kommt man notfalls auch mit wildem Button‑Smashing gut voran. Wer sich tiefer in die Steuerung eingräbt, schlägt dank Kombos & Co. natürlich härter zu.

Ergänzt wird das Ganze durch eine Übersichtskarte, die euch beim Navigieren durch die Stadt hilft. Denn es gibt immer wieder kleinere Aufgaben zu erledigen – etwa das Beschaffen einer Bombe sowie dem Zünden derselben an der richtigen Stelle oder das Ausschalten bestimmter Gegnergruppen. Unterwegs sammelt ihr von den K.O.-geprügelten Pixelfiguren Geld auf, das ihr in Läden für Fast Food, Heilitems oder Ausrüstung ausgebt. Jeder Charakter verfügt außerdem über einen Spezialangriff, der besonders in engen Situationen hilft, und kann einen Begleiter herbeirufen, der kurzzeitig zusätzlichen Schaden verursacht oder euch unterstützt. Mit der Zeit levelt ihr eure Figuren auf und schaltet neue Fähigkeiten frei, während die Portale im Leveldesign immer wieder für alternative Gegner, Varianten bekannter Figuren oder kleine Szenenwechsel sorgen.

Optisch orientiert sich Scott Pilgrim EX klar an O’Malleys Comic‑Stil. Die aufgeräumte, cleane Pixelgrafik hält eine gute Balance zwischen moderner Optik und nostalgischem Retro‑Feeling. Die Levels sind bunt, überdreht und vollgestopft mit Anspielungen auf Nerdkultur. Auch akustisch gibt sich das Spiel keine Blöße: treibende Indie‑Rock‑Beats gepaart mit elektronischen Einflüssen bestimmen das Bild und halten das Tempo hoch. Technisch läuft das Ganze stabil, selbst im Vier‑Spieler‑Chaos, und leistet sich keine nennenswerten Slowdowns.

Fazit

Ich bin alles andere als ein Beat‑em‑up‑Experte, aber ich weiß ziemlich genau, was mir Spaß macht – und Scott Pilgrim EX gehört definitiv dazu. Allerdings vor allem im Koop: Gemeinsam durch die Levels zu prügeln, Chaos zu stiften und sich gegenseitig wieder auf die Beine zu helfen, ist einfach der Kern dessen, was dieses Spiel ausmacht. Solo durch die Gegend zu ziehen finde ich in kaum einem Vertreter des Genres besonders prickelnd, aber das laste ich dem Spiel nicht an – das liegt eher an mir als Spieler.

Insgesamt wirkt Scott Pilgrim EX für mich wie eine sinnvolle Weiterentwicklung des Vorgängers: Es fühlt sich fast genauso an, bringt aber genug neue Ideen, Aufgaben und kleine Komfortverbesserungen mit, um wieder einige vergnügliche Haudrauf‑Stunden herauszukitzeln. Es ist ein charmantes, liebevoll gemachtes Prügelspiel, das genau weiß, was es sein will – und das macht es richtig gut. Ihr findet das Spiel auf so ziemlich jeder gängigen Plattform für knapp unter 30 Euro. Angesichts einer Spielzeit von unter zehn Stunden – je nach eigenem Geschick am Gamepad – bewegt sich der Preis im oberen Bereich dessen, was vergleichbare Indie‑Brawler üblicherweise verlangen.

Avatar-Foto

Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

Alle Beiträge anzeigen von TheLastToKnow

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert