I am Jesus Christ

Computerspiele mit christlichem Hintergrund gab es schon sehr früh. 1983 erschien für den Atari 2600 Red Sea Crossing, es gab Bücher mit thematisch passenden BASIC-Programmen oder Titel wie Captain Bible in Dome of Darkness. All diesen Ansätzen gemein ist, dass sie nur sehr eingeschränkt in die Schublade mit den guten Spielen werden können. Nun versucht es die polnische Firma Space Boat Studios mit dem demütig titulierten I am Jesus Christ. Mal sehen, ob ich zu einem Jünger des Spiels werde.

Zu Bethlehem geboren

Das Spiel überspringt Geburt und Jugendjahre des Zimmermann-Sohns und steigt erst in die Handlung ein, als Jesus Johannes den Täufer aufsucht. In Ego-Perspektive steuert der Spieler die Figur durch die 3D-Landschaft und spricht erst einmal mit Joseph und Maria. Die Grafik ist zweckdienlich hübsch, auch wenn sie als kleine Indie-Produktion natürlich keine Schönheitspreise gewinnen kann. Die (englische) Sprachausgabe ist ebenfalls auf gutem Niveau. Wie so viele andere Spiele-Helden bleibt Jesus selbst allerdings stumm. In den Unterhaltungen klickt man lediglich seine Erwiderung an, die andere Figur antwortet, Jesus spricht seinen nächsten Satz wieder stumm und so weiter. Leider sind die meisten Unterhaltungen vollständig vorgegeben. Multiple Choice ist selten vorgesehen – wie auch die Geschichte wie auf Schienen der Bibel-Vorlage folgt.

Das sieht beim Spieleinstieg so aus: Ein gelbes Ausrufezeichen zeigt den Standort der nächsten Aufgabe an. Man steuert Jesus dort hin. Dialog. Das nächste Ausrufezeichen erscheint. Man steuert Jesus dort hin. Dialog. Das nächste Ausrufezeichen erscheint. Man steuert Jesus dort hin. Dia… Halt! Minispiel!

Minispiele

Um den nicht besonders abwechslungsreichen Zyklus zu durchbrechen, streut das Entwicklerteam allerlei Spielchen in die Handlung ein. Offensichtlich ist da die Heilung von Kranken, indem man aufleuchtende Wunden per Mausklick behandelt. Warum dagegen Jesus bei der Versuchung durch den Teufel mit der Maus einen stilisierten Schlangenkörper entlang fahren muss und an den richtigen Stellen Tasten zur Beschleunigung des eigenen Symbols drücken muss? Ich weiß es nicht. Andererseits (um ein wenig das Fazit vorweg zu nehmen) ergeben solche Minispiele bei anderen Szenarien und Helden auch nicht immer Sinn. Warum sollte ich hier also anderes erwarten?

Die Wunden kann Jesus übrigens nur heilen, wenn er zuvor das Wunder „Heilung“ in einem weiteren Minispiel freigeschaltet hat. Diese Freischalt-Abschnitte spielen jeweils vor einem großen Himmelstor und sind thematisch mit dem alten Testament verbunden. Zum Beispiel muss der Spieler auf der zentralen Scheibe des Tors die sieben Kreise so anordnen, dass die Schöpfungsgeschichte nachvollzogen werden kann. Oder die zehn Gebote zehn Bildern zuordnen, auf denen sie dargestellt sind. Das ist alles nicht schwer und durchaus nett gemacht, aber wie der Großteil des Spiels komplett linear: Die Fischer Simon Petrus und sein Bruder Andreas werden nur Jünger, wenn Jesus kleine Fischschwärme mit einem Lichtstrahl zu ihrem Boot lenkt.

Offene Welt

Entgegen meiner letzten Sätze bietet I am Jesus Christ eine komplett offene Welt, durch die der Spieler seine Schritte lenken kann. Doch besonders sinnvoll ist dies nicht. Denn neben den wichtigen Ortschaften wie Jerusalem oder Nazareth gibt es zwar kleinere Dörfer und sehr viel Wüste drumherum, doch Sightseeing lohnt sich nicht. Schnell schwenkt der Spieler auf die Schnellreise um, die man für besuchte Ortschaften freischaltet. Und im Rahmen der Story bietet das Spiel vor einem Wechsel zu einem neuen Ort auch immer an, ob Jesus den weiten Weg nun zu Fuß gehen soll oder mittels der Taste „C“ (warum auch immer – steht das für Christus?) abkürzt. Nach mehreren Fußmärschen gilt: Ich aber sage euch – nehmet die Schnellreise.

Schritt für Schritt entfaltet sich das Leben Jesu. Wir sammeln die Apostel ein, die Jesus teilweise mit einem kleinen Wunder überzeugen muss. Die Speisung der 5000 hatte ich mir persönlich pompöser vorgestellt als das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Mehr als 40 Personen gleichzeitig scheint die Engine zu überfordern:

Etwas früher in der Geschichte verwandelt Jesus für die Hochzeit von Kana Wasser in Wein. Dies allerdings nur durch einen Mausklick auf die Wasserkrüge. Die Heilung von Aussätzigen folgt dem gleichen Prinzip: Nacheinander klickt der Spieler die passenden Körperstellen an und arbeitet sich dadurch den Körper hinab. Solche Momente sind die Tiefpunkte in I am Jesus Christ. Sie sind zwar nicht besonders lang, aber monoton. Andere Momente wie ein Exorzismus sind wegen ihrer dramatischen Darstellung entschieden besser gelungen – wenn auch wie der Rest des Spiels einfach zu lösen.

