Fangame-Corner #10: Castlevania – The Lecarde Chronicles 2 (Castlevania)

Castlevania wird vor allem mit dem jahrhundertelangen Kampf der Familie Belmont gegen Dracula in Verbindung gebracht. Entwickler Mig Perez geht mit seinem Fangame einen anderen Weg.

Das Cover von Lecarde Chronicles 2.

Die Castlevania-Reihe von Konami gehört zweifellos zu den Spielwelten, die seit Jahrzehnten zahlreiche Spieleentwickler, Musiker, Grafiker und andere Künstler inspirieren. Auf der einen Seite steht Castlevania in der Tradition der klassischen Gothic Novel, andererseits wurde die Vampir-Thematik in all den Jahrzehnten sehr modern und abseits der vorherrschenden Hollywood-Klischees aufbereitet. Gepaart mit eingängiger Musik und einem unverwechselbaren Grafikstil, der sich durch die gesamte Serie zieht, sind die Castlevania-Spiele ein gutes Beispiel für die Zeitlosigkeit des Mediums. Der französische Entwickler Miguel “Mig” Perez ist wohl einer der leidenschaftlichsten Fans, die ich kenne. Bereits in den 90er Jahren entwickelte er erste Fanspiele, die auf dem Arcade-Titel Akumajō Dracula aus den 80er Jahren basierten (der westliche Name des Spiels war nicht Castlevania, sondern Haunted Castle). Im Jahr 2013 folgte mit dem ersten Lecarde Chronicles Teil ein weiteres, eher lineares Spiel im Stil der alten Castlevania-Spiele. Die Geschichte dreht sich um Efrain Lecarde, einen entfernten Vorfahren von Eric Lecarde aus dem Mega Drive-Spiel Castlevania – Bloodlines. Doch alle bis Dato veröffentlichten Spiele sollten mit der Fortsetzung aus dem Jahr 2017 übertroffen werden. Nicht nur das, es wird auch heute noch von vielen Spielern als eines der besten Fangames aller Zeiten bezeichnet. The Lecarde Chronicles 2 ist zudem sein letztes Fangame, bevor er anfing kommerzielle Spiele zu entwickeln (Aggelos, Wallachia – Reign of Dracula, Chronicles of the Wolf).

Castlevania – The Lecarde Chronicles 2

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Ihr müsst den ersten Teil nicht gespielt haben, um Lecarde Chronicles 2 zu verstehen. Die Prämisse des Spiels wird in den ersten Minuten erklärt: Efrain Lecarde ist ein Krieger der Kirche im späten 18. Jahrhundert. Nachdem er im ersten Teil die dämonische Familie Von Viltheim besiegt hat, beherrscht Efrain nun deren Zaubersprüche. Viele Jahre später wird er vom Papst persönlich nach Italien geschickt, um in alten Ruinen zu forschen. Tatsächlich begegnet er dort dem Tod, der ihm sein mächtiges Familienschwert stiehlt. Efraim muss nach Frankreich in das Herzogtum Guillecourt reisen, wenn er sein Familienschwert zurückerhalten will. Das Herzogtum Guillecourt besteht aus drei Grafschaften, die im Laufe des Spiels besucht werden: Servigny, La Tourvelle und Albaret. Dort angekommen bemerkt er, dass die ganze Region von dämonischen Mächten heimgesucht wird…

Anders als die vorherigen Titel des Entwicklers ist Lecarde Chronicles 2 im Metroidvania-Genre angesiedelt. Wobei die Betonung in diesem Fall auf das “Metroid” in der Genrebezeichnung liegt, denn Erfahrungspunkte und ein Levelsystem sucht man hier vergebens. Stattdessen können Trefferpunkte und Herzen (die in der Castlevania-Reihe traditionell als Magiepunkte dienen) durch gut versteckte Tränke und Herzcontainer dauerhaft erhöht werden. Der Schwierigkeitsgrad des Spiels hängt also von eurer Spielweise ab: Durchsucht ihr jeden Winkel der Welt nach diesen Sammelobjekten und Gold, wird das Spiel tendenziell einfacher. Sprintet ihr nur durch die Story, werden vor allem die Bosskämpfe mit der Zeit extrem schwer.

Lecarde Chronicles 2 spielt in der ersten Hälfte des Spiels in keinem großen Schloss, sondern in dessen direkter Umgebung.

Efraims bevorzugte Waffe ist diesmal nicht die Peitsche, sondern verschiedene Schwerter und andere Schlagwaffen. Diese könnt ihr ebenso wie Rüstungen, Ringe und Amulette in den Dorfläden erwerben. Rüstungen verstärken die Verteidigung, während Accessoires mit allerlei Statuseffekten unterstützend wirken. Die meisten Waffen und Ausrüstungsgegenstände findet ihr aber auch in der Spielwelt. Hier gilt das Gleiche wie bei den Tränken: Vor allem die mächtigen Ausrüstungsgegenstände werdet ihr eher selten auf offener Straße vorfinden. Zudem könnt ihr in den Läden zahlreiche Tränke für Heilung und zur Entfernung negativer Statuseffekte kaufen.

