Mysteries of Old Tokyo

Spiele mit einer meist an die 90er-Jahre erinnernden Oberfläche eines fiktiven Betriebssystems sind seit einigen Jahren im Trend. Nachdem uns zuletzt CD-ROM nicht wirklich überzeugen konnte, habe ich eine andere aktuelle Veröffentlichung aus diesem Bereich unter die Lupe genommen: Mysteries of Old Tokyo. Der Beschreibungstext verspricht eine Reise durch die Geschichte Japans, inspiriert von alten Multimedia-Programmen wie Microsofts Encarta oder dem seltsamen First-Person-Adventure Cosmology of Kyoto. Auch moderne Deduktionsspiele wie Golden Idol werden als Inspiration genannt.

Na dann, machen wir es uns gemütlich und tauchen in eine hoffentlich anregende japanische Geschichtsstunde. Und endlich konnte ich unserem Sasha mal ein, na, zumindest Adventure-ähnliches Spiel vor der Nase wegschnappen. Eines, das ihm vielleicht sogar gefallen könnte…

Auf Geisterjagd

Eine Stadt wie Tokio funktioniert wie ein gigantisches Uhrwerk: Millionen kleiner Rädchen greifen ineinander und sorgen dafür, dass diese Stadt in Bewegung bleibt. Blöd nur, wenn dieses Getriebe durch etwas gestört wird. Dieses „Etwas“ sind fünf Geister, die aus den unterschiedlichsten Perioden der Stadt stammen und sie nun unsicher machen und die Menschen verschrecken. Um diese umherwandernden Geister zu besänftigen und ihnen die letzte Ruhe zu geben, wurdet ihr als Spieler von der mysteriösen Firma Rare Items Acquisition angestellt. Eure Aufgabe besteht nun darin, Fakten und Geschichten über Tokio zu recherchieren, in Einklang zu bringen und mit eurem gesammelten Wissen die Geister zu stellen.

Das Gameplay ist dabei in verschiedene Phasen eingeteilt. Zu Beginn jedes Kapitels gibt euch die Firma aktuelle Aufträge. Es geht immer darum, erst einen bestimmten Ort zu besuchen und Fotos zu machen, womit entsprechende Einträge in einer Enzyklopädie freigeschaltet werden. Ihr bewegt euch per Stadtkarte und könnt die Stadt entweder zu Fuß oder per Bahn erkunden. Auf eurem altmodischen PDA ist zudem eine Navigations-App installiert, die euch auf direktem Wege zu den Zielpunkten bringt. Aber vielleicht entgeht euch das eine oder andere kleine Geheimnis, wenn ihr euch nur auf diese App verlasst?

Habt ihr alle wichtigen Orte des jeweiligen Kapitels besucht und Fotos gemacht, geht es zurück ins Büro. Am Computer ordnet ihr moderne Fotos alten Postkarten zu, markiert Gemeinsamkeiten und lest in der Enzyklopädie Texte zu jedem einzelnen Ort. Darauf aufbauend füllt ihr ein paar Lückentexte korrekt aus. Wäre das das gesamte Gameplay, wäre es arg einfach.

Hier kommen die Geister ins Spiel, denen ihr in der Stadt begegnet und die euch ihre Lebensgeschichten erzählen. Da wäre etwa die Kurtisane Kasuga-dono oder der Büroangestellte Yoshida-san, der in Folge der Bubble Economy sein Leben verlor. Sie beschreiben ihren Alltag in den verschiedenen Perioden. Dabei mischen sich in ihre Aussagen historische Ungenauigkeiten oder gar Lügen, die ihr in bester Phoenix-Wright-Tradition entlarven müsst. Ein Beispiel: Yoshidas Geist erzählt euch davon, wie ihn Bilder der Zerstörung des Kan’ei-ji-Tempels während der Schlacht von Ueno heimsuchen. Diese Schlacht fand im Jahr der Meiji-Restauration statt. Das war 1868, als die Herrschaft des Kaisers wiederhergestellt wurde. Der Widerspruch in seiner Aussage betrifft die Flucht mit einem Zug der Yamanote-Linie. Denn diese gab es 1868 noch nicht, sie wurde erst 1872 eröffnet. Habt ihr solch einen Widerspruch festgestellt, steigert sich die Verbindung zum jeweiligen Geist und ihr bekommt mehr Geschichten über sein früheres Leben zu hören.

