Replaced

Ursprünglich sollte Replaced bereits 2022 erscheinen. Doch der Ukraine-Krieg kam dazwischen und zwang die belarussischen Entwickler der Sad Cat Studios nach Zypern umzusiedeln. Seitdem wurde der Titel immer wieder verschoben, bis er vor einer Woche endlich das Licht der Welt erblickte und durchaus einen Hype auslöste. Für mich persönlich kann das Erstlingswerk des Studios diesem Hype nicht ganz standhalten.

Prämisse und Geschichte

Alternative, dystopische Geschichtsszenarien scheinen in den letzten Jahren im Trend zu liegen. Die Geschichte von Replaced macht da keine Ausnahme und spielt in einer alternativen Zeitlinie der USA in den 80er-Jahren. Nach einem atomaren Unfall im Jahr 1945 stieg die Erforschung der Biotransplantation stark an. Zunächst geschah dies, um den Folgen der Strahlenerkrankung zu begegnen, doch über die Jahrzehnte durchdrang diese Technologie die gesamte Gesellschaft. Solange Menschen die Rechnungen bezahlen können, bekommen sie von der Phoenix Corporation neue Lebern, neue Augen und andere Organe. Doch was geschieht mit den Spendern dieser Organe?

Wir befinden uns im Jahr 1984. In den Jahren davor hat der KI-Entwickler Warren Marsh an der KI R.E.A.C.H. gearbeitet. Einer KI, die eigentlich das Programm der Organspenden verwalten soll. Durch einen Unfall am Anfang des Spiels sitzt diese KI nun im Körper von Warren Marsh fest und muss zunächst aus Phoenix City fliehen. Vor den Toren der Stadt lernt R.E.A.C.H. die Seite der Menschheit kennen, die von der Phoenix Corporation ausgestoßen wurde: die sogenannten Disposals – Menschen, die bereits Organe gespendet haben und daher nicht mehr „gebraucht“ werden. Diese haben sich in einem alten Bahnhofsviertel vor der Stadt eingerichtet und müssen mit knappen Ressourcen sowie den Angriffen einer Verbrecherbande zurechtkommen. R.E.A.C.H. lernt in diesem Viertel die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen kennen, die er vormals für rational hielt.

In diesem Viertel lernt er auch den rebellischen Tempest kennen – einen Freiheitskämpfer, der zum Missfallen der anderen beiden Anführer des Camps die Phoenix Corporation bekämpfen will und dafür auch vor großen Risiken nicht zurückschreckt. Mit ihm schließt sich die Hauptfigur im Laufe des rund zwölfstündigen Abenteuers zusammen. Denn R.E.A.C.H. hat das Ziel, wieder in das Büro zu gelangen, das er zunächst für eine Forschungseinrichtung hielt, um den Unfall rückgängig zu machen und Warren zu retten…

Gameplay & Technik

Warum selbst erfinden, wenn man gut abgehangene Konzepte miteinander vermischen kann? Das dachten sich wohl auch die Entwickler des Studios, denn die Gameplay-Elemente sind aus anderen Titeln wohlbekannt. Die Mischung aus 2D-Pixelgrafiken in einer 3D-Welt kennen Rollenspielfans bereits aus Spielen wie Octopath Traveler und Eiyuden Chronicle: Hundred Heroes. Das Gameplay selbst ist im Bereich des Cinematic-Platformers angesiedelt. Wie in Prince of Persia oder Tomb Raider gibt es teils sehr ausufernde Kletterpassagen. Aus den Batman-Spielen von Rocksteady wurde hingegen das Kampfsystem übernommen. Regelmäßig werdet ihr von Gegnergruppen angegriffen. Erscheinen gelbe Symbole über den Gegnern, könnt ihr diese Angriffe per Knopfdruck blocken und kontern. Rote Symbole stehen wiederum für Attacken, denen ihr lieber ausweichen solltet. Ihr selbst könnt leichte Angriffe austeilen und mit einer Spitzhacke schwere Schläge ausführen, um die Verteidigung der Gegner zu durchbrechen. Später bekommt ihr eine Schusswaffe, mit der ihr stärkere Feinde mit einem einzigen Treffer erledigen könnt.

Zwischen den linearen Schlauchleveln gibt es im Bahnhofsviertel einige Fetch-Quests zu erledigen, durch die ihr Upgrades für Gesundheit, Medipacks, Spitzhacke und die Schusswaffe erhalten könnt. Auch werden im Verlauf des Spiels drei kleine Retrospiele freigeschaltet. Wenn ihr in diesen den Highscore schlagt, gibt es ebenfalls eine Belohnung.

