Game Center CX – Arino no Chousenjou 2

Es gibt wohl kein Nintendo DS-Spiel, das ich inniger liebe als Game Center CX 2. Warum es meiner Meinung nach zu den kreativsten Meisterwerken auf dem DS gehört, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Geben wir dem Artikel doch gleich mal die richtige Fallhöhe: Der Nintendo DS ist meine absolute Lieblingskonsole, was die Spielebibliothek betrifft. Schließlich gibt es weltweit fast 3500 Spiele für den meistverkauften Handheld aller Zeiten. Und aus dieser riesigen Masse führt Game Center CX – Arino no Chousenjou 2 mit großem Abstand mein persönliches Nintendo DS-Ranking an.

An dieser Stelle kann ich verraten, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe, eine Galerie+ zum Nintendo DS zu erstellen. Allerdings das wäre so ausufernd und umfangreich geworden, dass es einfach zu viel des Guten wäre. Aber wenn ihr wollt, kann ich ja in Zukunft den einen oder anderen Lieblingstitel aus der DS-Bibliothek an dieser Stelle vorstellen. Meinungen dazu gerne unten in den Kommentaren.

Wie eine TV-Sendung Internetkultur prägte

Game Center CX ist eigentlich der Name einer japanischen TV-Show mit dem Comedian Arino Shinya. Dieser wurde 1972 geboren und spielt nun seit 2003 die Hauptrolle in Game Center CX. Und da fällt mir beim Schreiben gerade auf: Das sind volle 20 Jahre! Selbst für japanische TV-Verhältnisse ist das enorm.

Arino in der 24. Staffel aus dem Jahr 2020 mit einem Sega Saturn vor sich. (Screenshot © Fuji TV)

Die Serie läuft derzeit in der 27. Staffel, mehr als 360 Episoden wurden seit 2003 auf Fuji TV One (eines der sieben japanischen Vollprogramme, vergleichbar mit RTL hierzulande) ausgestrahlt. Nicht mitgezählt: Zahlreiche Specials für DVD und den japanischen Nintendo eShop. Doch worum geht es bei Game Center CX? Ganz einfach: Let’s Plays. Also keine stundenlangen Let’s Play-Videos, wie man sie von YouTube kennt. Das Konzept sieht vor, dass Arino, der nicht zu den begabtesten Spielern gehört, alte Spiele aus den 80er und 90er Jahren (in den letzten Staffeln sind auch die 2000er dazu gekommen) spielt und spezielle Aufgaben erfüllen muss. Das können Highscores sein, Aufgaben, die sich aus dem Gameplay ergeben oder einfach nur das erfolgreiche Beenden eines Spiels. Die witzigsten und interessantesten Szenen werden dann zu einer einstündigen Sendung zusammengeschnitten. Ein Kommentator ordnet das Spielgeschehen ein, während Arino immer wieder mit witzigen One-linern über sein Scheitern, aber auch seine Erfolge während des Spielens auffällt.

Um eine solche Stunde etwas abwechslungsreicher zu gestalten, gibt es Sketche zwischen Arino und seinen Mitarbeitern, lustige Einspielfilme – zum Beispiel wie Arino die japanischen Spielhallen unsicher macht – sowie regelmäßig Interviews mit Game Designern und Produzenten des gerade gespielten Spiels. Alles in allem ist Game Center CX eine Mischung aus Comedy und Varieté zum Thema Spielekultur und Geschichte des Mediums. Die Sendung ist sehr humorvoll, macht sich aber nie über das Medium selbst lustig.

Das Interessante ist sicherlich, dass viele Elemente der Show bereits vor 20 Jahren etabliert wurden – bevor es YouTube und Let’s Plays gab. Und viele der heutigen japanischen Streamer und YouTuber orientieren sich am Stil von Game Center CX.

Die Prämisse des Spiels

Der Dämon Arino konfrontiert euch als Dr. Kawashima-Verschnitt mit den Challenges.

