Pepper Odyssey

In Pepper Odyssey erwartet euch ein surrealer Trip auf eine Insel voller abgedrehter Lebewesen. Ein Spiel wie ein Fiebertraum.

Vor einem Jahr überraschte uns Wavey Games mit dem verrückt-genialen Point-and-Click-Adventure Melon Head, das es sogar unverhofft in meine Rangliste der besten 50 Adventures von 2020 – 2024 geschafft hatte. Jetzt ist mit Pepper Odyssey das neue Werk des Finnen erschienen – und es soll ebenso wie sein Vorgänger eine abgefahrene Geschichte und fantasievolle Pixel-Optik, die an EGA-Zeiten erinnert, bieten.

Ob Wavey Games mit seinem Wechsel vom Adventure- ins Rollenspiel-Genre Schiffbruch erleidet (und ob ich wieder Beatles-Songs als Überschriften wähle), erfahrt ihr in diesem Artikel.

Help!

In der Einleitung erfahren wir, dass wir als namenloser Pfefferhändler Schiffbruch erlitten haben und auf einer Insel gestrandet sind. Um von dort zu entkommen, müssen wir ein seetüchtiges Floß samt Ausrüstung basteln und dann die Segel Richtung Heimat setzen. Aber leichter gesagt, als getan! Denn vorher müsst ihr einige Materialien auf der Insel zusammensammeln. Und auch das ist nicht so leicht, wie es klingt.

Einige (den Surrealismus der Geschichte unterstreichende) abgedrehte Orte wie ein Luxushotel, eine Pyramide, eine Sternwarte oder ein verlassenes Einkaufszentrum, warten auf eure Erkundung. Dort trefft ihr zumeist auf eine Vielzahl unterschiedlicher, abgedrehter Gestalten. Manche von ihnen sind euch freundlich gesonnen, verlangen aber zumeist einen Gefallen von euch, damit sie euch weiterhelfen. Andere begegnen euch feindselig und verwickeln euch in einen Kampf, der zugleich auch das Herzstück des Spiels darstellt.

Nach einer anstrengenden „Odyssee“ werdet ihr irgendwann genug „Schrott“ bei der Erkundung der Insel oder den Kämpfen gesammelt und die euch gestellten Aufgaben erfüllt haben, um euer Fluchtfloß bauen zu können – doch bis dahin habt ihr vermutlich auch das eine oder andere Geheimnis entdeckt, das euch die Möglichkeit zur Freischaltung eines der alternativen Enden von Pepper Odyssey bietet. Dazu müsst ihr die Dungeons der Insel durchschreiten und den dort ansässigen Boss besiegen.

Helter Skelter

Wie bereits erwähnt, erwartet euch hier kein reinrassiges Adventure wie bei Melon Head, sondern ein Rollenspiel mit Adventure-Elementen und Kampf-Fokus. Die Gegner, die euch erwarten, scheinen einem Fiebertraum entsprungen zu sein. Neben menschlichen Gestalten stellen sich auch allerlei Fantasie-Wesen entgegen, denen ihr in den Allerwertesten treten müsst.

Ihr fechtet eure Kämpfe rundenbasiert aus. Zunächst ist es empfehlenswert, den Gegner zu „scannen“: So erkennt ihr die derzeitigen Lebenspunkte, den aktuellen Gemütszustand sowie die Kriterien, die eine „Special“-Attacke auslösen können. Wer mag, kann nun einfach sein Messer oder seine Pistole (und später auch weitere Gegenstände) zücken, um die Gesundheit des Feindes zu dezimieren. Die weitaus elegantere Lösung ist aber, das Gegenüber in die richtige Stimmung zu versetzen, um einen Spezialangriff ausführen zu können, der euch triumphierend aus dem Kampf heraustänzeln lässt.

Natürlich kann euch der Gegner auch verletzen oder sonstige schlimme Dinge antun, so dass ihr häufig Verbrauchsgegenstände einsetzen werdet, um dem entgegen zu wirken. Habt ihr es dann geschafft, euren Feind aus dem Weg zu räumen, werdet ihr mit nützlichen Gegenständen (und „Schrott“) belohnt. Außerdem steigt (oder fällt) euer Ansehen, das für manche Begegnungen mit den Inselbewohnern ausschlaggebend sein kann.

You’ve Got to Hide Your Love Away

Und wie funktioniert das so mit den Gefühlen? Na klar, durch den Einsatz von Literatur! Daher solltet ihr fleißig Bücher, Gedichte und Pamphlets sammeln, um die Gegner im Kampf damit beeinflussen zu können.