Neben schlagkräftigen Argumenten weiß sich Efraim, wie bereits angedeutet, mit zahlreichen Zaubersprüchen zu helfen. Das System nennt sich Aura Blast und funktioniert durch einfaches Drücken der Y-Taste. Zwei Zauberstränge stehen zur Verfügung: Heilige Aura und Viltheim Aura. Der erste Strang enthält heilige Zauber, der zweite dämonische. Zwischen beiden Strängen kann jederzeit gewechselt werden, wobei in der ersten Stufe nur ein Zauber zur Verfügung steht. Weitere Zauberstufen werden durch seltene weiße Kugeln freigeschaltet. Das Wirken der Zauber erfordert entsprechende Magiepunkte, ebenso der Einsatz klassischer Sekundärwaffen wie Dolche, Äxte oder heiliges Wasser.

Nur wer jeden Winkel durchsucht, findet die benötigten Tränke und Herzcontainer.

Wie in einem Metroidvania üblich, öffnet sich die Spielwelt nach dem Erlernen neuer Fähigkeiten wie Sliden oder Doppelsprung. Mit Dornen überzogene Seile lassen sich nur mit Handschuhen erklimmen. Und wer die verschiedenen Herrenhäuser durchsuchen will, braucht oft erst einen Schlüssel, der an einer ganz anderen Stelle zu finden ist. Das Spiel ist also in den ersten Stunden sehr linear. Sobald ihr aber die ersten Fähigkeiten erlernt habt, macht es Spaß, all die Orte zu erkunden, zu denen ihr vorher keinen Zugang hattet. Natürlich gibt es Übersichtskarten von allen drei Grafschaften. Eine Prozentanzeige zeigt an, wie viel der jeweiligen Karte bereits erforscht wurde. Außerdem gibt es verschiedene optionale Spezialaktionen. Zum Beispiel einen Wirbelwind-Angriff, der sich auch hervorragend zur Abwehr von Geschossen aller Art eignet.

Der Wirbelwind-Angriff gibt euch einen Rundumschutz.

Die Ästhetik des Spiels gefällt mir außerordentlich gut. Da ist zum einen die Farbgebung: Es gibt keine leuchtenden Farben, alles ist in einem tristen, hoffnungslosen, matten Ton gehalten. Die Friedhöfe sind nebelverhangen, die Häuser wirken mächtig und bedrohlich. Dazu kommt einer der besten Soundtracks, den ich je in einem Fangame gehört habe. Er wirkt meist bedrückend und unterstreicht die Stimmung der Bilder auf wunderbare Weise. Hier und da werden natürlich auch die Kultmelodien der Originalspiele neu interpretiert und zitiert. Komponist Jeffrey Montoya hat sich aber nicht nur auf die Werke der legendären Komponistinnen Kinuyo Yamashita und Michiru Yamane verlassen, sondern auch viele eigene Ideen und Akzente eingebracht.

An einigen Stellen gibt es sogar Sprachausgabe. Wer hier genau hinhört, wird bekannte Stimmen wiedererkennen: Robert Belgrade und Douglas Rye sind auch schon in der Vergangenheit als Synchronsprecher in diversen Castlevania-Spielen zu hören gewesen.

Die Geschichte beginnt in einer Ruine in Italien.

Auch technisch gibt es wenig zu bemängeln. Die Unterstützung des Controllers funktioniert auf Anhieb (was man ja nicht bei allen Fangames sagen kann). Einzig die auf 640×480 Pixel festgelegte Auflösung könnte den einen oder anderen stören. Wahrscheinlich gab es keine Möglichkeit, die Grafiken und Sprites an höhere Auflösungen anzupassen? Des Weiteren hat Lecarde Chronicles 2 verschiedene Übersetzungen. Die deutsche Übersetzung ist schon okay. Von Professionalität weit entfernt, aber zum Verständnis der Geschichte völlig ausreichend.

Würde ich soweit gehen, Lecarde Chronicles 2 eines der besten Fangames aller Zeiten zu nennen, wie dies einige Spieler tun? Nein, das sicher nicht. Aber es ist definitiv ein verdammt gutes Castlevania-Spiel mit der passenden Atmosphäre, abwechslungsreichen Welten und richtig toller Musik. Das ist schon viel wert, wie ich finde.

Wichtiger Hinweis: Im Download findet ihr zwei .exe Dateien. Eine mit “up” und eine mit “upc” am Ende des Filenames. “up” ist der Ring of Fury Mode, in dem ihr bei der kleinsten Gegnerberührung sofort sterbt. Die Datei mit “upc” ist das normale Spiel.

Nicht nur Wald und Wiesen: Auch von Skeletten beschützte Herrenhäuser sowie verschiedene Dungeons werden besucht.
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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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