Die Geschichte der Wrestlingspiele, Teil 2: Rise in the USA

Im letzten Artikel haben wir Grundlagenarbeit geleistet. Wir haben uns die frühen Wrestlingspiele aus Japan angeschaut und anhand der gesellschaftlichen Stellung des Pro Wrestlings in Japan herausgearbeitet, warum ausgerechnet Japan in der Entwicklung des Genres von Anfang an so führend war. Und keine Sorge, im nächsten Artikel schauen uns auch wieder ausführlich an, wie es bei den japanischen Spielen in den frühen 90er Jahren weiterging.

In diesem Teil jedoch machen wir einen geografischen Sprung von Japan in die USA. Es ist zwar nicht das Mutterland des Pro Wrestlings, das ist England, wo das Konzept des Berufsringens bis in das 19. Jahrhundert zurückgeht, aber natürlich sind die USA das Land, in dem Pro Wrestling im 20. Jahrhundert populär wurde und von dort aus die Welt eroberte. Und wir machen es wieder so wie im letzten Artikel: Bevor wir uns die Spiele der beiden Promotions World Wrestling Federation und World Championship Wrestling zwischen 1987 und 1994 anschauen, gibt es zuerst eine kleine kulturhistorische Einordnung.

Vom Wanderzirkus zum Mainstream

Bevor Wrestling feste Hallen, feste Roster und feste Titel bekam, war es vor allem eines: Teil der amerikanischen Unterhaltungskultur auf Rädern. Jahrmärkte, Wanderzirkusse und Vaudeville-Shows boten den idealen Nährboden für ein Spektakel, das körperliche Härte mit klarer Dramaturgie verband. Die berühmten Open Challenges, bei denen ein als unbesiegbar angekündigter Ringer das Publikum herausforderte, waren kalkulierte Inszenierungen. Wer aus dem Publikum antrat, hatte eine Rolle zu erfüllen, und wer im Ring stand, wusste meist genau, wie der Abend zu enden hatte. Das Publikum wiederum wollte natürlich keine fairen Kämpfe sehen, sondern seiner Schadenfreude freien Lauf lassen und beobachten, wie die unbezwingbaren Kämpfer die Mutigen aus dem Publikum besiegten. In dieser Umgebung entstand das Grundprinzip des professionellen Wrestlings: ein Kampf, der echt aussieht, sich echt anfühlt, aber einem größeren dramaturgischen Ziel folgt. Schon bald jedoch wurden die Kämpfe gegen Mutige aus dem Publikum aufgegeben, und Wrestler traten in choreografierten Matches gegeneinander an, womit sich die Dramaturgie weiter perfektionieren ließ.

Im Laufe der Jahrzehnte des frühen 20. Jahrhunderts gründeten sich in den einzelnen Staaten immer mehr Wrestlingligen, wobei Jim Crockett Promotions (JCP), gegründet im Jahr 1931, zu den ältesten Ligen gehörte. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen sich zahlreiche Promoter zum Dachverband National Wrestling Alliance zusammen, womit die Ära des Territorien-Systems begann. Die einzelnen Promotions bildeten Wrestler aus, die anschließend durch die Territorien zogen und so idealerweise zu Stars in den jeweiligen Regionen wurden. Andere Promotions wie Capitol Wrestling, aus der später die World Wrestling Federation hervorging, gingen jedoch ihren eigenen Weg.

In dieser Zeit wurden Shows der verschiedenen Promotions in den jeweiligen Lokalsendern ausgestrahlt. Das änderte sich, als Vincent J. McMahon, kurz Vince McMahon, im Jahr 1982 die Promotion World Wide Wrestling Federation von seinem Vater übernahm. Mit viel Geld konnte er die größten Stars der NWA-Territorien zu sich locken und verlangte von den Wrestlern im Gegenzug, Exklusivverträge zu unterschreiben. So expandierte er zielgerichtet in immer mehr Märkte der USA, um die World Wrestling Federation zu einer landesweiten Promotion auszubauen – auch in dem er anderen Promotions die TV-Slots wegkaufte.

Dabei verband McMahon mehrere Elemente. Zum einen baute er die Promotion konsequent um ein Babyface und einen Superhelden auf, den er in Hulk Hogan fand. Das Booking sah vor, dass dieser ein Monster-Heel nach dem anderen besiegen sollte. Das hatte bereits in den 70ern mit Bruno Sammartino funktioniert, warum also nicht wieder? Hinzu kam jedoch ein entscheidender Aspekt: McMahon positionierte die WWF deutlich popkultureller. Er arbeitete mit dem neu gestarteten Musiksender MTV zusammen, verpflichtete Prominente wie Mr. T oder Cyndi Lauper, die in den Shows auftraten, und so formte sich nach und nach das WWF-Booking, wie es im Kern bis heute Bestand hat. Und McMahon hatte Erfolg. Durch innovatives Marketing und zahlreiche Partnerschaften mit wrestlingfremden Entertainment-Firmen trug er die World Wrestling Federation in die US-Popkultur. Nicht zuletzt auch, weil Hulk Hogan als Publikumsliebling alle Erwartungen deutlich übertraf. Es gab sogar eine Saturday Morning Cartoon Show!