Das Wort

Das leidige Thema KI bleibt auch bei diesem Spiel nicht außen vor. Immerhin geht das Team aber offen damit um und schreibt auf der Steam-Seite:

KI-Tools wurden bei der Produktion der Sprachausgabe eingesetzt. Wir sind ein fünfköpfiges Team, das seit mehreren Jahren an diesem Projekt arbeitet – ohne das Budget eines großen Studios. In unserem Fall war dies eine praktische Lösung, die es uns ermöglicht hat, das Spiel in der angestrebten Qualitätsstufe fertigzustellen. Alle kreativen Entscheidungen und die endgültige Form des Spiels wurden von unserem Team getroffen. KI wurde als unterstützendes Produktionswerkzeug eingesetzt, nicht als Ersatz für die kreative Arbeit hinter dem Spiel.

Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Alle anderen freuen sich über die guten Stimmen.

Wer ein Spiel namens I am Jesus Christ startet, erwartet entweder eine knallige Parodie oder eine ernsthafte Nacherzählung der Bibel-Geschichte. Erstere werden enttäuscht sein, Zweitere werden hier gut bedient. Im Rahmen von vielen Zwischensequenzen in Buch-Optik werden dramatischere Momente, die im Rahmen der Spielmechanik nicht funktioniert hätten, dargestellt. An manchen Stellen gibt es auch Zwischensequenzen in der Grafikengine, bei denen Jesus selbst zu sehen ist. Während des Spiels sieht man bestenfalls seine Hände oder seinen Schatten, wenn er von hohen Stellen springt, ohne sich zu verletzen. Wie gerne hätte ich in diesen Momenten eine Photo-Funktion, um mir den hüpfenden Heiland anzuschauen.

Doch bei aller Frotzelei: Ich mag das Spiel. Die Grafik ist gut genug und der Spielablauf kommt immer gerade rechtzeitig mit einer kleinen Abwechslung um die Ecke, um mich bei Laune zu halten. Nicht falsch verstehen: I am Jesus Christ ist kein gutes Spiel nach den Regeln der Spielmechanik. Es funktioniert aber als Erzählung. Mein Religionsunterricht ist einige Jahrzehnte her und auch die Karfreitags-Monumentalfilme wie Das Gewand habe ich schon sehr lange nicht mehr gesehen. Der Sickereffekt hat aber offensichtlich genügend katholisches Wissen in mir gespeichert, damit ich ständig „Ach ja!“ denke.

Die Mechaniken erinnern teilweise an Action-Adventures wie Assassin’s Creed (statt Adlerblick hat Jesus eben die göttliche Sicht), was im ersten Moment befremdlich wirken kann. Aber ehrlich gesagt: Egal, ob man die Geschichte um Gottes Sohn glaubt oder nicht: Wenn hier das Leben eines anderen Zimmermann-Sohnes um 30 nach Christus erzählt werden würde, der durch irgendwelche Geister Kräfte verliehen bekäme, würde das keinen Computerspieler wundern. Dieser hier heißt eben zufällig Jesus Christus. So sei es.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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9 Comments on “I am Jesus Christ”

  1. Irgendwie interessiert mich das. Danke für den Artikel. Hast Du es durchgespielt? Falls ja, wie lange ist die ungefähre Spielzeit und womit endet das Spiel? Kreuzigung, Auferstehung oder bis ganz zum Ende mit der Himmelfahrt?

    1. Ich bin leider noch nicht durch. Nach fünf Stunden bin ich in Jerusalem eingetroffen und schätze, dass das Spiel um die zehn Stunden dauern wird. Hängt stark davon ab, wie viele optionale Aufgaben du erledigst, weil Jesus in jeder Stadt diverse Predigten halten, Kranke heilen und Pharisäer treffen kann.

      1. Es gibt auf Steam eine Demo die ich mir gerade mal angeschaut habe. Nächstes Jahr um die Osterzeit werde ich es dann mal spielen. Ich brauch für so etwas die entsprechende Stimmung, Ostern ist ja quasi vorbei. Danke für den schönen Tip!

  2. Ein schöner Text. Mich interessiert das Spiel durchaus. Es freut mich, dass du das Spiel mit der gleichen Ernsthaftigkeit besprichst, wie jedes andere Spiel. Der letzte Absatz trifft es da sehr gut.

    1. Vielen Dank, das freut mich sehr. Wäre es ein mieses Spiel (und davon gibt es in diesem Bereich ja wirklich genug), hätte ich mich auch darüber lustig gemacht. Aber Space Boat Studios gehen ernsthaft dran und bringen das rüber, was sie wollten und finanziell stemmen konnten. Dazu kommt meine neugierige Faszination für religiöse Themen 🙂

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