Ghost Keeper (Early Access)

So ein Geister-Dasein ist nicht einfach. Reichte es früher aus, ein wenig mit den Ketten zu rasseln, müssen heutzutage schon schwerere Geschütze aufgefahren werden. Sonst bleiben diese elenden Lebenden nicht nur im Haus. Nein, sie wollen unsere braven übernatürlichen Freunde auch noch einfangen! Da helfen nur vereinte Kräfte – und ein Spieler, der den Grusel orchestriert.

Alte Gemäuer

Mit Ghost Keeper betritt man eine viktorianische Welt voller knarrender großer Herrenhäuser. Gemütliche Ohrensessel, schwere Vorhänge an den Fenstern, ein gemütliches Feuer im Kamin. Und Lebende! Die haben in unserem Haus selbstverständlich keine Daseinsberechtigung!

Um den kompletten Wohnraum für unsere ektoplasmischen Freunde zu gewinnen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Geister, die wir riefen, können die Personen mit Puls töten oder aus dem Haus rausekeln. Da die erste Variante (leider) nicht für Geisternachschub, sondern nur für Flecken auf dem Teppich sorgt, ist Option Zwo die spaßigere Wahl – wobei der ein oder andere Tod dabei nicht zu vermeiden ist.

Ghost Keeper ist ein Strategiespiel, das sich deutlich an einigen Klassikern orientiert, dabei aber auch eigene Ideen reinschmuggelt. In der (leider komplett fehlgeschlagenen) Kickstarter-Kampagne bezieht sich das polnische Entwicklerteam explizit auf Ghost Master, das 2003 erschien und 2025 ein Early-Access-Remake namens Ghost Master Resurrection erhielt. Wer sich Screenshots des Vorbilds anschaut, wird viele Elemente in Ghost Keeper wiederentdecken. Bleibt also die Frage: Wie schlägt sich die Neuentwicklung auf dem heimischen Bildschirm im verdunkelten Zimmer?

Die Geister, die ich rief…

Der Spieler übernimmt die Kontrolle über eine bunte Truppe aus Geistern, Dämonen und Monstern, um im viktorianischen Setting möglichst viel Chaos zu stiften. Jedes Wesen besitzt individuelle Fähigkeiten: Manche lassen Lichter flackern, andere lassen Gegenstände durch die Luft fliegen, wieder andere locken Menschen gezielt in eine bestimmte Hausecke. Wer klug kombiniert, kann Kettenreaktionen aufeinander schichten, bis selbst hartgesottene Hausbesetzer schreiend aus dem Haus rennen.

Doch so einfach ist das Zurückerobern der eigenen vier Wände nicht. Die Bruderschaft der Geisterjäger ist stets in der Nähe und wird von panischen Sterblichen herbeigerufen. Diese Herrschaften sind nicht nur mit Mut, sondern auch mit Staubsaugern bewaffnet – und die saugen unsere spukenden Freunde gnadenlos ein. Also heißt es: schleichen, taktieren, ausweichen oder die Jäger gleich selbst ins Jenseits befördern. Alternativ kann man sie natürlich auch einfach zu Tode erschrecken. Stil hat schließlich jeder Geist.

In der oberen rechten Bildschirmecke sind die (bisher) lebenden Hausbewohner mit kleinen Icons abgebildet. Darunter zeigt eine grüne Anzeige die Lebensenergie an, während der lila-farbene Balken den (hoffentlich steigende) Panik-Level der Person abbildet. Ist die Figur verängstigt genug, rennt sie aus dem Haus, ist die Lebensanzeige leer, stirbt sie.

Das Spielprinzip setzt auf Freiheit: Es gibt meistens mehrere Lösungswege, mit denen man experimentieren kann. Fallen platzieren, mit Telekinese Möbel bewegen, Wasserrohre sprengen oder Sicherungskästen manipulieren – hier bin ich Geist, hier darf ich sein. Besonders kreativ wird es, wenn man mehrere Effekte kombiniert: Eine frühe Aufgabe besteht darin, das Licht in einem Raum zu manipulieren. Das lockt einen Menschen an den Stromkasten, den mein Gehilfe mit einem platzenden Wasserrohr zu einem elektrisch-nassen Grab macht.

Schwierig an der ganzen Spukerei: Einzelne Effekte lassen sich schwer abschätzen – auch, weil das Spiel mit Informationen geizt. So kann ich mit Telekinese einen Lebenden mit Wein überschütten, der daraufhin zitternd vor Kälte zum nächsten Feuer eilt. Mit der gleichen Kraft kann ich allerdings auch sämtliche Stühle um einen großen Tisch tanzen lassen – und dieses Schauspiel beeindruckt den Menschen überhaupt nicht. Experimentieren schön und gut, aber mehr Rückmeldungen würden Genre-Anfängern wie mir weiterhelfen.

Der Untergang des Hauses Usher

In seiner Präsentation erinnert Ghost Keeper stark an Spiele der frühen 2000er-Jahre. Und dass man in den begrenzten Arealen nach Belieben Ektoplasma verschleudern darf, könnte glatt Spaß machen. Derzeit fehlt mir für eine befriedigende Spielerfahrung allerdings noch Feinschliff. Das Spiel erklärt vergleichsweise wenig und lässt mich mit langen Beschreibungen der einzelnen Geisterfähigkeiten allein. Experimentierfreudige Spieler werden ihren Spaß daran haben – mir waren die Erfolgserlebnisse zu rar gesät.

Besonders hervorzuheben ist die Atmosphäre. Das viktorianische Setting ist liebevoll umgesetzt, von den Tapetenmustern bis zu den quietschenden Dielen. Die Animationen der Geister wirken individuell und die Soundkulisse ist angenehm unheimlich – flüsternde Stimmen, leises Klopfen, plötzliches Poltern. (Noch) störend ist allerdings, dass die Lebenden im einen Moment panisch durch das Haus rennen und im nächsten Moment wieder gefasst ihrem Tagewerk nachgehen. Auch wandern sie mir zu zufallsgesteuert durch das Haus. Schöner wäre es, wenn Ihr Handeln kleine Geschichten erzählen. So stehe ich halt mit meinem Geist neben einem Schreibtisch und warte geduldig, bis der Mensch das nächste Mal auf seiner Tour auf die Idee kommt, dreißig Sekunden dort Platz zu nehmen.

Derzeit befindet sich das Spiel wie gesagt noch im Early Access. Die sechs bisher mitgelieferten Szenarien und die sieben eigenen Kreaturen sorgen allerdings schon für stundenlangen Spaß. Wenn man denn gerne Dinge ausprobiert und sich ganz wie früher ohne mitgelieferte Anleitung fühlen will. Zwar soll die ausgelieferte Version als eine Art großes Tutorial dienen, an dessen Ende ein Sandbox-Modus freigeschaltet wird. Doch wenn mitten in der Mission „Viel Spaß, du machst den Rest schon irgendwie“ eingeblendet wird, fühle ich mich allein im Dunkeln.

Im Laufe der nächsten Monate sollen weitere Möglichkeiten, Häuser und Untergebene hinzukommen. Und ich bin mir sicher, dass auch die ein oder andere Nickeligkeit )wie kleinere Übersetzungsfehler) beseitigt wird. Momentan ist Ghost Keeper ein nostalgisches Strategiespiel mit charmanter Atmosphäre. Wer schon immer davon geträumt hat, Menschen nicht nur zu erschrecken, sondern sie mit Stil aus dem eigenen Spukhaus zu vertreiben, findet hier den Spielplatz seiner Träume. Sagt Freddy.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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