Dabei solltet ihr immer das „Rad der Emotionen“ im Blick behalten. Denn jede Art von Literatur wirkt auf eine andere Weise auf den Gemütszustand des Gegners. Ist euer Gegenüber beispielsweise traurig, heitert ihn ein fröhliches Gedicht auf. Wenn ihr anekeln möchtet, solltet ihr ihn in diesem Fall mit einem Werk von Marquis de Sade konfrontieren. So lenkt ihr die Emotionen in eine bestimmte Richtung und könnt dann im richtigen Moment die passende Spezialfähigkeit wählen, um den Kampf zu gewinnen.

Dabei können auch die Masken hilfreich sein, hinter denen ihr euch im gesamten Spiel versteckt. Zu Beginn tragt ihr die „Feiglingsmaske“, mit denen ihr leichter aus den Kämpfen fliehen könnt, später findet ihr einige andere Masken, die euch auf bestimmte Fähigkeiten einen Bonus geben. So könnt ihr etwa stärker zuschlagen, oder am Ende des Kampfes ein paar Lebenspunkte heilen. Sollten diese übrigens einmal aufgebraucht sein, landet ihr wieder in eurem Camp und werdet wiederbelebt – müsst dafür aber auch etwas von euren gesammelten Gegenständen (nach Wahl) opfern.

Here Comes The Sun

In euer Camp werdet ihr häufig zurückkehren. Damit es dort etwas gemütlicher wird, könnt ihr auch etwas „Schrott“ in eure Unterkunft stecken. Das hat den Vorteil, dass ihr beim Ausruhen etwas mehr Lebenspunkte generiert. Außerdem könnt ihr hier Dinge bauen, die euch weitere Orte auf der Insel erschließen.

Um andere Orte zu erreichen, müsst ihr auch immer den Umweg über euer Camp nehmen, eine direkte Reise von der Pyramide zur Sternwarte beispielsweise ist nicht möglich. Auch die weiteren Schauplätze innerhalb der Gebiete sind manchmal nur mühsam zu erreichen. Wenn ihr etwa zum „Feld der Säulen“ möchtet, musst ihr zunächst in euer Camp reisen, dann zu den „Ruinen der Traurigkeit“, von dort in den Dschungel und von dort schließlich zum „Feld der Säulen“. Das hätte eleganter gelöst werden können.

Noch etwas ärgerlicher ist die Navigation im Inventar: Das zeigt euch immer nur einen Gegenstand an und ihr müsst stellenweise recht lange „blättern“, bis ihr den gewünschten Gegenstand gefunden habt. Dann dürft ihr ihn anklicken und danach erst benutzen. Besonders das Questlog und die Anleitung zum „Rad der Emotionen“ hätte Wavey Games gerne im Interface unterbringen können, anstatt diese im sowieso schon unübersichtlichen Inventar zu verstecken.

The End

Ich bin bei Pepper Odyssey zwiegespalten und hätte mir lieber wieder ein klassisches Abenteuer wie bei Melon Head gewünscht. Doch die faszinierende Stimmung und die surrealen Begegnungen auf der Insel haben mich dann doch gut unterhalten. Die Optik im EGA-Stil und die fantasievolle Gestaltung möchte ich ebenfalls lobend erwähnen.

Leider ist die Bedienung unnötig kompliziert, vor allem bei der Navigation durch das Inventar oder bei der Navigation über die Insel. Die Kämpfe waren zu Beginn durch das Emotions-System relativ spannend, doch das hat sich bei mir schnell abgenutzt, so dass sich diese am Ende eher wie Arbeit angefühlt haben. Meine Zeit hätte ich gerne mit mehr Gesprächen, Rätseln und Aufgaben verbracht, diese nehmen hier leider aber nur einen kleinen Teil ein. Daher schrammt das Spiel für mich persönlich ganz knapp am „glücklichen DKSN-Gorilla“ vorbei.

Nichtsdestotrotz hatte ich Spaß mit Pepper Odyssey und beim Entdecken der verschiedenen Enden und war schon ein paar Stunden damit beschäftigt. An Melon Head reicht das neueste Werk von Wavey Games für mich aber leider nicht ran. Ihr findet Pepper Odyssey mit englischen Texten und ohne Sprachausgabe ab sofort auf Steam und itch.io für knapp unter 10 Euro.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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4 Comments on “Pepper Odyssey”

  1. Das Rad der Emotionen und die Sache mit den Büchern klingen nach faszinierenden Ideen. Danke für den Überblick – und die Beatles-Ohrwürmer.

  2. Excellent review! I think the alternative endings are super cool. It’s a challenging game that will give you many good hours of play. The art is super cool, the sound effect is funny yet well balanced. The hint system works really well, too.
    Playing it brought me back to the era of Pokémon Red and Blue, but with a more mature story. I can sit there and play for days instead of finishing in just a few hours; there’s always something new to discover, some danger, some unfairness.

    I really enjoyed testing it, but to be honest, I enjoyed it even more just as a simple, humble player!

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