Keine Frage: Die Show war sehr schnell ein durchschlagender Erfolg in Japan. Daher lag der Gedanke nahe, zu dieser Sendung ein Spiel zu entwickeln. Beauftragt wurde das Studio indies zero, das manche von euch sicherlich durch die Titel Electroplankton, NES Remix oder die Theatrhythm-Reihe für Square Enix kennen dürften. Das Konzept des ersten Game Center CX Spiels ist, dass man als Spieler eine Zeitreise in die 80er in das Kinderzimmer des jungen Arino unternimmt. Man beginnt im Jahr 1984 und spielt sich durch verschiedene Aufgaben mit fiktiven Retrospielen, entwickelt von fiktiven Entwicklerstudios, die allesamt von echten Klassikern aus der Epoche inspiriert wurden. Das erste Game Center CX Spiel wurde auch in den USA unter den etwas generischen Titel Retro Game Challenge veröffentlicht, floppte dort jedoch kolossal. Die Jungs vom Nerdwelten Podcast haben zu diesem Spiel vor einiger Zeit eine schöne Folge aufgenommen, daher möchte ich hier nicht weiter darauf eingehen.

Das erste Spiel hatte durchaus seine Probleme im Bezug auf die schwankende Qualität der fiktiven Retro-Spiele. Der zweite Teil, der 2009 in Japan erschien, ist da wesentlich konsistenter. Schade nur, dass das Spiel seinerzeit exklusiv in Japan verblieb, da die US-Version des Vorgängers nicht gut lief. Innerhalb von wenigen Jahren wurde daher eine englische Fanübersetzung entwickelt, die neben den  Texten auch sämtliche Grafiken des Spiels übersetzt.

Auch in Game Center CX 2 gibt es zahlreiche fiktive Retrospiele, die von realen Klassikern inspiriert wurden.

Wie im Vorgänger steht auch in diesem Spiel eine Zeitreise in die 80er Jahre auf dem Programm. Die dämonische Version von Arino schickt euren Avatar, der wahlweise männlich oder weiblich sein kann, in das Kinderzimmer des kleinen Arinos, der gerade in die Schule geht und riesiger Fan von Videospielen ist. Ihr freundet euch mit ihm an und bewältigt mit ihm gemeinsam die Aufgaben, die der Dämon Arino euch in bester Dr. Kawashima Tradition präsentiert.

Ihr beginnt im Jahr 1984 mit dem Spiel Wiz-Man, einem unterhaltsamen Pac-Man-Klon. Hier und bei den folgenden Spielen gibt es vier Missionen. Ist eine Challenge geschafft, vergehen einige Monate. Zwischen diesen Aufgaben erscheinen fiktive Spielezeitschriften mit Tipps und Vorschauen auf kommende Spiele. Nach den vier gemeisterten Aufgaben erscheint das nächste Spiel und so vergeht die Zeit bis zu den frühen 90er Jahren. Die Aufgaben und Herausforderungen sind zum Teil als Tutorials gedacht, etwa wenn in bestimmten Aufgabenstellungen eine Spielmechanik im Vordergrund steht. So gibt es beispielsweise im Spiel Gun Duel die Möglichkeit mit Arino im kooperativen Zwei-Spieler-Modus zu spielen. Die entsprechende Aufgabe besteht darin, die beiden Raumschiffe zu vereinen. Ansonsten drehen sich die Aufgaben um Highscores oder dem Abschließen bestimmter Levels – wie in der Fernsehsendung auch. Ihr müsst jedoch keines der Spiele auch nur ansatzweise durchspielen, um die Geschichte des Spiels zu beenden. Auch können Aufgaben übersprungen werden, wenn man den Dämon-Arino mehrmals anruft.

Guardia Quest Saga ist ein JRPG à la Final Fantasy und Dragon Quest.

