Midnight Scenes

Die Point-and-Click-Adventures aus der Midnight Scenes-Reihe erzählen gruselige Kurzgeschichten, die von TV-Serien wie The Twilight Zone inspiriert sind. Dieser Artikel gibt euch einen Überblick.

Der frühere Kinderbuch-Illustrator und autodidaktische Pixelkünstler Octavi Navarro beeindruckt mit seinen Pixelgrafik-Kunstwerken schon seit knapp zehn Jahren. Dies führte in der Mitte des letzten Jahrzehnts dazu, dass er ins Team der Point-and-Click-Adventure-Entwickler von Thimbleweed Park berufen wurde, um den bekannten Illustrator und Pixelkünstler Mark Ferrari bei den Hintergründen sowie Animationen zu unterstützen. Diese Erfahrung inspirierte Navarro schließlich dazu, mit der Entwicklung seiner eigenen Spiele zu beginnen. Dies war zugleich der Start der Midnight Scenes-Reihe, die im Februar 2023 mit der vierten Episode ihren bisherigen Höhepunkt erreicht hat. Doch beginnen wir am Anfang:

Midnight Scenes – The Highway

Ein dunkler Highway mitten im Nirgendwo. In der Rolle von Claire Banes fahrt ihr allein in eurem Wagen und lasst euch dabei von eurem Radio berieseln. Doch plötzlich bricht der Empfang ab, nur noch Störgeräusche dringen aus den Lautsprechern. Noch schlimmer ist, dass ihr nur wenige Momente später gezwungen werdet, eure Fahrt abrupt zu unterbrechen. Ein Strommast ist umgekippt und blockiert die Straße. Euch bleibt also nichts anderes übrig, als auszusteigen und die Gegend zu erkunden und hoffentlich Hilfe zu finden. Doch was ihr tatsächlich findet, gefällt euch ganz und gar nicht…

Die erste Episode “The Highway” lehnt sich optisch und atmosphärisch an die 1960er Ausgaben von Mystery-Serien wie The Twilight Zone oder The Outer Limits an. Daher ist die Pixelgrafik auch bewusst in Schwarz/Weiß gehalten. Auch wenn die Spielzeit nicht mehr als 15 Minuten beträgt, kann man The Highway dennoch als gelungenen Auftakt für die Gruselspiel-Serie und als beachtenswerten Erstling von Navarro ansehen.

Das Spiel wurde 2020 noch einmal als Deluxe Version herausgebracht, in der ihr nun auch deutsche Texte, ein Artbook sowie den Soundtrack findet. Wer damals das Bundle for Ukraine bei itch.io erworben hat, findet diese Version ohne Zusatzkosten in seinem itch.io Account. Alle anderen können die erste Episode für ca. 3 Euro auf itch.io oder Steam kaufen.

Midnight Scenes – The Goodbye Note

Zu Beginn von Episode 2 (“The Goodbye Note”) blickt euch ein großes, freischwebendes Auge an, das sich als Erzähler entpuppt und euch in die bevorstehende Geschichte einführt. Diese beginnt mit dem Wissenschaftler Dr. Richard P. Griffin, der kurz davorsteht, die furchterregendste Reise seines Lebens anzutreten. Doch bevor es dazu kommt, spielt ihr zunächst eine Rückblende des vorherigen Tags, in der ihr als Dr. Griffin im Labor eine grausige Entdeckung macht, die euch zur Flucht mit dem nächsten Flugzeug veranlasst. Diese Entscheidung werdet ihr allerdings noch bitter bereuen…

Die zweite Episode versucht noch etwas näher an den 1960er-Jahre-Stil des TV-Vorbilds zu kommen und führt daher einen “Mattscheiben”-Look ein, der an die damaligen gebogenen Röhrenfernseher erinnert. Neu hinzugekommen sind nun auch Charakterportraits und Dialoge. Die Grafiken stecken voller kleiner Details: Beispielsweise fand ich es sehr charmant, dass die Flugzeuge von außen mit Drähten verbunden sind, um die damaligen “Special-Effects” zu imitieren.

Auch hier werdet ihr nicht viel länger als zwanzig Minuten beschäftigt sein. Die Rätsel sind durchweg zugänglich und halten hauptsächlich die atmosphärische Schauergeschichte zusammen. The Goodbye Note war ebenfalls als Special Edition im Bundle for Ukraine inklusive deutscher Texte enthalten, alternativ könnt ihr die Episode auch für ca. 3 Euro bei Steam oder itch.io erwerben.