Im Laufe der elf Kapitel werden die Rätsel der Geister, aber auch die von der Firma vorgegebenen Aufgaben immer komplexer. Das betrifft jedoch nicht das Gameplay. Vielmehr wird die Geschichte Japans immer komplexer und ihr müsst verschiedene historische Fakten in einen logischen Zusammenhang bringen. Damit ihr euch das nicht alles im Kopf merken müsst, habt ihr auf der linken Seite des Bildschirms die Möglichkeit, euch Notizen zu machen. Ideal für Jahreszahlen, japanische Namen und andere Gedankenstützen.

Eine gamifizierte Encarta

In einem Steam-Review meinte ein Spieler, dass es sich hier um eine gamifizierte Encarta handelt. Und ja, das trifft es ziemlich gut. Die Fotos und Postkarten sind wirklich hübsch. Aber darüber hinaus versprüht das Spiel den Charme eines Computer-Lexikons der 90er-Jahre, inklusive teils langer Textwände, die ihr tatsächlich lesen solltet. Dadurch wird euch ein sehr tiefes Wissen über die Geschichte Tokios vermittelt, das ihr für die Lösung der Rätsel eben auch braucht. Die gesamte Präsentation könnte auf heutige Gamer vielleicht etwas trocken wirken. Ich persönlich mag diese Ästhetik jedoch sehr, da sie nicht mit übermäßig vielen Animationen ablenkt.

Besonders begeistert hat mich die Themenvielfalt, die der Entwickler in das Spiel gepackt hat. Von Kriegen über Religionen bis hin zu gesellschaftlichen Entwicklungen wird wirklich viel zur Geschichte abgedeckt. Bei der Ausarbeitung der Charaktere vermied er Klischees und auch die Lebensgeschichten der Geister wirken auf mich ziemlich authentisch.

Fazit

Mysteries of Old Tokyo ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn ihr Japan-Fans seid und interessante Geschichten sowie Fakten darüber erfahren wollt, wie Japan von der Edo-Periode in die Moderne gelangt ist, dann ist dies euer Spiel. Es ist umfangreich recherchiert und meiner Ansicht nach spielerisch sehr zugänglich designt. Was mich begeistert hat: Der Entwickler hat nicht nur reale Postkarten aus den 1930er-Jahren genutzt, sondern ist auch persönlich an die jeweiligen Orte gefahren, um sie im Hier und Jetzt zu fotografieren. Dies ist ein schönes Beispiel für die tiefe Passion, die dem Spiel zugrunde liegt.

Aber auch als Deduktionsspiel macht Old Tokyo für mich einiges richtig. Das Spiel beschränkt sich durchgehend auf drei Spielmechaniken und die Schwierigkeit ergibt sich eher aus der Komplexität der Geschichte Tokios und nicht aus dem Rätselraten darüber, was der Entwickler nun wieder von mir will. Soll heißen: Ihr werdet eben nicht mit immer neuen Mechaniken konfrontiert, an denen ihr dann vielleicht abprallt. Spielt einfach mal in die Demo rein. Wenn euch diese gefällt, könnt ihr sicher sein, dass das Gameplay über die gesamte Spielzeit von acht bis zehn Stunden genauso bleiben wird.

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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2 Comments on “Mysteries of Old Tokyo”

  1. Vielen, vielen Dank für den Tipp. Ich habe damals Encarta echt geliebt und so ein Spiel müsste eigentlich in mein Beuteschema fallen – nur habe ich absolut nix vorher gehört. Nach CD-ROM schon der zweite coole Tipp.

  2. Habe in die Demo reingeschaut, und obwohl ich das Konzept an sich cool finde und mich auch gerne mehr in das Setting hineingearbeitet hätte, hat mich das Interface sehr gestört. Fonts, Buttons und andere UI-Elemente, sowie deren Stile, waren mir zu wild zusammengewürfelt und somit scheiterte es für mich an einer klaren Linie für das Benutzerinterface und damit auch an der Benutzbarkeit.

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