Insgesamt gibt es 14 fiktive Retro-Spiele, von denen vier spezielle Versionen von Spielen aus dem Vorgänger sind. Letztere sind nicht Teil der eigentlichen Handlung und können im Laufe der Zeit im örtlichen Spieleladen gespielt werden. Alle diese Spiele ausführlich zu besprechen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Denn es sind keine Minispiele, die man in 10 Minuten durchgespielt hat. Und das ist der eigentliche Reiz: Diese fiktiven Retro-Spiele sind ausgewachsene Titel mit ordentlicher Spielzeit. Die Story von Game Center CX 2 habt ihr in ungefähr 8 bis 10 Stunden beendet. Möchtet ihr jedoch alle fiktiven Retro-Spiele beenden, steigert sich die Gesamtspielzeit auf mindestens 50 Stunden, wenn nicht sogar deutlich mehr!

Die beiden Demon Returns-Spiele sind eine Mischung aus Super Mario Bros. und Adventure Island. Bis man die insgesamt 48 Level der beiden Jump ‘n’ Runs gemeistert hat, vergehen je nach Können sicher 2-3 Stunden. In der Visual Novel Arino Ace Detective geht es um einen humorvollen Kriminalfall in der Spieleindustrie der 80er Jahre. Neben der Arino-Version aus der Fernsehserie tauchen auch andere Charaktere aus der Show auf. Die Spieldauer beträgt circa 3 bis 4 Stunden. Guardia Quest Saga ist ein echtes JRPG mit einer Spielzeit von mindestens 20 Stunden. Das Puzzlespiel Triotos, das Shoot’em Up Gun Duel und das Kampfspiel Mutekiken Kung-Fu sind deutlich kürzer, aber auch hier könnte man einige Stunden versenken, wenn man Spaß am jeweiligen Gameplay hat.

An dieser Stelle entscheidet sich auch, ob euch Game Center CX2 als solches gefällt oder nicht: Habt ihr Freude an diesen alten Genres, werdet ihr bestens unterhalten werden. Wer mit Shoot ’em Ups, Platformer, JRPGs oder Visual Novel jedoch nichts anfangen kann, der wird um dieses Spiel einen weiten Bogen machen. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt: Als jemand, der mit dem NES das Medium entdeckt hat, fühle ich mich hier richtig heimisch.

Die Liebe zum Detail

Mit Arino lassen sich manche Titel im Zwei-Spieler-Modus gemeinsam spielen.

Okay, das Spiel bietet ein paar fiktive Retro-Spiele. Aber wo ist das versprochene “kreative Meisterwerk”? Diese Ebene erreicht das Spiel meiner Ansicht nach durch drei Faktoren: die Metaebene, die Präsentation und die Liebe zum Detail. Beginnen wir mit dem ersten Faktor: Ein größerer Teil des Spiels besteht nicht nur aus den Retro-Spielen, sondern aus der fiktiven Welt, die wiederum sehr real wirkt. Zwischen den einzelnen Aufgaben gibt es längere, humorvolle Gespräche mit dem jungen Arino. Und in diesen Gesprächen werden die typischen Themen des Aufwachsens in einer analogen Welt sehr schön aufgegriffen. Da wäre die Skepsis der Mutter gegenüber dem neuen Medium, die Konsolenkriege in der Schulklasse und vor allem das Gefühl, eben nicht alles sofort zur Verfügung zu haben. Denn auch der junge Arino hat nur sein mickriges Taschengeld zur Verfügung, das er bis auf den letzten Cent in Spiele und Spielezeitschriften investiert. Das sind keine tiefgründigen Gespräche und es gibt auch keine unerwartet dramatische Wendung. Aber es unterstreicht das Gefühl, das wir alle hatten, als wir uns damals mit unserem besten Schulkumpel über Spiele austauschten und gemeinsam spielten.