Midnight Scenes – The Nanny

Die dritte Episode The Nanny überrascht zu Beginn mit der Anwesenheit von Farben und nimmt sich offenbar ab sofort die 1980er Variante der Twilight Zone zum Vorbild. Das freischwebende Auge übernimmt wieder die Rolle des Erzählers und bereitet euch auf die schrecklichen Erlebnisse vor, die in dieser Episode auf zwei unschuldige Kinder warten. Die Geschichte spielt im Herbst 1986 und beginnt zunächst ganz harmlos. Die Eltern von Tina und Oliver verabschieden sich über das Wochenende und übergeben die Aufsicht ihrer Kinder an die Teenagerin Veronica, die schon einige Male als Babysitter für die Geschwister eingesprungen ist. Zusammen spazieren sie durch die Wälder hinter dem Haus und entdecken dabei eine gruselige Zeichnung auf einem Felsen, die ein großes, skelettartiges Monster darstellt. Veronica bringt die beiden daraufhin wieder nach Hause und ins Bett, doch die Nacht soll für die drei alles andere als ruhig verlaufen…

Diesmal finden nicht nur die Farben ins Spiel, auch die Rätsel werden etwas abwechslungs- und umfangreicher. Das 1980er Feeling wird durch einen VHS-Spul-Effekt, der am Bildschirmrand auftaucht, unterstützt. Die Schauplätze sind noch recht überschaubar und begrenzen sich auf eure Nachbarschaft sowie den angrenzenden Wald. Die Spielzeit erreicht dabei etwa 45 Minuten. Wie schon bei den Vorgängern wird eine schaurig-schöne Geschichte mit einem netten Twist am Ende erzählt, bei der Gruselfans sicherlich ihren Spaß haben werden. 

Auch The Nanny war im Bundle for Ukraine enthalten, hier gibt es allerdings bisher noch keine deutsche Übersetzung, so dass ihr mit der englischen Version

Midnight Scenes – From the Woods

Die neueste Episode erschien im Februar 2023 und trägt den Titel “From the Woods”. Das Erzähler-Auge stimmt euch wieder auf die folgenden Ereignisse ein und erklärt euch, dass ihr euch diesmal in der Rolle des 18jährigen Elijah im Fernwood Creek Center, einer Nervenheilanstalt für Jugendliche, befindet. Die ersten Szenen machen klar, dass wir uns nun in der Mitte der 1990er Jahre befinden und nehmen einen direkten Rückbezug auf die dritte Episode. Ohne zu viel verraten zu wollen: Mindestens eine Person aus der vorherigen Episode spielt auch hier eine Rolle. Doch zunächst taucht ihr erst einmal in den Anstalts-Alltag ab und erlebt als Elijah mit eure Mitpatienten einige unschöne Dinge. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem Grauen, das euch noch erwartet…

So langsam kann man hier schon von einem echten Point-and-Click-Adventure und nicht mehr nur von einer interaktiven Kurzgeschichte sprechen, auch wenn die Rätsel immer noch sehr leicht sind und ein Inventar kaum vorhanden ist. Immerhin ist die Spielzeit auf ca. 60 bis 90 Minuten angewachsen, was den regulären Preis von ca. 5 Euro auf Steam oder itch.io durchaus rechtfertigt.

Wie schon bei “The Nanny” bleibt es hier bei englischen Texten ohne Sprachausgabe, dennoch würde ich “From the Woods” als bisheriges Highlight der Reihe ansehen. Wir dürfen gespannt sein, was sich Navarro für die nächsten Episoden einfallen lässt.

Was gibt es sonst noch zu wissen?

Wer noch nicht genug von Navarros Geschichten hat, sollte sich auf jeden Fall auch einmal die kurzen Navarro-Abenteuer The Supper und The Librarian ansehen. Sie gehören zwar nicht zu den Midnight Scenes, sind aber dennoch durchaus spielenswert.

Neben seinem Engagement bei Thimbleweed Park hat Navarro 2019 auch Pixelkunst für das Puzzlespiel Photographs von EightyEight Games abgeliefert. Mit dem Titel Uninvited versuchte er 2022 einen Abstecher ins Survival-Horror-Genre. Derzeit arbeitet er am Open-World-RPG The Chronicler, das sich bereits seit 2021 im Early Access befindet.

Eine neue Midnight-Scenes-Episode ist zwar noch nicht angekündigt, dürfte aber relativ sicher sein. Das zwischenzeitlich angekündigt Adventure Booklice liegt leider derzeit auf Eis.

Alle Midnight Scenes wurden mit dem Adventure Creator für Unity erstellt. Dieser ist ähnlich wie PowerQuest von einem ehemaligen User aus der AGS-Community entwickelt worden und hat schon etlichen kommerziellen Projekten geholfen, das Licht der Welt zu erblicken. Doch dies ist der Stoff für einen anderen Artikel…

(Dieser Beitrag erschien zuerst am 11. März 2023 auf GamersGlobal)

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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