Das Rätsel des Master Lu
Das intern weiterentwickelte M.A.D.S., nun M4 genannt, diente noch im gleichen Jahr als Basis für die Erstellung des „offiziell“ ersten Point-and-Click-Adventures von Sanctuary Woods, das diese Bezeichnung auch verdient hatte. Hierfür sicherte sich das Studio die Marke Ripley’s Believe It or Not!, die der Journalist Robert Ripley bereits im Jahr 1918 erschuf. In Zeitungsartikeln, Radiosendungen und Comics berichtete er von unglaublichen Ereignissen oder Artefakten, die er auf der ganzen Welt zusammengetragen hatte. Später eröffnete er Kuriositätenkabinette und stellte seine Sammlungen und Errungenschaften darin aus.
Und genau dieser Ripley ist der Hauptcharakter des in Deutschland als Das Rätsel des Master Lu bekannten Abenteuers (im Original Ripley’s Believe It or Not!: The Riddle of Master Lu). Der titelgebende Master Lu soll ein weiser Gelehrter am Hofe des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi, dem Gründer des chinesischen Kaiserreichs (221 v. Chr. ), gewesen sein und unter anderem nach dem Elixier des Lebens geforscht haben, um seinem Kaiser das ewige Leben zu gewähren. Angeblich befände sich das Elixier gemeinsam mit einem riesigen Edelstein im Mausoleum von Qin Shihuangdi.
Durch eine Reihe von Zufällen bekommt ihr als Ripley Wind von der Sache und macht euch auf die Suche nach diesem Schatz. Diese erweist sich als wahre Schnitzeljagd, da die verschlüsselten Hinweise, die zum Grab führen sollen, überall auf der Welt verteilt wurden. Während eurer Reise durch Ägypten, Peru, China, den Osterinseln usw. sammelt ihr nebenbei noch Gegenstände für euer Museum ein.

Dies klingt nicht nur zufällig nach einem Indiana Jones-Abenteuer, schließlich diente Ripley als Vorlage für den peitschenschwingenden Archäologen. So ist es wohl auch kein Zufall, dass die Macher für die aufwendige deutsche Version den Synchronsprecher Lutz Mackensy engagierten, der in seiner langen Karriere unter anderem auch bereits Indy-Darsteller Harrison Ford seine Stimme lieh. Die anderen deutschen Stimmen könnten euch ebenfalls bekannt vorkommen, sei es aus Filmen oder der Werbung.
Grafisch unterschied sich Master Lu stark von den ersten beiden Indy-Adventures. Die Entwickler von Sanctuary Woods orientierten sich eher am Rotoskopie-Look der vorherigen M.A.D.S.-Adventures, die noch bei Microprose erschienen. Sie filmten Schauspieler ab, digitalisierten diese und ließen sie anschließend vor gerenderten Hintergründen agieren. Mitte der 1990er mag das noch gut ausgesehen habe, heutzutage wirkt die Grafik schon etwas schlecht gealtert. Die deutsche Presse zeigte sich damals nichtsdestotrotz sehr angetan und vergab Wertungen im Bereich von 79 Prozent (PC Joker) bis 90 Prozent (PC Games).
Das erste größere Werk von Sheldon als Hauptverantwortlicher war dann zugleich auch sein letztes bei Sanctuary Woods. Danach zog es ihn nach South Peak Interactive, wo er das Skript für Temüjin schrieb. Im letzten Jahr konntet ihr ihn noch in den Credits von Agatha Christie: Mord im Orient-Express als „Narrative Designer“ entdecken. Gruson wiederum zog sich nach Master Lu aus dem operativen Geschäft zurück.
Orion Burger
Für das nächste M4-Adventure wurde einer der Master Lu-Programmierer zum leitenden Designer und Schreiber befördert: Sanctuary Woods-Urgestein Robert Aitken übernahm diese verantwortungsvolle Aufgabe und erschuf mit seinem Team das Comic-Adventure Orion Burger, das 1996 veröffentlicht wurde.
Die Story klingt herrlich abgedreht: Die intergalaktische Fast-Food-Kette „Orion Burger“ darf laut insterstellarem Gesetz in ihren Burgern nur Zutaten verwenden, die vor der Verarbeitung keine Gefühle empfinden konnten. Der geldgierige außerirdische Fleischlieferant Zlarg fasst nun den Plan, der Kette die Menschen von der Erde als Rohmaterial anzubieten und plant dazu, die obligatorischen Tests auf Empfindungsfähigkeit zu manipulieren. In der Rolle des „ganz normalen Typen“ Wilbur Waffelmeier von der Erde, ist es nun an euch, diesen Plan zu durchkreuzen.

Das Interface entspricht dem von Master Lu, die Grafik fährt mit ihrem Comic-Look aber ganz offensichtlich einen anderen Einsatz. Da unser Held Wilbur aufgrund der Geschichte immer wieder die Tests der Außerirdischen im Stile von Und täglich grüßt das Murmeltier durchlaufen muss, ergibt sich hier auch eine interessante Gameplay-Loop-Mechanik. Zusammen mit der zeitlosen Gestaltung macht der Titel auch heute noch eine ansehnliche Figur. Lobenswert: Wie schon Master Lu investierte Sanctuary Woods in eine hochwertige deutsche Synchronisation. Die Fachzeitschriften aus Deutschland fanden das Point-and-Click-Adventure dementsprechend sehr empfehlenswert und vergaben Wertungen im 80er-Bereich.
Zeitgleich mit der Entwicklung und Veröffentlichung wurde Sanctuary Woods von Disney aufgekauft, was das Ende für die M4-Engine bedeutete. Dies ist auch der Grund, warum Orion Burger nicht mehr über Sanctuary Woods, sondern über Eidos Interactive erschien. Die kanadische Firma wurde nach dem Kauf in Disney Interactive Victoria umbenannt und produzierte fortan eine Reihe von Disney-Videospielen für Kinder, bis sie im Jahr 1999 Konkurs anmeldete.
Doch es ist nicht tot, was ewig liegt… und so wurde eines schönen Tages im Jahr 2014 das M.A.D.S. in das ScummVM-Projekt aufgenommen. 2023 folgte auch die Weiterentwicklung M4, so dass die damit entwickelten Spiele auch heute noch auf vielen Plattformen spielbar sind. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann erleben Sie noch heute Abenteuer. ENDE!

Schöner Artikel, dass die Engine von Sanctuary Woods gekauft wurde, war mir gar nicht bekannt.
Danke für die interessanten Einblicke
Master Lu steht auf meiner Nachhol-Liste. Es läuft schon mal unter DOSBox – aber ich muss vorher noch was von LucasArts nachholen…
Spannend, wie unterschiedlich die Titel in diesem Artikel aussehen. Da ist ja echt alles dabei.