Prime Time Wrestling war die erste TV-Sendung, die Wrestling als nationales Unterhaltungsprodukt präsentierte.
Mit der Cartoon-Show Rock ’n‘ Wrestling wurden gezielt Kinder im Samstagvormittagsprogramm angesprochen.
TV-Shows und andere vielfältige Marketingaktionen dienten dazu, die jährlichen Wrestlemania Pay-Per-Views zu bewerben und aufzubauen.

Konkurrenz aus dem Süden

Poster der NWA aus den späten 80er Jahren.

So kometenhaft und schnell der popkulturelle Aufstieg der WWF auch war, die anderen Promotions traf er entsprechend überraschend. Zum einen, weil Vince McMahons Pläne vielfach unterschätzt wurden. Zum anderen, weil man sich über Jahrzehnte in den alten Territorienstrukturen eingerichtet hatte. Diese waren auf Kooperation, regionale Abgrenzung und langfristige Planung ausgelegt, nicht auf einen aggressiven nationalen Wettbewerb. Unter diesem Druck ließen sich nur schwer überlegte Entscheidungen treffen. Das sollte Jim Crockett Jr. in diesen Jahren ebenfalls erfahren. Er war der Sohn des Gründers von Jim Crockett Promotions und besaß die Promotion seit 1973. In den 80er Jahren war er zudem Präsident des NWA-Verbands. In dieser Doppelfunktion fühlte er sich gezwungen, nun ebenfalls eine nationale Expansionsstrategie zu verfolgen, um der WWF etwas entgegensetzen zu können.

Zwischen 1984 und 1987 erwarb Crockett mehrere Promotions. Den Anfang machte Georgia Championship Wrestling, was vor allem deshalb von Bedeutung war, weil diese Liga einen traditionsreichen Sendeplatz am Samstagabend auf TBS innehatte. 1985 folgte der Kauf von Championship Wrestling from Florida. Florida galt schon damals als Schmelztiegel der Nachwuchsarbeit, und Crockett hoffte, sich so frühzeitig Zugriff auf kommende Stars zu sichern. 1987 erwarb er schließlich die Universal Wrestling Federation von Bill Watts. Diese Promotion war im zentralen Süden und im mittleren Westen äußerst populär, da Watts großen Wert auf stringente Stories und eine sportlich glaubwürdige Präsentation legte. Zudem verfügte die UWF über eine starke TV-Präsenz, was Crockett die Möglichkeit eröffnete, auch im Landesinneren der USA Fuß zu fassen.

Das grundlegende Problem all dieser Käufe war jedoch nicht nur organisatorischer, sondern vor allem finanzieller Natur. Crockett finanzierte große Teile der Expansion über Kredite. Parallel dazu stiegen die Kosten massiv an: höhere Gagen für Topstars, aufwendigere Produktionen für das nationale Fernsehen und der Versuch, im entstehenden Pay-per-View-Markt mit der WWF mitzuhalten. Gleichzeitig unterschätzte Crockett, wie unterschiedlich die übernommenen Promotions arbeiteten. Sie pflegten eigene Philosophien, Erzählweisen und Publikumsansprachen. Sein Stil und seine Vision von Wrestling harmonierten in vielen Regionen nicht mit den Erwartungen des lokalen Publikums. Die Folge war ein schleichender Zuschauerschwund, während gewachsene Strukturen in den Territorien durch zentrale Entscheidungen verloren gingen.

Hinzu kam ein weiterer entscheidender Faktor, den moderne Wrestlingfans auch aus dem heutigen Konkurrenzkampf zwischen WWE und AEW kennen: Konterprogrammierung. Die WWF verstand es früh, gezielt auf die großen Shows der NWA zu reagieren. Als Crockett im November 1987 mit Starrcade erstmals eine Großveranstaltung als direkte Konkurrenz zur Wrestlemania positionieren wollte, konterte die WWF mit der ersten Survivor Series. Vince McMahon setzte die Pay-Per-View-Provider unter massiven Druck und stellte sie vor die Wahl: Starrcade oder Survivor Series. Anbieter, die sich gegen die Survivor Series entschieden, erhielten im Folgejahr keine Rechte für Wrestlemania IV. Starrcade wurde dadurch erheblich geschwächt. Solche Strategien beschränkten sich nicht auf dieses eine Beispiel, sondern waren Teil eines systematischen Vorgehens, mit dem die WWF ihre Marktmacht ausspielte. Sie übten zudem auch Druck auf Sponsoren und Arenen aus.

All diese Faktoren führten letztlich dazu, dass Crockett seine Schulden nicht mehr bedienen konnte. Bereits vor dem endgültigen Verkauf war die Situation so angespannt, dass TV-Mogul Ted Turner faktisch als Retter einsprang, indem er Crockett weiterhin wichtige Sendeplätze auf TBS sicherte. 1988 verkaufte Crockett Jim Crockett Promotions schließlich an Turner. Für Turner waren die Wrestlingshows vor allem verlässliche Quotenbringer für seine Fernsehsender. Aus diesem Zusammenschluss entstand World Championship Wrestling. Turner wollte WCW in den folgenden Jahren als Konkurrenz zur erfolgreichen WWF aufbauen, was den Grundstein für den späteren nationalen Zweikampf legte, auf den wir in späteren Teilen dieser Reihe eingehen werden.