Ein schönes Detail und gelungenes Beispiel für environmental Storytelling: Am Ende der Storykampagne wird der junge Arino nicht alle Ausgaben der Spielezeitschrift in seinem Regal haben. Sondern nur einige – was den angedeuteten Mangel an Taschengeld schön unterstreicht. Dafür wird aber jede neue Ausgabe mit solch einer riesigen Freude der beiden Kinder zelebriert, die ich aus meiner Kindheit und dem Club Nintendo Magazin kenne. Jedes Magazin besteht aus Tipps, Cheats, Neuigkeiten, Gerüchten und auch kleinen Statements der fiktiven Spieleentwickler. Es gibt sogar kleine Geschichten, die sich durch die Ausgaben ziehen, etwa die Probleme bei der Entwicklung der Visual Novel Arino Ace Detective. Es ist nur eines der vielen Beispiele für die Liebe zum Detail, auf die die Entwickler von Game Center CX 2 Wert gelegt haben. Auch gibt es in manchen Magazinen kleine Spoiler-Teile, die man erst mit Hilfe des Touchscreens des Nintendo DS freirubbeln muss. Dieses Prozedere ist mir nicht von deutschen Magazinen jener Zeit bekannt – aber ich kann mir gut vorstellen, dass es das in japanischen Magazinen tatsächlich gab.

Die Ausgaben des fiktiven GameFan Magazins bieten Tipps und News – wie echte Spielemagazine jener Zeit.

Weitere Beispiele wären, dass die Module manchmal nicht funktionieren und die Kinder erst den Staub von den Kontakten der Module blasen. Dann wären die Fragen der Mutter aus dem Off des Kinderzimmers, ob wir denn nicht auch mal rausgehen wollen und dergleichen mehr. Die Rekreation einer analogen 80er-Jahre-Welt, in der Videospiele noch ein sehr neues Medium waren, zeigt sich durch viele dieser kleinen Details und Dialoge.

Wie auf einigen Screenshots zu sehen ist, werden auf dem oberen Bildschirm des Nintendo DS die verschiedenen Retro-Spiele angezeigt, während auf dem unteren Bildschirm die beiden Kinder zu sehen sind. Ein unscheinbares, aber sehr cooles Feature ist, dass man jederzeit auf den unteren Bildschirm wechseln kann – das Spiel wird dann nicht beendet, sondern nur pausiert. So kann man sich jederzeit die Anleitungshefte anzeigen lassen oder in den Spielemagazinen nach Tipps und Cheats suchen, die man dann sofort ins Spiel übernehmen kann. Dies mag nur eine kleine Designentscheidung sein, zeigt aber, wie sich die Entwickler Gedanken gemacht haben. Dass sich im Laufe des Spiels selbst das Kinderzimmer optisch ändert, Arino euch in japanischer Sprachausgabe beim Spiel anfeuert oder mitfiebert, sind ebenfalls Kleinigkeiten, die man nicht vermissen würde, wären sie nicht im Spiel drin. Mich begeistert jedoch die Tatsache, dass die Entwickler auf solche Details geachtet haben.

Für jedes Spiel gibt es ein eigenes kleines Anleitungsheft.

Fazit

Es ist diese bis heute unerreichte Mischung, die Game Center CX 2 zu einem meiner Lieblingsspiele macht. Auf der einen Seite sind da die gelungenen Retro-Spiele, die so manch aktuellen Indie-Game in den Schatten stellen. Auf der anderen Seite besticht das Spiel durch sein World Building, das Storytelling auf verschiedenen Ebenen und die gelungene Darstellung einer Kindheit vor der Digitalisierung. Damit ist Game Center CX 2 mehr als nur eine Spielesammlung. Gleichzeitig ist es ein humorvoller Liebesbrief an eine andere Zeit und an unsere Vergangenheit. Und damit fängt das Spiel die Botschaft dieser wunderbaren Fernsehsendung ganz erheblich ein.

Wiz-Man, Gun Duel und Mutekiken Kung-Fu sind drei weitere fiktive Retro-Spiele.
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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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