Die größten Stärken des Spiels sind seine grafische Opulenz und die fantastische Atmosphäre. Obwohl – oder vielleicht auch weil – viele Elemente aus Pixelgrafiken bestehen, entsteht eine herrlich düstere, bedrückende Stimmung, welche die Hoffnungslosigkeit dieser Welt fantastisch auf den Punkt bringt. Das können osteuropäische Studios bekanntlich meisterhaft und Replaced reiht sich in diese Riege hervorragend ein.

Das große Pacing-Problem

Mein größter Kritikpunkt an Replaced ist das Pacing. Während ich es besonders in der Anfangsphase sehr mochte, wie langsam die Entwickler diese trostlose Spielwelt mit Hilfe von langem Kamerafahrten und Wanderungen zelebrieren. An diesen Grafikstil kann ich mich einfach nicht satt sehen und viele Orte sind wie ein Gemälde designt.

Trotzdem empfinde ich die Levels als viel zu lang. Insbesondere im unterirdischen Bergwerk, an der Mauer von Phoenix City oder in der Militärbasis: Irgendwann war ich von den ständig gleichen Kämpfen und den ewigen Klettereien gelangweilt, manchmal sogar genervt. Die Kämpfe laufen wirklich immer gleich ab und bringen nach kurzer Zeit nichts Neues. Daher mein Tipp: Spielt auf dem leichten Schwierigkeitsgrad. Das reduziert lediglich die Dauer der Kämpfe. Und viele Kletterpassagen empfand ich entweder als recht frustig oder langweilig. Also entweder waren sie zu simpel oder zu schwer. Die Entwickler haben es für mich nicht geschafft, einen spaßigen Sweetspot zu treffen. Ein weiteres, viel zu oft genutztes Element sind die Stealth-Passagen. Hier geht es überwiegend darum, den mit roten Markierungen versehenen Sichtbereichen von Überwachungssystemen auszuweichen. Auch hier ist den Entwicklern keine Idee eingefallen, diese Passagen interessant und abwechslungsreich zu gestalten.

Und wenn diese einzelnen, wenig ausgegorenen Elemente sich für 15 bis 20 Minuten immer wieder abwechseln, ohne dass etwas Spannendes passiert, dann zerrt das leider hart an meinem Geduldsfaden. Die einzelnen Level hätten locker um mindestens 30% gekürzt werden können.

Fazit

So geil ich die grafische Qualität auch finde, so interessant die Welt und die Storyprämisse sind – auch wenn ein Großteil der Lore leider nur durch Texteinträge erklärt wird (wann verschwindet dieses Relikt der 00er-Jahre endlich?) –, ich kann für Replaced keine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Insbesondere am Pacing wird ersichtlich, dass es sich hier um ein Erstlingswerk mit turbulenter Entwicklungsgeschichte handelt und die Entwickler etwas zu verliebt in die für mich recht abwechslungsarmen Spielmechaniken waren.

Daher bleibt mir leider nichts anderes übrig, als lediglich eine Sale-Empfehlung auszusprechen und/oder den Tipp zu geben, das Spiel vielleicht in kleinen Häppchen zu spielen. Hätten wir hier, frei nach André Peschke, eine Grüne-Wiese-Wertung (also weine Wertungsskala, die nicht erst bei 7/10 anfängt), würde ich eine 6/10 geben. Haben wir nicht, also gibt es den gemäßigt unterhaltend gestimmten Gorilla. Die ganzen 80er- und gar 90er-Wertungen, die das Spiel häufig eingefahren hat, sind definitiv nicht gerechtfertigt und zeigen eigentlich nur auf, wie kaputt Spielewertungen heute sind. Trotzdem: Replaced ist weit davon entfernt, ein schlechtes Spiel zu sein und ich bin sehr gespannt auf das nächste Projekt des Studios.

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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3 Comments on “Replaced”

  1. Das Fazit würde ich so unterschreiben, wobei ich schon sagen würde, dass die „Sale“-Ersparnis nicht so hoch ausfallen muss, dafür hat mir das Spiel dann doch genug geboten.
    Was mich persönlich viel mehr wurmt ist die vertane Chance, dass die Entwickler die Geschichte nicht in sozialen/historischen Rahmen, den ihr Herkunftsland sicher bieten wird, gesetzt haben.

  2. Dem muss ich mich leider anschließen. Das Spiel ist viel zu gestreckt. 30 % kürzer wäre wirklich gut gewesen. Tolle Grafik nutzt sich bei mir schnell ab, wenn das Pacing nicht gut ist.

  3. Ich würde nicht sagen daß Wertungen heute kaputt sind. Ist ja letztlich immer eine Sache des Testers. Und warum sollte dieser wenn deine Kritik Punkte nicht störend sind keine gute Wertung geben?
    Ansonsten guter Test, werde mal selbst beizeiten reinspielen.

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