NWA Shows waren zu dieser Zeit bei Wrestlingjournalisten hervorragend bewertet.
Unter anderem durch Konterprogrammierung der WWF fiel es der NWA jedoch schwer im Mainstream durchzustechen.
1988 entstand durch den Verkauf an Ted Turner die WCW.

Wrestling in Deutschland

1989 markierte das Jahr, in dem das US-Wrestling nach Deutschland kam. Denn ab da wurden gleich zwei Shows im Privatfernsehen ausgestrahlt: Catch Up auf RTL und Ring Frei auf Tele 5.

Catch Up war dabei die wesentlich humorvollere Sendung. Präsentiert wurde sie von Ben Brumfield in der Rolle des Face-Kommentators Joe Williams und von Autor Rochus Hahn in der Rolle des Heel-Kommentators „Der Bestrafer“ Horst Brack. Beide waren auch hinter den Kulissen gute Freunde, was ihrer Chemie vor der Kamera nur zuträglich war. Legendär sind die Wortgefechte der beiden, wie sie versuchten, sich immer wieder gegenseitig ins Boxhorn zu jagen.

Da die gezeigten Kämpfe der NWA und später WCW nur selten wirklich attraktiv waren (zumeist handelte es sich um sogenannte Jobber-Kämpfe, also Matches, in denen Stars gegen lokale Talente antraten), konzentrierten sich die beiden folgerichtig auf den Comedy-Aspekt der Sendung. Dieser wurde im Verlauf immer weiter ausgebaut, etwa durch Segmente wie „Bracks Pranger“, in denen deutsche Promis vom Bestrafer beleidigt wurden. Mit der Zeit gab es auch Kämpfe der damals deutsch-österreichischen Liga CWA zu sehen, und es entwickelte sich sogar eine humorvolle Storyline zwischen dem Bestrafer und der Schweizer Wrestlinglegende René Lasartesse, die schließlich in echten Matches gipfelte. Obwohl die Sendung über knapp drei Jahre sehr gute Quoten hatte und schnell Kultstatus erreichte, stellte RTL gegen Ende des Jahres 1991 die Ausstrahlung ein.

Ring Frei auf Tele 5 kam da schon ein Stück weit seriöser daher. Anfangs waren die Kämpfe der WWF nur ein Teil der Sendung, die ursprünglich als allgemeine Kampfsportsendung konzipiert war. Doch der WWF-Block war so erfolgreich, dass die Sendung schnell zu einer reinen Wrestlingsendung umgestellt wurde. Moderiert von Marcel Obua und kommentiert von Carsten Schaefer und Ulrike Fesseler wurden vor allem Kämpfe aus den WWF-Sendungen Challenge und Superstars gezeigt. Aber auch Großveranstaltungen wie Wrestlemania oder der Summerslam wurden in mehreren Teilen ausgestrahlt. Die größten Highlights waren sicherlich die Live-Ausstrahlung einer Wrestlemania sowie der exklusiv gezeigte Event aus München von der European Rampage Tour aus dem Jahr 1992.

1993 wurde Tele 5 eingestellt und an dessen Stelle trat das Deutsche Sportfernsehen. RTL2 übernahm die WWF-Rechte, und so ging es über die nächsten Jahre weiter – diesmal mit Carsten Schaefer und dem mittlerweile leider verstorbenen Günter Zapf im Kommentar. Es war die Zeit, in der die WWF in Deutschland regelrecht boomte. Auch der Verfasser dieser Zeilen wurde irgendwann 1990 im Alter von sechs Jahren zum Wrestlingfan, schaute jeden Schnipsel im Fernsehen, nahm alles auf VHS auf und freute sich später über die immer größer werdenden Wrestlingregale in der örtlichen Videothek. Nach zwei Jahren Pause kam ab 1993 auch die WCW wieder ins deutsche Fernsehen, nun ausgestrahlt vom DSF.

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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One Comment on “Die Geschichte der Wrestlingspiele, Teil 2: Rise in the USA”

  1. Mitte der 90er gab es auch mal so ein Freeware Spiel dazu, was rein auf dem Management Aspekt lag. Man hat selber die Shows zusammengestellt und den Roster.
    Die Kämpfer haben auch eine Heat entwickelt wodurch man spannende Matches festlegen konnte als Mainevent.
    Danach gab es dann immer Berichte wie erfolgreich die Sendung war und wie groß der Hype war den man erreicht hatte.
    Das hat glaub ich ganz gut die Dynamik von Fehden eingefangen.

    Ich habs sogar gerade noch auf meinem PC gefunden ich Messi 😀
    Extreme Warfare Deluxe hieß das.
    Gibt es sogar immer noch!

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